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S ÜDDE-UT8CHE ALLGEMEINE

Freitag, den 22. August 1947

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Veröffentlicht unter Lizenz Nr US-WB 112 Herausgeber Dr. J. Peter Brandenburg (Verlagsleitung) und Felix Richter (Chefredaktion). Verlag: „Süddeutsche Allgemeine“ Pforzheim . Telefon 2001 und 2002 Druck: Badische Presse. Karlsruhe . Waldstr. 28.

Der fliegende Landwirt

„Scientia patria humanitatis“

Dr. B. — „Die Wissenschaft ist die Heimat der Menschlichkeit.“ Der ehemalige Generaloberstabsarzt, der diesen antiken Satz seinem Schluß­wort in dem eben zu Ende gegan­genen Nürnberger Prozeß gegen Nazi-Aerzte zugrunde legte, verriet, daß er einmal humanistische Bil­dung genoß. Er verriet aber auch durch seine Beteiligung an den grau­samen Ereignissen, deretwegen er vor Gericht stand, daß er seine hu­manistische Bildung verleugnet oder vergessen hat. Er hätte sonst etwas von Prometheus wissen müssen und von seinem Griff nach dem den Göttern vorbehaltenen Feuer und von der furchtbaren Strafe, die ihm die Götter auferlegten. Nun, derar­tige Uebergriffe werden heute nicht mehr von den Göttern bestraft, son­dern von einem amerikanischen Mi­litärgericht abgeurteilt.

Die Schlußworte der Angeklagten, wie sie kürzlich in der Presse ver­öffentlicht wurden, bildeten den Ab­schluß der Beweisaufnahme, der Anklage und der Verteidigung. Was jetzt folgte, war das „Schuldig“ oder „Nichtschuldig“ und das Maß der Strafe. Es spricht für das Gericht, wenn verschiedene Angeklagte in ihrem Schlußwort, an ihrer Spitze der ehemalige Reichsgeschäftsführer des SS -Ahnenerbes, Wolfram Sie- vers, dem Gericht für die vorbild­liche Prozeßführung dankten. Das deutsche Volk und die Angeklagten dürfen daraus den Schluß ziehen, daß auch die Urteile und das Straf­maß von der gleichen korrekten Sachlichkeit bestimmt waren.

Unbelehrbar waren dagegen offen­sichtlich einige von Ihnen hinsicht­lich der Taten, deretwegen sie vor Gericht standen. Symptomatisch ist für die Schlußworte nicht die Un - belehrbarkeit — wir haben nie etwas anderes erwartet —. sondern die Pervertierung von Begriffen, die der übrigen zivilisierten Menschheit heilig sind, wie Leben. Freiheit, Menschlichkeit, Wissenschaft. Das Wort Menschlichkeit hat in diesem Prozeß und auch in den Schlußwor­ten eine bedeutsame Rolle gespielt. Es ging ja in diesem Prozeß darum, daß Menschen angeklagt waren, die Verbrechen gegen das Leben von Menschen des eigenen und fremder Völker begangen hatten, einmal um der Wissenschaft zu dienen, zum anderen um krankes Leben auszu­merzen. Wenn der frühere Leibarzt Hitlers , Karl Brandt , erklärte, daß die Tötung von Geisteskranken kein Verbrechen gegen die Menschlich­keit gewesen sei und daß aus Grün­den der Vernunft Versuche an Men­schen eine wissenschaftliche Not­wendigkeit bleiben werden, sd müs­sen wir uns die Frage vorlegen, ob unsere Begriffe von Menschlichkeit und Wissenschaft wirklich veraltet sind' und nicht mehr standhalten oder ob wir vor einer gänzlich neuen Begriffsbildung stehen. Wir glauben jedoch an den bisherigen Wert un­serer Begriffe und unserer Vorstel­lungen und sind der Meinung, daß unser Standpunkt auch heute nbch

gilt, wenn wir sagen, daß es mit Wissenschaft nichts mehr zu tun hat, sondern ausschließlich mit Ver­brechen, wenn man in ihrem Dienste diejenige Grenze gegenüber anderen Menschen überschreitet, die durch göttliches und natürliches Gebot ge­zogen ist. Wir sind weiterhin der Auffassung, daß es mit Menschlich­keit in keiner Weise zu tun hat, wenn man glaubt, kranken Men­schen die Erlösung durch den Tod geben zu können. Die Quelle, aus der be’des entsteht, ist die gleiche, die Mißachtung vor dem Leben, vor dem, was das Göttliche in jedem Menschen ist. Der Nationalsozialis­mus und seine Aerzte und Wissen­schaftler haben jenen kühnen Griff nach dem letzten Geheimnis des Le­bens gewagt. Sie haben geglaubt, dieses Geheimnis entschleiern zu können, um es in den Dienst ihrer Zwecke zu stellen, getreu dem Grund­sätze: „Was dem Volke nutzt, ist gut“.

Die Urteile über jene Aerzte und Wissenschaftler sind gesprochen. Wie schon gesagt, urteilen nicht mehr die Götter, sondern ein amerikani­sches Militärgericht, das jedoch vor dem Weltforum und dem Weltgewis­sen für sich den moralischen und rechtlichen Anspruch erheben darf, über die Taten der Angeklagten das letzte Wort zu sprechen, weil dieses Gericht im Namen aller jener Men­schen spricht, die durch die Ange­klagten in den Tod geschickt wurden.

„Ein bairisches Stück“

Dr. B. — Carl Orff hat sein Thea­terwerk „Die Bemauerin“ „ein bai­risches Stück“ genannt. Doch dieses kürzlich in Stuttgart ur- und in München erstaufgeführte „bairische Stück“ meinen wir nicht. Am Rande bemerkt: es gefiel uns. Wir meinen hier zunächst den Sonderfriedhof für Flüchtlinge in der bayrischen Stadt Laufen. Dieser Friedhof liegt in einiger Entfernung von der Stadt, getrennt vom Friedhof für Einhei­mische. Er soll nach Feststellungen von Schweizer Besuchern in einem solchen Zustande sein, daß diese ihn als Kulturschande bezeichneten. Die- 'ses “„bairische Stück“ gehört in die ‘ Reihe von Äußerungen zum Flücht­lingsproblem, die bisher aus Bayern bekannt wurden, so etwa, daß die Heirat eines Bayern mit einer Ost­preußin Rassenschande sei. Nicht ge­fallen will uns« ein anderes „bairi­sches Stück“, nämlich die Gründung einer „Bayern-Partei “. Programm: Föderalistisch, weiß-blau, paneuro- päisch, Rückführung der Flüchtlinge in ihre Heimat usw. Wenn wir schon m}t dem Theater anfingen: Es gibt wirklich ein ganz neues „bairisches Stück“. Im Beisein des Ministerprä­sidenten und des Kultusministers (nota bene: Prügelstrafe, auch ein „bairisches Stück“) hat laut Radio Stuttgart eine Theatergruppe Hof- mansthal‘3 „Jedermann“ in einer oberbayrischen 1 Mundart aufgeführt zum besseren Verständnis für die Bayern . Vielleicht aber auch deswe­gen, damit die Preußen — nämlich die Evakuierten und Flüchtlinge — es nicht verstehen.

Dr. W. M. Von fliegenden Landmes­sern sprach man schon vor 15 Jahren, fliegende Landwirte sind eine Neu­erscheinung und natürlich zunächst eine amerikanische. Einmal^^eil nur dort und in anderen Neuländern die landwirtschaftlichen Flächen groß ge­nug sind, um die Anwendung von Flug­zeugen zu rechtfertigen, zweitens aber, und das spielt eine große Rolle, sind nur hier die nötigen Flugzeuge verfüg­bar. Bisher haben die Farmer schon 600 000 Flugzeuge gekauft, wie die ame­rikanischen Blätter berichten, eine Zahl, die uns etwas hoch erscheint. Die gewöhnlichen Flugzeuge hatten allerlei Nachteile, sie sind zu schnell; wenn sie dicht Über dem Boden fliegen, ist ihre Handhabung gefährlich und schwierig, während man Autos zum Beispiel auch weniger ausgebildeten Fahrern in die Hand geben kann. Nun gibt es Appa­rate, die man mit dem deutschen Fiese- ler-Storch vergleichen kann, besonders der „Firestone“ hat sich als sehr prak­tisch erwiesen (neben „Sikorsky“ und „Bell“). Diese Apparate sind leicht zu handhaben, landen, wo man will, und können schon einen Stoß vertragen.

Worin besteht der Vorteil der Flug­maschinen in der Landwirtschaft? Nun, es ist der aller Maschinen: Ersparung von Arbeitskräften und Zeitersparung. Da gibt es z. B. im Staate Washington einen Großunternehmer der Viehzucht. Seine Weideflächen liegen bis 240 km von seiner Wohnung. Früher waren dort viele „Cowboys" beschäftigt, spä­ter wurden Autos eingeführt, jetzt fliegt der Besitzer seine Weideflächen ab, sein Erscheinen genügt, um Vieh, das , aus­brechen wollte, zurückzujagen, gleich als ob ein Hund es anbelit. In einigen Stunden hat der Besitzer seine Besich­tigung erledigt. Bei der Waldkontrolle werden jeden Monat Zehntausende von Kilometern Wald beflogen, um Wald­feuer rechtzeitig zu entdecken und damit Großschäden zu verhüten.

Mehr landwirtschaftlich im engeren Sinne ist das - B esäen der Reis­felder in Kalifornien . Letztes Jahr wurden vier Fünftel aller Reisfelder dort durch Flugzeuge besät. Die ersten

Stuttgart (ADGB ). Hier tagte der 2 . Ver­bandstag für das Post- und Fernmeldepersonal. Uber die zwei Punkte der Tagesordnung, Per­sonalpolitik bei der Deutschen Post und ak­tuelle Gewerkschaftsffagen wurde eingehend und gründlich diskutiert. Die seitherige Orga­nisationsform und deren Aufbau wurde mit überwiegender Mehrheit gutgeheißen und die alte Vorstandschaft mit kleinen Abänderungen wiedergewählt.

Stuttgart (Dena). Auf einer Tagung des Württemberglsch-Badischen Städteverbandes in Ludwigsburg forderten die Oberbürgermeister das Staatsministerium für Ernährung und Landwirtschaft auf, bei der amerikanischen Militärregierung und eilen zuständigen Stellen wegen rechtzeitiger Vorkehrungen im Hinblick auf die Transportmittellage und die Immer be­drohlicher werdenden Ernährungsschwierig­keiten vorstellig zu werden.

Stuttgart (Dena). Der Direktor der amerika­ nischen Militärregierung für Württemberg- Baden , Sumner Sewall , wird in Kürze in die Vereinigten Staaten zurückkehren. 1

Frankfurt (Dena). Bei den in Kürze begin­nenden Reisen amerikanischer Touristen durch die süddeutschen Länder der amerikanischen Zone handelt es sich nur um einen ersten Versuch, der die Grundlage für die Aufnahme des Fremdenvefkehrs in größerem Umfange für das nächste Jahr schaffen soll, heißt es in einer Mitteilung der hessischen Arbeits­gemeinschaft, Fremdenverkehr.

Frankfurt (Dena). Die Lizenz für den bishe­rigen Lizenzträger der Frankfurter Rundschau , Emil Carlebach , wurde vgn der amerikani­schen Militärregierung der Nachrichtenkon- trollabteilung für Hessen , widerrufen.

Frankfurt (Dena). In Hessen ist die Einkelle­rung von zwei Zentner Winterkartoffeln pro Kopf der Bevölkerung vorgesehen, gab der Präsident des Landesernährungsamtes, Fritz Dietz, bekannt.

Versuche während des Krieges waren weniger zufriedenstellend. Der ausge­säte Reis blieb in Paketen auf dem Wasser liegen, tauchte nicht unter, und anstatt sich zu verwurzeln, verfaulte er. Jetzt wird der Reis vorher zum Keimen gebracht und die noch feuch­ten Körner werden ausgesät. So sinken sie unter und verteilen sich viel gleich­mäßiger. Der Reis muß im Wasser ge­sät werden, diese recht unangenehme Tätigkeit wird jetzt vom Flugzeug be­werkstelligt.

Aber die wichtigste Tätigkeit des Flugzeugs für die Landwirtschaft ist die Bekämpfung der Schädlinge. 1934/35 litt Australien unter einer schwe­ren . Heuschreckenplage. Die Gefahr für 1945/46 schien noch größer, von überall her wurde die Existenz großer Nester von Eiern berichtet. Man kennt kein Mittel zur Vernichtung der Eier selbst, man muß warten, bis die Tiere aus­schlüpfen. In England war gerade ein neues Insektenvertilgungsmittel, Gam- mexan, erfunden worden. Dies bildete die Hauptmunition im Kampfe gegen die Heuschrecken. Bristol - Beaufort- Flugzeuge wurden speziell hergerichtet, die Zerstäubungsapparate wurden ver­bessert. Man fand auch heraus, daß bei Tiefflug die Propeller Luftströmungen erzeugen, die das Gammexan auf der Unter Seite der Blätter ablagern K wo die Tiere vor allem sitzen. Kaum wurde aus einigen Gegenden das Ausschlüpfen der Heuschrecken berichtet, als die Kampfflüge einsetzten: in wenigen Wo­chen waren alle Heuschrecken vernich­tet, das Flugzeug hatte sich als ein Hilfsmittel erster Klasse im Kampfe des Menschen gegen die Insekten, seine einzigen wirklich gefährlichen Feinde, erwiesen.

Daß die Wetterdienstverwen­dung der Flugzeuge auch der Land­wirtschaft dient, ist schon seit 25 Jahren üblich, ebenso ihre photogrammetrische Verwendung, d. h. die Herstellung von Karten aus der Vogelschau. Neu aber ist die Aufnahme von Luftbildern be­stellter Felder, aus denen die amerika­nischen Konhmkturbüros Rückschlüsse auf die möglichen Ernten herauslesen.

Freudenstadl. Uber dem nordöstlichen Teil des Kreises Freudenstadt ging ein schweres Hagelwetter nieder, das besonders im Hin­teren Wald und im Murgtal die Ernte bis zu 100 Prozent vernichtete, großen Schaden an den Obst- und Gemüsekulturen anrichtete, so­wie zahlreiche Bäume entwurzelte und Häuser abdeckte. — Bei den Wiederaufrichtungsar­beiten des großen Viaduktes in Lauterbad wurde der Arbeiter Wilhelm Gottschalk -aus Freudenstadt von einem herabstürzendeh Eisenrohr so unglücklich an den Kopf ge­troffen, daß er bald nach der Einlieferung in» Kreiskrankenhaus Freudenstadt starb. te.

Kirchenthumbach , Der Storch ist uffb'De- ch'ehbär. Diesesmäl kam er sogar rin den'Wald und beglückwünschte dort eine Beerensucherin mit einem strammen Stammhalter. gl.

Sowjet-Zone

Jena (Dena). Kommissionen zur Überwachung der Lehrlingsausbildung, denen je ein Ver­treter des freien deutschen Gewerkschnfts- •bundes, der freien deutschen Jugend, des Rates für Arbeit und Sozialfürsorge und ein Fachmann angehören, werden in Thüringen ge­bildet.

Leipzig (Dena). Die deutsche Verwaltung für Interzonen- und Außenhandel der Sowjetzone hat eine Liste mit Umrechnungskoeffizienten für fremde Währungen herausgegeben. Die allen Exporteuren, die die Leipziger Herbst­ messe besuchen, ausgehändigt werden und dazu beitragen wird, die Abwicklung der Ge­schäfte zu erleichtern und zu beschleunigen.

Vierzonenstadt Berlin Berlin

(Dena). Bürgermeister Dr. Ferdinand Friedensburg sprach 50 Schweizer Vertretern des Internationalen Roten Kreuzes den Dank Berlins für die großzügige Hilfe der Schweiz für die Kinder der Stadt aus.

Niemöller und die WN.

Wie wir kürzlich mitteilten hat der Landesvorstand und der Landesaus­schuß der „Vereinigung der Verfolg­ten des Nazi-Regims (V. V.N. ) in Hes­ sen “ den Pastor Martin Niemöl­ ler als Mitglied nicht anerkannt. Als Grund wird angegeben, Niemöller solle 1938 bei dem Sondergericht m Moabit erklärt haben, er sei bereits durch die Tradition seiner Familie Antisemit und habe schon seit den 20er Jahren eine positive Stellung ge­genüber der NSDAP bezogen.

Wir sind gewiß nicht mit allem einverstanden, was Niemöller in den letzten Jahren getan und unternom­men. Seine nach unserem Gefühl et­was zu stark betonte Geschäftigkeit un $ Betulichkeit gefällt uns zum Bei­spiel durchaus nicht. Dennoch aber müssen wir feststellen, daß, wenn die Vereinigung der Verfolgten des Nazi­ regimes von Hessen keine triftigeren Gründe zur Befürwortung ihres Vor­gehens gegen Niemöller hat, der Be­schluß auf sehr schwankendem Boden steht. Es ist doch für sie wirklich das unklugste was man tun kann, bei der Beurteilung der Haltung eines in der Nazizeit Verfolgten äusgerechnet dessen Aussagen vor irgend einem Sondergericht, ober bei einer Verneh­mung durch die Gestapo als Beweis­material heranzuziehen. Wer in den Klauen der Gestapo war, hatte doch nur das einzige Bestreben, baldmög­lichst wieder freizuwerden und da­zu war jedes Mittel recht. Der Kreis der vom Nazisystem Ver­folgten würde sich ganz gewiß sehr stark verringern, wenn alle jene Ka­meraden ausgeschlossen oder nicht aufgenommen würden, die gelegent­lich der Vernehmungen durch die Ge­ stapo und vor den Nazigerichten, um ihren Kopf zu retten, oder sich vor dem KZ zu bewahren, dem verfluch­ten System Konzessionen oft weitge­hender Art machten, Loyalitätserklä­rungen abgaben, die berühmten Re­verse unterschrieben, sich nicht mehr gegen die Naziherrschaft agitatorisch zu betätigen und so fort. Alles um nur wieder freizukommen. Selbstver­ständlich dachte keiner der so Ver­nommenen daran, jemals diese Zu­sicherungen auch zu halten und zu befolgen. Am ersten Tage nach der wiedererlangten Freiheit begann man wieder mit der illegalen Arbeit. Ge­gen jenes Verbrechertum war eben jedes Mittel erlaubt und recht. Ver­brechern gegenüber konnte man doch gar nicht anders handeln. Also, man sollte wirklich bei Beurteilung der­artiger Unterlagen, die aus solch zwei­felhaften Quellen stammen, äußerst . vorsichtig sein, wobei noch zu beden­ken ist, daß sicher auch unzählige Akten, Protokolle damals gefälscht wurden. Wie weit diese Vorausset­zungen bei Pastor Niemöller zutref­fen, bleibt dahingestellt, die Frage sei aus diesem Anlaß nur einmal grund­sätzlich aufgerollt. h. w.

Scharfe Kontrolle und Verbot

Unsere Meldung in der Nr. 10 vom 20. August hat zu einigen Mißverständ­nissen geführt. Wir stellen deshalb fest, daß es sich bei der bekanntgegebenen scharfen Kontrolle der Obstsendungen und dem Verbot des Obstversandes nicht etwa um Nordbaden handelt, sondern daß diese. Maßnahmen nur für Südbaden gelten. Es ging dies übrigens ja schon aus der diesen Erlaß herausgegebenen Air.tsstellen hervor, denn ein Badisches Staatskommissariat für Ernährung gibt es nur in Südbaden . w.

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Vereinte Westzonen Französische Zone

Voltaire

Von Gerhard S c h ä k e

Voltaire gilt für weite Kreise als ein religionsfeindlicher, gottleugnender, fri­voler, eitler, prahlerischer Verfasser von allerlei unanständigen, lasterhaften und gehässigen Schriften, er gilt als Mann, der sich bei einem „hervorragenden" König der Preußen eingesöhmeichelt und Ihn dann verraten, ausgenutzt und beschimpft hat...

Man muß den französischen Philo­sophen, Dichter und Zeitkritiker Fran­ cois Marie Arouet , der aus «einem Na­men Arouet 1. j. (le jeune, der Junge) durch Buchstabenumstellung das Pseudo­nym Voltaire schuf, selbst sprechen las­sen, um anzudeuten, worin seine Auf­gabe und sein Verdienst liegen: „Ich will eine Geschichte nicht der Kriege, son­dern der Gesellschaft schreiben, die dar­über Gewißheit schaffen soll, wie die Menschen im Kreise ihrer Familie lebten und welche Künste sie gemeinsam pfleg­ten. Mein Gegenstand ist die Geschichte des menschlichen Geistes und nicht die ausführliche Aufzählung unbedeutender Tatsachen; auch mit der Geschichte großer Herren will Ich nichts zu tun ha­ben ... aber Ich will wissen, über welche Stufen die Menschen vom Zustand der Barbarei zur Zivilisation übergingen." Und wenn man seinen Grundsatz hinzu­fügt: „Mein Handwerk ist, das zu sagen, was ich denke“, dann hat man einen gu­ten Teil von Voltaires "schriftstellerischer Linie angedeutet.

1694 geboren: Die Unterdrückung geisti­ger, Ijünstierischer und bürgerlicher Frei­heiten unter Ludwig XIV. hat das wahre Gesicht der Kunst und Dichtung bis zur Fratze entstellt. Mit dem Tc?3e des vier­zehnten Ludwig (1715) tritt sehr rasch ein Rückschlag ein, die höfische, huldigende

Literatur verschwindet wie die Königs- Ehrfurcht. Das freie Wort hat wieder Geltung. In dieser Zeit beginnt Voltaires erster Ruhm. Er tritt in wechselvollen Gewändern auf, als Lyriker und Satiri­ker, Dramatiker und Romancier, als Er­zähler und Kulturkritiker. Sein gesam-, tes, auf 100 dicke Bände angewachsenes Lebenswerk mit der Fülle der Epigramme, der kleinen Einfälle, der Pamphlete und Spottgedichte, der Erzählungen und wis­senschaftlichen Abhandlungen gleicht eher einem journalistischen Werk als einem dichterischen, selbst seine Romane und Diemen wollen uns — besonders heute, wo uns der Bezug auf das zeitverbun­dene Problem fehlt oder nicht leicht er­kenntlich ist — als kulturphilosophische, kulturpolitische und revolutionär - poli­tische Leitartikel erfcheinen. Voltaires Wahrheitsliebe, sein kämpferische!* Geist, seine aufrechte Gesinnung zwangen ihn, Stellung zu nehmen gegen alles, was ihm ungesund, widersinnig und faul erschien, und so wetterte er gegen die Folter, ge­gen die Behörden und setzte sich ein für eine Strafrechts-Revision, für Duldung der religiösen Meinung, für die Schaffung von Spitälern. Freilich mußte der Mann, der Verse schrieb wie

„Kein Priester ist, wofür das Volk ihn

[hält,

Nur weil wir glauben, sind sie weise“, als Priestergegner, Religionsschänder und Gottesleugner gelten, zumal er sich gegen .jedes kirchliche Dogma wandte und al& * Freigeist verschrien war. Darf man des­halb übersehen, daß er für die Freiheit aller Religionen' eintrat, gottesgläubig war, daß er in der von ihm seiner Ge­meinde Ferney geschenkten Kirche eine Tafel anbringen ließ: „Gott von Vol­taire errichtet"?

Als er 1726 verbannt wurde und nach England ging, sagten die Pariser : „Er

hat die Wahrheit gesagt, nichts sonst.“ Und alle hatten daran Anstoß genom­men ... und die Macht des Staates war stärker als die moralische- Kraft eines einzelnen. 32 Jahre später, als sich Vol­taire in Ferney niederließ, hatte diese moralische Kraft den Sieg davongetragen. Das kleine Dorf in der Nähe von Genf wär „die geistige Hauptstadt Europas “ geworden. Die Größen Europas waren bei ihm ständig zu Gaste. Voltaire war ein Begriff und ein Zentrum und über-

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Nichts als die Liebe

„Ich“, §agte die Seele, „bin die Rein-

[heit“,

Und verband sich mit einem Gesicht. „Ich“, sagte der Körper, „bin die Kennst du mich nicht?“ [Schönheit.

„Ich“, sprach der Geist, „bin Krone aev [Gottheit“..

Und stellte sich in das Licht.

„Ich bin Ihr , alle“, flüsterte die Liebe und rief ihre »Freundin, die Naoht.

Und stayjaend schwiegen die drei, als sonst nichts als die Liebe, [bliebe

die ewig wacht. Wilfried Koch .

dies ein Mittelpunkt vielfältiger Bestre­bungen. Kein Prozeß in Europa von eini­ger Bedeutung verlief ohne seine Ein­mischung, denn er kämpfte mit wilder Inbrunst gegen den Justizmord.

Heute ist vieles von seinem großen bunten Werk verstaubt und vermodert. Sein Stil, geschliffen und biegsam wie eine edle Klinge, verleugnet sich niemals, aber seine breiten, monotonen, ornamen­talen Schi’derungen ermüden, edle Pathe- tik tötet den dramatischen Impuls, der Erneuerer und Denker und Kämpfer steht dem Dramatiker im Wege. Seine zeitgebundene Weltanschaung, die Bunt­

heit des Rokokos und seine philosophi­schen Auseinandersetzungen wirken heute befremdlich auf uns. Nur weniges ist ge­blieben, was uns anregt und bezaubert. Aber daß uns die Lektüre eines Dichters nicht behagt, muß nicht gegen den Dich­ter sprechen — das ist ein Trugschluß. Und was Friedrich II. und seine Bezie­hungen zu Voltaire betrifft, wollen wir laut bekennen, daß weder der Dichter .noch der*König an dem Mißton des En - ties schuld sind; die Intrigen der Hof­kamarilla haben eine Freundschaft zu Fall gebracht, die ohnedies nicht hätte Bestand haben können.

Als Voltaire 83jährig nach Paris heim­kehrte, erlebte die Aufführung seiner „Irene“, „Ovationen wie in einem Irren­haus“. Bei der feierlichen Beisetzung des Dichters im Pantheon standen 600 000 Menschen auf den Straßen Spalier, 100 000 folgten seinem Sarge.

Das Verborgene

Von Voltaire

Welche Kratt zieht unser Herz mit sei­nen Aorten sechzigmal in der Minute zu­sammen? Welche andere Kratt verwan­delt dieses Gras in Milch in den Eutern einer Kuh und dieses Brpt in Blut. Fleisch, Knochen in diesem Kinde, das mit seiner Nahrung heranwächst bis zu einem bestimmten Punkt, der der Höhe seines Wuchses ein Ziel setzt, ohne daß irgendeine Kunst Ihm auch nur eine Linie hinzuzufügen vermöchte? Pflanzenwesen, Minerale, Tierwese», wo ist euer erstes Prinzip? Es ist in der Hand dessen, der die Sonne um ihre Achse sich drehen läßt, und der sie in Licht gekleidet hat. Alles um euch, alles in euch ist ein Rät­sel, dessen Lösung zu erraten dem Men­schen nicht gegeben ist. Dieser Erznichts­kenner glaubt etwas zu wissen, wenn er

sagt, die Tiere haben, eine vegetative und eine sensitive Seele, die" Menschen haben eine vegetative, eine sensitive und eine intellektuelle. Ärmlicher Mensch, du Hochmutstropf, der du nur Worte von dir gibst, hast du je eine Seele gesehen, weißt du, wie so etwas gemacht ist?

Dr. Hugo Lindemann 80 Jahre. Der in Bensheim a. d. B. im Ruhestand lebende frühere Ordinarius für Kommunal- und Sozialpolitik, Prof. Dr. Hugo Linde­mann in Köln , beging seinen 80. Ge­burtstag. Der Gelehrte ist ein besonde­rer Kenner des englischen Gewerk­schaftswesens. Unter seinen zahlreichen, die Arbeiterbewegung und die Wirt­schaftspflege . in deutschen Städtever­waltungen behandelnden Schriften be­finden sich auch ein Handbuch des So­zialismus und (zusammen mit Südekum) das Kommunale Jahrbuch. WS.

Hochschulnachricht. Dem Landes­bischof der Evangelischen Kirche Ba­dens, Julius Bender , wurde von der Theologischen Fakultät der Universität Heidelberg die Würde eines Doktors der Theologie ehrenhalber verliehen.

Zahlen-Mosaik.

Die Haldenbestände an Kohle in Deutschland , die am Kriegsende fünf Millionen Tonnen betrugen, gingen bis Dezember 1946 auf 340 000 t zurück und stiegen dann bis Ende März 1947 auf 2 Millionen Tonnen wieder an.

95 000 Elsenb -»hngüterwagen sind seit April 1946 der amerikanischen und briti­schen Zone durch „Nichtrückgabe“ aus anderen Zonen verloren gegangen.

Vor dem zweiten Weltkriege gebrauch­ten 440 Millionen Menschen die chinesi­ sche Sprache, 165 Millionen die englische Spreche, fast 10C Millionen die deutsche Sprache, aber nur 75 Millionen die rus­sische Sprache. (Sozd. Pressedienst.)