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'Erscheint wöchentlich zweimal: vienstag und Freitag (die Freitag- Ausgabe mit achtseitigem illustriertem „Familienfreund") — Bezugspreis vierteljährlich in Karlsruhe oder durch die Vertreter bezogen einschließlich Zustellgebühr 1.50 IN., bei der Post 1.80kN.

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Nummer 1.

Karlsruhe, Freitag, -e« 3. Januar 1919.

34. Jahrgang.

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Neujahrshoffnung.

— 1919 . — ^

Aus des Kthers Purpurweiten Schwebt mit leisem Flüaelschlag K? Still des Jahres erster Tag -

Zu der Erde dunklen Breiten.

Trägt auf seinen weißen Schwingen Leuchtend das verheißungswort: „Frieden sei an jedem Grt, Frieden will ich wieder bringen!*

Durch der Leidensmeere Fluten Ging der Mensch - in chual und Not Würgte er sein täglich Brot,

Berghoch wuchsen'Hassesgluten.

Wahllos schlang des Todes Rachen, Panzer schützte nicht und Scbild, von dem grausen Schlachtgefild Stieg des Wahnsinns rotes Lachen.

Latz nun die Versöhnung weben Neues Band um Freund und Feind, Junges Jahr, das jetzt erscheint — Wollest uns den Frieden geben!

Gregorius.

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Jahreswechsel.

Das schwärzeste Jahr deutscher Geschichte geht zu Ende. Stolze Hoffnungen müssen wir mit ihm zu Grabe tragen — und wenn es das nur wäre! Aber der unglück­liche Krieg hat in innerer Zerrüttung geendet, und ohn­mächtig müssen wir dem traurigen Schauspiel zusehen, wie landgierige Nachbarn über unseren Reichskörper herfallen, um ihn nach Lust und Gefallen zu zerstückeln. Und das Schlimmste, täglich wächst die Gefahr, daß die mühsam geeinten deutschen Stämme wieder ihre eigenen Wege gehen, daß Preußen sich in seine schon gar nickt mehr er­kennbar gewesenen historischen Bestandteile auflöst und daß em loser Trümmerhaufen übrig bleibt an der Stelle, wo ^ne gewaltige Schöpfung für die Einigkeit gewachsen zu fern schien. In Eintracht war das Volk seinen Führern gefolgt, als es im August 1914 zum Kriege aufgerufen wurde. Bald aber begann das Mißtrauen fick, zu regen im deutschen Mutterboden. Das Parteiwesen schoß upprg und immer üppiger in die Halme, und wer da etwa geglaubt hatte, wir würden uns im Unglück schon wieder ^iEMenffnden, nur die Entfaltung unserer kriegerischen starke nage an der Beständigkeit unseres Gemeinschafts­gefühls, der muß setzt verstummen. Denn der Bruderkrieg beult durch Deutschlands Gaffen. Die alten Gewalten find beseitigt: niemand glaubt, nur wenige wünschen, daß fie wiederkehren. Brot und Frieden lautete die Losung, unter der fie gestürzt wurden. Aber die Machthaber von A?ute kommen nicht dazu, für die Aufgaben zu arbeiten, fiir die fie bestimmt find. Täglich und stündlich werden fie in Konflikte verwickelt, die ihre Kräfte zerreiben, und niemals noch hat Deutschland Parteikämpfe von so ver­nichtender Heftigkeit erlebt, wie fie hier ausgefochten werden. Straßenkämpfe find keine seltenen Erscheinungen Mehr, Bürgerblut ist nicht nur in Berlin geflossen.

' Unterdessen schreitet die Entente langsam aber sicher ihren Weg. Sie braucht sich nicht mehr zu beeilen. Über alles Erwarten find ihre kühnsten Träume in Erfüllung gegangen. Österreich-Ungarn , Bulgarien , die Türkei — Begriffe von ehemals, die sich in wesenlose Anhängsel des Angelsachsentums verflüchtigt haben. Ein Tsckechenrcich, ein Slawenreich, ein Polenreich sind in der Bildung be­griffen, mit Grenzen so weit gesteckt, wie der unauslösch­liche Haß dieser Völkerschaften es nur irgend wünschen mag. Die deutsch -österreichische Republik siecht dahin, kaum daß fie gerade das Licht der Welt erblickt hat, und wenn es nach den Abfichten mancher unserer Gegner ginge, würden wir, von allem anderen abgesehen, sogar auch Ostpreußen verlieren, weil es notwendig für einen — großlitauischen Staat gebraucht sein soll. Ob Herr Wilson fick diesem wahnsinnigen Treiben seiner großen und Keinen Schützlinge entgegenwerfen wird? Bisber haben wir nur Worte gehört und die gepriesene Begeisterung fürBölker- freiheit und Menschlichkeit hat keinerlei Taten geboren. Hüten wir uns vor neuen Enttäuschungen, nach allen den bitteren Proben, die wir von dieser oder jener Beredsam­keit schon erfahren haben. Wir haben schwerlich auf lemand anders zu hoffen als auf uns selbst.

Von einer internattonalen Konferenz der Sozialisten der verschiedenen Länder ist jetzt wieder die Rede, die irgendwo in der Schweiz abgehalten werden soll, und auch in Deutschland regen sich an diese Konferenz geknüpfte Hoffnungen. Während des Krieges haben wir wenig von internattonalen Kräften verspürt, die etwas zu seiner Milderung oder Beendigung hätten beitragen können, wenig von einem Einfluß internationaler Ideen auk natio­

nale oder chauvinistische Eroberungs- und Vernichtungs­pläne. Sollte es jetzt plötzlich anders geworden sein?

Rückblick und Aushlick -- boten sie so entmutigende Bilder wie jetzt an der Schwelle des Jahres 1919. Daß j wir kaiserlos geworden find, daß wir unsere Staatsform ! verändert haben, daß das Bürgertum in seiner ausschlag­gebenden Stellung durch die Sozialdemokratie verdrängt worden ist, das alles ließe sich ertragen und müßte er­tragen werden, da daS Rad der Geschichte nun einmal nicht aufzuhalten ist. Aber bei dem Ansturm gieriger Raffer an den Grenzen müßten wir bald im Innern zur Ruhe kommen, müßten sich unverweilt Männer erheben, die den sich regenden verderbenschwangeren Gewalten den > Mut der Verantwortung entgegensetzen, soll sich eineSpurvon Hoffnungsfreudigkeil regen, sollen die guten Geister Raum gewinnen, die zur Mitarbeit an dem Neubau des Reiches berufen und notwendig find. Noch liegt ein dumpfer Druck auf den Gemütern. Wird die Nationalversammlung ihn bannen können? Wir wollen es wünschen, von Herzen wünschen. Dem Jahre des Unheils aber, 1918, wollen wir mit den Worten den Rücken wenden, mit denen Ernst o. Wildenbruch, der deutschesten Dichter einer, das Jahr 1908 in den Orkus hinabstietz:

Eine Stunde, unseres Lebens schlimme Stunde,

Geht mit dir zu Grabe, altes Jahr.

Auswärtige Politik

und öffentliche Meinung.

6 Berlin , 1. Januar. Der Wechsel im Auswärtigen Amt hat sich nunmehr vollzogen. Graf Brockdorff-Rantzau hat die Geschäfte übernommen, nachdem er 6 Jahre hindurch die deutschen Interessen in Kopenhagen wahr­genommen hat. Während der Kriegszeit waren die Auf­gaben des Gesandten in der dänischen Hauptstadt außer­ordentlich umfangreich und bedeutsam. In Kopenhagen liefen viel Fäden zusammen, die namentlich für die In­formation über Anschauungen und Absichten im Lager der Entente von Wichtigkeit waren. Dazu kamen von Jahr zu Jahr während des Krieges wachsende wirtschaftliche Auf­gaben, die eine besonders geschickte Hand erforderten. Erst nach Wiederherstellung des Friedens wird genau darüber Auskunft gegeben werden können, welche Be­deutung Dänemark für unser Wirtschaftsleben im Krieg gehabt hat. Auch die politische Haltung Dänemarks er­forderte dauernd die größte Aufmerksamkeit und die Be­ziehungen zu diesem wichtigen neutralen Staat bedurften der sorgsamsten Pflege. Es wird mit der Zeit wohl auch denen, die die Beziehungen zu den Neutralen auf die leichte Schulter nehmen zu können glaubten, klar geworden sein, welche Bedeutung auch dieser Faktor während des Krieges gehabt hat. Graf Rantzau hat es verstanden, in Dänemark eine im wesentlichen freundliche Stimmung zu erhalten, und wenn nun am Ende des für uns verlorenen Krieges auch die Dänen ein Stück vom Leibe des Reiches zu nehmen suchen, so wird es dem Vertreter unserer Interessen in Kopenhagen zu ver­danken sein, daß wenigstens die weitergreifenden Wünsche der dänischen Chauvinisten, die ja tief in das deutsche Sprachgebiet vorstoßen wollen, bei den maßgebenden Kreisen Dänemarks keinen Anklang finden.

Daß die französische Presse von vornherein gegen den Grafen Brockdorff-Rantzau außerordentlich lärmend auftritt und ihn als Mann des alten Regimes brand­markt, war zu erwarten. Es ist eine Erscheinung, die wir dauernd beobachten, wo die Franzosen in der deutschen Diplomatie einen möglicherweise zu fürchtenden Gegner sehen, greifen sie ihn mit aller Schärfe an. So ist es ihnen gelungen, z. B. die Stellung unseres Vertreters in Bern , des Gesandten von.Romberg, unhaltbar zu machen, ebenso kommt auf das Konto der französischen Angriffe die Abberufung des Prinzen Ratibor aus Madrid . Auch der scharfe Kamps, der gegen unseren früheren diplo­matischen Vertreter in Brüssel , Baron von der Lancken, in der französischen Presse geführt worden ist, liegt aus demselben Gebiete. Der' neue Staatssekretär des Aus­ wärtigen Amts wird sich der Schwierigkeiten seiner Po­sition wohl bewußt sein. Zweifellos wird es ihm auch nicht entgangen sein, wie notleidend der nationale Ge­danke in Deutschland geworden ist und wie wenig Unter­stützung die auswärtige Politik gegenwärtig in der Oeffent- lichkeit findet. Nachdem es während der ganzen Kriegs­zeit den Anschein gehabt hat, als würden die auswärtigen Dinge von unserem Volke mit dem brennendsten Interesse verfolgt, ist jetzt die Teilnahme an diesen Fragen völlig gelähmt, zum großen Schaden unseres Volkes.

Für die Friedensverhandlungen bedarf die Reichsleitung der angespanntesten Unterstützung der öffent­lichen Meinung. Der unausgesetzte Kampf, der in Eng­land und Frankreich gegen die 14 Punkte Wilson- geführt wird, die doch von den Regierungen der Entent e

mit zwei Einschränkungen als Grundlage für die Friedens­verhandlungen angenommen worden sind, sollte bei uns sorgfältig beachtet werden. Das glühende Verlangen der Franzosen nach der Rheingrenze ist in keiner Weise ver­einbar mit den 14 Punkten, ebenso wenig ihr Anspruch, Elsaß -Lothringens Anschluß an Frankreich bereits als ksit sccompli zu behandeln. Sie Hausen dort wie die Herren und zwar gewalttätig, wie es der Franzose als Sieger zu tun pflegt, mit Ausweisungen, Schulverord­nungen und wirtschaftlichen Maßnahmen. In der Entente­presse haben wir noch kein Wort des Protestes gegen die Verletzungen des Paktes gesehen, auf dem der Waffen­stillstand beruht.

Aber auch bei uns fehlt es an dem notwendigen Widerstand gegen diese gewalttätigen Uebergriffe, die unsere Stellung bei den kommenden Friedensverhand- lungeu auf das Bedenklichste schwächen müssen. Im Osten sehen wir das selbe Bild. Die Polen , die wir vom russischen Joch um den Preis von 70000 in polnischer Erde ruhenden deutschen Soldaten befreit haben, gehen in ruchloser Weise im deutschen Gebiet vor. Ihr Verlangen nach der Stadt Danzig ist geradezu grotesk unter dem Gesichtspunkt des Selbstbestimmungsrechts, denn Danzig hat nur 2 Proz. Polen in seiner Bevölkerung. Aber auch die von denselben beanspruchten Gebiete in Posen und Westpreußen sind in keiner Weise geschlossene polnische Siedlungen und haben nur zum kleinen Teil eine Mehr­heit polnischer Bevölkerung. Hier hat sich endlich die preußische Regierung zu kräftigeren Schritten aufgerafft. Ob sie noch Erfolg haben werden, steht dahin. Jedenfalls muß alles geschehen, um zu verhindern, daß die Polen vollendete Tatsachen schaffen und als Herren deutschen Gebiets vor die Friedenskonferenz treten. Auch hier ist auf das dringendste zu wünschen, daß unsere öffent­liche Meinung sich regt, anstatt das deutsche Recht frech und ruchlos vergewaltigen zu lassen.

Oer Aufstand -er Polen .

Es hat den Polen des preußischen »Teilgebietes" Loch zu lange gedauert. Noch ganz vor kurzem versicherten sie jedem der es hören wollte, daß fie nicht daran dächten, vollendete Tatsachen zu schaffen, sondern daß fie die Ent­scheidung über ihre Ansprüche unter allen Umständen der Friedenskonferenz überlasten wollten. Da kam Herr Paderewski , der Klcwierlöwe, ins Land, und seine Musik scheint den Herrschaften in der Residenzstadt Posen - ganz und gar die Köpfe verwirrt zu haben. Uber Nacht batten sie sich eines anderen besonnen: es müßte losgeschlagen werden, gleich und sofort. Und es wurde losgeschlagen. Irgendein beliebiger Vorwand war mühelos geschaffen oder gefunden, und — unglaublich aber wahr: die deutsche Provinz Posen hat aufgehört zu existieren. Ob sie bereits in aller Form zum Polenreich geschlagen worden ist oder ob diese letzte Verfügung über fie noch aufgespart wird, läßt sich im Augenblick noch nicht feststellen, da die Polen den Nachrichtenverkehr von und nach der Hauptstadt des Landes vollkommen beherrschen. Soviel ist aber gewiß: fie sind die ausschließlichen Herren der Lage, und wenn wir jetzt noch etwas erreichen wollen in unserer Ostmark, so werden wir verhandeln oder — handeln müssen.

Es hat keinen Zweck zu jammern über diesen Rechts­bruch, der sich da vor unseren Augen vollzogen hat. Hin­zuweisen auf die Segnungen deutscher Kulturarbeit, die den Polen in noch höherem Grade zugute gekommen sind als unseren eigenen Stammesgenoffen, auf die Befreiung ihrer Landsleute im Russischen durch Ströme deutschen Blutes, oder gar auf die Unersetzlichkeit des Verlustes, durch den das ganze Reich und seine Ernährung bedroht ist, wenn diese Korn- und Kartoffelkammer des Ostens in andere Hände übergeht. Die Polen denken nur an ihre Interessen, an sonst nichts in der Welt. Und daß wir uns gerade darin von ihnen haben überlreffen lasten, damit lieferten wir uns ihrer überlegenen Realpolitik aus. Mußte es nicht ihr Machtbewußtsein über die Maßen verstärken, wenn fie immer nur mit der Stirne zu runzeln brauchen um sofort zu erleben, daß ein oder mehrere Beauftragte nach Posen eilten und bei den Herren von der polnischen Nebenregierung um gut Wetter baten? Mit der Einsetzung eines Prooinzialernährungsamtes fing die Losreißung an; die Berliner Instanzen genehmigten diese Eigenmächtigkeit und glaubten etwas erreicht zu haben, als fie für das Zu­sammenarbeiten dieser Behörde mit der Zentralstelle einige Richtlinien vereinbart hatten. Schrittweise drangen die Polen dann weiter vor. Der Heimatschutz, der Grenz­schutz, nichts wollten fie sich gefallen lasten. So ist es gekommen, daß die ganze große Provinz militärisch so gut wie verlassen war. Nur in Posen selbst machte sich endlich, endlich eine Gegenbewegung bemerkbar. Das Deutschtum der Provinz begann sich zu organisieren und laut und deutlich seine Stimme zu erheben. Aber es scheint schon zu spät gewesen zu sein. Im Lande selbst fand es zwar ein vielfaches Echo und die deutschen Soldaten der Provinz nahmen den Weckruf ihrer führenden Männer und Frauen lebhaft auf. bereit, für ihr Volkstum und für ihr Vaterland auch auf der heimischen Scholle zu