Samstag, 28. Juni 1952
SÜDKURIER
Nr. 101 / Seite 2
Clark: „Wir meinen den Krieg ernst"
Luftangriffe der UN werden fortgesetzt — Keine Bomben auf Mandschurei
TOKIO . Der neue Befehlshaber der UN - Streitkräfte in Korea , General Clark , erklärte am Freitag zu den letzten schweren Angriffen: „Die UN -Streitkräfte setzen den Kommunisten 24 Stunden täglich zu, um ihre AngrifEskraft zu schwächen und ihnen zu beweisen, daß wir weiterhin den Krieg ernst meinen. Wir haben vernünftige Bedingungen für die Beendigung der Feindseligkeiten gestellt, um den Frieden wieder herzüstellen. Wir widerlegen mit Geduld jedoch ohne Vergnügen, die Schmähungen, mit denen die Kommunisten ihren Widerstand gegen Abschluß öines Friedens zu verbergen meinen.“
Die Luftangriffe der UN wurden in den letzten Tagen mit starken Kräften fortgesetzt. Superfestungen bewarfen Industriezentren und kommunistische Stellungen an der Hauptkampflinie. Die Kommunisten griffen^ die UN -Bomber mit Mig- Düsenjägern an.
Ein Sprecher der 5. amerikanischen Luftflotte in Tokio erklärte zu den schweren Angriffen ayf die Kraftwerke am Yalu, daß keine Bombe auf mandschurisches Gebiet gefallen sei. Die nach den Angriffen gemachten Luftaufnahmen zeigten einwandfrei, daß jede Grenzverletzung vermieden wurde.
Bei der Außenministerbesprechung in London erklärte der USA -Außenminister Adheson, daß Großbritannien im voraus von der Bombardierung der Yalu-Kraft- werke unterrichtet werden sollte. Durch ein Versehöl von Verwaltungsstellen sei die Mitteilung aber unterblieben.
Verhandluneen unterbrodien
TOKIO . Die UN -Delegierten bei den Waffenstillstands-Verhandlungen in Pan- munjön verließen am Freitag die Sitzung noch während. der Ausführungen des kommunistischen Chefdelegierten General Nam II. Sie erklärten, daß sie in drei Tagen wieder erscheinen würden. Die UN -
Delegierten äußerten, daß General Nam II sehr ärgerlich gewesen sei und größte Schwierigkeiten hatte, sich zu beherrschen.
Pusans Polizeichef entlassen
PUSAN . Nach dem Anschlag auf den südkoreanischen Staatspräsidenten Syng- man Rhee nahm die südkoreanische Polizei einen Abgeordneten der parlamentarischen Opposition wegen angeblicher Beteiligung an dem Anschlag fest. Er soll bei der Vernehmung gestanden haben, dem Attentäter eine Schußwaffe und eine Eintrittskarte zu der Versammlung gegeben zu haben, in der Staatspräsident Rhee sprechen sollte. Der Polizeichef von Pusan mußte seinen Rüdetritt einreichen. Gleichzeitig erhielten drei hohe Polizeioffiziere der Stadt eine scharfe Verwarnung wegen mangelnder Aufsicht. Der Staatspräsident ordnete die Aufhebung der Zensur in Südkorea an, um - damit zu beweisen, daß Südkorea „ein freies und
terhin weigern sollte, die Wahrheit anzuerkennen und Garantien gegen die Wiederholung von Zwischenfällen zu geben“.
Britischer Besuch bei Tito
BRIONT. "Der Befehlshaber der briti schen Mittelmeerflotte, Admiral Mount batten und der britische Botschafter in Jugoslawien statteten Marschall Tito auf der Adria-Insel Brioni einen Besuch ab. „Wir betrachten uns als der Verbündete Großbritanniens , weil wir zur Wahrung des Friedens gegen militärische Angriffsabenteuer in diesem Teil der Welt Zusammenhalten“, sagte Tito in einem Trinkspruch. Tito besuchte das Flaggschiff des Admirals, die „Glasgow “ und nahm die Parade der Schiffsbesatzung ab.
Fiutjzeug nach llalien entführ!
ROM . Ein jugoslawisches Flugzeug mit 27 Personen an Bord landete 100 Kilometer nördlich von Rom auf einem zur Zeit stillgelegten Flugplatz in Foligno . Bei der polizeilichen Vernehmung wurde ermittelt, daß drei mit Revolvern bewaffnete Fluggäste zehn Minuten nach dem Start
demokratisches Land“ sei. Die Zensur war i <üe übrigen Passagiere gezwungen hatten,
auf' Grund des Kriegsrechtes verhängt worden. Betroffen wurden davon auch mehrere amerikanische Zeitungen sowie die Sendungen der „Stimme Amerikas“.
Sowjetische Grenzverletzungen
STOCKHOLM . Die schwedische Regierung bereitet einen Bericht über die in den Nachkriegsjahren festgestellten Grenzverletzungen durch sowjetische Flugzeuge und Flotteneinheiten vor. Der Bericht soll die Grundlage einer neuen Note an die Sowjetregierung bilden, um die sowjetische Behauptung zu entkräften, daß „die sowjetischen Streitkräfte niemals fremde Grenzen verletzen“.
Das schwedische Regierungsblatt „Mor- gontidningen“ erörtert zum erstenmal die Möglichkeit eines schwedischen Appells an die UN . ,.Es wäre durchaus nicht unangebracht, einem internationalen Rechtsforum Gelegenheit zur Stellungnahme zu geben, falls die Sowjetregierung sich wei-
MÜNCHEN . Staatssekretär Dr .Otto Lenz vom Bundeskanzleramt trat im bayerischen Rundfunk den Bedenken entgegen, die im Ausland und vor allem in Frank reich der deutschen Haltung zu den Verträgen von Bonn und Paris entgegengebracht werden. Der erste Einwand sei, daß ein Deutschland, , das eigene Truppenkontingente stelle, versuchen werde, die euro päische Verteidigungsgemeinschaft in einen Eroberungskrieg zur Wiedergewinnung der deutschen Ostgebiete hineinzuziehen. Der zweite Einwand vertrete die Auffassung, Deutschland sei nicht gfeneigt, sich gegen die östliche Drohung überhaupt zu verteidigen. Der dritte Einwand entstehe aus einer einmütigen . Beurteilung dftr parteipolitischen Verhältnisse für denTall, daß die SPD die jetzige Bundesregierung ab- lösen könnte.
Der Furcht vor einer Rückeroberung stehe die militärtechnische Situation entgegen. Die ganze Konstruktion der EVG- Streitkräfte mache es unmöglich, sie zu aggressiven Zwecken zu verwenden. Kein
WETTERVORHERSAGE des Badischen Landeswetterdienstes
Die Hodidrudcbrücke von den Azoren nach Osteuropa hat sich wieder hergestellt. Dadurch • werden die atlantischen Störungen weiter nach Norden abgedrängt. Gewittrige Störungen im westlichen Mittelmeer werden zeitweise Südwestdeutschland berühren und zur Ausbildung von örtlichen Gewittern führen. Wettervorhersage bis Montagabend: Fortbestand des sehr warmen und schönen Hochsommerwetters mit einzelnen Gewitterstörungen, besonders um den Wochen Wechsel. Zeitweise auffrischende Winde aus verschiedenen Richtungen.
urteilsfähiger Mensch in Deutschland denke an Eroberungs- oder Angriffskriege, die Deutschland zum Schlachtfeld machen würden. Hinter der „Ohne-mich“-Bewegung ständen nur sehr kleine Kreise, da in der Zwischenzeit die Notwendigkeit, Europa im Notfälle zu verteidigen, eingesehen worden sei. Es sei als sicher anzusehen, daß die SPD bei den kommenden Bundestagswahlen nicht die absolute Mehrheit gewinnen kann. Jede Koalition mit einer bürgerlichen Partei werde aber die Anerkennung der Verträge voraussetzen. Die Einwände und das Mißtrauen des Auslands seien also nicht begründet.
ihre Hönde hochzuheben. Dann erbrachen sie mit Gewalt die Tür zur Pilotenkanzel und einer von ihnen ergriff das Steuer und nahm Kurs auf Italien .
Die 24 Jugoslawen, die unfreiwillig in Italien landen mußten, sind am Freitag in ihre Heimat zurückgeflogen. Die drei Flüchtlinge können in Italien bleiben. Unter den heimkehrenden Insassen der Maschine war auch ein Angehöriger der jugoslawischen Geheimpolizei.
Peter wo! te nicht in d'e FDJ
LÄVAL. Die Behörden der nordwestfranzösischen Stadt Laval zerbrechen sich den Kopf, was sie mit dem dreizehn Jahre alten deutschen Peter Zillmann machen sollen. Peter — Sohn eines früheren Marineoffiziers und jetzigen Fabrikarbeiters in Heiligenstadt (Thüringen ) — hatte das Elternhaus am 6. Juni mit 2,50 Mark verlassen, weil er nicht in die kommunistische FDJ wollte. Mit Hilfe freundlicher Lastwagenfahrer gelangte er über Göttin gen , Köln und Saarbrücken nach Frank reich . Er wollte nach Rennes in der Bretagne, um einen Vetter zu besuchen, den er dort vermutet. Leider hat Peter dessen Anschrift verloren. Die Polizei versucht jetzt die Adesse zu ermitteln und wies Peter vorerst in ein Kinderheim in Laval ein.
Kampffonds des Einzelhande s
DORTMUND . Der deutsche Einzelhandel will einen politischen Kampffonds schaffen, um den beruflich überlasteten Kaufleuten die politische Betätigung zu ermöglichen. Bei Verwirklichung dieses Planes könnten beispielsweise die Lebensmittelkaufleute, die bisher durch keinen einzigen Berufskollegen im Bundestag vertreten sind, nach der nächsten Bundestagswahl'mindestens vierzig Abgeordnete stellen.
BERLIN . (G.-Eigenbericht.) Jetzt wird auch Ostberlin in -die sowjetische Absperrungsaktion mit einbezogen. Ab Freitagmorgen darf kein Interzonenreisender aus Westdeutschland bei einem Berlin -Besuch den Ostsektor der Stadt betreten, wurde vom Präsidium der Volkspolizei bekanntgegeben. Alle Westdeutschen, die die Sektorengrenze überschreiten wollen, müssen zusätzlich zu ihrem Interzonenpaß eine besondere Aufenthaltsgenehmigung vorweisen. Die schriftlichen Anträge für eine derartige Genehmigung müssen entweder von den Besuchern aus Westdeutschland oder von den Gastgebern aus Ostberlin formlos „unter Beifügung amtlicher Unterlagen, die eine besondere Dringlichkeit beweisen“, bei der zuständigen Dienststelle der Volkspolizei in Ostberlin eingereicht werden. Was als „besonders dringlich“ gilt, ist bisher nicht näher erörtert worden. In Westberlin nimmt man an, daß außer den Kommunisten kaum westdeutsche Reisende .eine solche Aufent
haltsgenehmigung erhalten werden. Bisher sicherte der Interzonenpaß allein die völlige Bewegungsfreiheit in Ostberlin , und die meisten westdeutschen Besucher ließen sich die Chance nicht entgehen, einmal einen Blick hinter den Eisernen Vorhang zu werfen. Zu einem Berlin -Aufent- I halt gehörten praktisch, ein Spaziergang vom Alexanderplatz bis zur Friedrichstraße mit einem Besuch im Haus der Sowjetkultur unter den Linden. Der So- I wjetische Charakter der Straßen, Kinos, I Läden und Restaurants offenbarte jedem | Interzonenreisenden die östliche Gefahr j stärker als alle Bücher und Leitartikel. ] Außerdem bot Ostberlin in den letzten Wochen den Westdeutschen die letzte Möglichkeit, mit den Menschen aus der Sowjetzone zusammenzutreffen.
Die Westalliierten, die mehrmals in der Woche Omnibusrundfahrten durch Ost berlin veranstalten, werden von den Sperrmaßnahmen nicht betroffen. Auch die Westberliner dürfen weiterhin unbehindert den Ostsektor betreten.
Ueberprüfung des Auswärtigen Amtes
Ungeeignete Diplomaten müssen ausscheiden
Bonn . (W.-Eigenbericht.) Bundesinnenminister Dr. Lehr gab am Freitag bekannt, er habe exakte Unterlagen darüber, diaß von der Sowjetzone aius planmäßig versucht werde, im Bundesgebiet eine „Widersandsbewegung gegen die Besatzungsmächte und die Bundesregierung“ zu schaffen. Der Minister erklärte, er könne jetzt beweisen, daß eine ganze Anzahl von Tarnorgianisationen von den Kommunisten gesteuert und finanziert werde. Das Beweismateiriail könne 'er allerdings jetzt noch nicht der Oeffent» lichkeit übergeben, weil er „alle am Leben erhalten“ wolle, die ihm zu den Informa- Manien verholfen hätten. Das Material werde wahrscheinlich im Laufe des Sommers oder Herbstes veröffentlicht, „wenn gewichtige Entscheidungen fallen“.
Der Minister warnte die Bevölkerung eindringlich vor der Mitarbeit bei dem
„Arbeitskreis für deutsche Verständigung“ und anderen Tarnorgandsationen. Diese Organisationen seien sämtlich von der sowjetzonisilen „Nationalen Front“ gesteuert, dessen Vorsitzender Wilhelm Könen , ein Mitglied des Zentralkomitees der kommunistischen SED . sei. Die Sekretärin dies westdeutschen Arbeitsausschusses der „Nationalen Front“ sei die kommunistische Bundes tagsabgeordnete Thiele, die für diese Zwecke monatlich 80 000 DM und mehr erhalte. Im einzelnen nannte Dr. Lehr besonders folgende Tamorgiami- saMonen, die im Dienste der Kommunisten stünden: Arbeitskreis für deutsche Verständigung, Westdeutscher Flücht- lingskongreß, Zentralrat zum Schutze demokratischer Rechte, Vereinigung demokratischer Juristen. Im ganzen gab der Minister die Zahl der Organisationen, die „wie Pilze aus der Erde schießen“, mit mindestens 175 an.
FRANKFURT/Main . Der Untersuchungsausschuß des Bundestage® für das Auswärtige Amt hat nach Presseberichten festgestellt, daß im Bonner Auswärtigen Amt Personen beschäftigt sind," die ungeeignet seien oder durch ihr Verhalten in der Nazizeit das Vertrauen in die demokratische Entwicklung der Bundesrepublik gefährden könnten. Der Ausschuß hat empfohlen, einen zweiten Staatssekretär im Bundesaußenministerium zu ernennen, der ausschließlich die Verwaltung des Auswärtigen Amtes leiten solle. Die Arbeit des Auswärtigen Amtes solle dadurch in sachlicher und demokratischer Hinsicht normalisiert und die Verbindung zum Parlament verbessert werden. Außerdem solle beschleunigt eine Persönlichkeit mit der Leitung der Personalabteilung im Auswär tigen Amt betraut werden, die nicht als Angehöriger des Ribbentropschen Auswärtigen Amtes der Politik des Dritten Reiches widerstandslos gedient habe, son
dern eine demokratische Haltung und Arbeit gewährleistet. Die vorliegenden Beschwerden sollen durch Fachkräfte unterin der Bewertung der gegen einzelne ] Angehörige des AA erhobenen Vorwürfe kommt der Ausschuß in einer Anzahl von Fällen zu dem Ergebnis, daß diese Personen entweder ganz ungeeignet oder nur bedingt geeignet seien. In anderen Fällen wird von einer Verwendung im Ausland abgeraten. In keiner Beziehung geeignet sei der Gesandte Dr Werner von Bargen auf Grund der von ihm verfaßten und Unterzeichneten Akten über die Deportation von Juden. Herbert Dittmann , bisheriger Leiter der Personalabteilung des AA , könne nicht in der Personalabteilung, aber wegen seines Verhaltens bezüglich des Rademacherprozesses auch nicht im AA weiterbeschäftigt werden. Der deutsche Botschafter in Athen , Dr. Werner von Grundherr, hat im vorigen Monat sein Rücktrittsgesuch eingereicht.
1 Million Tonnen Getreide mehr angeliefert
Optimistisches Bild der westdeutschen Versorgungslage — Bundesreserve erhöht
BONN (W.-Eigenbericht.) Bundesernährungsminister Prof. Niklas hat im Bundestag ein optimistisches Bild von der deut schen Versorgungslage mit Getreide entworfen. Die Ablieferungen der deutschen Landwirtschaft seien im letzten Jahr um 1 Million Tonnen gestiegen. Die Schätzungen seien übertroffen worden. Insgesamt seien 2,7 Millionen Tonnen Brotgetreide abgeliefert worden. Die Bundesreserve habe daraufhin auf 650 000 Tonnen Brotgetreide erhöht werden können. Von der Nordsee bis. zu >4en Al pen sei auch in diesem Jahr eine gute Ernte zu erwarten.
Der Bundestag verabschiedete das Getreidepreisgesetz für dieses Jahr. Das Gesetz läßt im wesentlichen die alten Preise bestehen, die jeweils einen Höchst - und einen Mindestpreis mit einem Unterschied von 12 bis -20 DM je Tonne vorsehen. Die Frühdruschprämie wird in diesem Jahr aber nur für die frühzeitige Ablieferung von Roggen, nicht für Weizen gezahlt.
Außerdem ging aus den Erklärungen verschiedener Abgeordneter hervor, daß die Landwirt
schaft in diesem Jahr beim Weizen nur mit der Erreichung des Mindestpreises rechnen kann. Zwischen Regierungsparteien und Opposition ergaben sich auch bei diesem Gesetz erhebliche Meinungsverschiedenheiten. Ein Antrag der SPD , die Regierung solle die Frachten für das Inlandsgetreide ebenso bezahlen wie beim ausländischen Getreide, wurde abgelehnt. Ebenso wurde ein SPD -An trag abgelehnt, die Frühdruschprämie auch beim Roggen zu strecken.
Der Mann mit dem Bart? — Das ist der Zigarettenraudier, der seit zwei Jahren auf die Tabak-Steuersenkung wertet... (H. Gutsdiow)
Männer, die Geschichte machten
Eindrücke von der zweiten Lin dauer Nobelpreisträgertagung
Es gibt viele, Kongresse. Nobelpreisträgertage in Lindau sind etwas Besonderes. Menschen, die in der Wissenschaft Geschichte gemacht, Ja, deren Forschungen oft sogar die Welt revolutioniert haben, berichten hier über ihre Arbeit und lassen eine breitere Oeffentlichkeit daran Anteil nehmen. Nirgendwo sonst, nicht einmal bei den alle paar Jahrzehnte einmal stattfln- denden Jubiläumstreffen von Nobelpreisträgern in Stockholm , finden sich gleichzeitig so viele von ihnen zusammen und in so günstiger, ungezwungener Atmosphäre, so menschlich gelöst und aufgeschlossen, wie in den jungen Sommertagen in der alten freien Reichsstadt am Bodensee .
Das sind Tatsachen, die man nach dem soeben abgeschlossenen zweiten Treffen dieser Art feststellen kann und muß. Die Fachleute, die diese Tagungen besuchen, erhalten wertvolle Anregungen; sie haben reichlich Gelegenheit, sich mit den Vortragenden und untereinander auszusprechen. Auch die Liebhaber der Wissenschaft und selbst die bloßen Zuschauer kommen auf ihre Kosten. Und es ist sehr wahrscheinlich, daß noch der Großvater einmal dem Enkel über Madame Joliot-Curie erzählen wird, von ihrem schlichten schwarzen Kleid und ihren einfachen Sandalen; von dem humorvollen Engländer Soddy auch, über den ein Mann wie Professor Hahn sagt, er selbst hätte damals nicht den Mut gehabt, jene Folgerungen zu ziehen, die der Engländer zog, der bei der Demonstration seiner Lichtbilder im Stadttheater ebenso elegant wie energisch auf der Leinewand mit dem Zeigestock herumtrommelte.
Anderes wieder wird erzählt werden von dem Sulfonamid- und Tuberkuloseforscher Domagk, den Vitamin- und Hormonforschern v. Euler-Chelpin , Kuhn und Butenandt ; von einem großen Chemiker und Bauern, dem Finnen Virtanen, der
die nordische Landwirtschaft zu revolutionieren im Begriffe ist, von v. Hevesy , dem man die Herkunft aus der alten öster reichisch -ungarischen Monarchie deutlich anmerkt, der mit Wiener Charme von seinen Erlebnissen bei dem Atomklassiker Rutherford , von seinen Freiburger Arbeiten, von Geheimrat Aschoff und von jener Zeit erzählt, da allein im böhmischen Joachimsthal die Uranpechblende gewonnen wurde, von Alder-Köln, der mit Diels neue Konstruktionsmethoden‘von Kohlenstoffverbindungen fand, und von Hahn, dem „Vater der Atombombe“.
Es sei auch nicht vergessen, zu erwähnen, daß dieser Professor Hahn, der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft , in seinem Dankwort erklärte, die Nobelpreisträger hätten sich .kindlich über die Einladung der Stadt Lindau gefreut“. Dieser Mann, der schon fast vor einem halben Jahrhundert das Mesothorium entdeckte, wie Jahrzehnte später die Kernspaltung und die Kettenreaktion, erklärt, an die so schwerwiegenden Folgen seiner Forschungsergebnisse habe er damals weder gedacht, noch sie später jemals gewünscht. Mit spürbarer Genugtuung erzählt er, die Ergebnisse seines Instituts schon im Jahre 1944, als es ausgebombt wurde, hätten sich gut messen können mit denen der vereinten Amerikaner, Engländer und Kanadier, und obwohl diese tausend- bis zehn- tausendmal stärkere Substanzen zur Verfügung gehabt hätten, seien ihnen dennoch und gerade deshalb manche Feinheiten verborgen geblieben.
Professor Soddy , der übrigens als erster den alten Alchemistentraum erfüllte und Quecksilber in Gold verwandelte, versuchte humorvoll den Begriff der Isotope zu erklären: Es gäbe bayerisches Bier und andere Substanzen, die „auch Bier“ seien; und so sei es auch bei den Elementen. Im übrigen meint er, nach der Kerntheorie
hätte die Atombombe eigentlich nicht explodieren dürfen; er hoffe nun, daß die Explosion der Wasserstoffbombe, die nach der Theorie wirklich zu erwarten sei, entgegen der theoretischen Voraussage nicht erfolge. Frau Joliot-Curie vertrat die Ansicht, trotz der Atomexplosion sei bisher noch nie Atomkern-Masse in Energie im Sinne von Einstein umgewandelt worden. Sie entwickelte übrigens eine interessante neue Theorie über die Herkunft der Sonnenenergie über Kohlenstoff .C 12.
Professor von Hevesy hat -radioaktive Isotope schon vor vielen Jahrzehnten in der chemischen und biologischen Forschung angewandt; diese Methode wurde besonders ertragreich, nachdem das Ehepaar Joliot-Curie die Methode der künstlich erzeugten Radioaktivität entwickelt und damit die Wege gewiesen hatte, von fast allen Elementen radioaktive Abwandlungen zu erhalten. Die Aufnahme und
Weiterverarbeitung von Stoffen im lebenden Körper kann seitdem mit glänzenden Erfolgen untersucht werden.
Butenandt -Tübingen , der wie Domagk und v. Euler-Chelpin , bereits im Vorjahr dabei war und diesmal über Insektenhormone sprach, trat in seinem Schlußwort auf der Insel Mainau , bei der Verabschiedung durch Graf Lennart Bernadotte , den Ehrenprotektor der Tagung, warm für die Fortsetzung der Nobelpreisträgertreffen in Lindau auch in den kommenden Jahren ein. Sie seien heute schon zu einer guten Tradition geworden.
Das ist nur ein winziger Bruchteil von den geistigen Erlebnissen und vom Ertrag der Lindauer Nobelpreisträgertagung. Die Vorträge werden auch gedruckt erscheinen. Der persönliche Eindruck von diesen Menschen, die Geschichte gemacht haben im Reiche der Wissenschaft bleibt ein besonderer Gewinn. ng.
Am letzten Kongreßtag hatte der Lindauer Oberbürgermeister die Nobelpreisträger und andere Teilnehmer der Tagung zu einem gemütlichen Empfang geladen, bei dem die traditionellen bayrischen Weißwürste gereicht wurden. Nach diesem bajuwarischen Spezialitätengruß brachte der Abend einen wienerischen. Er vereinte die Gäste mit dem Publikum der Inselstadt und ihrer Umgebung (soweit die Plätze dafür ausreichten) im eleganten Stadttheater. Das Ballett der Wiener Staatsoper hatte man für den festlichen Anlaß verpflichtet und dazu das Konstanzer Städtische Orchester, da die Wiener nicht ihr eigenes mitbringen konnten. Um es gleich vorweg zu sagen, es ergab sich ein überraschend frisches, innerst lebendiges Zusammenwirken. Der junge Staatsopernkapellmeister Heinz Lambrecht hatte schon nach einer kurzen Probe den Klangkörper fest und federnd in der Hand. Die Diszipliniertheit und Leistungskraft des Kon-
der Bühne sei Weltanschauung, Kurven, Kreise, festlichem Reiz
Stanzer Orchesters war für die verwöhnten Wiener eine offensichtlich mehr als erwartet angenehme Enttäuschung.
Auf der Bühne erlebte man rhythmisch so differenziert und ausgewogen wie wohl nirgend anders, was Wiener Walzer auf kann: eine Art eigener die sich in Bewegung, Sprünge, Schwünge von umsetzt. Man vergaß darüber, • besonders unter dem Eindruck des außergewöhnlichen Tänzers Willy Dirtl , daß es eine Welt schon morbiden, nicht mehr ganz glaublichen Wundertraumes ist, die da durch eine unerhört gespannte Kunstleistung in all ihrem Reiz und all ihrer Ferne noch einmal auflebt. Das drückte auch de* starke Beifall aus, unter dessen rhythmischer Begleitung die Tänzerinnen und Tänzer zusammen mit ihrem Choreographen Prof. Willy Fränzl und dem Kapellmeister Sträuße sommerlicher Blumen entgegennehmen konnten. - dl -
Internationale Musiktage Konstanz
Das Programm der Internationalen Musiktage Konstanz, die in diesem Jahre vom 13. Juli bis 12. August dauern, steht nun im wesentlichen fest. Im ganzen sind neun Konzerte vorgesehen. Den Auftakt bildet eine Morgenfeier im Weißen Saal auf der Mainau . Dabei wird eine Komposition für Streichquartett und Klarinette von Wolfgang Fortner durch das Winter- thurer Streichquartett uraufgeführt. Das Werk ist dem Gedächtnis des im Vorjahre gestorbenen Kunstmäzens Dr. Werner Reinhart gewidmet, der zu den ersten und großzügigsten Förderern der Internationalen Konstanzer Musiktage zählte. Neben dem Winterthurer Streichquartett und dem Städtischen Orchester Konstanz wirken mit: die Wiener Symphoniker , das Köckert-Quartett, das Stuttgarter Kam merorchester und der Münchener Kammerchor. Unter den Solisten seien genannt Hansheinz Schneeberger (Violine), die Pariser Pianistin R:dne Giamoli und die französische Geigerin Janine Andrade , Hans Olaf Hudemann , Baß, Clara Ebert, Sopran, Gertrud Pitzinger , Alt, Walte: Geißler und Rudolf Watzke . Baß.
Fritz von Unruh , der als expressionistischer Dramatiker zur Avantgarde des deutschen Theaters gehörte, hat sein neuestes Werk, dessen Titel noch nicht feststeht, dem Stadttheater Konstanz zur Uraufführung überlassen, die Ende Oktober stattfindet. Damit wird seit der Emigration des Dichters, 1933, zum erstenmal wieder ein Stück von ihm auf einer deut schen Bühne uraufgeführt.
Shakespeares „Romeo und Ju- 1 i a“ wird mit Will Quadflieg und Maria Schell unter der Regie von L. Steckei im August als Freilicht-Auffühnmg in Basel inszeniert werden.
Romano Guardini erhält den Friedenspreis des deutschen Buchhandels 1952 als Anerkennung seines Wirkens.