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Donnerstag, 8. November 1951.

SUDKURIER

Nr. 176 / Seite 2

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Bla dreißig Jahren unter der Oberfläche fort. Seine Soldaten sind die Anhänger des Bolschewismus. Man muß sie bekämpfen, aber „der Bolschewismus läßt sich nicht durch gut organisierte Kavallerie-Divisio­nen aus der Welt schaffen”, sagte einmal Berjajew. Und auch nicht durch die Polizei.

Kampfparole gegen UN

BERLIN (G.-Eigenbericht). Eine Kampf­parole gegen die UN schien der Grund­tenor der Federn zu sein, die in der sowje­tisch besetzten Zone Deutschlands aus An­laß des russichen Revdlutionstages ver­anstaltet werden mußten. Der General­sekretär der SED , Walter Ulbricht , be- zedchnete es als ein Abschieben auf das

tote Gleis, wenn man die Frage gesamt­deutscher Wahlen vor die UN bringe. „Die UN ist nicht nur wegen der verbre­cherischen Ausnutzung einer amerikahöri­gen Mehrheit unfähig, die deutsche Frage zu lösen, sie ist dazu auch juristisch nicht in der Lage, weil sie nach internationalem Abkommen nicht das Recht hat, sich mit der deutschen Frage zu beschäftigen.“ Ganz ähnlich sprach der Sowjetzonen-Mi- nisterpräsident Grotewohl: „Von der UN , wie sie heute ist, haben wir nicht viel zu erwarten. Das Potsdamer Abkommen kennt für Deutschland nur eine Kontrolle, und zwar die des interalliierten Kontrollrates. Für eine UN -Kontrolle gibt es keine Rechtsgrundlage“

Flüchtlinge sollen für Sowjetzone werben

Kommunistische „Landsmannschaften für Umsiedler“ gegründet

BERLIN . (G.-Eigenberdcht.) Die gestei­gerte politische Aktivität der Vertriebenen und Flüchtlinge aus dem deutschen Osten hat die sowjetzonale Regierung veranlaßt, eine Gegenaktion zu erwägen. Wie von gut unterrichteter Seite verlautet, wurden eine Reihe kommunistischer Funktionäre vom Politbüro damit beauftragt, die Gründung sogenannter .Landsmannschaften der Um­siedler“ in der Sowjetzone vorzuibereiten. Es soll sich dabei um kommunistisch be­einflußte „Heimatvereine“ handeln. Die Gründung dieser kommunistischen „Hei- matvereine“ hat, wie aus zuverlässiger Quelle bekannt wird, ziwei Ziele: 1. sollen die Landsmannschaften kommunistische Infiltrationsversuche bei den Heimatver- triebenen in der Bundersrepublik ermög­lichen, und 2. sollen sie die Forderung nach Rückgabe des deutschen Ostens unter­höhlen.

Diese Forderungen sind in den letzten Wochen immer lauter erhoben worden. Be­sonders Berlin hat sich zu einem Zentrum der Flüchtlings- und Vertriebenen-Aktivi- tät entwickelt. Zu den Heimattreffen in den Westsektoren der Stadt kommen in zunehmendem Mäße auch Vertriebene, die in der Sowjetzone leben. Man befürchtet nun ln kommunistischen Kreisen, daß sich der Rahmen dieser Kundgebungen erwei­tert, weil die Vertriebenen jetzt mit der Eröffnung des „Hauses der ostdeutschen Heimat“ am Kadserdamm einen Sammel­punkt haben.

Volkspolizei zur See

STOCKHOLM . (D-Eigenbericht.) Die So­ wjetunion hat der neuen ostdeutschen Flotte, die unter der Maske einer Volks­polizei zur See fungiert, 35 Schiffe über­

eignet, und zwar drei Zerstörer, acht Torpedoboote und 24 Schnellboote und Minenleger. Dieser Vorgang verdient inso­fern größte Beachtung, als die Kriegs­marine des polnischen Satellitenstaates demgegenüber nur einen symbolischen Wert hat mit vier kleinen Schiffen ohne nennenswerten Gefechtswert. Bekanntlich wurde der polnische Konteradmiral Wlod- zimierz Steyer im letzten Herbst durch einen sowjetrussischen Marineoffizier mit Namen Szelagowski ersetzt. Die Polen haben während des letzten Krieges alle ihre Schiffe eingebüßt, und die Russen sind ihrem Versprechen, ihnen aus der deut­ schen Kriegsbeute elf Schiffe zuzuteilen, nur durch die Übergabe der vier kleinen Fahrzeuge nachgekommen; 6ie haben an­scheinend auch nicht die Absicht, der pol­nischen Flotte irgendwelche wichtigen Auf­gaben zuzuweisen. Die Schiffe, die den Polen versprochen waren, hat jetzt die ostdeutsche Volkspolizei zur See erhalten.

FDP lehnt Exil-LDP ah

BONN . Die FDP lehnt die in Berlin unter dem Vorsitz Arthur Lieutenants ge­gründete „Exil-liberal-demokratische Par­tei Deutschlands“ ab. Der FDP -Presse- dienst erklärte, die Exilpartei Lieutenants sei lediglich eine Splittergruppe von aus der Sowjetzone geflüchteten LDP-Politi- kem, die der FDP nicht beigetreten oder aus ihr ausgetreten seien, weil sie selbst auf Grund ihrer exponierten politischen Tätigkeit unter dem SED -Regime keine Anerkennung im Westen hätten erwarten können. „Es ist nicht anzunehmen, daß Arthur Lieutenant die Hoffnung hegt, im Westen eine große politische Rolle spielen zu kennen, nachdem er sie zu lange im Osten gespielt hat.“

Mitglieder der Parteien einzeln in sich auf­zunehmen, nicht Bündnisse mit ihnen zu schließen. Denn nur eine einheitliche und disziplinierte Bewegung unter autoritärer Führung kann verwirklichen, was de Gaulle als Ziel vorschwebt; ein starkes Frankreich durch Rüstung auf Hochtouren. Für eine so einseitige Festlegung konnten sich aber auch jene Abgeordneten nicht ent­scheiden, die ursprünglich die Zukunft des neuen Parlaments von der Zusammenarbeit mit den Gaullisten erwarteten. Wenn auch das Ergebnis der Kantonalratswahlen vom Oktober, in denen die Gaullisten bloß 13“/* * der Stimmen erhielten an Stelle der 22'/o im Juni, nicht einen verläßlichen Wertmesser abgibt, ist doch unverkennbar, daß die Gaullisten im Parlament eine Enttäu­schung sind. Es ist eben nicht möglich, den Parlamentarismus abzulehnen und zu be­kämpfen und gleichzeitig seine Spielregeln erfolgreich zu beherrschen.

Doch ebensowenig gelang es Pleven , die andere Lösung zu erreichen. Die ihm treu­gebliebenen Koalitionsgruppen der Rech­ten sind nicht zu bewegen, die Forderun­gen anzunehmen, die die Sozialisten für die Versöhnung und Zusammenarbeit er­heben: die Wiederherstellung des früheren Lebensniveaus der wirtschaftlich Schwa­chen auf Kosten der Besitzenden und ein unvermindertes Tempo des Wiederaufbäus auf Kosten der Rüstung.

Damit sind die zahlreichen Konflikt­stoffe, zwischen denen Frankreich , wie je­des Land heute, hin- und hergerissen wird, auf eine einzige, die Hauptlinie, zu­rückgeführt, das Bild ist vereinfacht. Be­stehen bleibt aber, daß Frankreich keine Mehrheit für eine Regierung finden kann, weil es keine Mehrheit für eine Politik besitzt. In dem Wunsch, weder die Kano­nen der Butter, noch die Butter den Kano­nen zu opfern, läuft das Land Gefahr, die Butter zusammen mit den Kanonen schwinden zu sehen.

Das Kleid macht keinen Polizeipräsidenten

Sonderbericht unseres Dr. - Th. - Kor r e spond en ten

FRANKFURT am Main. Der ehemalige Frankfurter Polizeipräsident Willi Klapproth wurde zu 10 Monaten Gefängnis verurteilt. Die 1. Große Strafkammer Frankfurt erklärte ihn schuldig, einen Meineid geleistet zu ha­ben. Von der Anklage der versuchte» Verlei­tung zum Meineid wurde er freigesprochen.

Es war nur der zweite Akt der überaus peinlichen Justizaffäre, der jetzt in einer dreitägigen Verhandlung vor der Großen Strafkammer in Frankfurt abrollte. Der erste Akt ging bereits im Frühjahr über die Szene. Der sogenannte „Polizei-Beste- chungs-Prozeß“, der damals verhandelt wurde, betraf Vorwürfe gegen eine Anzahl von Kriminalbeamten, daß sie sich Un­regelmäßigkeiten mit beschlagnahmten Waren, sogenannten „Asservaten“, hatten zuschulden kommen lassen. Es handelte sich um amerikanische Zigaretten und um Bestechungen, die mit diesen Zigaretten begangen wurden. Am 25. April wurde der damals noch amtierende Frankfurter Poli­zeipräsident Klapproth in diesem Prozeß gegen seine Untergebenen als Zeuge ver­nommen, und er machte dabei unter Eid Aussagen, die in so klarem Widerspruch zu anderen Aussagen standen, daß der Staats­anwalt sich veranlaßt sah, die Meineids­klage gegen Klapproth zu erheben. Vor allem hatte der Polizeipräsident bestritten, von dem Zeugen Groh (der selbst zu zwei­einhalb Jahren Gefängnis verurteilt wurde) Zigaretten zurückbehalten zu haben, was Groh mit aller Bestimmtheit behauptete. Aber dabei blieb es nicht, sondern als nun auch ein Disziplinarverfahren gegen Klapp­roth in Gang kam, schickte dieser einen Mittelsmann zu Groh, um ihn zu einer be­stimmten Aussage zu bewegen. Und dabei versprach er ihm Hilfe in einem Gnaden­verfahren.

So kam es zu dem Prozeß gegen Klapp-

Wird Ägypten isoliert?

Arabische Liga mit der Politik Kairos nicht einverstanden Von unserem t-Korrespondenten

Frankreich sucht einen Kurs

Von unserem Pariser Dr. A. R.- Korrespondenten

PARIS . Gähnende Leere in fünf Sech­steln der Abgeordnetenbänke, ein versa­gender Lautsprecher, der die Worte des Präsidenten untergehen ließ, verwirrender Streit, welche Probleme man zuerst bera­ten soll — das war das peinliche Bild, das die französische Nationalversammlung am Dienstag, dem ersten Arbeitstag nach den Parlamentsferien bot. Ein Bild, das so gar nicht zu den schwerwiegenden Ent­scheidungen paßt, vor denen das fran­ zösische Parlament steht. Es geht um die Grundlagen der gesamten franzö­ sischen Innen- und Außenpolitik, wie der

WETTERVORHERSAGE des Amtlichen Landeswetterdienstes

Das große ostatlantisdie Tiefdruckgebiet ver­legt seinen Schwerpunkt nordostwärts in Rich­tung auf die britischen Inseln. Seine Randstö­rungen werden auch unser Wetter zeitweise beeinflussen. Aussichten bis Freitagabend: Ver­änderlich, teils heiter, teils wieder stärker be­wölkt bis trübe und strichweise Regen. Weiter­hin recht mild, Temperaturen meist zwischen 5 und 15 Grad. Wind mäßig, vorwiegend aus Südost bis Süd.

100 DM ln Zürich: 7. 11.: 82/84 sfr.

Wirtschafts- und Sozialpolitik. Es sind Ent­scheidungen, die auch einer geeinten und einheitlichen Mehrheit Kopfzerbrechen verursachen müßten, um so mehr einer Re­gierung, die ohne Mehrheit regiert.

Die Wahlkoalition der vier Gruppen, die Pleven die Investitur erteilt hat, ist knapp hernach auseinandergefallen. Die wenigen Beschlüsse des neuen Parlaments kamen durch wechselnde Zufallsmehrheiten zu­stande. Es ist ein Zustand, der für eine kurze Uebergangszeit angehen mochte, er ist auf die Dauer unhaltbar. Pleven hat deshalb die Parlamentsferien benützt, um eine Mehrheit zu suchen, die Ihm das Re­gieren ermöglichen soll. Gegenüber einem sechsgeteilten Parlament von je rund hun­dert Abgeordneten boten sich ihm theore­tisch zwei Möglichkeiten: Die Rechtswen­dung der Regierung zu verstärken und zu besiegeln, den Bruch der drei Regierungs­gruppen mit ihren sozialistischen Verbün­deten aus den Wahlen als endgültig hinzu­nehmen und dagegen eine Gemeinschaft mit den Gaullisten zu suchen oder die Wie­derversöhnung mit den Sozialisten.

Keine der beiden Lösungen war zu ver­wirklichen. Die Gaullisten beharren darauf, Sammelbewegung, nicht Partei zu sein, die

LONDON . Für die Angelsachsen steht die Sicherung des Nahen Ostens gegen einen etwaigen Vorstoß des Kommunismus und gegen den von Ägypten vertretenen Neutralismus mit an der Spitze der Pariser Verhandlungen. Das Schicksal der Ara­bischen Liga steht auf dem Spiel. Ägypten hat zu heftig auf seine Führungsrolle ge- gegenüber den anderen arabischen Staaten gepocht, hat das Angebot nicht etwa nux eines Bündnisses, sondern das Angebot von Waffen, Kriegsmaterial, Flugplätzen, Hafenanlagen abgelehnt. Nun werfen der Irak , Saudi-Arabien , Jordanien , der Liba­ non und andere den Ägyptern vor, daß sie bevormundet werden, und daß Kairo ihnen die lockenden Schätze Amerikas vorenthalte. Kurz entschlossen haben sich die arabischen Regierungen deswegen zu einer Sonderkonferenz in Paris an Stelle einer solchen in Kairo zusammengefun­den. Ägypten ist in Gefahr, völlig isoliert zu werden. Die Arabische Liga steht vor dem Zusammenbruch.

Gleichzeitig werden die Außenminister in Paris aber auch über die Verteidigung der Türkei und damit des Mittelmeeres sprechen. Die Türken weigern sich ent­schieden, einer Strategie zuzustimmen, die Ihr Land praktisch zum Schlachtfeld beim Ausbruch eines Krieges machen würde. Sie verlangen genügend Kriegsmaterial, um am Kaukasus und Bosporus Stellungen auszubauen. Die Alliierten verlangen, daß die Türken sich auf den Taurus zurück­ziehen und in den Bergen im Süden von Kleinasien eine Riegelstellung einnehmen sollen. Ankara ist jedoch nicht bereit, unter Aufopferung des eigenen Landes ein Verteidigungssystem zu unterstützen, das praktisch keine vermehrte Sicherheit für die türkische Bevölkerung bieten würde. Nun soll in Paris bei den Besprechungen der Westmächte darüber entschieden wer­

den, ob den Türken nicht doch mehr Kriegsmaterial geliefert werden könnte.

Die englische Position ist stärker, seit­dem London sich entschieden hat, den Suezkanal um jeden Preis zu halten. Jetzt werden laufend Verstärkungen aus Eng­ land nach Ägypten gesandt, so daß eine starke Armee im Nahen Osten zusammen­gezogen wird. Auch die britische Flotte ist so sehr verstärkt worden, daß sie die See­wege vollkommen beherrscht. Die eng­lische Armee am Suezkanal ist bereits stark genug, um sogar im Falle einer ägyp­tischen Mobilmachung unangreifbar zu bleiben.

England besteht auf seinem Recht

KAIRO . Großbritannien machte die ägyptische Regierung in einer Note darauf aufmerksam, daß es den britisch-ägypti­sch«! Vertrag von 1936 als noch gültig be­trachte Die Grundlagen aller internatio­nalen Beziehungen würden gegenstandslos, wenn einseitige Vertragskündigungen als zulässig anerkannt würden. England be­absichtige, auf seine Rechte in vollem Um­fang zu bestehen.

Die britischen Militärbehörden in Aegyp­ ten haben trotz der ägyptischen Boykott- Maßnahmen die Versorgung der britischen Truppen sichergestellt. In der Kanalzone wurden in den letzten 48 Stunden wieder­holt britische Posten von Aegyptem be­schossen, Verluste traten keine ein.

Ägyptische Mission in Moskau

KAIRO . Großes Aufsehen erregt ein Be­richt, der in der Zeitschrift „Al Nöda“ (Der Appell), dem Organ der ägyptischen Regie­rungspartei, erscheint Darin wird gesagt, daß eine hohe ägyptische Persönlichkeit soeben nach der Sowjetunion abgereist sei.

,Liese Mission“, so heißt es weiter, „wird weitreichende Auswirkungen auf die so­wjetisch-ägyptischen Beziehungen haben.“

roth selbst a) wegen eines von ihm selbst geleisteten Meineides und b) wegen Verlei­tung zum Meineid. Dieser neue Prozeß knüpfte also unmittelbar an das im Früh­jahr durchgeführte Verfahren an, brachte jedoch dennoch neue Ueberraschungen. Vor allem wirkte es als eine Sensation, daß die Protokolle des ersten Prozesses beim Be­ginn des zweiten verschwunden waren und nicht aufgefunden werden konnten. Das zweite Spannungsmoment trat ein, als Klapproth in der Verhandlung den ver­hängnisvollen Satz wiederholte, den er im April als Zeuge ausgesprochen hatte, als er behauptete, er habe die von Groh empfan­genen Zigaretten diesem zurückgegeben. Die nächste Sensation brachte der zweite Verbandlungstag, an welchem die Ent­lastungszeugen Klapproths völlig versag­ten. Es ergab sich eine derartige Unsicher­heit der Zeugen, daß an eine Aufklärung des Sachverhaltes nicht zu denken war.

Dieser Rahmen der Verhandlungen, diese Begleiterscheinungen und charakteristi­schen Beobachtungen sind in diesem Pro­zeß fast wichtiger als der Gegenstand der Anklage selbst. Was liegt schon an den paar tausend Zigaretten, die in diesem Falle wie an tausend anderen Orten in Deutschland in jenen Jahren verschenkt, verhandelt, zu Bestechungen vielfältigster Art benutzt oder verschoben worden sind? Nicht darauf kam es bei diesem Prozeß an, sondern auf die Tatsache, daß die Anklage sich gegen einen Mann richtete, der an ver­antwortlicher Stelle stand, an einer Stelle, an der er selbst in erster Linie berufen ge­wesen wäre, darüber zu wachen, daß solche Dinge, wie sie ihm zur Last gelegt wurden, nicht vorkamen. Nicht das Urteil, sondern die Anklage sind ln diesem Falle das wich­tigere. Belastend für die Zustände in Deutschland bleibt der Umstand, daß der Staatsanwalt sich in seinem Plädoyer selbst zu der Bemerkung veranlaßt sah, Klapp­roth sei zwar 1946 in das Kleid eines Poli­zeipräsidenten hineingesteckt worden, sei aber in seine Aufgabe und in den Emst die­ser Aufgabe nicht hineingewachsen. Unter diesem Gesichtswinkel bleibt der Prozeß Klapproth ein Menetekel, das zu schleu­niger Besinnung auf die Notwendigkeit der unbedingten Sauberkeit an denjenigen Stellen mahnt, die berufen sind, über diese Sauberkeit zu wachen.

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„Nun woll’n wir mal sehen, ob du ganz ver­lernt hast, mit dem Schwanz zu wedeln.“ (Politiken-Kopenhagen)

SUDKURIER

Verantwortlich für Politik: Konrad Gunst. Nach­richtendienst: Graf Ludwig Douglas - Wirtschaft: Dr. Gustav Adolf Groß. Feuilleton: Ludwig Emauuel Reindl. Heimat: Alois Beck, Herbert Steinert Sport: Alfred Strobel. Chef vom Dienst: Helmut Jacobsen. Verlag: Südkurier GmbH., Konstanz . Marktstätte 4. Druck: Druckerei und Verlage­anstalt Konstanz GmbH.

Uta und Hokku

Betrachtungen über das Gedicht ln Japan

Manfred Hausmann hat im Verlag S. Fi­scher, Frankfurt , ein Bändchen mit Nach­dichtungen japanischer Lyrik herausgege­ben: ,Liebe, Tod und Vollmondnächte“. (71 Seiten broschiert 4.20 DM). Diese Nach­dichtungen scheinen das Vollkommenste zu sein, was es auf diesem Gebiete gibt. Wir möchten den Dichter selbst erklären lassen, was es mit dem japanischen Gedicht und seiner Uebertragung auf sich habe. Die fol­genden Erläuterungen stammen aus Haus­manns Vorwort zu seinen Nachdichtungen, von denen gleichfalls einige bezeichnende Proben ausgewählt wurden.

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„Eins der bewegendsten japanischen Ge­dichte, verfaßt übrigens von einer Frau, lautet:

Asagao ni tsurube torarete morai-mizu.

Wenn man es wörtlich Ins Deutsche übersetzt, ergibt sich folgende Aussage: Von der Winde des Zieheimers beraubt geschenktes Wasser.

Für unser Empfinden stellt das gewiß kein Gedicht dar. Ja, man kann nicht ein­mal behaupten, daß der Sinn der Worte, die ln einer Art von Telegrammstil anein­andergereiht sind, ohne weiteres deutlich wird. Erst nach einigem Nachdenken be­ginnt man zu verstehen, was die Dichterin, Frau Kaga no Chiyo , die zu Begiim des achtzehnten Jahrhunderts lebte, damit dar­tun wollte:

Während der Nacht hat sich eine Winde um den Eimer meines Zieh­brunnens gerankt. Sie ist so schön, daß ich es nicht über mich vermag, sie zu zerstören. Ich verzichte des­halb lieber auf den Gebrauch de3 Eimers und hole das Wasser beim Nachbarn.

Eine solche umständliche Uebersetzung vermittelt zwar den verstandesmäßig er­faßbaren Inhalt des kleinen Gebildes, kann aber nicht beanspruchen, eine Uebertra­gung, eine Hinübertragung in die deut­sche Sprache, eine lebenatmende Nach­schöpfung zu sein.

Der Japaner beabsichtigt nicht, dem Ge­dicht eine Gestalt in unserem Sinne zu geben. Er hebt es nicht durch das wogend wiederkehrende, sei es qualitative, sei es quantitative, Maß aus der gestaltlos strö­menden Zeit ins Dauernde und Gültige, er läßt es auch nicht durch den Klangzau­ber des Reimes in den Harmonien der Un­endlichkeit verwehen... Er haucht nur, schnellen Atems, die Andeutung eines Bildchens hin, das sich, kaum daß es er­schienen ist, auch schon wieder verfluch­tet, er löst die Wirklichkeit auf, er ver­wischt ihre Grenzen, er macht sie schwe­bend, er verwandelt das Eindeutige in Vieldeutiges, er überwindet, im Sinne der buddhistischen Mahayana -Lehre, die Welt, indem er sie als etwas Träumendes er­kennt und darstellt...

Die Gedichtform, in der 6ich das alles vollzieht, ist das Mijika-uta, das .Kurzge­dicht’, meist schlechtweg Uta oder mit einem sino-japanischen Ausdruck Tanka genannt. Das Uta setzt sich aus fünf Zei­len zusammen. Die erste Zeile enthält fünf, die zweite sieben, die dritte fünf und die vierte und fünfte wieder je sieben Silben, zusammen also einunddreißig.

Man sollte meinen, damit sei ein Äu­ßerstes an Knappheit erreicht. Aber im sechzehnten Jahrhundert hat man die er­sten drei Zeilen des Uta, den Oberstollen, selbständig gemacht. Das Hokku, wie die neue Gedichtform heißt, besteht mithin aus drei Zeilen mit der Silbenzahl 5-7-5.

Es hat den Anschein, als sei die deutsche Sprache nicht imstande, mit einunddreißig

oder gar mit siebzehn Silben das Gleiche auszusagen wie die japanische in ihrer bündigen Gedrungenheit. Allen bislang unternommenen Versuchen, die japanischen Kurzgedichte Zeile für Zeile unter Beob­achtung der Silhenzahl zu übertragen, haf­tet etwas Unnatürliches und Gezwunge­nes an.

Nur in einer Sprache, die, wie die japa­nische, zahllose über sich hinausweisende, symbolträchtige, lange und schwierige Vor­stellungsreihen auslösende Wörter enthält, nur in einer Gesellschaft, in der man es wagen darf, sich in Andeutungen auszu­drücken, weil man sicher ist, daß sie in ihrem ganzen Umfang verstanden werden, und nur in einem Lande, in dem die Nen­nung etwa eines Blumennamens genügt, um eine Unsagbarkeit zu beschwören, kann das Kurzgedicht von den Anfängen der Geschichte bis zum heutigen Tag die gleiche beherrschende Rolle spielen.

Will man diese Sprache und diese .Ver­dichtungen’ im deutschen Seelenraum, ln dem wesentliche Voraussetzungen zum Verständnis fehlen, neu erstehen lassen, dann muß man bei aller behutsamen Ehr­furcht mit einiger Freiheit und Kühnheit verfahren.“

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So heißt nun ln Hausmanns Uebertra­gung das oben erörerte Dreizeilen-Gedicht über die Winde:

Eine blühende Winde

hatsich ummeinen Brunneneimer gerankt.

Ich schöpfe das Wasser beim Nachbarn.

Frau Kaga No Chiyo

Einige andere Fünfzeiler (Uta) und Dreizeiler (Hokku) beleuchten blitzartig das Wesen dieser fernöstlichen dichteri­schen Erfassung des Augenblicks, in dem das All sichtbar wird:

Ein Blitz flammt durch die Nacht.

Da, der Fischer!

Gerade schwingt er sein Netz.

Buson

Ist da ein abgefallenes Blatt an seinen Zweig zurückgeschwebt?

Ach nein, es war ein Schmetterling.

Arakida Moritake

Regungslos mit umgehängtem Mantel

blickt ein alter Mönch

zu den blühenden Kirschzweigen auf.

Shido

Wenn jemand dich fragen sollte, worin die Seele unsres Inselreichs sich offenbare, sag ihm:

Im Hauch der wilden Kirschblüten zur Stunde des Sonnenaufgangs.

Motoori Norinaga

Wem soll ich unser Leben vergleichen? Es ist wie die blinkenden Wellen, die hinter dem Segel dort im Dunst des Morgens spurlos vergehen.

Mansei

In jedem Frühling, wenn der Hauch,

der Goldorangenblüten mich umweht,

ist mir, als spürte ich

den Duft des Kleides wieder,

das die Geliebte trug in meiner Jugend.

Ariwara No Narihira

Willst du zerreißen, Lebensfaden, so reiße!

Ich kann die wilde Sehnsucht,

wenn ich noch länger lebe,

nicht vor den Menschen mehr verbergen.

Prinzessin Shokushi

Eine einsame Frau

steht am Fenster und sieht hinaus.

Es regnet und regnet

Enomoto Kikaku

Unmerk lieh reiht sich Tag an Tag.

So bist du entstanden,

Vergangenheit

Buson

Viele Gedichte klingen wahr.

Aber die tiefste Wahrheit lebt in denen, die einfach sind wie Kinderworte.

Muteuhito

KULTURNACHRICHTEN

Die deutsche Forschungsge­meinschaft hat beschlossen, zwölf Mil­lionen DM für Forschungszwecke auszu­geben. Die deutsche Forschungsgemein­ schaft tagte erstmalig nach dem Zusam­menschluß der Notgemeinschaft der deut­ schen Wissenschaft mit dem deutschen For­schungsrat unter der Leitung von Vize­präsident Prof. Dr. Ludwig Raiser . Ge­fordert werden Forschungsvorhaben auf allen Gebieten der Geisteswissenschaften, Naturwissenschaft«! und Technik. Beson­ders erhebliche Mittel wurden für Arbei­ten zur Erforschung der spinalen Kinder­lähmung bewilligt.

Dr. Adolf König, der emeritierte Professor an der Technischen Hochschule Karlsruhe, vollendete das 70. Lebensjahr. Prof. König wurde besonders durch seine Arbeiten auf dem Gebiet der Nutzbarma­chung des atmosphärischen Stickstoffes für Düngezwecke bekannt. Darüber hinaus meldete er zusammen mit Prof. Haber ein Patent über die Oxydation des Stickstoffes im gekühlten Hochspannungsbogen an.

Die Ernst - Barlach - Gesell­schaf t will ihren Sitz von Neumünster nach Hamburg verlegen.

Eine erste evangelische Ju­gend- und Eheberatungsstelle im Bundesgebiet, die erforderlichenfalls auch medizinisch - therapeutische Behand­lungen vornimmt, wurde in Düsseldorf er­öffnet. Mit der Leitung wurde der Arzt und Psychotherapeut Dr. Guido Groeger, Erlangen , beauftragt.

Ein „Deutscher Blutspender­dienst e. V.“ ist in Heidelberg gegrün­det worden. Er will in verschiedenen deut­ schen Städten Zentralstellen einrichten und für unentgeltliche Blutspender sorgen. Vorsitzender ist Prof. Dr. Carl Heinrich Bauer von der chirurgischen Klinik in Heidelberg .