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Nummer 28, Seile 2

DER START

Donnerstag, 13. Juni 1946

Schwetzinger Schlofetheater

Die lugend, Deutsch­lands gi öh'e Hottnung

Fortsetzung von Seite 1

„durch Plan und Willen des Führers begründetes deutsches Recht“, das sich über jedes Menschenrecht skru­pellos hinwegsetzte, das jedes gött­liche Recht schändete, das Gesetz und Justiz zur Dirne machte. Wohin die­ses Recht führte, ist heute jedem offenbar. Jugend hat ein sich nicht immer mit dem Juristischen decken­des, im Kern aber sehr sicheres Emp­finden für Recht und Unrecht, sie weiß, daß der Nazismus Herrschaft der Willkür und des Unrechts war.

Aus diesem sicheren Empfinden für Recht und Unrecht aber lehnt Ihr Euch heute dagegen auf, als schu’dbelastete und verlorene Gene­ration angesehen zu werden. Es ist nicht Euere Schuld, daß der Nazis­mus in Deutschland herrschend wurde, daß man Euch ins Jungvolk und die HJ zwang, daß Ihr als Kin­der und junge Menschen begeiste­rungsfähig wart und denen glaubtet, die unter raffiniertem Appell an Euer bestes Empfinden Euch falsche Wege führten, Euere Unerfahrenheit dazu benutzten, Euere Urteilsfähig­keit zu verwirren und Euch Solche Wege zu führen. Freilich, auch Ihr mußtet schließlich begreifen — „an ihren Früchten sollt ihr sie erken­nen“ — daß Deutschland in den Ab­grund geführt wurde. Ihr hattet Denkfähigkeit und mußtet sie, Theo­rie und Praxis vergleichend, anwen­den. Aber nicht an Euch, die man mit 16—17 Jahren schließlich in die Armee steckte, war es, einen Um­schwung herbeizuführen. Von den Einzelnen abgesehen, die Sich zu Schuldhaftem verleiten ließen, liegt auf der deutschen Jugend keine Schuld.

Man darf Euch auch keiner Schuld zeihen, wenn die meisten von Euch sich heute noch keiner Partei an­schließen, sondern sich erst ein Ur­teil bilden wollen. Daß Ihr nicht parteigebunden sein wollt, berechtigt niemand zum Vorwurf. Berechtigte Vorwürfe aber träfen Euch, wenn Ihr unpolitisch sein wolltet.

Politik stammt von politeia und bezeichnet das Bürgerrecht, weiter gefaßt das Recht zur Teilnahme des Volkes an allen öffentlichen Angele­genheiten und die Kunst, sie im eigenen Lande wie in den Beziehun­gen zu anderen so zu führen, daß sie dem allgemeinen Wöhle dienen.

Ein Dutzend Jahre lang sind sie in Deutschland in krassester Weise zum Nachteil des eigenen Landes und dem des Auslandes geführt wor­den, weil Politik- nicht von den er­wählten Vertretern des Volkes, son­dern von einem Diktator und einer Verschwörergruppe unter Mißach­tung des Volkswillens „gemacht" wurde. So sagte sein Propagandist Goebbels : „Der Führer hat uns nicht berufen, damit wir ein leichtes Le­ben haben, sondern um Geschichte mit uns zu machen.“ Nun, er hat

Geschichten mit uns gemacht, nach denen Deutschland nicht mehr wie­derzuerkennen ist.

Wir stehen in einem neuen Be­ginn, bei dem es um Euere Zukunft geht. Wir Älteren können nur neue Fundamente schaffen, einen Rohbau errichten. Der Aufbau, die Verschö­nerung, die Vollendung liegen bei . Euch. Um aber ausbauen und ver- j vollkommnen zu können, müßt Ihr Euch mit allen Angelegenheiten des ! öffentlichen Lebens und mit jener i Kunst vertraut machen, die Politik heißt. General Lucius D. Clay nannte ; alle Behauptungen, die ehemaligen ' Angehörigen der HJ seien eine ver- J lorene Generation,' ein leeres Ge­schwätz. General McNarney bezeich- nete die heranwachsende, mit neuen Idealen erfüllte Generation als künf­tige Ausübende der Regierungsfunk­tionen. Kein Einsichtiger widersetzt sich grundsätzlich dem immer nach­drücklicher erhobenen, immer mehr Widerhall findenden Verlangen nach einer Amnestie für die Jugend. Je mehr Ihr Euer ernstes Wollen er­kennen laßt, am öffentlichen Leben teilzunehmen, nach den Grundsätzen der vier großen Freiheiten, um so eher wird Euch die Berechtigung dazu uneingeschränkt zugebilligt werden.

An allen öffentlichen Angelegen­heiten sollt Ihr teilnehmen. Tausend Fragen sind Euch damit gestellt, über die Ihr naehdenken und zu denen Ihr Euch äußern sollt. Viel ist dar­unter, was Euch ganz unmittelbar angeht: Schule, Universität, Berufs­aussichten. Was haltet Ihr für ange­bracht, Simultan- oder Bekenntnis­schule? Seid Ihr für Trennung von Kirche und Staat oder nicht? Der vorläufigen Volksvertretung für Nord-Würtemberg und Nord-Baden liegt ein Verfassungsentwurf vor, der Euch durch die Presse bekanntgege­ben worden ist und später die Ver­fassung werden soll, unter der Ihr zu leben habt. Informiert Euch und gebt Eure Ansicht kund. Geht in die politischen Versammlungen aller Parteien und bildet Euch aus Ver­gleich und dem, was Ihr in der Pra­xis seht und hört, Euere eigene Mei­nung. Kümmert Euch um das, was auf kulturellem Gebiet vor sich geht und äußert Euere Gedanken dazu. Lest die Zeitungen und interessiert Euch für das, was sich in der Welt ereignet. Seid vielseitig interessiert und politisch. Politik verdirbt nicht den Charakter. Sich um das öffent-, liehe Geschehen kümmern, darüber naehdenken und Stellung dazu neh­men, gibt Charakter. „Es bildet ein Talent sich in der Stille, doch ein Charakter in dem Strom der Zeit."

Wir, die wir Deutschlands größte Hoffnung in der Jugend sehen, wol­len Euere lebendige Teilnahme am demokratischen Aufbau des neuen Deutschland . Schreibt uhs, was Euch bewegt, was Ihr begrüßt, wogegen Ihr Euch wehrt .„Der Start“ ist Eure Zeitung. Macht in dem gekennzeich­neten Sinne Gebrauch von ihr.

W. Schwerdtfeger

Festspiele im

Dgr berühmte Schwetzinger Schloß­garten, oft „Klein-Versailles" genannt, und mit ihm das ganze Kulturgebiet im weiten Umkreis, erleben m diesem Jahr nach langer Unterbrechung wie­der einen festlichen Musik- und Thea­tersommer. In dem reizvollen Rokoko­theater des Schlosses veranstalten in der Zeit vom 15. bis 30. Juni das Nationaltheater Mannheim und das Stadttheater Heidelberg gemeinsame Festspiele mit einem Programm, das selbst nach Vorkriegsbegriffen als besonders erlesen bezeichnet werden darf. Neben Mozart („Don Juan", „Figaros Hochzeit "), Richard Strauß („Ariadne auf Naxos "), Offenbach („Orpheus in der Unterwelt “), Rossini („Barbier von Sevilla ") kommen mit Orff („Die Kugel", Erstaufführung)

und Strawinsky („Geschichte vom Soldaten") auch Vertreter der moder­nen Oper zu Wor.t. Die Aufführungen werden von H. Köhler-Helffrich (Hei­ delberg ) und M. H. Fischer (Mann­ heim ) inszeniert. In die musikalische Leitung teilen sich der Mannheimer Generalmusikdirektor Richard Laugs , der Heidelberger Musikdirektor Dr. Fritz Henn, die neben Wolfgang Fort- ner auch einige Konzerte dirigieren, sowie J. Popelka.

Mit diesen Festspielen wird eine Tradition fortgesetzt, deren Anfänge wohl bis in die Zeit nach dem Drei­ßigjährigen Krieg zurückgehen, und es ist erfreulich, daß das zweihun­dert Jahre alte Schloßtheater nicht nur den Krieg überstanden hat, son­dern auch seinem ursprünglichen

Zweck wieder dienen kann. Die Fest­spiele versprechen ein Ereignis im regen Kulturleben Südwestdeutsch­lands zu werden und verdienen dar­über hinaus die Beachtung der gan­zen deutschen Kunst- und Musikwelt.

D.

(Archiv!

Serenade

Es träumt ein Weiher, mondlichtversilbert.

Auf weichen Schwingen Nachtfalter schweben.

Ein Marmorbildnis, der Liebe Göttin, ragt aus den Wassern und scheint zu leben.

Die weißen Glieder der holden Göttin, der anmutvollen, im Mondlicht gleißen.

Den Leib umschmeichelt, wie schönheitstrunken,

Gerank von Rosen, von rot’ und weißen.

Sang einer Flöte, voll Sehnsuchtssüße tönt durch die Stille im Windesfächeln.

Es lauscht die Göttin dem Liebesliede.

Die schönen Lippen umspielt ein Lächeln.

Der Mond, d?r alte, galante Sünder, erblickt das Lächeln und seufzet leise.

Noch singt die Flöte in heißer Werbung, in süßer Lockung, dann schweigt die Weise.

Der Mond zieht weiter auf Himmelsbahnen.

' AuS'' Sehnsuch’tsaugen die Sterne funkeln.

Der Göttin Rosen sind jugendblühend.

„Ach, du," klingt's zärtlich ganz leis* im Dunkeln.

_ W, S.

Einzel-Verkaufspieis 20 Pfennig.

„Der Start" erscheint einmal wöchentlich, Erscheinungsort Karlsruhe . Drucke Bad. Presse. Herausgegeb e,n unter SonderbewilU« gung Nr. 6 der Publications Control Mil. Gov. Det. K 4?. Verantwortlich: Walter Schwerdtfeger, Karlsruhe . Fernsprecher 4052 .

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Schwarzwälderin (Archiv)

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3)ie Freiwilligen / Von Wilhelm Esten

Schauplatz der Szene: Hübsche« Wohnzim­mer mit harmonisch abgestimmter Einrichtung. Das Fenster in der Mittelwand geht auf die Straße, von der einiger Verkehrslärm besrein- dringt.

Hildegard: (hat das Radio eingestellt, aus dem nach einigen knatternden Geräuschen •ich eine schwülstig-pathetische Stimme ver­nehmen läßt.)

Stimme im Radio: .aber grö­

ßer als unsere Erschütterung über den Unter­gang unserer tapferen Männer Ist unser Stolz auf ihren heldischen Sinn, der sie, vom Gene­ral bis auf den einfachen Mann, Schulter an Schulter bis auf die letzte Patrone kämpfen ließ. Und so tief unsere Trauer um die Tapfe­ren ist: noch stärker ist unsere Gewißheit, daß sie sich nicht umsonst geopfert haben, sondern daß Stalingrad die Wende im Ringen um Sein oder Nichtsein des Großdeutschen Reiches bringen wird. Denn das ist gewiß: Wenn im Frühjahr der Wind die Straßen im Osten wieder blank getrocknet hat, werden unter der Führung des größten Feldherrn aller Zeiten unsere sieggewohnten Heere . . .

Max: (der während der Radiosendung un­bemerkt eingetreten ist): Wollen lieber mal hören, was London noch zum Thema Stalin­ grad nachzutragen bat. (Stellt den Apparat neu ein.)

Stimme lm Radio (nach vier Gong- Schlägen): Hier ist England, hier ist England, hier ist England. Wir bringen unsern deut­ schen Hörern jetzt . . . (Stimme erstickt in plötzlich einsetzenden disharmonischen Geräu­schen.)

Hildegard (enttäuscht): Wie üblich.

Max: Na ja — Hinkemanns Störungsfeuer gegen die Wahrheit. (Stellt das Radio ab), Also wollen wir unser Glück wieder heute abefld um zwölf versuchen. Vorige Nacht batte ich nen glänzenden Empfang.

Hildegard: Was gabs heute? Habt Ihr die lateinische Arbeit geschrieben?

Max: Ja. Nun morgen noch die griechi­sche, und dann haben wir das Schriftliche ge­schafft. Acb — ich bin so hundemüde.

Hildegard: Gleich nach dem Abitur mußt du aufs Land und mal ordentlich aus- »pannen.

Max: Ja ja, ich hatte mir diese Ferien »chon seit Monaten so nett ausgemalt. Etliche Wochen in Papas Jagdhütte — durch die Wäl­

der streifen und nach dem ersten grünen Schimmer Ausschau halten — den Kranich­flügen nachschauen, die nach Norden ziehen — drunten lm Tal di© Mühlen klappern zu hören — —- —- (plötzlich mutlot). Ach — Hil­degard — weshalb sind wir in diese entsetz­liche Zelt hlnelngeborenl

Hildegard: Aber Brüderchen: Wer wild denn den Kopf hängen lassen? Komm (tritt an den Flügel und klappt ihn auf, nimmt dann eine auf dem Instrument liegende Flöte und reicht sie Max): Es gibt doch ein kleines Lied, das alle Grillen verscheucht (präludiert).

Max: Wenn es Dir Freude macht (setzt die Flöte an).

Hildegard: Und obf (beginnt zu ■ sin­gen):

Komm, lieber Mai und mache Die Bäume wieder grün Und laß mir an dem Bache Die kleinen Veilchen blühn . . .

Max (die Flöte absetzend): Wat für ein Unsinn — den Frühling anzusingen (legt die Flöte hin, wirft sich in einen Stuhl und stützt den Kopf in die Hände).

Hildegard (aufspringend): Aber, Max: Was soll denn das?

Max: Laß, laß . ..

Hildegard: (tritt zu ihm und streichelt ihm den Kopf): Nein, erst mußt du mir beich­ten. Ich denke, Zwillinge dürfen doch keine Geheimnisse voreinander haben.

Max: Wieso Geheimnisse? Die ganze Stadt weiß es ja bald, daß meine Klasse sich — freiwillig und spontan, wie da» heute heißt — zur Waffen-SS gemeldet hat.

Hildegard: Die ganze Klasse?

Max: Mit einer einzigen Ausnahme. Und die bin ich.

Hildegard: Bravo, Brüderchen. Du hast dich also geweigert.

Max: Strickte. Ich laß mich doch nicht für diese schwarze Mörderinnung keilen.

Hildegard: Dann ist der Fall doch er­ledigt.

Max: Du heilige Einfalt! Glaubst du etwa, daß ich so leichten Kaufs davon abkäme?

Hildegard: Aber, Max, man kann dich doch nicht zwingen, dich freiwillig 2 U melden. Wenn man zu etwas gezwungen wird, Ut man doch kein Freiwilliger mehr.

Max: Als ob's darauf ankäme.

Hildegard: Und was nun?

Max: Ich habe Müller erklärt, daß ich be­reit bin, mich als Freiwilliger zu einer Sani­tätsformation zu melden. Schließlich hätte ich ja vor, später Medizin zu studieren.

Hildegard : Und?

Max: Er lachte mich aus. Nachdem er seine Abiturientia geschlossen der Waffen-SS gemeldet habe, könne er mich nicht aus­nehmen..

Hildegard : Entsetzlich! Hitler soll doch in seinem „Kampf" selbst geschrieben haben, im nächsten Krieg werde es kein Langemarck geben. Er werde nie zulassen, daß achtzehn­und neunzehnjährige sich verbluten müßten?

M a x : Möglich. Aber dieser Unmensch hat so viel geschrieben und versprochen, an das man heute nicht mehr erinnern darf (ans Fen­ster tretend): Sieh da: Da kommt er $n. .Hildegard: Wer kommt?

Max: Herr Oberstudiendirektor und Haupt­mann d. R. Müller natürlich.

Hildegard: Also werden wir ihn gleich mal hochnehmen.

Max: Leider muß ich dich im Stich lassen. Ich mag diesen Menschen heute nicht mehr sehen.

Hi Idegard: So geh nur. Ich werde ihm schon die Zeit vertreiben, bis Papa zurück Ist.

Max: Nur treib's bitte nicht zu arg. Böse Hunde soll man nicht unnötig reizen. Servus! (ab).

Hildegard (setzt sich an den Flügel und spielt und singt):

Ach wenn« doch erst gelirider Und grüner draußen wärt Komm, lieber Mai, wir Kinder,

Wir bitten gar 2 u sehr.

O komm und bring uns allen Vifel liebe Rosen mit.

Bring auch die Nachtigallen Und schöne Kuckucks mit.

(Es klopft.)

Hildegard: Herein!

Müller (in Uniform, wendiger, aalglatter Fünfziger, bleibt stehen und grüßt stramm): Heil Hitler!

Hildegard: Guten Tag, Herr Oberstu- diendirektorl Darf ich bitten, Platz zu nehmen.

Müller: Danke. Aber gestatten Sie zu­nächst, daß Ich Ihnen gebührend applaudiere (klatscht ln seine Patschhände). Gan 2 hervor­ragend haben Sie gespielt und gesungen! Von wem stammt denn dieses entzückende Lied?

Hildegard: Leider Gotl sei Dank nicht von Herms Niel , Herr Direktor? wohl aber von Mozart .

Müller (setzt sich): So so. .Hildegard (nimmt ihm gegenüber Platz).

Müller: Der Herr Papa ist noch nicht aus der Fabrik zurück, hörte ich.

Hildegard,: Muß aber jeden Augenblick eintreffen. Wenn Sie inzwischen mit meiner Gesellschaft vorlieb nehmen wollen . .

Müller: Außerordentlich angenehm, gnä Fräulein. Oder darf ich sagen Fräulein Hilde­gard?

Hildegard: Ganz nach Belieben, Herr Direktor.

Müller: Schön. (Hildegard mit Kuller­augen musternd.) Aber was Sie groß und staats geworden sind, Fräulein Hildegard.

Hildegard: Na ja, daß man in meinen Jahren einen kleinen Schuß nach oben tut, ist wohl ein ganz natürlicher Vorgang.

Müller: Immerhin. Wann haben wir uns doch zuletzt gesehen, Fräulein Hildegard? Ich glaub', das ist schon eine halbe Ewigkeit her.

Hildegard: Das dürfte ein wenig Über­trieben sein, Herr Direktor. Immerhin erinnere ich mich unserer ersten Begegnung besser als der letzten.

Müller: Was Sie nicht sagen!

Hildegard : Doch, ich entsinne mich ganz genau, daß wir uns am 29. Juni 1936 ken­nen gelernt haben.

Müller (geschmeichelt): So. genau-wissen Sie das noch! -Ich bewundere Ihr pedächtriis. Was war das doch für-ein Tag: der 29. Juni 1936?

Hildegard (trocken): Peter und Paulstag natürlich. Sie hatten damals trotz Ihres vorge­rückten Alters wieder Ihre alte Leutnantsuni­form angezogen und trugen an der Seite einen furchtbar langen Degen. An diesem 29. Juni aber geriet Ihnen, als Sie bei der Haltestelle an der Goethestraße auf die Tram Züstürzten, das Schwert zwischen die-Beine und Sie schlü­gen der Länge nach aufs Pflaster (lacht los). Ulkig sah das aus. Ein Bild für die Götter.

Müller (verschnupft): So — Sie haben sich also über meinen kleinen Unfall gefreut?

Hildegard: Damals nicht Ich häb Ihnen sogar, als Sie wieder auf den Beinen waren, Ihre Uniform abklopfen helfen. Sie waren ja so verdattert.

Müller (nachdenkend): Stimmt tatsäch­lich. Und was sagten Sie damals' doch gleich?

Hildegard: Oh, ich tröstete Sie ein wenig*. „Nehmen Sie siehe nicht zu seht zu Herzen, Herr Studienrat" — Oberstudien^irek- tor sind Sie wegen Ihrer Verdienste um die Jugend erst später geworden — „Wenn schon

der Gerechte siebenmal am Tage fällt. . .* (lacht fröhlich los).

Müller : Jetzt glaub leb aber allen firn stes, daß Sie auch damals schon ein wenif schadenfroh waren.

Hildegard: Wieso? Weil mir dies« Bibelstelle gerade ln den Sinn kam? Glauben Sie mir, Sie taten mir damals wirklich ein we­nig leid. Schon Ihrer zerschundenen Händ« wegen. Aber heute — — —

Müller: Nun?

Hildegard: Heute gönne ich Ihnen den kleinen Unfall von Herzen.

Müller: So so . ..

Hildegard: Jawohl. Und noch mehr als das: Ich hasse Siel

Müller (auffahrend): So was — — — | Aber weshalb denn, wenn ich fragen darf?

Hldegard (sich ebenfalls erhebend): Muß ich Ihnen das erst noch sagen?

Müller' Aha — Max hat Ihnen erzählt

Hildegard: Ja. Und Ich finde es ge­radezu abscheulich, daß Sie junge Menschen, die eben erst bewußt zu leben beginnen, in den Tod treiben.

Mülles: Sie sind sehr spitzzüngig, mein Fräulein.

:H 11 <1 e g d-T d *: Nein, ich rede nur die Wahrheit. Und ich verstehe nicht, daß Sie, statt .auf dem Wehrbezirkskommando herum- z-usitzen, nicht den Mut aufbringen, dahin zu gehen, wohiü Sie Ihre Jungens schicken.

Müller (erregt): Das ist aber doch ein starkes Stück! Schließlich war ich doch 1914 schon als Freiwilliger dabei,

Hildegard: Faule Ausreden, Herr Di­rektor.' Das sagen nämlich alle älteren Onkels, die heute daheim Soldat spielen und in den Kkieg da vorne die Jungen schicken.

Müller:' Unerhört! Ich denke, Jedes wei­tere Wort dürfte sich erübrigen (geht mit einer gemessenen Verbeugung zur Tür).

Hagemann (eintretend): Ach sieh da: Müller! Tag, alter Knabe. Wie gehts? Schon lange gewartet?

Müilet : Gh, nicht der Rede wert,

Hagemann: Arger gehabt, altes Haus? Du glühst ja wie ein gesottener Krebs.

Müller (mit einem langen Blick auf Hil­degard): Tja-.

Hildegard: Du gestattest doch, daß ich mich entferne, Papa (geht nach einem flüchtigen Gruß an Müller hinaus).

Hagemann: So — (Müller am Arm fas- Fortsetzung Seite I

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