Donnerstag, 8. November 1951.
SUDKURIER
Nr. 176 / Seite 2
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Bla dreißig Jahren unter der Oberfläche fort. Seine Soldaten sind die Anhänger des Bolschewismus. Man muß sie bekämpfen, aber „der Bolschewismus läßt sich nicht durch gut organisierte Kavallerie-Divisionen aus der Welt schaffen”, sagte einmal Berjajew. Und auch nicht durch die Polizei.
BERLIN (G.-Eigenbericht). Eine Kampfparole gegen die UN schien der Grundtenor der Federn zu sein, die in der sowjetisch besetzten Zone Deutschlands aus Anlaß des russichen Revdlutionstages veranstaltet werden mußten. Der Generalsekretär der SED , Walter Ulbricht , be- zedchnete es als ein Abschieben auf das
tote Gleis, wenn man die Frage gesamtdeutscher Wahlen vor die UN bringe. „Die UN ist nicht nur wegen der verbrecherischen Ausnutzung einer amerikahörigen Mehrheit unfähig, die deutsche Frage zu lösen, sie ist dazu auch juristisch nicht in der Lage, weil sie nach internationalem Abkommen nicht das Recht hat, sich mit der deutschen Frage zu beschäftigen.“ Ganz ähnlich sprach der Sowjetzonen-Mi- nisterpräsident Grotewohl: „Von der UN , wie sie heute ist, haben wir nicht viel zu erwarten. Das Potsdamer Abkommen kennt für Deutschland nur eine Kontrolle, und zwar die des interalliierten Kontrollrates. Für eine UN -Kontrolle gibt es keine Rechtsgrundlage“
Flüchtlinge sollen für Sowjetzone werben
Kommunistische „Landsmannschaften für Umsiedler“ gegründet
BERLIN . (G.-Eigenberdcht.) Die gesteigerte politische Aktivität der Vertriebenen und Flüchtlinge aus dem deutschen Osten hat die sowjetzonale Regierung veranlaßt, eine Gegenaktion zu erwägen. Wie von gut unterrichteter Seite verlautet, wurden eine Reihe kommunistischer Funktionäre vom Politbüro damit beauftragt, die Gründung sogenannter .Landsmannschaften der Umsiedler“ in der Sowjetzone vorzuibereiten. Es soll sich dabei um kommunistisch beeinflußte „Heimatvereine“ handeln. Die Gründung dieser kommunistischen „Hei- matvereine“ hat, wie aus zuverlässiger Quelle bekannt wird, ziwei Ziele: 1. sollen die Landsmannschaften kommunistische Infiltrationsversuche bei den Heimatver- triebenen in der Bundersrepublik ermöglichen, und 2. sollen sie die Forderung nach Rückgabe des deutschen Ostens unterhöhlen.
Diese Forderungen sind in den letzten Wochen immer lauter erhoben worden. Besonders Berlin hat sich zu einem Zentrum der Flüchtlings- und Vertriebenen-Aktivi- tät entwickelt. Zu den Heimattreffen in den Westsektoren der Stadt kommen in zunehmendem Mäße auch Vertriebene, die in der Sowjetzone leben. Man befürchtet nun ln kommunistischen Kreisen, daß sich der Rahmen dieser Kundgebungen erweitert, weil die Vertriebenen jetzt mit der Eröffnung des „Hauses der ostdeutschen Heimat“ am Kadserdamm einen Sammelpunkt haben.
Volkspolizei zur See
STOCKHOLM . (D-Eigenbericht.) Die So wjetunion hat der neuen ostdeutschen Flotte, die unter der Maske einer Volkspolizei zur See fungiert, 35 Schiffe über
eignet, und zwar drei Zerstörer, acht Torpedoboote und 24 Schnellboote und Minenleger. Dieser Vorgang verdient insofern größte Beachtung, als die Kriegsmarine des polnischen Satellitenstaates demgegenüber nur einen symbolischen Wert hat mit vier kleinen Schiffen ohne nennenswerten Gefechtswert. Bekanntlich wurde der polnische Konteradmiral Wlod- zimierz Steyer im letzten Herbst durch einen sowjetrussischen Marineoffizier mit Namen Szelagowski ersetzt. Die Polen haben während des letzten Krieges alle ihre Schiffe eingebüßt, und die Russen sind ihrem Versprechen, ihnen aus der deut schen Kriegsbeute elf Schiffe zuzuteilen, nur durch die Übergabe der vier kleinen Fahrzeuge nachgekommen; 6ie haben anscheinend auch nicht die Absicht, der polnischen Flotte irgendwelche wichtigen Aufgaben zuzuweisen. Die Schiffe, die den Polen versprochen waren, hat jetzt die ostdeutsche Volkspolizei zur See erhalten.
BONN . Die FDP lehnt die in Berlin unter dem Vorsitz Arthur Lieutenants gegründete „Exil-liberal-demokratische Partei Deutschlands“ ab. Der FDP -Presse- dienst erklärte, die Exilpartei Lieutenants sei lediglich eine Splittergruppe von aus der Sowjetzone geflüchteten LDP-Politi- kem, die der FDP nicht beigetreten oder aus ihr ausgetreten seien, weil sie selbst auf Grund ihrer exponierten politischen Tätigkeit unter dem SED -Regime keine Anerkennung im Westen hätten erwarten können. „Es ist nicht anzunehmen, daß Arthur Lieutenant die Hoffnung hegt, im Westen eine große politische Rolle spielen zu kennen, nachdem er sie zu lange im Osten gespielt hat.“
Mitglieder der Parteien einzeln in sich aufzunehmen, nicht Bündnisse mit ihnen zu schließen. Denn nur eine einheitliche und disziplinierte Bewegung unter autoritärer Führung kann verwirklichen, was de Gaulle als Ziel vorschwebt; ein starkes Frankreich durch Rüstung auf Hochtouren. Für eine so einseitige Festlegung konnten sich aber auch jene Abgeordneten nicht entscheiden, die ursprünglich die Zukunft des neuen Parlaments von der Zusammenarbeit mit den Gaullisten erwarteten. Wenn auch das Ergebnis der Kantonalratswahlen vom Oktober, in denen die Gaullisten bloß 13“/* * der Stimmen erhielten an Stelle der 22'/o im Juni, nicht einen verläßlichen Wertmesser abgibt, ist doch unverkennbar, daß die Gaullisten im Parlament eine Enttäuschung sind. Es ist eben nicht möglich, den Parlamentarismus abzulehnen und zu bekämpfen und gleichzeitig seine Spielregeln erfolgreich zu beherrschen.
Doch ebensowenig gelang es Pleven , die andere Lösung zu erreichen. Die ihm treugebliebenen Koalitionsgruppen der Rechten sind nicht zu bewegen, die Forderungen anzunehmen, die die Sozialisten für die Versöhnung und Zusammenarbeit erheben: die Wiederherstellung des früheren Lebensniveaus der wirtschaftlich Schwachen auf Kosten der Besitzenden und ein unvermindertes Tempo des Wiederaufbäus auf Kosten der Rüstung.
Damit sind die zahlreichen Konfliktstoffe, zwischen denen Frankreich , wie jedes Land heute, hin- und hergerissen wird, auf eine einzige, die Hauptlinie, zurückgeführt, das Bild ist vereinfacht. Bestehen bleibt aber, daß Frankreich keine Mehrheit für eine Regierung finden kann, weil es keine Mehrheit für eine Politik besitzt. In dem Wunsch, weder die Kanonen der Butter, noch die Butter den Kanonen zu opfern, läuft das Land Gefahr, die Butter zusammen mit den Kanonen schwinden zu sehen.
Das Kleid macht keinen Polizeipräsidenten
Sonderbericht unseres Dr. - Th. - Kor r e spond en ten
FRANKFURT am Main. Der ehemalige Frankfurter Polizeipräsident Willi Klapproth wurde zu 10 Monaten Gefängnis verurteilt. Die 1. Große Strafkammer Frankfurt erklärte ihn schuldig, einen Meineid geleistet zu haben. Von der Anklage der versuchte» Verleitung zum Meineid wurde er freigesprochen.
Es war nur der zweite Akt der überaus peinlichen Justizaffäre, der jetzt in einer dreitägigen Verhandlung vor der Großen Strafkammer in Frankfurt abrollte. Der erste Akt ging bereits im Frühjahr über die Szene. Der sogenannte „Polizei-Beste- chungs-Prozeß“, der damals verhandelt wurde, betraf Vorwürfe gegen eine Anzahl von Kriminalbeamten, daß sie sich Unregelmäßigkeiten mit beschlagnahmten Waren, sogenannten „Asservaten“, hatten zuschulden kommen lassen. Es handelte sich um amerikanische Zigaretten und um Bestechungen, die mit diesen Zigaretten begangen wurden. Am 25. April wurde der damals noch amtierende Frankfurter Polizeipräsident Klapproth in diesem Prozeß gegen seine Untergebenen als Zeuge vernommen, und er machte dabei unter Eid Aussagen, die in so klarem Widerspruch zu anderen Aussagen standen, daß der Staatsanwalt sich veranlaßt sah, die Meineidsklage gegen Klapproth zu erheben. Vor allem hatte der Polizeipräsident bestritten, von dem Zeugen Groh (der selbst zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt wurde) Zigaretten zurückbehalten zu haben, was Groh mit aller Bestimmtheit behauptete. Aber dabei blieb es nicht, sondern als nun auch ein Disziplinarverfahren gegen Klapproth in Gang kam, schickte dieser einen Mittelsmann zu Groh, um ihn zu einer bestimmten Aussage zu bewegen. Und dabei versprach er ihm Hilfe in einem Gnadenverfahren.
So kam es zu dem Prozeß gegen Klapp-
PARIS . Gähnende Leere in fünf Sechsteln der Abgeordnetenbänke, ein versagender Lautsprecher, der die Worte des Präsidenten untergehen ließ, verwirrender Streit, welche Probleme man zuerst beraten soll — das war das peinliche Bild, das die französische Nationalversammlung am Dienstag, dem ersten Arbeitstag nach den Parlamentsferien bot. Ein Bild, das so gar nicht zu den schwerwiegenden Entscheidungen paßt, vor denen das fran zösische Parlament steht. Es geht um die Grundlagen der gesamten franzö sischen Innen- und Außenpolitik, wie der
WETTERVORHERSAGE des Amtlichen Landeswetterdienstes
Das große ostatlantisdie Tiefdruckgebiet verlegt seinen Schwerpunkt nordostwärts in Richtung auf die britischen Inseln. Seine Randstörungen werden auch unser Wetter zeitweise beeinflussen. Aussichten bis Freitagabend: Veränderlich, teils heiter, teils wieder stärker bewölkt bis trübe und strichweise Regen. Weiterhin recht mild, Temperaturen meist zwischen 5 und 15 Grad. Wind mäßig, vorwiegend aus Südost bis Süd.
100 DM ln Zürich: 7. 11.: 82/84 sfr.
Wirtschafts- und Sozialpolitik. Es sind Entscheidungen, die auch einer geeinten und einheitlichen Mehrheit Kopfzerbrechen verursachen müßten, um so mehr einer Regierung, die ohne Mehrheit regiert.
Die Wahlkoalition der vier Gruppen, die Pleven die Investitur erteilt hat, ist knapp hernach auseinandergefallen. Die wenigen Beschlüsse des neuen Parlaments kamen durch wechselnde Zufallsmehrheiten zustande. Es ist ein Zustand, der für eine kurze Uebergangszeit angehen mochte, er ist auf die Dauer unhaltbar. Pleven hat deshalb die Parlamentsferien benützt, um eine Mehrheit zu suchen, die Ihm das Regieren ermöglichen soll. Gegenüber einem sechsgeteilten Parlament von je rund hundert Abgeordneten boten sich ihm theoretisch zwei Möglichkeiten: Die Rechtswendung der Regierung zu verstärken und zu besiegeln, den Bruch der drei Regierungsgruppen mit ihren sozialistischen Verbündeten aus den Wahlen als endgültig hinzunehmen und dagegen eine Gemeinschaft mit den Gaullisten zu suchen oder die Wiederversöhnung mit den Sozialisten.
Keine der beiden Lösungen war zu verwirklichen. Die Gaullisten beharren darauf, Sammelbewegung, nicht Partei zu sein, die
LONDON . Für die Angelsachsen steht die Sicherung des Nahen Ostens gegen einen etwaigen Vorstoß des Kommunismus und gegen den von Ägypten vertretenen Neutralismus mit an der Spitze der Pariser Verhandlungen. Das Schicksal der Arabischen Liga steht auf dem Spiel. Ägypten hat zu heftig auf seine Führungsrolle ge- gegenüber den anderen arabischen Staaten gepocht, hat das Angebot nicht etwa nux eines Bündnisses, sondern das Angebot von Waffen, Kriegsmaterial, Flugplätzen, Hafenanlagen abgelehnt. Nun werfen der Irak , Saudi-Arabien , Jordanien , der Liba non und andere den Ägyptern vor, daß sie bevormundet werden, und daß Kairo ihnen die lockenden Schätze Amerikas vorenthalte. Kurz entschlossen haben sich die arabischen Regierungen deswegen zu einer Sonderkonferenz in Paris an Stelle einer solchen in Kairo zusammengefunden. Ägypten ist in Gefahr, völlig isoliert zu werden. Die Arabische Liga steht vor dem Zusammenbruch.
Gleichzeitig werden die Außenminister in Paris aber auch über die Verteidigung der Türkei und damit des Mittelmeeres sprechen. Die Türken weigern sich entschieden, einer Strategie zuzustimmen, die Ihr Land praktisch zum Schlachtfeld beim Ausbruch eines Krieges machen würde. Sie verlangen genügend Kriegsmaterial, um am Kaukasus und Bosporus Stellungen auszubauen. Die Alliierten verlangen, daß die Türken sich auf den Taurus zurückziehen und in den Bergen im Süden von Kleinasien eine Riegelstellung einnehmen sollen. Ankara ist jedoch nicht bereit, unter Aufopferung des eigenen Landes ein Verteidigungssystem zu unterstützen, das praktisch keine vermehrte Sicherheit für die türkische Bevölkerung bieten würde. Nun soll in Paris bei den Besprechungen der Westmächte darüber entschieden wer
den, ob den Türken nicht doch mehr Kriegsmaterial geliefert werden könnte.
Die englische Position ist stärker, seitdem London sich entschieden hat, den Suezkanal um jeden Preis zu halten. Jetzt werden laufend Verstärkungen aus Eng land nach Ägypten gesandt, so daß eine starke Armee im Nahen Osten zusammengezogen wird. Auch die britische Flotte ist so sehr verstärkt worden, daß sie die Seewege vollkommen beherrscht. Die englische Armee am Suezkanal ist bereits stark genug, um sogar im Falle einer ägyptischen Mobilmachung unangreifbar zu bleiben.
England besteht auf seinem Recht
KAIRO . Großbritannien machte die ägyptische Regierung in einer Note darauf aufmerksam, daß es den britisch-ägyptisch«! Vertrag von 1936 als noch gültig betrachte Die Grundlagen aller internationalen Beziehungen würden gegenstandslos, wenn einseitige Vertragskündigungen als zulässig anerkannt würden. England beabsichtige, auf seine Rechte in vollem Umfang zu bestehen.
Die britischen Militärbehörden in Aegyp ten haben trotz der ägyptischen Boykott- Maßnahmen die Versorgung der britischen Truppen sichergestellt. In der Kanalzone wurden in den letzten 48 Stunden wiederholt britische Posten von Aegyptem beschossen, Verluste traten keine ein.
KAIRO . Großes Aufsehen erregt ein Bericht, der in der Zeitschrift „Al Nöda“ (Der Appell), dem Organ der ägyptischen Regierungspartei, erscheint Darin wird gesagt, daß eine hohe ägyptische Persönlichkeit soeben nach der Sowjetunion abgereist sei.
,Liese Mission“, so heißt es weiter, „wird weitreichende Auswirkungen auf die sowjetisch-ägyptischen Beziehungen haben.“
roth selbst a) wegen eines von ihm selbst geleisteten Meineides und b) wegen Verleitung zum Meineid. Dieser neue Prozeß knüpfte also unmittelbar an das im Frühjahr durchgeführte Verfahren an, brachte jedoch dennoch neue Ueberraschungen. Vor allem wirkte es als eine Sensation, daß die Protokolle des ersten Prozesses beim Beginn des zweiten verschwunden waren und nicht aufgefunden werden konnten. Das zweite Spannungsmoment trat ein, als Klapproth in der Verhandlung den verhängnisvollen Satz wiederholte, den er im April als Zeuge ausgesprochen hatte, als er behauptete, er habe die von Groh empfangenen Zigaretten diesem zurückgegeben. Die nächste Sensation brachte der zweite Verbandlungstag, an welchem die Entlastungszeugen Klapproths völlig versagten. Es ergab sich eine derartige Unsicherheit der Zeugen, daß an eine Aufklärung des Sachverhaltes nicht zu denken war.
Dieser Rahmen der Verhandlungen, diese Begleiterscheinungen und charakteristischen Beobachtungen sind in diesem Prozeß fast wichtiger als der Gegenstand der Anklage selbst. Was liegt schon an den paar tausend Zigaretten, die in diesem Falle wie an tausend anderen Orten in Deutschland in jenen Jahren verschenkt, verhandelt, zu Bestechungen vielfältigster Art benutzt oder verschoben worden sind? Nicht darauf kam es bei diesem Prozeß an, sondern auf die Tatsache, daß die Anklage sich gegen einen Mann richtete, der an verantwortlicher Stelle stand, an einer Stelle, an der er selbst in erster Linie berufen gewesen wäre, darüber zu wachen, daß solche Dinge, wie sie ihm zur Last gelegt wurden, nicht vorkamen. Nicht das Urteil, sondern die Anklage sind ln diesem Falle das wichtigere. Belastend für die Zustände in Deutschland bleibt der Umstand, daß der Staatsanwalt sich in seinem Plädoyer selbst zu der Bemerkung veranlaßt sah, Klapproth sei zwar 1946 in das Kleid eines Polizeipräsidenten hineingesteckt worden, sei aber in seine Aufgabe und in den Emst dieser Aufgabe nicht hineingewachsen. Unter diesem Gesichtswinkel bleibt der Prozeß Klapproth ein Menetekel, das zu schleuniger Besinnung auf die Notwendigkeit der unbedingten Sauberkeit an denjenigen Stellen mahnt, die berufen sind, über diese Sauberkeit zu wachen.
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„Nun woll’n wir mal sehen, ob du ganz verlernt hast, mit dem Schwanz zu wedeln.“ (Politiken-Kopenhagen)
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Verantwortlich für Politik: Konrad Gunst. Nachrichtendienst: Graf Ludwig Douglas - Wirtschaft: Dr. Gustav Adolf Groß. Feuilleton: Ludwig Emauuel Reindl. Heimat: Alois Beck, Herbert Steinert Sport: Alfred Strobel. Chef vom Dienst: Helmut Jacobsen. Verlag: Südkurier GmbH., Konstanz . Marktstätte 4. Druck: Druckerei und Verlageanstalt Konstanz GmbH.
Manfred Hausmann hat im Verlag S. Fischer, Frankfurt , ein Bändchen mit Nachdichtungen japanischer Lyrik herausgegeben: ,Liebe, Tod und Vollmondnächte“. (71 Seiten broschiert 4.20 DM). Diese Nachdichtungen scheinen das Vollkommenste zu sein, was es auf diesem Gebiete gibt. Wir möchten den Dichter selbst erklären lassen, was es mit dem japanischen Gedicht und seiner Uebertragung auf sich habe. Die folgenden Erläuterungen stammen aus Hausmanns Vorwort zu seinen Nachdichtungen, von denen gleichfalls einige bezeichnende Proben ausgewählt wurden.
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„Eins der bewegendsten japanischen Gedichte, verfaßt übrigens von einer Frau, lautet:
Asagao ni tsurube torarete morai-mizu.
Wenn man es wörtlich Ins Deutsche übersetzt, ergibt sich folgende Aussage: Von der Winde des Zieheimers beraubt geschenktes Wasser.
Für unser Empfinden stellt das gewiß kein Gedicht dar. Ja, man kann nicht einmal behaupten, daß der Sinn der Worte, die ln einer Art von Telegrammstil aneinandergereiht sind, ohne weiteres deutlich wird. Erst nach einigem Nachdenken beginnt man zu verstehen, was die Dichterin, Frau Kaga no Chiyo , die zu Begiim des achtzehnten Jahrhunderts lebte, damit dartun wollte:
Während der Nacht hat sich eine Winde um den Eimer meines Ziehbrunnens gerankt. Sie ist so schön, daß ich es nicht über mich vermag, sie zu zerstören. Ich verzichte deshalb lieber auf den Gebrauch de3 Eimers und hole das Wasser beim Nachbarn.
Eine solche umständliche Uebersetzung vermittelt zwar den verstandesmäßig erfaßbaren Inhalt des kleinen Gebildes, kann aber nicht beanspruchen, eine Uebertragung, eine Hinübertragung in die deutsche Sprache, eine lebenatmende Nachschöpfung zu sein.
Der Japaner beabsichtigt nicht, dem Gedicht eine Gestalt in unserem Sinne zu geben. Er hebt es nicht durch das wogend wiederkehrende, sei es qualitative, sei es quantitative, Maß aus der gestaltlos strömenden Zeit ins Dauernde und Gültige, er läßt es auch nicht durch den Klangzauber des Reimes in den Harmonien der Unendlichkeit verwehen... Er haucht nur, schnellen Atems, die Andeutung eines Bildchens hin, das sich, kaum daß es erschienen ist, auch schon wieder verfluchtet, er löst die Wirklichkeit auf, er verwischt ihre Grenzen, er macht sie schwebend, er verwandelt das Eindeutige in Vieldeutiges, er überwindet, im Sinne der buddhistischen Mahayana -Lehre, die Welt, indem er sie als etwas Träumendes erkennt und darstellt...
Die Gedichtform, in der 6ich das alles vollzieht, ist das Mijika-uta, das .Kurzgedicht’, meist schlechtweg Uta oder mit einem sino-japanischen Ausdruck Tanka genannt. Das Uta setzt sich aus fünf Zeilen zusammen. Die erste Zeile enthält fünf, die zweite sieben, die dritte fünf und die vierte und fünfte wieder je sieben Silben, zusammen also einunddreißig.
Man sollte meinen, damit sei ein Äußerstes an Knappheit erreicht. Aber im sechzehnten Jahrhundert hat man die ersten drei Zeilen des Uta, den Oberstollen, selbständig gemacht. Das Hokku, wie die neue Gedichtform heißt, besteht mithin aus drei Zeilen mit der Silbenzahl 5-7-5.
Es hat den Anschein, als sei die deutsche Sprache nicht imstande, mit einunddreißig
oder gar mit siebzehn Silben das Gleiche auszusagen wie die japanische in ihrer bündigen Gedrungenheit. Allen bislang unternommenen Versuchen, die japanischen Kurzgedichte Zeile für Zeile unter Beobachtung der Silhenzahl zu übertragen, haftet etwas Unnatürliches und Gezwungenes an.
Nur in einer Sprache, die, wie die japanische, zahllose über sich hinausweisende, symbolträchtige, lange und schwierige Vorstellungsreihen auslösende Wörter enthält, nur in einer Gesellschaft, in der man es wagen darf, sich in Andeutungen auszudrücken, weil man sicher ist, daß sie in ihrem ganzen Umfang verstanden werden, und nur in einem Lande, in dem die Nennung etwa eines Blumennamens genügt, um eine Unsagbarkeit zu beschwören, kann das Kurzgedicht von den Anfängen der Geschichte bis zum heutigen Tag die gleiche beherrschende Rolle spielen.
Will man diese Sprache und diese .Verdichtungen’ im deutschen Seelenraum, ln dem wesentliche Voraussetzungen zum Verständnis fehlen, neu erstehen lassen, dann muß man bei aller behutsamen Ehrfurcht mit einiger Freiheit und Kühnheit verfahren.“
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So heißt nun ln Hausmanns Uebertragung das oben erörerte Dreizeilen-Gedicht über die Winde:
Eine blühende Winde
hatsich ummeinen Brunneneimer gerankt.
Ich schöpfe das Wasser beim Nachbarn.
Einige andere Fünfzeiler (Uta) und Dreizeiler (Hokku) beleuchten blitzartig das Wesen dieser fernöstlichen dichterischen Erfassung des Augenblicks, in dem das All sichtbar wird:
Ein Blitz flammt durch die Nacht.
Da, der Fischer!
Gerade schwingt er sein Netz.
Ist da ein abgefallenes Blatt an seinen Zweig zurückgeschwebt?
Ach nein, es war ein Schmetterling.
Regungslos mit umgehängtem Mantel
blickt ein alter Mönch
zu den blühenden Kirschzweigen auf.
Shido
Wenn jemand dich fragen sollte, worin die Seele unsres Inselreichs sich offenbare, sag ihm:
Im Hauch der wilden Kirschblüten zur Stunde des Sonnenaufgangs.
Wem soll ich unser Leben vergleichen? Es ist wie die blinkenden Wellen, die hinter dem Segel dort im Dunst des Morgens spurlos vergehen.
Mansei
In jedem Frühling, wenn der Hauch,
der Goldorangenblüten mich umweht,
ist mir, als spürte ich
den Duft des Kleides wieder,
das die Geliebte trug in meiner Jugend.
Willst du zerreißen, Lebensfaden, so reiße!
Ich kann die wilde Sehnsucht,
wenn ich noch länger lebe,
nicht vor den Menschen mehr verbergen.
Prinzessin Shokushi
Eine einsame Frau
steht am Fenster und sieht hinaus.
Es regnet und regnet
Unmerk lieh reiht sich Tag an Tag.
So bist du entstanden,
Vergangenheit
Buson
Viele Gedichte klingen wahr.
Aber die tiefste Wahrheit lebt in denen, die einfach sind wie Kinderworte.
Muteuhito
KULTURNACHRICHTEN
Die deutsche Forschungsgemeinschaft hat beschlossen, zwölf Millionen DM für Forschungszwecke auszugeben. Die deutsche Forschungsgemein schaft tagte erstmalig nach dem Zusammenschluß der Notgemeinschaft der deut schen Wissenschaft mit dem deutschen Forschungsrat unter der Leitung von Vizepräsident Prof. Dr. Ludwig Raiser . Gefordert werden Forschungsvorhaben auf allen Gebieten der Geisteswissenschaften, Naturwissenschaft«! und Technik. Besonders erhebliche Mittel wurden für Arbeiten zur Erforschung der spinalen Kinderlähmung bewilligt.
Dr. Adolf König, der emeritierte Professor an der Technischen Hochschule Karlsruhe, vollendete das 70. Lebensjahr. Prof. König wurde besonders durch seine Arbeiten auf dem Gebiet der Nutzbarmachung des atmosphärischen Stickstoffes für Düngezwecke bekannt. Darüber hinaus meldete er zusammen mit Prof. Haber ein Patent über die Oxydation des Stickstoffes im gekühlten Hochspannungsbogen an.
Die Ernst - Barlach - Gesellschaf t will ihren Sitz von Neumünster nach Hamburg verlegen.
Eine erste evangelische Jugend- und Eheberatungsstelle im Bundesgebiet, die erforderlichenfalls auch medizinisch - therapeutische Behandlungen vornimmt, wurde in Düsseldorf eröffnet. Mit der Leitung wurde der Arzt und Psychotherapeut Dr. Guido Groeger, Erlangen , beauftragt.
Ein „Deutscher Blutspenderdienst e. V.“ ist in Heidelberg gegründet worden. Er will in verschiedenen deut schen Städten Zentralstellen einrichten und für unentgeltliche Blutspender sorgen. Vorsitzender ist Prof. Dr. Carl Heinrich Bauer von der chirurgischen Klinik in Heidelberg .