Donnerstag, 26. Juli 1951
SÜDKURIER
Nr. 115 / Seit« 4
Saatgut-Züchter erhalten Sortenschutz
Geltungsdauer wie bei Patentrechten — Sicherung einwandfreier Saatgut-Erzeugung
Bonn . Das Bundesernährungsministerium hat den Entwurf eines Gesetzes über Sortenschutz und Saatgut von Kulturpflanzen (Saatgutgesetz) fertiggestellt, der voraussichtlich im Laufe dieses Monats dem Bundeskabinett zur Beschlußfassung zugeleitet wird. Der Entwurf übernimmt für landwirtschaftliches Saatgut und Gemüsesaatgut im Einklang mit der Auffassung der beteiligten Wirtschaftskreise die Grundsätze, die für die geltende Saatgutkontrolle in bezug auf die Saatgutanerkennung und die Saatgutzulassung maßgeblich sind.
Auch in Zukunft soll daher der Verkehr mit landwirtschaftlichem Saatgut und Gemüsesaätgut, das nicht anerkannt oder nicht zugelassen ist, grundsätzlich unterbunden werden. Darüber hinaus enthält der Entwurf eine Anzahl weiterer, auf Saatgut dieser Art bezüglicher Vorschriften, unter anderem über die Möglichkeit einer Saatgutexportkontrolle und über die Erklärung von Gebieten zu geschlossenen Anbaugebieten Zur Sicherung einer einwandfreien Saatguterzeugung bei Fremdbefruchtern.
Für den Sortenschutz soll jede durch Züchtung gewonnene Sorte von Kulturpflanzen in Betracht kommen, vorausgesetzt daß sie neu, beständig, bei Nutzpflanzen landeskulturell wertvoll und einer Art zugehörig ist, die im Artenverzeichnis aufgeführt ist. Der Sortenschutz gibt dem Inhaber einer geschützten Sorte das Alleinrecht, Saatgut dieser Sorte gewerbsmäßig zu erzeugen und zu vertrei
ben. Darüber hinaus ist eine besondere Zustimmung des Sorteninhabers erforderlich, wenn Saatgut aus dem Bundesgebiet verbracht werden soll. Die Dauer des Sortenschutzes ist in Uebereinstimmung mit dem Patentgesetz auf achtzehn Jahre bemessen. Bei Nutzpflanzen soll der Sortenschutz im landeskulturellen Interesse verlängert werden können.
Freigabe deutscher Wertpapiere
London . Das britische Handelsministerium kündigt an, daß die britische Regierung auf Rechte an gewissen deutschen Wertpapieren verzichten wolle. Es handelt sich um Wertpapiere, die auf deutsche Währung lauten und vom ehemaligen Reich oder von Körperschaften deutschen Rechts ausgegeben wurden. Das Ministerium sei bereit, so heißt es in der Verlautbarung, Anträge der ehemaligen deutschen Eigentümer auf Freistellung dieser Wertpapiere von der Kontrolle nach dem Gesetz über den Handel mit Feindstaaten entgegenzunehmen.
Ueber die Freigabe von Wertpapieren, die auf ausländische Firmen lauten und sich früher in deutschem Besitz befanden, verlautet trotz deutscher Proteste nichts. Sie werden nach wie vor in alliiertem Gewahrsam gehalten, um als Beuteobjekt zu Reparationszwecken zu dienen.
Karzmeldimgen
Die Einfuhr der Bundesrepublik aus den am Marshallplan teilnehmenden Ländern einschließlich deren Ueberseegebie- ten erhöhte eich im Juni um 7,1 Prozent. An der Zunahme der Einfuhr waren insbesondere Schweden , Italien , die Nieder lande und Belgien -Luxemburg beteiligt.
In den Bundesministerien für Finanzen und Justiz wird gegenwärtig eine Denkschrift der Bundesregierung zur Großbankenreform ausgearbeitet, das voraussichtlich noch in dieser Woche der alliierten Hohen Kommission zugestellt wird.
Begrenzte Besprechungen über die Ausdehnung des Ostwesthandels in Europa , an denen Vertreter der Sowjetunion , Polens , Ungarns , Frankreichs , Großbritan niens und Dänemarks teilnehmen werden, sollen am 20. August in Genf beginnen.
Auf den Werften der Welt waren im zweiten Quartal 1951 5 331 214 BRT Handelsschiffsraum im Bau gegenüber 5 097 084 BRT im ersten Quartal; fast 40 % der im Bau befindlichen Tonnage machten Oel- tanker aus.
Die vom Bundesrat am 20. Juli verabschiedeten Verordnungsentwürfe des Bundeswirtschaftsministeriums über Verwendungsbeschränkungen von Nickel und Nikkeilegierung sowie von Kobalt und Kobaltverbindungen sollen bereits in den nächsten Tagen verkündet werden; es handelt sich um Verwendungs- und nicht um Verbrauchsbeschränkungen.
Steuerbegünstigtes Sparen setzte sich durch
Hoher Anteil der Lohnempfänger — Sparverträge mit festen Raten bevorzugt
Entschädigong der Altsparer
Bonn . (W.-Eigenberkht). Innerhalb des Lastenausgleichs sollen auch die Altsparer, die durch die Währungsreform aufs schwerste betroffen worden sind, in gewissem Umfang entschädigt werden. Während man bisher daran gedacht hatte, die Altsparer in die „Hauptentschädigung“ einzubeziehen und ihnen, wie den anderen Geschädigten, eine laufende Rente oder eine einmalige Aufbauhilfe zu gewähren, weisen, neuere Ueberlegungen jetzt in eine andere Richtung.
Die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Sparkassen- und Giroverbände hat den Vorschlag gemacht, im Lastenausgleich eine besondere Entschädigungsgruppe für Altsparer zu bilden, deren Konten über die bisherigen 6,5 Prozent hinaus auf 10 Prozent aufgewertet werden sollen. Der Verband schlägt weiter vor, bei den Sparbuchsparern, die die größte geschlossene Gruppe von Geschädigten überhaupt darstellen und die auch durch die Anrechnung der sogenannten K jpfquote und der Festkontenstreichung die am meisten geschädigte Gruppe sind, vom Stichtag 1.1.1940 abzugehen und statt dessen den Währungsstichtag 20. 6.1948 festzusetzen.
Für die Wiederbelebung des Kapitalmarktes und die Stärkung der Investitionsfinanzierung, so heißt es weiter, stellt die Entschädigung der währungsgeschädigten Sparer das entscheidende Mittel dar, zumal dadurch das Unrecht der Festkontenstreichung und der Anrechnung der Kopfquote endlich beseitigt wird. Der notwendige Geldaufwand für eine allgemeine zehnprozentige Aufwertung der Altsparer-Guthaben wird auf 2,1 Milliarden DM geschätzt.
Erhöhung der UofalURenfeo
Gegenwärtig wird ein Gesetz vorbereitet, das nunmehr auch den Rentenempfängern aus der Unfallversicherung eine Zulage bringen soll. Die Renten sollen im wesentlichen so erhöht werden wie die Bezüge aus den gesetzlichen Rentenversicherungen, also um durchschnittlich 25 °/«. Man will damit die durch den Wegfall bestimmter Staatszuschüsse eingetretene Preiserhöhung bei einigen Grundlebensmitteln abgelten.
Im wesentlichen hat sich an den gesetzlichen Grundlagen des steuerbegünstigten Sparens auch nach dem neuen Einkommensteuer-Gesetz nichts geändert. Auch die breite Masse der Lohnsteuerpflichtigen kann weiterhin steuerbegünstigte Sparbeträge neben dem Pauschbetrag für Sonderausgaben geltend machen. Diese Möglichkeit wird auch durchaus ausgenutzt und zwar in so großem Ausmaß, daß sich die Arbeitsgemeinschaft deutscher Sparkassen und Giroverbände veranlaßt sieht, die Sonderregelung für Lohnsteuerpflichtige einen tragenden Pfeiler im System des steuerbegünstigten Sparens zu nennen.
Die Lohnsteuerpflichtigen bevorzugen als feste Einkommensbezieher Sparverträge mit festen Raten. Der Anteil solcher Sparverträge beträgt dem Sparbetrag nach 70 v. H., der Stückzahl nach sogar 81 v. H. Die Schicht kleiner Einkommensbezieher, die für das steuerlich begünstigte Sparen interessiert werden konnte, ist, wie man sieht, sehr breit. Und es besteht kein Zweifel, daß dieser vom Staat und den Kreditanstalten gewünschte Erfolg erst durch die Nichtanrechnung steuerbegünstigter Spareinlagen auf den Pauschbetrag für Sonderausgaben möglich geworden ist.
1,3 Milliarden Steuern im Mai
Bonn . Die Steuerzahler der Bundesrepublik haben im Mai einschließlich ihrer Abgaben für das Notopfer Berlin 1285 500 000 Mark an Steuern für Bund und Länder aufgebracht. Von dem Ge- samtsteueraufkommen entfielen auf Besitz- und Verkebrasteuern 880 Millionen Mark und auf Zölle und Verbrauchssteuern 405,5 Millionen Mark.
Von dem Gesamtaufkommen wurden 905 Millionen Mark für Rechnung des Bundes und knapp 380,5 Millionen Mark für Rechnung der Länder verbucht.
USA -Lehrkurse für Industrielle
Baden-Baden . Die Marshallplan- Sondermissdon für die Bundesrepublik und der Betriebswirtschaftsrat der USA werden in den nächsten Tagen mit der Durchführung eines neuen technischen Hilfsprogramms für Westdeutschland beginnen. Am 6. August werden fünf amerikanische Geschäftsleute und Pädagogen zwei internationale betriebswirtschaftliche Lehrgänge |
in Baden-Baden eröffnen, an denen etwa 130 deutsche Industrielle und 25 Industrievertreter aus Frankreich , Oesterreich, der Türkei und der Schweiz als Beobachter teilnehmen.
Handelsabkommen mit Frankreich
Paris . Das neue Handelsabkommen zwischen Frankreich und der Bundesrepublik für die Zeit vom 1. Juni bis 31. Dezember 1951 sieht französische Ausfuhren nach Westdeutschland im Werte von etwa 20 Millionen Dollar monatlich vor. Frank reich hat eine Erhöhung seiner Bezüge aus der Bundesrepublik zugesagt; über den Austausch von Kohle und anderen wichtigen Grundstoffen zwischen beiden Ländern wurde Einverständnis erzielt.
Vieh - und SchweinemSrkte
Donaueschingen . Zum Rindvieh- und Sdiweinemarkt am 25. Juli waren 84 Stüde Großvieh, davon 24 Ochsen, 22 Sdilachtkühe, 10 Nutzkühe und 28 Kalbinnen, ferner 55 Stüde Jungvieh sowie 541 Milchschweine und 28 Läufer aufgetrieben. Preise: Schladitochsen je kg 1,60—1,90, Schlachtkühe je kg 0,80—1,40 DM, Nutzkühe 750 bis 1200 DM, Kalbinnen 800—1300, Milchschweine 60—110 DM je Paar, Läufer 60—100 DM je Stüde .
Bei sehr lebhaftem Marktverlauf wurden von Rindvieh 85—90%, von Milchschweinen 95% und von Läufern 80—85% verkauft. Der Markt war äußerst zufriedenstellend.
W a 1 d s h u t, Auf dem am 25. Juli «tattge- fundenen Jakobimarkt wurden zwei Odisen, eine Kuh, eine Kalbin, vier Stüde Jungvieh und 410 Ferkel und Läufer aufgetrieben. Die Preise betrugen für Ferkel von 4—5 Wochen 60—70 DM pro Paar, für Ferkel von 6—8 Wochen 70—80 DM pro Paar, für Ferkel von 9—12 Wochen 90 bis 105 DM je Paar. Das aufgetriebene Vieh kam zum Verkauf, etwa 10 Prozent der aufgetriebenen Ferkel blieben als Rüdestand.
Ueberlingen. Die Auffuhr auf dem Ferkelmarkt am 25. Juli betrug 89 Tiere, die bei lebhaftem Handel bis auf einen kleinen Ueber- stand abgesetzt wurden. Preis pro Paar: 75 bis 95 DM.
Tettnang . Am 24. 7. hatte der Sdiweinemarkt eine Zufuhr von 32 Ferkeln, verkauft 27; Preis 32—42 DM.
Mannheim . Am 23. 7. wurden aufgetrieben 351 Rinder, 390 Kälber, 102 Schafe, 1751 Schweine. Bei Schweinen Ueberstand. Die Preise betrugen für Ochsen 0,87—1,04; Bullen 0,86—1,03; Kühe 0,60—0,90; Färsen 0,89—1,06; Kälber 1,08—1,38; Schafe 0,68—0,75; Schweine 0,98—1,23.
Der Mannheimer Ferkelmarkt hatte am 19. 7 . eine Zufuhr von 94 Ferkeln, Preis je Stüde bis 6 Wodien 25—42 DM, über 6 Wochen 45—80 DM. Kleiner Ueberstand.
Sportdlenat de» Südkuriar
Heute über die Hohen des Schwarzwaldes
Deuts chlandrandfahrt mit Etappenziel Waldshut und Ravensburg
Bel strömendem Gewitterregen gab Bunrfeever- kehrsminister Dr. Seebohm am Dienstagmorgen an der Rheinseite des Bundeshauses in Bonn das Startzeichen zur 4 . Etappe nach Mannheim , die mit ihren 264 km die zweitiängste Etappe der Deutschlandfahrt ist. Die Anforderungen, die auf dem vielten Teilabschnitt gestellt wurden, waren sehr groß. Ueber die Höhenzüge des Westerwaldes und des Taunus fuhren die Konkurrenten auf regennassen, glatten Straßen. Wegen der Aus- Futsehgefahr wurde nicht einmal ein Durchsdinitt von 30 km/std. überschritten, so daß die Fahrer mit über einstüodiger Verspätung in Mannheim eintrafen. Der Regen hörte vorübergehend auf, als die erste Bergwertung auf der 500 in hohen Platte bei Wiesbaden , die Heinz Müller (Schwenningen ) vor Süß, Holthöfei, Schwarzenberg und Pankoke gewann, ausgetragen war. In geschlossener Talfahrt wurden Rüsselsheim , Darmstadt und Hei delberg erreicht. Seihst in Mannheim fuhr das Feld noch geschlossen zusammen und setzte kurz vor dem Ziel zum Endspurt an. Heißen fuhr als Erster in die Phönix -Kampfbahn, gefolgt von Pee- ters, der schließlich unter dem Jubel der Zuschauer mit einer halben Radlänge siegte. In der Gesamt- wertung führte nach der vierten Etappe weiter Hermann Schild. 1. Hermann Schild (Chemnitz ) 28:03:34,5 Stunden; 2. Raymond Impanis (Belgien ) 28:06:15,2 ; 3. Hendrickx (Belgien ) 28.08:17,4; 4. Roger Decorte (Belgien ) 28:06:17,4; 5. Ward Pee- teri (Belgien ) 28:10:15,1; 6. Gino Cenami (Italien ) 28:10:54,6. Sieger der 5. Etappe über 215,3 km von Mannheim nach Karlsruhe würde am Mittwoch der Stuttgarter Karl Weimer in 6:15:35 Stunden vor dem Holländer Lambrechts, 6:15:35:,1 Stunden, und dem Kölner Schulte, 6:15:35,2 Stunden. Vierter wurde der Italiener de Santis 6:19:35 Stunden.
Dis 7. Etappe führt heute Donnerstag von Karls ruhe nach Waldshut , wo die Deutschlandfahrer
nach 15 Uhr erwartet werden. Dia 8. Etappe d«f Deutschlandfahrt am Freitag, den 27. Juli, führt durch das Bodenseegebiet und Oberachwaben von Waldshut aus über Schwenningen und Singen, Ueberlingen, Markdorf zum Etappenziel Ravens burg . Der Start zur 9. Etappe erfolgt bereits am Freitag um 3.30 Uhr früh in Ravensburg . Sie führt in das Allgäu zu den Kontrollstationen Wangen und Isny und dann weiter nach Augsburg .
Bartall ln den Bergen
Auf der 19. Etappe der „Tour de France " am Dienstag von Marseiile nach Gap erstand den 73 noch im Rennen verbliebenen Fahrern ein neuer Gegner: Der Mistral , ein äußeret heftiger 'Wind, der das Rhonetal hinunterfegt. Vom Start weg nahm er den Konkurrenten mit seinen Stößen jede Unternehmungslust. Die Marschtabelle konnte unter diesen Umständen nicht eingehalten werden, und mit dreiv'iertelstündiger Verspätung wurde das erste Hindernis, der Col de Sagnes (11200 m) in Angriff genommen. Gino Bartali erspurtete sich den Bergpreis und damit 20 Sekunden Zeitgutschrift. Bel der zweiten Steigerung, dem Col de la Sentineile (970 m), blieb das Feld zusammen. Bobet verlor durch zwei Defekte wertvolle Sekunden. Kurz vor dem Etappenziel löste sich der Belgier Baeyens vom Feld und erreichte mit einer Minute Vorsprung Gap. 1. Baeyens (Bel gien ) 7:15:41 Stunden; 2. Bartali (Italien ) 7:17:14; 3. Magni (Italien ) 4. Ockere (Belgien ); 5. Robic (Frankreich ); 6. Geminiani (Frankreich ); 7. Koblet (Schweiz ). Gesamtwertung: 1. Koblet (Schweiz ) 110:53:51 Stunden; 2. Geminiani (Frankreich ) 110:55:23 ; 3. Lazarides (Frankreich ) 111:01:40; 4. Bartali (Italien ) 111:10:46. Die 20. Etappe von Gap nach Briancon über 165 km wurde am Mittwoch von Fausto Coppd (Italien ) gewonnen.
Die Favoriten mußten kämpfen
Die ersten Vorentscheidungen bei den Boxmeisterschaften sind gefallen
(H.S.-iEigenbericht.) Di« Vorrumdenkämpfe der deutschen Amateur-Boxmeisterechaften erlebten ihren Höhepunkt in Neumünster . Hier bekamen die Treffen bei außerordentlich starkem Besuch auch Farbe. Man fuhr schon mit schwerem Geschütz auf, während zur Nachmittagsveranstaltung in Kiel fast alle Begegnungen abfielen. Lediglich die Kämpfe zwischen Mein (Württemberg ) und Willnow (Hessen ) sowie Pfirrmann (Baden) und Lahr (Hessen ) überschritten das übliche Niveau. Dem Titelverteidiger Pfirrmann wurde das Siegen sehr sauer gemacht. Da6 Urteil „Punktsieger Pfirrmann" hätte bei einem normalen Kampf unentschieden gelautet, hätte nicht ein Sieger feststehen müssen.
Eine tolle Schlacht lieferten sich Hoffmann (Bayern ) und Warme (Württemberg ), wo der hervorragende Fliegengewichtier Warme auch schließlich gewann. Hier hatte das Los praktisch schon die Endpaarung Zusammenfällen lassen. Es ist schade, daß Hoffmann damit vorzeitig ausschied, doch an Turniergesetzen, die härter als alle anderen sind, ist nicht zu rütteln. Diese zwei Fldegen- gewichtler hatten Vorkriegsniveau, sie waren schnell, hart und besaßen eine gute boxerische Schule. Die Kampfmaschine Richter (Berlin ), wahrscheinlich der kommende Meister, stand den Vorgängern nicht nach. Sein guter Gegner Gebhard (Niederrhein ) wehrte sich verzweifelt, doch er konnte Richter nicht stoppen. Den gleichen mitreißenden Fight boten die Federgewichtler Ring (Niederrhein ) und Johann (Westfalen ). In Johann setzte sich ein Boxer durch, den man zu den Titelaspiranten zählen darf. So spitzten sich die Zwischen- und Vorentscheidungen zu immer härteren Auseinandersetzungen zu, bei keinem allzu großen Klassenunterschied der Gegner, wenn auch die Vorkriegeklasse bei weitem noch nicht erreicht wurde. In den untersten Gewichten kommt man dem Vorkriegsstand jedoch schon näher, in den höheren aber ist das Niveau noch erschrek- kend.
Europameister Schilling machte kurzen Prozeß. Mit seiner harten rechten Geraden schlug er Schneckenberg (Holstein) in der ersten Runde k. o. Wann wird der Gegner antreten, der dem ungestümen Angreifer Schilling eine präzise linke Gerade entgegenstellt und dessen Rechte ignoriert? Es dürfte der Berliner Heidemann sein. Sieger durch Abbruch in der dritten Runde wurde der Südwestboxer Renz im Mittelgewicht über Müller (Schleswig ). Doch keiner dieser beiden Gegner war Schladky gewachsen, auch der starke bullige Renz nicht, Halbschwergewicht und Schwergewicht
sind niveaulos. Darüber täuschen weder der Nürnberger Kisner noch der Berliner Besmanof im Halbschwergewicht und die Schwergewichtler Rosenberg (Hessen ) und Kother (Niederrhein ) hinweg. Kisner wurde Sieger über Besmanof, weil er die klare Linie besaß, aber nicht den Nerv, alles einzusetzen und Rosenberg, wahrscheinlich der Beste seiner Klasse, hatte Mühe, sich gegen den eigenartigen Kampfstil Kothers durchzusetzen. Klasse ist das keineswegs!
Nur sechs USA -Siege in Berlin
Die amerikanischen Leichtathleten koemten am Dienstag bei ihrem vierten und letzten Deutsdi- laudstart vor 15 000 Zuschauern Im Berliner Olympia-Stadion nur in sechs Disziplinen Siege erringen und hielten sich damit fast die iWlaage mit dem deutschen Konkurrenten, die vier Erfolge errangen. Das Sportfest stand unter einem ungünstigen Stern, da die Laufbahn durch einen vorausgegangenen Regen schwer geworden war. Die Laufwettbewerbe wurden daher zu einer Enttäuschung, zumal die Amerikaner nach ihren vielen Starts im Bundesgebiet teilweise abgekämpft oder verletzt waren. So konnte der Krefelcfex Geister den amerikanischen Sprintermeister Jim Golliday über 100 m in 11,0 Sek. um eine Zehntelsekunde schlagen. Einen weiteren Sieg buchte Geister über 400 m in 48.8 Sek. Weltrekordläufer Rhoden gab auf den letzten 100 m auf. Am Schluß der Veranstaltung im Olympia-Stadion beglückwünschte die Witwe des früheren deutschen 400-m-Weltrekord- läufers Rudolf Harbig , den Amerikaner George Rhoden, dem es als einzigen Läufer der Welt gelang, den Rekord Harbigs zu unterbieten.
Sieg und Niederlage der Schweden
Ueber Sieg und Niederlage mußte Schweden in seinen am Dienstag beendeten Leichtathletik-Län- derkämpfen gegen Finnland und Norwegen quittieren. Die Schweden unterlagen im Olympiastadion von Helsinki gegen Finnland mit 194:216 Punkten und gewannen in Oslo gegen Norwegen mit 113,5:98,5 Punkten. Hervorragende Ergebnisse brachte der Länderkampf in Helsinki . Der 10 000- m-Lauf wurde von dem Finnen Koekela in 30:10,0 Min. sehr knapp gegen den Schweden Karlsson gewonnen, für den die gleiche Zeit gestoppt wurde. Im Speerwerfen siegte Hyytiaeinen (Finn land ) mit 72,67 m vor seinem Landsmann Nikki- nen mit 71,20 m._
Die englische Tischtennisnaüonalmannschaft wird am 25. und 26. September zu einem Länderkampf gegen Deutschland in Berlin erwartet.
Geheimnis um Jan
Roman von
Er lächelte mir zu, halb zärtlich-, halb spöttisch; es war die Art eines Mannes, der sich seines Sieges von vornherein sicher weiß. Ich glaube nicht, daß er sich damals schon ernstlich für mich interessierte. Damals spielte er nur; es machte ihm einfach Spaß, mir im Vorbeigehen ein bißchen den Kopf zu verdrehen. Vielleicht hatte er auch gemerkt, daß ich 6eine Gegenwart suchte, daß ich mit unfehlbarer Sicherheit immer da auftauchte, wo er zu finden war. Ich hatte herausgebracht, daß er manchmal spätabends nach der Station ging, um Briefe einzuwerfen. Seitdem wartete ich immer in der Nähe des Eingangs, bis ich ihn das Haus verlassen sah. Beglückt von seiner Nähe, folgte ich ihm dann in einiger Entfernung, ohne von ihm bemerkt zu werden.
Heute, wenn ich daran zurückdenke, kann ich mir beim besten Willen nicht mehr darüber klarwerden, warum ich so handelte und was ich eigentlich erwartete. Es war eben etwas in mir, was mich zu ihm hin trieb ... gegen jede bessere Einsicht, gegen jede Vernunft.
Eines Abends, als ich ihm gerade folgen wollte, kam Michael auf mich zu.
„Wieder Kopfschmerzen?“ fragte er. „Wieder auf dem Weg zur Post?*
„Nicht gerade zur Post“, sagte Ich. „Nur noch ein paar Minuten an die Luft.“
Er schloß sich mir schweigend an, und wir gingen an den Rhododendren vorbei bis zur Dorfstraße. Als wir sie erreicht hatten, begann Michael zu sprechen.
„Ich möchte mit Ihnen reden, Fräulein Hollmann“, sagte er mit belegter Stimme. Er schwieg wieder ein paar Minuten lang und sagte dann: „Ich möchte Sie warnen“.
„Wovor?“ fragte ich.
„Ich habe etwas gefunden“, fuhr er fort, ohne auf meine Frage zu antworten. „Etwas, was Ihnen gehört, einen Handschuh.“
„Wirklich?“ fragte ich und begriff noch nicht, worauf er eigentlich hinaus wollte.
„Ein roter Handschuh mit einem Einhornmuster“, sagte er. „Sie haben ihn selbst gestrickt, nicht wahr, das Rot hat 6ich beim Waschen verfärbt, weil es nicht echt war? Sie haben mir früher davon erzählt ... oder?“
„Nun ja . . .“ sagte ich ungeduldig. „Ich vermisse den Handschuh seit ein paar Tagen. Nett, daß Sie ihn gefunden haben.“
„Wissen Sie auch, wo?“ fragte er. Ich antwortete nicht; ich ahnte schon, was kommen würde.
„Ich habe ihn in Jan de Boors Auto gefunden, als ich den Wagen für seine Reise nach München überholte“, sagte Michael. „Was haben Sie dazu zu bemerken?“
„Nichts“, antwortete ich, während der Trotz in mir hochkam. „Nichts, was Sie zu kümmern brauchte, Michael. Dies, denke ich, ist meine eigene Angelegenheit.“
„Nein“, sagte er leise. „Es ist auch die Angelegenheit derer, die Sie gern haben. Sie sollten doch wissen, daß ich Ihr Freund bin...“
„Ich weiß es“, gab ich widerwillig zu.
„... und als Ihr Freund habe ich das Recht und die Pflicht, Sie vor Jan de Boor zu warnen...“
„Sie tun ja, als wäre er ein Menschenfresser!“
„Das ist er auch! Er frißt Menschen, er höhlt sie aus, er verbraucht sie und wirft sie weg.“
„Ich lasse mich nicht aushöhlen und verbrauchen, Michael. Ich weiß schon, was ich tue.“
„Sie wissen es eben nicht! Das ist es ja! Sie bilden sich ein, es handelt sich um ihre Karriere, Ihre Theatergeschichte, Ihre sogenannten Zukunftspläne! Vielleicht hat er Ihnen versprochen, sich für Sie einzusetzen ... wie? Hat er das getan?“
„Ja ...“ „Und Sie glauben, er würde sein Versprechen halten?* „Ja... das glaube ich.“
„Was für ein Kind Sie noch sind! Begreifen Sie denn nicht, daß er Sie damit nur ködern will? Daß es ihm um ganz andere Dinge geht?“
„Das kann ich mir nicht denken. Und Sie selbst Michael... haben Sie sich nicht selbst für mich bei ihm einsetzen wollen?“
„Sie hatten mich darum gebeten, und ich habe es damals nicht übers Herz gebracht, Ihre Bitte abzuschlagen. Aber habe ich sie etwa erfüllt? Ich habe Ausflüchte gesucht ... das ist wahr; ich habe Sie hingehalten ... ich habe Sie vor Jan de Boor bewahren wollen.“ Er stieß es zwischen den Zähnen hervor; es klang wie ein Schluchzen. „Ich konnte mich nicht entschließen ... nein, ich konnte mich nicht entschließen. Sie ihm auszuliefern.“
Wir waren die Dorfstraße hinuntergegangen bis zur Drogerie mit der kleinen erleuchteten Reklamesäule. Dann drehten wir wieder um. Es begann leicht zu schneien: große, weiche, sanft nieder- schwebende Flocken. Jemand ging an uns vorbei und überholte uns; es mochte Rainer gewesen sein; ich konnte ihn in der Dunkelheit nicht erkennen.
„Ich muß zurück“, murmelte ich und begann hastiger auszuschreiten.
Michael folgte mir wortlos. Wir hatten das Hotel schon erreicht, als er wieder zu sprechen begann.
„Sagen Sie mir nur eins“, bat er leise und heiser: „Sind Sie etwa in de Boor verliebt?“
„Nein!“ antwortete ich schnell.
„Das beruhigt mich“, sagte er, tief aufatmend. „Sie können sich nicht denken, wie sehr es mich beruhigt.“
Er brachte mich zum hinteren F.ingang, schloß für mich auf und sagte mir gute Nacht Ich wartete drinnen, bi* er fort war; dann schlich ich mich vorsichtig wieder ins Frede. Rainers Zimmer war noch dunkel, aber als ich eben um die Terrasse
bog, sah ich ihn zurückkoromsn. Er ging jedoch nicht zum Eingang, sondern bog rechts ab und kam auf mich zu. Ich erschrak und glitt hinter den Terrassenpfei- ler. Rainer stand sehr still da und starrte auf Frau de Boors erleuchtetes Fenster. Ein Schatten bewegte sich auf den altrosa Vorhängen... nein, zwei Schatten... Mir wurde auf einmal sehr kalt eine jähe tödliche Kälte, die vom Rückenmark ausstrahlte und sich über meinen ganzen Körper verbreitete. Es waren wirklich zwei Schatten, und einer von ihnen war der Schatten eines Mannes. Warmes Licht fiel still und stetig durch die rieselnden Flocken.
Erst nach einer langen Weile, als es erlosch, wandte sich Rainer um und ging ins Haus, und ich folgte ihm.
Am Mittwochvormdttag klingelte es aus Nummer 47. Ich hatte gerade Wäsche von oben geholt und Frau Marescot schickte mich hin. De Boor stand am Fenster und drehte sich lächelnd nach mir um. Er schien gerade erst angekommen zu sein, denn er war noch im Reisemantel; die Mütze hatte er auf den Schreibtisch gelegt.
„Habe ich Sie erschreckt, Karte? Sie sehen ganz verstört aus...“
„Frau Marescot ist draußen...“, sagte ich leise.
„Immer diese Frau Marescot! Nun... wir reden noch darüber. Können Sie heut' nachmittag bei der kleinen Hütte sein?“ Ich dachte daran, daß ich Michael diesen Nachmittag versprochen hatte. Aber ich dachte auch an meine Zukunft.
„Ja“, sagte ich ohne zu zögern. Wir verabredeten die Zeit, und dann mußte ich fort
„Seien Sie bitte pünktlich!“ sagte er. „Ich habe eine Ueberraschung für Sie!“
Ich lief au* dem Zimmer. Frau de Boor, die wohl einen Besuch gemacht hatte, kam von der Halle her durch den Gang, bezaubernd anzuschauen mit ihrem hellen Haar
und dem üppigen Silberfuchsgehänge über dem schlanken dunklen Jackenkleid.
Ich mußte an sie denken, als ich am Nachmittag das blaue Kleid von Mrs. Thrift anzog. Es ließ mich noch schmaler erscheinen als sonst, und Paulettes brauner Ledergürtel machte meine Matte unwahrscheinlich dünn. De Boor schien überrascht, als er mich erblickte. „Sie haben sich verändert“, sagte er. „Sie sind noch viel hübscher, als ich Sie in der Erinnerung hatte.“
Ich wurde rot und verlegen. Noch nie hatte er so zu mir gesprochen.
„Sie haben mir noch nicht einmal versichert, daß Sie mich vermißt hätten, Karte...“
„Doch“, sagte ich. „Ich habe Sie schrecklich vermißt“ Und während ich es sagte, fühlte ich, daß es sich in der Tat so verhielt.
„Ich dachte, Sie kämen überhaupt nicht mehr wieder...“
„Und das... hätte Sie traurig gemacht?"
„Ich hätte es nicht ausgehalten. Ich war« Ihnen nachgereist“
„Bis ans Ende der Welt?“ fragte er lächelnd.
„Bis ans Ende der Welt!“
Er stand jetzt dicht neben mir; unsere Augen begegneten sich, und ich sah wieder den dünnen Schleier über seinen Pupillen.
„Ich glaube Ihnen“, sagte er leise. „Gott mag wissen, warum ich Ihnen jedes Wort glaube. Sonst bin ich mißtrauisch; man hat mich zu oft enttäuscht, immer wieder.. ."
Er verstummte jäh und legte einen Arm um meine Schulter. „Kommen Sie", sagte er, indem er mich dem Hause zukehrte. „Wir wollen das Paradies von morgen anseben. Ich habe das Haus nämlich inzwischen gekauft.“ Ich lächelte ungläubig. Konnte man einfach hingehen und «in Haus kaufen? Ja, man konnte es wahrscheinlich, wenn man Jan de Boor hieß..«
(Fortsetzung folgt)