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WEIHNACHTEN 1949

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sacht das Chcistkutd

Eine weihnachtliche Geschichte für kleine und große Leute / Von Hans Krahenpoot

Ab diese Geschichte geschah, da lagen die Läden und Warenhäuser voller Aepfel, Birnen, Apfelsinen, Feigen, Nüsse und noch viel schöneren Sachen. Die Schaufenster­scheiben schienen sich schier nach außen zu biegen. Aber alle diese schönen Dinge ko­steten viel Geld. Das war beinahe so wie heute, obwohl Deutschland damals noch keine Zonengrenzen hatte. Und Geld, wißt ihr, Geld hatten die meisten Leute nicht

In dem Jahr, als Peter acht Jahre alt war. befürchtete er, das Christkind könnte ihn vergessen. Er beschloß, es vorher aufzu­suchen. Peters Eltern wohnten in einem großen, grauen Mietshaus, sechs Treppen hoch. Als Peter das Treppengeländer run­terrutschte, sah ihn die Liese. Liese war zehn Jahre alt und wohnte zwei Treppen tiefer. „Wohin willst du?“, fragte sie, „für die Straße ist es heute viel zu kalt“

„Christkind suchen“ sagte Peter kurz.

Liese lachte. „Christkind gibt es nicht, Peter.“ Die Liese wollte immer alles besser wissen.

„So, und wenn es unser Lehrer gesagt hat?“, trumpfte Peter gegen sie auf. „Ach, der“, erwiderte sie, „der hat euch auch vom Osterhasen erzählt“.

„Osterhasen sind ganz was anderes“, ver­teidigte Peter sich und seinen Lehrer. Da sagte die Liese beleidigt: „Von mir aus geh doch, du wirst schon sehen wer gelogen hat.“

Und Peter ging. Um die Straßenecke pfiff ein nadelscharfer Wind und Peter überlegte schon, ob die Liese, die Hippe, nicht doch recht habe, denn dann hätte er umkehren können, der Wind biß ihn tüchtig in die Backen. Aber dann sagte sich Peter, er wolle auch mal recht haben und nicht immer die Liese. Darum zog er seine Mütze ganz weit ins Gesicht, steckte die Hände tief in die Hosentaschen und marschierte den Straßenbahngleisen nach.

Die Straßenbahnschienen bogen in eine Straße hinein, die ganz hell von Licht war und durch die Menschen so eng zusammen­gedrängt gingen, daß sie wie eine lange schwarze Schlange aussahen. Da staunte Peter, wie das in den Schaufenstern von Gold und Silber glitzerte und blitzte.

Es war dem Peter sofort klar, daß in die­ser Straße das Christkind wohne. Aber wie sollte er es finden? Als er noch überlegte, bekam er einen Stoß in den Rücken und flog in die Menschenschlange hinein und die trug ihn von Schaufenster zu Schau­fenster und jedes Schaufenster war schöner als das vorherige, in einigen Schaufenstern waren richtige Märchen ausgestellt Zuletzt dränge ihn die Menschenmenge in ein großes Warenhaus hinein, an dem großen Portier vorbei, der wie ein Weihnachtsmann aussah. Da war Peter wie im Himmel und die Verkaufsfräulei'n sahen wie richtige JSpgel aus, denn sie hatten Flügel an die Schultern geschnallt

Von der Menschenschlange wurde Peter hin- und hergetragen, von Abteilung zu Ab­teilung, von Etage zu Etage, durch das Cafä,

wo er Hunger bekam, bis in den Spiel­warenraum. Hollala. sagte sich Peter, hier wohnt ja das Christkind! Wenn jetzt die Liese da wäre.

Peter ging von Verkaufstisch zu Ver­kaufstisch. Von einem Tisch hob er eine blanke Lokomotive herunter, um sie ganz nahe zu betrachten. Da faßte ihn eine große Hand in den Nacken und zog ihn mit sich fort Bum! schlug eine Tür hinter ihm zu. Die Hand im Nacken gab Peter einen Schubs. Peter flog vor einen Tisch und wie er aufguckte, sah er ein bleiches Fräulein, das vor einer Schreibmaschine saß. Der Mann, zu dem die Hand gehört sagte: „So ’ne Kröte. Klaut eine Lokomotive. Aber warte, Bürschchen, dir wird das Stehlen schon vergehen!“ Dieser Mann war der Hausdetektiv für die Spielwarenabteilung

Peter kriegte fürchterlich Angst. Er hatte noch immer die Lokomotive in der Hand. „Ich wollte sie nicht wegnehmen!“ vertei­digte er sich, „ich wollte bloß das Christkind suchen“.

Da sagte der Detektiv ganz wütend: „Nun halte mal die Luft an. Christkind suchen, lächerlich. Spitzbuben seid ihr alle zusam­men!“ — „Schreien Sie bitte nicht so“, sagte da das Fräulein.

„Wie?“ fragte der Detektiv. Dann ging er zur Tür, riß sie auf und sagte ärgerlich: „Dem werde ich schon ein Christkind schicken!“ und ging hinaus, indem er knallend die Tür hinter sich zuschmiß.

Er drängte sich -zwischen die Menschen und ließ sich von dem Menschenstrom aus dem Kaufhaus tragen, in die Straße hinein.

„Wo warst du?“ fragte ihn der Vater, als Peter am späten Abend nach Hause kam.

„Ich habe das Christkind gesucht“, sagte Peter. „Unsinn!“ knurrte der Vater.

Der Mutter tat es einen Stich ins Herz. „Peter“, sagte sie, „das Christkind war ja hier, als du fortwarst. Es hat dir einen Teller voll Leckerem gebracht. Guck!“ Sie führte ihn in das Schlafzimmer hinein, wo an Peters Bett wahrhaftig der Teller stand. Er war ganz bunt „Den hat das Christkind gebracht und du hast das alles nicht ge­kauft?“ fragte Peter mißtrauisch.

„Den hat das Christkind gebracht“, sagte die Mutter und wunderte sich über ihren Peter. „Da hat die Liese gelogen?“ fragte Peter weiter, „sie hat gesagt, es gibt kein Christkind!“

„Der Liese mußt du nicht glauben“, sagte die Mutter. „Aber warum ist nicht das

Flugzeug dabei, das ich mir gewünscht habe?“ fragte Peter und sah die Mutter an.

„Du weißt doch Peter“, erwiderte die Mutter und war ein bißchen verlegen, „der Papa hat nicht immer arbeiten können und überhaupt geht das Christkind in diesem Jahr nur zu den Reichen.“

„Ich weiß, zu den armen Jungen kommt ein Polizist Jetzt hat die Liese doch wieder recht.“ Peter war traurig, und obwohl er sich wieder mächtig zusammenriß, damit die Tränen nicht in seine Augen steigen sollten, liefen sie ihm doch die Backen hin­unter. Die Mutter hob ihn in die Arme. „Aber Peter“, sagte sie, „ein Junge weint doch nicht Nur Mädchen weinen.“

Da machte die Mutter ein furchtbar ernstes Gesicht, drückte Peters Kopf ganz fest an ihre Brust und sagte: „Peter, das wirst du noch früh genug erfahren. Jetzt nimm dir erst deinen Teller vor..“

„Lauf schnell weg!“ sagte das Fräulein „Und wenn die Liese immer recht behält leise. „Er holt einen Polizisten!“ Da schlich und ich nie?“ schluchzte Peter, und warum Peter leise wie eine Maus aus dem Zimmer. ' sind wir überhaupt arm?“

Am Weihnachts-Abend geschrieben

Der junge Goethe an Kestner (1772):

„Der Türmer hat sein Lied schon gebla­sen, der Nordwind bringt mir seine Melo­die, als bliese er vor meinem Fenster. Auf einer Brücke hielt ich still. Die düstere Stadt zu beiden Seiten, der stilleuchtende Horizont, der Wiederschein im Fluß machte einen köstlichen Eindruck auf meine Seele, den ich mit beiden Armen umfaßte Ich ließ mir Bleistift geben und Papier und zeich­nete zu meiner großen Freude das ganze Bild so dämmernd warm, als es in meiner Seele stand... Als ich über den Markt ging und die vielen Lichter und Spiel­sachen sah, dachte ich an Euch und meine Buben...“

Theodor Storms letzter Weihnachtsbrief

„Weihnachten ist vor der Tür. Im vori­gen Jahr kroch ich aus dem Bett und setzte mich im halben Fieber vor den Weih­nachtsbaum, der in einer kleinen Stube unweit meinem Krankenzimmer herge­richtet war, und Frau und Kinder weinten heimlich, weil sie mich sterbend glaubten. Diesmal ist’s doch wieder wie sonst unten in der großen Stube, und der Märchen­zweig glänzt frisch vergoldet auf dem dunklen Tannengrün.“

Ntrlke an seinen Freund Hartlaub (1844):

„Bester Freund, als ich heute nachmittag um 2 Uhr in der schönen Winterluft auf dem reinen, stubenbodenartig festgefrore- nen Weg gen Neukirchen hinspaziert und drüben auf der Wachbacher Chaussee die Post nach der Stadt zu rollen hörte (ich kenne diesen dumpfen Ton, der immer um dieselbe Zeit zu hören ist, schon von ferne so gut), dacht ich - Es ist doch eine schöne Sache um diese rasche und präzise Kom­munikation der weiten Welt! Der Postil­lon da mußte in der Heiligen Nacht Schlag zwölf Uhr zu Heilbronn sich so gewiß wie am profansten Wochentag in seinen abse- rutschten Sattel werfen und so den besten Teil des Tages, an welchem doch die ganze Christenheit gemeinen Werkes los und ledig ist. en suite forthotten, damit ja der und jener seine Zeitung. Spesen. Korrek­turbogen u dergl. auf die Stunde richtig habe. Daß aber für mich ein Brief, und zwar einer der entscheidendsten, die ich je in meinem Leben erwartete, in diesem gelben Kasten stecken könne, das kam mir nicht von weitem in den Sinn: denn solche Schnelligkeit grenzt fast an Zauberei — und vollends ein Brief des Erwünschten "

Friedrich Hebbel an Elise Leasing (1839'

„Weihnachtsabend 1839. Es ist 4 Uh’ nachmittags, der Regen saust. Sonnenstrah­len fallen hindurch, ein Frühlingswetter Ich komme eben aus der Stadt zurück unc" habe mir Novalis ’ Schriften geholt. Kaffe' steht auf meinem Tisch, die aufgeschlagene Bibel und meine Judith liegen vor mir, und

seit drei Jahren zum erstenmal wieder werd’ ich diesen Abend auf eine schöne Weise feiern Ich habe ein Gefühl, als hätt’ ich ein Recht zur Freude, und dann bleibt die Freude selbst nicht aus; in meiner Kammer stehen die Puppen, Nüsse usw. für die beiden kleinen Mädchen tm Hause Ein paar Stunden später. Mein eigner Geist hat mir noch schnell ein schönes Weihnachtsgeschenk gemacht, eine Szene an der Judith.“

Wilhelm Grimm

Zusammen mit seinem Bruder Jacob be­arbeitete Wilhelm Grimm das „Deutsche Wörterbuch “, die „Deutschen Sagen “ und die „Kinder- und Hausmärchen “. Daß diese, ein wahres Volks- und Kinderbuch gewor­den sind, danken sie zumeist dem Erzähler Wilhelm Grimm , der den naiven Märchen­ton — allen Romantikern darin weit über­legen — traf.

Rosa Luxemburg : Brief aus dem Gefängnis an Luise Kautsky (1915):

„Geliebte Lulu! Daß Du und Hans für mich ein Christklndle gestiftet und Euch noch so viel Mühe damit gemacht habt, hat mir sehr warm ums Herz gemacht. Ich habe es ja noch nicht, freue mich aber im voraus auf alles und danke Euch tausendmal. Ich erinnere mich an die paar schönen fröhl­ichen Abende in Halensee , wo wir mit °!urer Bande unter dem Tannenbaum so ’ustig waren. Nächstes Jahr sitze ich viel­leicht zufällig nicht im Loch und die Welt rieht vielleicht zufällig noch, wenn auch nur auf einem Bein — dann werden wir ins wieder versammeln. Bis dahin aber sehen wir uns sicher und oft noch. Auch

hier kannst Du mich noch im Januar wahrscheinlich sehen, wenn Du selbst erst darum einkommst (schriftlich) und wenn Du die Enttäuschung nicht fürchtest Du hast keine Ahnung, wie ich mich danach sehne, mit Dir auf dem weichen breiten Sofa zu .sitzen und zusammen zuzuhören, wenn uns Hans was Gutes vorspielt.

Morgen ist Figaro bei Euch! Siehst Du, ich bin unverbesserlich, in nichts ,umge- lemt*. ,Nord und West und Süd zersplit­tern, Throne bersten, Reiche zittern* — und ich denke an Figaro. Ja, und füttere fleißig Kohlmeisen und Elstern. Den letz­teren — mein einziges Auditorium — bringe ich die weltumstürzendsten Ideen und Losungen bei und lasse sie dann wie­der losflattern.“

Arvid Harnacks letzter Brief vor seiner Hinrichtung (1942):

„ Meine Lieben!

In den nächsten Stunden scheide ich aus dem Leben. Ich möchte Euch noch einmal für alle Liebe danken, die Ihr mir erwiesen habt, gerade auch in der letzten Zeit Der Gedanke an sie hat mir alles Schwere leicht gemacht. So bin ich ruhig und glück­lich. Auch denke ich an die gewaltige Na­tur, mit der ich mich, so verbunden fühle. Heute morgen habe ich laut vor mir herr

gesagt: .

,Die Sonne tönt in alt^jr Weise.. .*

Vor allem aber denke ich daran, daß die Menschheit sich im Aufstieg befindet Das sind die drei Wurzeln meiner Kraft

Heute abend werde ich noch eine kleine r Vorweihnachtsfeier veranstalten, indem ich mir die Weihnachtsgeschichte vorlese. Und dann kommt der Moment des Scheidens.

Gern hätte ich Euch alle noch einmal ge­sehen, aber das geht nun leider nicht Meine Gedanken sind aber bei Euch allen, und ich vergesse dabei keinen. Das muß je­der fühlen, besonders Mutter.

Seid alle noch einmal umarmt und ge­küßt von Eurem Arvid.

Weihnachten müßt Ihr richtig feiern. Das ist mein letzter Wille. Singt dann auch: ,Ich bete an die Macht der Liebe*.“

Wer den Frieden liebt, tritt ein für die Freundschaft mit allen Völkern und be­kämpft „den Antisowjetismus, die Grund­torheit unserer Epoche“, wie ihn Thomas Mann genannt hat. die Grundtorheit, die unser deutsches Volk in den für unsere Nation und für die Welt so unheilvollen rweiten Weltkrieg stürzte. Wer den Frie­den Hebt, tritt daher offen und überall für die Freundschaft mit allen Völkern, für die Freundschaft mit der Sowjetunion und den Volksdemokratien, sowie auch mit den amerikanischen, englischen, französischen Volk ein.

Aus dem Aufruf des Deutschen Komitees der Kämpfer für den Frieden.

sich der Fünfunddreißigjährige aus dem

ie Wiener Freunde des großen Dich­ters Nikolaus Lenau waren in nicht geringer Sorge. Immer tiefer wühlte

Geschlechte der Niembsch von Strehlenau, dessen Dichtername längst den Klang des Unvergänglichen angenommen hatte, in eine auswegslose Schwermut ein.

Es war seine Erbschaft aus mütterlichem Geblüt, die des Vaters Verschwenderleben und die daraus der Familie erwachsenden Mißhelligkeiten gefördert hatten. Dazu kam die Unrast „tief im Herzen“ — jene Flucht vor einer ganz und gar verfehlten Jugendliebe und die Jagd nach einem nebelhaften Bild des Glücks — die den Sänger schließlich nach Nordamerika und bald danach, enttäuscht, in die Heimat trie­ben. In Stuttgart erwarteten ihn die alten Freunde und neuer Ruhm. Schließlich ver­liebte sich Gustav Schwabs Nichte, ein jun­ges schönes Schwabenmädchen, in den melancholischen Sänger mit dem gräm­lich herabhängenden Magyarenbart Doch Lenau , erst beseligt von dieser Gunst des Schicksals, verläßt unvermittelt Stuttgart , die Freunde wie die Geliebte. Unrastig

Das

WEIHNACHTS­

LICHT

Von Gerhart Pohl

fühlte er sich nach Wien getrieben. Dort verliebt er sich in einem jähen Sturze des Gefühls, wie er den schwermütigen Na­turen eigen ist, in Sophie, seine .hoff­nungslose Herzenssache“. Sophie ist ver­heiratet und stellt die Pflicht der Mutter über das Gefühl für den geliebten Dichter, so wild dieser auch um die Erfüllung kämpft.

Schließlich flieht er, von Höllenqualen gepeinigt, an einem dunklen Wintertage aus Wien .

Wie er durch die schneebedeckte Heide ritt, im Gefühl der eigenen Verlorenheit, als dessen Sinnbild ihm die aufflatternden und dumpf krächzenden Raben erscheinen wollten, und die Dämmerung den kurzen Wintertag ln einem Zuge ohne Halten überwältigt hatte, sah er durch das schnee­schimmernde Gezweig des nahen Waldes einen warmen Lichterschein. Darauf hielt das Pferd wie von selber. Von einer selt­samen Begegnung erfaßt, stieg Lenau aus dem Sattel und schlich dem einsamen Lichte zu. Hinter alten Bäumen verborgen, schaute er durch das Fenster in das Innere einer Jägerstube, wo ein paar glücklich« Kinder, fröhlich halb und halb ersthrok- ken, den geputzten Weihnachtsbaum im milden Lichterschein anstarrten und von bewegten Eltern die Gaben in Empfang nahmen, welche an den Zweigen hingen. Keinen Laut vernahm der Dichter durch des Hauses dichte Mauer. Doch das Fen­ster erschloß ihm das bewegte stumme Bild der Weihnachtsseligkeit Davon hin­gen bald die Tränen, wie er selbst es ge­standen hat, „als Reifperlen an den Wim­pern.“ Leise schlich er sich zum Pferd zu­rück und ritt weiter. Doch seine Stimmung war wie ausgewandelt

„Weißt du noch“ / Von Gertrud Klappath

Die Lichter am Baum waren schon ver­löscht, die Weihnachtslieder gesungen, die erste Freude am Schenken und Beschenkt­werden war verrauscht Die zwei Kleinen spielten am Fußboden. Günther, der Zwölfjährige, las in dem neu­geschenkten Buche. Etwas abgespannt und müde saß die Mutter am Tisch. Vor sich hatte sie die Photographie eines Soldaten, ihres Mannes und seine letzten Briefe. Sie las die Worte, die sie längst kannte und be-

BRÜDER!

Feinde! tönt es wie aus Märchen aus Kinderträumen her: Friede!

Und kaum zu freuen wagt sich das Herz, ihm sind näher die Tränen.

Arme Menschen wir!'

So des Guten wie des Bösen fähig,

Tiere und Götter! Wie drückt die Scham, drückt die Schmach uns heut* zu Boden.

Aber wir hoffen! Und in der Brust lebt uns glühende Achtung von den Wundem der Liebe.

Brüder! Uns steht zum Geiste, steht zur Liebe die Heimkehr und zu allen verlorenen Paradiesen die Pforte offen. Hermann Hesse

trachtete das Bild dessen, der nicht mehr wiederkam. So hatte sie es alle Jahre zu Weihnachten gehalten, das war Ihre Feier­stunde.

Der friedliche Weihnachtsabend rief in ihr Erinnerungen an ferne, glückliche Tage hervor. In Gedanken hielt sie Zwiesprache mit ihrem Mann.

Weißt du noch, wie glücklich wir waren? Wir sahen die Zukunft bis an unser Le­bensende rosarot, denn wir hatten uns lieb. Du hattest mir versprochen, mir immer ein guter Mann zu sein, und mich niemals zu verlassen. Und als unser erstes Kind ge­boren wurde, da war unser Glück erst voll­ständig. Ja, du warst ein guter Mann und zärtlicher Vater. Treu hast du allezeit ge­sorgt daß wir das zum Leben Notwendige hatten. Dein Glück war deine Familie und riein Heim.“

Die Erinnerung hatte sie so überwältigt, daß sie nicht merkte, wie ihre Gedanken zu Worten wurden. Erst als der Jüngste auf ihren Schoß kletterte, wurde sie sich dessen bewußt Einen Augenblick war sie verwirrt Aber die Kinder baten sie, weiter zu erzählen und so fuhr sie fort:

„Wir hatten keinen Sinn und kein Inter­esse für alles, was rings um uns geschah. Wir waren uns unseres Glückes so sicher. Bis der fürchterliche Tag kam, an dem es hieß „Krieg“. — Am ersten Tage schon wurde er einberufen und er ging, euer Vater. Er verließ uns, mich, seine Kinder, sein Heim, sein Glück. Er wäre so gerne geblieben,, aber er glaubte, er müsse uns uns in Polen , Frankreich , in Rußland ver­teidigen. Und ich, Kinder, ich glaubte es zuerst auch und ließ ihn ziehen.

Als mir und ihm klar wurde, daß alles Lüge war, was man uns gesagt hatte, war es schon zu spät Er war schon tödlich ver­wundet und starb bald darauf. In seinem letzten Brief schreibt er: „Ich verfluche die Stunde, die mich zum Soldaten machte und ich verfluche meine Leichtgläubigkeit, daß ich es für richtig und notwendig hielt, in den Krieg zu ziehen.“

Hier hielt die Mutter inne. Ihr Gesicht war blaß und sie atmete schwer. In die

entstandene Stille fielen plötzlich die Wort« ihres Aeltesten: „Mutti muß ich auch Sol­dat werden, wenn Ich groß bin?“ Wie mit einem Zauberschlag war die müde Traurig­keit aus dem Gesicht der Mutter ver­schwunden und mit starker, entschlossener - Stimme sagte sie ihren Kindern: „Nein, ihr müßt keine Soldaten werden.“

Euer Vater und ich haben einen schwe­ren Fehler begangen, wie so viele Mil­lionen Väter und Mütter. Wir haben ge­glaubt, wir könnten in Ruhe und Frieden leben, wenn wir nur für uns sorgten und uns nicht um andere Dinge kümmerten. Wir haben wohl aus reinem und ehrlichem Herzen den Frieden gewünscht, aber wir haben nichts getan, um ihn zu erhalten, ihn zu retten.

Heute weiß ich, und mit mir viele Mil­lionen Männer und Frauen auf der ganzen Erde, daß man um den Frieden kämpfen muß, wie um einen kostbaren Besitz. Es gibt für uns kein Glück und keine Sicher­heit, wenn nicht die Mehrzahl der Menschen in glücklichen und sicheren Verhältnissen lebt. Ihr sollt einmal nicht Soldaten für ir­gend eine schlechte Sache werden. Ich will euch lehren, für den Frieden zu kämpfen, damit euer Leben nicht so sinnlos endet, wie das Leben eures Vaters.“ >

Die Kinder .waren still geworden. Aber ab die Mutter mit ihnen zu singen begann, stimmten sie freudig ein: „Friede auf Er­den und den Menschen ein Wohlgefallen!“

Ein neues Geschlecht

von Heinrich Heine

Das alte Geschlecht der Heuchelei Verschwindet, Gott sei Dank, heut*,

Es sinkt allmählich ins Grab, es stirbt, An seiner Lügenkrankheit

Es wächst heran ein neues Geschlecht, Ganz ohne Schminke und Sünden,

Mit freien Gedanken, mit freier Lust — Dem werde ich alles verkünden.

Schon knospet die Jugend, welche versteht Des Dichters Stolz und Güte Und sich an seinem Herzen wärmt,

An seinem Sonnengemüte.

Aus „Deutschland — ein Wintermärchen“

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