Samstag, 28. Juni 1952

S Ü D K II R I F. R

Nr. 101 / Seite 3

Wunder des Abendlandes Hont Saint Michel

Besuch auf der Khcheninsel vor der normannischen Küste

Als „Wunder des Abendlands“ ist der aus dem 13. Jahrhundert stammende go­tische Aufbau der Klosterinsel vor der normannischen Küste in die Reisebücher und die Kunstgeschichte eingegangen. Ein Wunder ist aber darüber hinaus auch der ganze Inselblick mit seinem seltsamen Zusammenklang von Meer, Granitfels und Architektur, die hier fugenlos inein­ander übergehen. Schon von weither grüßt über die sanften Bodenwellen und das von Hecken umsäumte Weideland der Normandie der kirchgekrönte Berg wie eine Fata Morgana. Er scheint im zit­ternden Lichte des Sommertages 4 mrnmmm als trostvolle Gralsburg über dem vom letzten Kriege gezeichneten Lande zu stehen.

Unser Wagen hält am Ende des Dammes auf der Insel, nahe bei der Porte du Roi, dem Haupt­tor, das mit zwei weiteren und den Zugang zu dem kleinen, ma­lerischen Dorf verwehren will.

Doch es vermag uns ebensowenig abzuschrecken wie die beiden al­tertümlichen Kanonen, die dro­hend ihre Riesenmäuler neben dem Toreingang aulsperren. Wir wandern die einzige Straße im Dorf, die „grande rue“, empor, die einer schluchtartigen Gasse gleicht, wie wir sie in italieni­schen Bergnestern finden. Links und rechts geben uns Geschäfte das Geleit, die mit dem übli­chen Andenkenkitsch, aber auch schönen, normannischen Faen- cen und blankem Kupfergeschirr um die Käufer werben. Mit Langusten, Krabben, Fischen und Austern locken aber auch die kleinen Hotels an der grande rue. Sie begnügen sich dabei nicht mit preiswerten Speisezetteln, son­dern Kellner und Kellnerinnen ver­suchen uns buchstäblich in das von ihnen angepriesene Lokal zu zerren, das mit seiner, dem altertümlichen Haus vorge­bauten Terrasse über das Meer blicken kann. Noch lockt uns das Unbekannte der Insel mehr als die ausgestellten Lek- kerspeisen.

Gänzlich unvermittelt geht jetzt unser Sträßlein in eine Steintreppe über, auf der wir durch düstere Tore, von wuchti­gen Bastionen geschützt, in den eigent­lichen Klosterbezirk treten. Ein zweiter, von Menschenhand geschaffener Berg aus Bauwerken scheint jenem anderen aus gewachsenem Stein aufgesetzt. Auf den romanischen Teilen des Klosters, die mit Kellergewölben, einem Labyrinth von Gängen, Sälen und Krypten sich naht­los dem Granit anschmiegen, erhebt sich ein zweites Stockwerk und darüber ein drittes, das von der im Flammenstil er-

Von Max Rieple , Donaueschingen

bauten gotischen Abteikirche gekrönt wird. Auf derselben Ebene finden wir aber auch 120 m über dem Meer einen Kreuzgang von unerhörter Pracht der Farbe und Formen, den ein doppelter Kranz zierlicher Säulchen aus poliertem, rotem Granit umschließt: Filigran aus Stein, anklingend irgendwie an den Lö­wenhof der Alhambra .

Vom Licht geblendet treten wir in das Refektorium, das, vom. Eingang aus ge­sehen, fensterlos wirkt Doch zwischen den weit vorspringencfen Fensterumrah­mungen sind schmale Lichtöffnungen so

MONT SAINT MICHEL . Gesamtansicht von Nord-Ost

eingelassen, daß sie, eine nach der andern, erst beim Weiterschreiten sichtbar wer­den, eine Spielerei der Lichtführung, wie sie später das Barock in abgewandelter Form aufgriff. Treppen, Gänge, riesige Hallen mit schlanken Säulenschäften, gotischen Gewölben und mächtigen Ka­minen, die mit 40 m hohen Schornsteinen das Mauerwerk durchziehen, Gefängnisse, lichtlose Verließe, und zu unterst ein Raum mit meterdicken Tragepfeilern für die darüber ruhende Abteikirche: Das al­les wirkt so fremdartig und verwirrend wie das ganze Eiland.

Der Himmel hat sich plötzlich ver­finstert, als wir wieder ins Freie treten. Wir wollen noch, ehe es Abend wird, in einer halben Stunde die fast kreisrunde Insel umschreiten. Doch, was soll das? Auf einmal scheint der graue Sand in der Ferne weiße Kämme zu tragen. Aber das ist ja kein Sand mehr, das ist die Flut, die mit großer Geschwindigkeit vom Meere hereinrauscht. Schon hat sie ein paar Fischreusen, die hoch über dem Bo­den an Stangen hingen, erreicht. Und schon umspült sie die niedersten Stellen des Strandes. Wir laufen mit dem Was-

Glückliches Dorf in der Weltstadt

New York hat tausend Gesichter — Künstlerviertel unter Wolkenkratzern

Mitten im brodelnden Manhattan , nahe dam Broadiway, nicht weit vom Empire State Building , liegt Greenwich Village , das Dorf in der Weltstadt. New York mit ©einen tausend Gesichtem, strahlenden und traurigen, steinernen und wildvergnögten, zeigt hier sein freundlichstes Antlitz. Dem Fremden aus Europa und dem Besucher aus der amerikanischen Provinz erscheinen seine Züge vertraut, als sei er schon irgend­wann durch die ■winkligen Gassen, an den bunten Läden vortoeigeschlendert, als habe er in einem der Häuser gewohnt, von denen jedes anders aussieht als sein Nachbar, und als sei er am Abend in einen der Kel­ler hinabgestiegen, um beim Wein mit sei­nen Freunden endlose Gespräche zu führen. Wenn es dunkel wird, ergreift den Euro­päer die Erinnerung an Mailand oder Neapel oder an das Quartier Lfcitin in Paris und der amerikanische Provinzler komm* sich vor, • wie auf der Main-Street, der Hauptstraße seiner Heimatstadt irgendwo im Mittelwesten, wo die Menschen noch Zeit haben und sich am Nachmittag die Nachbarn vor ihren Haustüren unterhalten.

Die kleinstädtische Atmosphäre, zusam­men mit dem verblassenden Zauber der Künstlerviertel-Tnaiditäon bildet die Haupt­anziehungskraft von Greenwich - Village . Wenn auch die Gerüchte von den niedrigen Mieten und dem leichten Leben nicht mehr zutreffen, so hat der Bewohner des „Dor­fes“ doch die Möglichkeit, sich die Illusion seiner unverwechselbaren Persönlichkeit in­nerhalb einer selbstgewäbliten Umgebung aufrechtzuerhalten. Die vordringenden Wolkenkratzer, die von allen Seiten das

Die gute Tat

Hunderttausend Büchsen mit Fleischkon­serven regnen in. großen, cm Fallschirmen hängenden Blech behältem über dem Über­schwemmungsgebiet des Sambesi in Portu­giesisch Ostafrika herab, wo die Eingebo­renen von einer Hungerkatastrophe be­droht sind. — Im Jahre 1928 kreisten fünf Flugzeuge mit gleichen Lasten über den Hungergebieten des Hoangho und Jang­tseking in China ; 1926 -wurde die Hunger­epidemie am Narabadafluß in Indien durch eine ähnliche großzügige Spende gemildert. Die Urheber dieses menschenfreundlichen Hilfswerks sind ein amerikanisches Ehe­paar, das große Fleischkonservenfabriken besitzt. Die beiden Eheleute hatten im Jahr 1924 die schreckliche Hungerkatastrophe in China , die durch die Überschwemmungen des Hoangho ausbrach, am eigenen Leib miterlebt und faßten damals den Ent­schluß, Hungersnöte in aller Welt durch rasche Hilfsaktionen zu lindem. Mit der letzten Spende für Mozambique waren es nicht weniger als 5 Millionen Fleischkon­serven, die das menschenfreundliche Paar und seine Freunde hungernden Menschen schenkten.

WASHINGTON -BOGEN. Hier hört Greenwich- Village mit seinen spielenden Kindern auf und beginnt die Weltstadt mit ihren Prachtbauten.

Sormtagsaibeiten. Das Stadtbild aber wird beherrscht von der italienischen Bevölke­rung, die mit ihren zahllosen winzigen Lä­den, mit ihren Cafeterias und Ostenas und dem guten Cafe espresso und dem guten Wein, der da getrunken wird, einen Rest des Mittelmeer -Dolcefarniente in die neue Heimat hinübergerettet hat, und von den unzähligen Babies und Kleinkindern, die im Kinderwagen spazieren gefahren wer­den und auf den drei Spielplätzen des Vil­lage im Sand spielen. Ohne Zweifel hat das Kleinstadtidyll das Künstlertreiben von Greenwich-Village überwuchert, viel­leicht wäre es ohnehin eingegangen, weil die Boheme, das Künstlertreiben, auf der ganzen Welt blaß und schattenhaft gewor­den ist, aber über Kunst und Künstler ist damit wenig ausgesagt Nicht alle Künst­ler sind unbürgerlich und — nicht alle Un- bürgefliehen Künstle». A.D.

ser um die Wette und erreichen gerade noch vor der Flut das rettende Tor. Das Brausen des Sturmes und des herein­brandenden Wassers erfüllt die Luft. Die stumpfe Sandfläche des Wattenmeeres hat sich in spiegelndes Silbergrau des Was­sers verwandelt. Grau sind auch der Fels und der Himmel. Aber wir haben nicht gewußt, daß es so viele Abstufungen von Grau geben kann, von zartesten Beige­tönen bis zu Blau und mattem Silber. Plötzlich löscht eine Regenböe das Far­benspiel. Langsam kommt der Abend. Wir sitzen in einer kleinen Gaststätte und trinken ein Glas „Cidre“, den schäumenden Apfelwein, die Spe­zialität des Landes, die an Astis­pumante erinnert. Das Getränk schmeckt sehr gut zu dem Fisch­gericht, den „Limandes“, einer Schollenart.

Die Nacht in dem kleinen Ho­telzimmer, das einem Turmge­mach aus dem Märchen ähnelt, ist von Regen durchrauscht. Nur ab und zu tritt der Mond aus den Wolken; dann sehen wir tief drunten am Strand, daß die Flut ging, wie sie gekommen war. Im rötlichen Morgenlicht liegt wie­der ein breiter Sandgürtel um diese Insel, der bis hinüberreicht zu dem andern Eiland, Tombe- laine geheißen. Man sollte es we­gen der plötzlich aufsteigenden Nebel und dem gefährlichen Flug­sand nicht ohne Führer aufsuchen. Doch dazu bliebe uns heute so­wieso keine Zeit. Wir kehren noch inmit­ten des Dorfes in der Pfarrkirche ein, wie das jetzt wieder viele Wallfahrer tun. Ihr Inneres besteht aus demselben un­verputzten Granit wie alle Häuser des Ortes. Uralt wirkt so der Bau, dessen einziges Schmuckstück eine silberne Sta­tue des Erzengels Michael ist. Noch ein­mal umschreiten wir einen Teil der In-

Aufgang zu den Klosterbauten

sei, diesmal aber auf den Zinnen und Mauern der Bastionen, eine Wanderung mit überraschenden Ausblicken über das Meer, in Turmverließe und malerische Winkel. Hoch über dem Häusergewirr aus dem 15. Jahrhundert aber steht die Abtei mit dem Spitzenwerk ihrer goti­schen Kirche. Sie scheint gleich einer rie­sigen Krone dem Felsen aufgesetzt.

Als uns der Wagen wieder dem Fest­land zuträgt, steigt hinter uns über dem Sand und grellrotem Mohn steiler und steiler 152 m hoch über dem Meere der schlanke Pfeil des Abteiturmes in den Himmel empor. Und als die Morgensonne auf der Turmspitze jetzt golden auffun­kelt, scheint es, als schleudere St. Michael, der da oben mit gezücktem Schwerte Wa­che hält, blendende Blitze weithin über das normannische Land und das unend­liche Meer.

friedliche Eiland zu verschlingen drohen, stoßen auf den energischen Widerstand der Einwohner, der Geschäftsleute, Laden- und Barbesitzer, die unter Ausnutzung einer großen Vergangenheit ein glänzendes Touristengeschäft machen und sehr daran interessiert sind, den glänzenden Ruf ihres Ortes zu erhalten.

Es ist schlwer, die wahre Atmosphäre des Village von der Touristan-Mache zu tren­nen, Delikateßwarenhändler, Taxichauf­feure, Beamte und Rechtsanwälte lassen sich wie Künstler einen Bart stehen, wer­fen’ sich in. das unvermeidliche Samtjak- kett und zeigen in den FreilächtaiussteJlun- gen auf dem Washington - Square ihre

NOBELPREISTRÄGER IN LINDAU . Weltberühmte Gelehrte in Reih und Glied, in der Mitte der Ehrenprotektor, Graf Lennart Bernadotte , bei der Unterhaltung über einen — Schokoladenmaikäfer; ein heiterer Schnappschuß, der sieben von zehn auf der Tagung anwesenden .Nobelpreisträgern traf. Von rechts nach links: Professor Hahn, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft , der Isotopenforsdier Professor Soddy-England, der Biochemiker Professor Butenandt-Tübingen, Graf Bernadotte, Frau Joliot-Curie, Professor v. Euler- Chelpin , gebürtiger Augsburger und Mitglied des Nobelkomitees, Professor Kuhn-Heidel­berg und Professor Alder-Köln. . Privataufnahme

Ein Marschall anf politischen Abwegen

Juin löste neue Sensation aus — „Er soll seinen Marschallstab zurückgeben“

Marschall Alphotise Juin löste in fran­zösischen politischen Kreisen eine neue „Sensation“ mit der Erklärung aus, Frankreich werde nicht zögern, aus der UN auszutreten, wenn die Vereinigten Staaten kein Verständnis für die Lage Frankreichs in Nordafrika aufbringen. Der Marschall war erst kurz vorher von Ver­teidigungsminister Pleven zur Ordnung gerufen worden, weil er, wie gemeldet, in einer Rede in Verdun die Beisetzung Marschall Petains auf dem Heldenfried­hof gefordert hat. Pleven schrieb Juin , daß politische Stellungnahmen von akti­ven Offizieren der vorherigen Zustim­mung des Verteidigungsministeriums be­dürften.

Der Pariser „Combat“ (unabhängig), schreibt am Freitag zu den letzten Äuße­rungen Juins : „Handelt es sich um eine mündliche Entgleisung des Marschalls oder um reichlich überlegte Ausführun­gen, die eine allgemeine Einstellung wi­derspiegeln? Zu dieser Frage, die man sich in Washington und London stellt, hat Pinay am gleichen Tage, an dem die Rede gehalten wurde, erklärt, daß' der Marschall vor einem privaten Kreise gesprochen habe und daß einige seiner Ausführungen entstellt wiedergegeben worden seien.

Die Ausführungen eines Marschalls von Frankreich über politische Probleme bin­den gewiß nicht die französische Regie­rung, aber sie werden deshalb in Anbe­tracht der Bedeutung dessen, der sie aus­spricht, nicht weniger Gegenstand ernst­

hafter Kommentare sein. Der Marschall hat Dinge gesagt, die zumindest 350 Ab­geordnete nur heimlich zu denken wagen, und denen die große Mehrheit der Fran­zosen laut zustimmt. Drückt nicht außer­dem der Marschall durch säine Forderung, Frankreich müsse die beste Armee der Welt besitzen, die Meinung General de Gaulles aus, der die Schaffung einer na­tionalen Armee will und deshalb diese europäische Verteidigungsgemeinschaft ab­lehnt, für deren baldige Ratifizierung keine Bereitschaft zu bestehen scheint?“ Der linkssozialistische „Franc-Tireur“ schreibt zu der Rede Juins unter der Überschrift „Er soll seinen Marschallstab zurückgeben“, und mit Bezugnahme auf die Unterredung, die der Marschall mit Ministerpräsident Pinay hatte: „Juin hat sich noch einmal aus der Affäre gezogen, denn seit Clemenceau gibt es in Frankreich niemand mehr, der mit Militärs zu sprechen versteht. Weshalb hat man die­sen Mißbrauch treibenden Marschall nicht seinen Marschallstab zurückgeben lassen, den er heute dazu benutzt, um auf die Regierung einzuschlagen? Weshalb hat man ihn nicht im Rang zurückversetzt, wie man es kürzlich in den USA mit den Generalen von Koje, Dodd und Colson tat? Auf diese Weise hätte man einen Irr­tum wieder ausgeglichen, den man, wie in Regierungskreisen versichert wird, mehr und mehr bedauert, den nämlich, Frank­ reich wieder einen Marschall gegeben zu haben, den es wirklich nicht brauchte.“

Seltsam und heiter

Die Kapsel

Eine Sehenswürdigkeit inj Dörfchen Houston in der englischen Grafschaft De- vonshire ist folgende Inschrift auf dem Grabstein eines Uhrmachers: „Hier ruht horizontal die äußere Kapsel des Uhr­machers George Routleigh. Ehrlichkeit war die Triebfeder und Geschicklichkeit der Regulator seines Handelns. Nie ging er verkehrt. In einer imglücklichen Mi­nute kam sein Dasein zum Stehen. Er wurde aufgezogen in der Hoffnung, von seinem Schöpfer empfangen, gereinigt, repariert und wieder in Gang gesetzt au werden.“

Resignation

Da seine fünf Jungen — von denen der älteste dreizehn ist — nicht davon abzu­bringen sind, sein Telephon für ihre per­

sönliche Unterhaltung zu benutzen, hat sich Mr. Hai Dickinson in Cincinnati (USA ) einen zweiten Anschluß zugelegt, der im Telephonbuch folgendermaßen verzeichnet steht: „Rufnummer für die Kinder von Mr. Diddnson“.

Winke-Wlnke

Wenn ein amerikanischer Automobilist seinen Arm aus dem Wagen streckt, so kann das nach der Umfrage eines New Yorker Autoclubs folgendes bedeuten: Links abbiegen, Zigarettenasche abklopfen rechts einbiegen, den Begleiter auf die schöne Landschaft aufmerksam machen nachprüfen ob es regnet, einen Bekann­ten grüßen, ein Streichholz wegwerfen oder falls der Fahrer eine Dame ist, durch den Fahrwind den frischen Nagellack trocknen lassen. 1

für Haus­und

Küchengerät

für stark verschmutzte Arbeitswäsche

macht’s

Pfennig

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