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SÜDDEUTSCH* ALLGEMEINE

Freitag, den 38. April 1946

Ist er herrlich. Auf der anderen Seite der Straße ist ein ganzer Obstgarten, ent­zückend anzusehen im verschwenderischen Glanz seiner Jugend. Hier steht jedoch eine alte Dame, hoch an Jahren, die es geschickt zustande bringt, ein paar erle­sene Blüten im Haar zu tragen.

Die braunen Drosseln sind in unsere Wälder zurückgekehrt, und tun so, als ob sic ihnen gehörten, und Finken flattern durchs Unterholz und scharren in den Blättern. Freilich, es ist ja Mai, und der Chor der Singvögel setzt ein. Manche fliegen schon ganz dicht an dem zufälligen Beobachter vorbei, aber es muß noch viele geben, die nicht so kühn sind, denn jeder Morgen ist voll Gesang.

Das vornehmste Merkmal des vollende­ten Vogelkundigen ist, für die meisten von uns wenigstens, daß er mindestens ein halbes Dutzend Singvögel nach ihrem Aussehen oder ihrem Gesang erkennen kann. Man behauptet, daß es liier in Amerika mehr als hundertfünfzig Arten und Abarten von Singvögeln gibt. Fast alle singen wirklich schön, und die mei­sten scheinen in verschiedenen Kombina­tionen gelb und schwarz zu sein. Sie blit­zen an einem vorbei, geben ein kleines Liedchen von sich' und sind verschwun­den, und selbst wenn ich ganz scharf auf die Farben geachtet habe, blinzele ich und sage: ..Vielleicht war es ein Blaukehlchen

— aber war seine Kehle auch blau? Viel­leicht war es doch eine 'Mönchsgrasmücke

— war ihr Köpfchen oben wirklich auch schwarz? Oder ein Erlenzelsig — hatte er schwarze Schwanzfedern?“

Natürlich, es gibt hellblaue Singvögel und schwarzkehlige Singvögel und schwarzweiße Singvögel — aber wie kann man so auf einen Blick sagen, welcher ist ???

Wahrscheinlich ist das der Grund, war­um ich die Spottdrossel so gern mag, ob­wohl sie unverschämt ist, und den frechen Eichelhäher, und das fleißige Rotkehl­chen. Sie sind unverkennbar; sie sind alte Freunde. Und alte Freunde sind auch die Drosseln und die Finken, trotzdem sie der menschlichen Gesellschaft abholder Sind. Ich höre sie alle gerne, die Sing­vögel, aber ich werde nun einmal nicht so recht warm mit einem Vogel, den ich nur mit einer farbigen Vogelkarte, einem Feldstecher und, um ganz sicher zu gehen, in Gesellschaft eines Ornithologen erken­nen kann!

„Jack ln der Kanzel", nennen wir die Abart der Aronstabes, der in den feuch­ten Niederungen wächst, mit hohem Sten­gel, den beiden dreigelappten, fast tro­pischen Blättern und der purpurgestreif­ten Blütenscheide mit dem haubenförmi­gen Blatt darüber; er erinnert mich im­mer an eine kleine Großmutter mit einem Shawl um die Schultern, die die eine Ecke über den Kopf gezogen hat.

Botanisch Ist es ein Aronstab, ein Vet­ter der lieblichen Kalla-Lilie und der „stinkenden Zehrwurz". Genau gespro­chen, sind seine Blüten tief in der Blü­tenscheide verborgen, der „Kanzel “ unse­rer Phantasie. Sie brauchen die Sonne nicht, oder sie lieben sie nicht, diese Blu­men. Kleine Insekten, besondere Stech­mücken, suchen sie auf, verschwinden in den graupurpurnen Pollen und bewirken die Befruchtung. Und im Herbst, wenn die Blätter abgefallen sind, und die Blü­tenscheide nur noch wie eine dünne pa- pieme Hülle Ist, steht der hohe Stengel in der schrägen Sonne und trägt oben an der Spitz« eine dicke Traube lackroter Beeren.

Die Indianer kennen sie als eßbar« Pflanze, hauptsächlich die Senecas graben die fette runde Wurzel aus und trocknen und rösten sie, um eine Art Brotteig dar­aus zu machen. Daher stammt auch ihr Name „Indianische Rübe". Wenn aber die Wurzel nicht sehr gut getrocknet und reichlich geröstet Ist, beißt sie auf der Zunge wie Feuer; sie ist, wie zuverläs- lige Quellen behaupten, sogar giftig. Kleine Jungen, die Indianer spielen, ha­ben dies zu ihrem größten Leidwesen eusprobiert.

Aber im Mai ist sie voll wilder Schön­heit, eine der seltenen purpurstreifigen Waldnflanzen; und im Herbst leuchten ihre Beeren weithin. Sie gehört mit den weinblättrigen Famen und den langsten- gel’gen Veilchen an den Fuß einer alten Steinmauer. Sie ist ebenso sehr ein Teil des Monats Mal, wie die Apfelblüte und die gelbe Natterzunge vor dem tiefblauen Himmel.

Wenn Ihr die Fliederbüsche stehen laßt und in den Wald geht, so findet Ihr einen ganzen Berghang, der süß nach kanadi­schen Maiglöckchen riecht, die der Bota­niker „Maianthenum canadense" nennt. Sie wachsen dicht wie ein Teppich im Schatten, bescheidene Pflanzen mit einem Schlanken Stengel voll kleiner weißer Blüten, die süßer duften als die richtigen Maiglöckchen.

Auch das Land selber, die frischen Fel­der und die feuchten Niederungen ha­ben ihren eigenen Duft, erdhaft, nach mo­dernden Blättern, nach Urstoffen. Und es ist der Geruch, der den Gärtner nieder­knien und den Farmer pflanzen macht. Es ist Mai, Flieder, Maiglöckchen und Minze und Knoblauch und Geißblatt — es ist „die gute Erde".

Aus dem demnächst im Walter Rau-Verlag, Dietmanns- ried/Allgäu und Heidelberg erscheinenden Budb „Die Jahresrunde", Bilder aus dem amerikanischen Jahr. Uebersetzt von Maria von Schweialtr.

TÖDLICHER KARNEVAL

Aus dem neuen Bühneuwtork von Frank Thleß bringen wir hier eine Szene «wischen dem Maler David, einem Freunde Robespierres, und der vom Volkstribunal zum Tode verurteilten Th6rise Fontenay. Der Raum ist eine Wedle leer geblieben i dann hat sich die Tür m den Gefängnissen geöffnet. Th£r&se ln Begleitung eines Sddleßers.

T h ö r ö s e : Als Schließer unserer Zellen mußt du ein Feind der Freiheit sein.

Schließer: Schweig, Bürgerin!

(Aufseher Richard und Maler David treten ein).

Schließer: Die Bürgerin Fontenay.

Richard: Du kannst gehen.

Schließer: (ab).

Thöröse: (starrt David an). David!

David: (packt Zeichenblock, Stifte, Maluten­silien aus. Zu Therese): Es ist schmeichelhaft für mich, daß Sie mich wiedererkennen. Set­zen Sie sich auf diesen Schemel. Das Licht fällt so besser. Die Gefangenschaft hat Ihrer Schönheit nichts geraubt. Etwas mehr nach rechts. So ist es gut. Nur Ihr Haar zeigt nicht mehr den früheren Glanz.

Thöröse: Dies Gefängnis hat schlechte Fri­seure.

David: Der Konvent kann nicht für alles sor­gen. Gutes Essen?

Thöröse: Ausgezeichnet, da auch der Koch des Königs bei uns im Kerker sitzt.

David: Sie können sich ruhig bewegen. Das Gesicht bitte ich etwas mehr in dieser Rich­tung zum Licht. Es genügt. Danke. Was Sie sagen! Der Koch Louis Capets ist immer noch hier? Der Mann lebt noch? Mich erstaunt die Langmut des Tribunals. Dabei liegt sein Ver­brechen offen am Tage, Er war Jahre lang Koch eines Despoten und hat, anstatt ihn zu vergiften, ihm die schmackhaftesten Speisen bereitet, während das Volk hungerte. Nebli­ges Wetter heute. Keine rechte Sommerwärme.

David: (zu Richard). Sie können mir einen Gefallen tun, Bürger Richard, ich habe bei Bayard einige Kohlestifte liegen gelassen, die ich sehr entbehre. Wollen Sie sie mir holen?

Richard; Ich beeile mich, Bürger!

David; Ieh danke Ihnen.

Richard: (ab).

Thöröse: Haben Sie ihn fortgeschickt?

David: Was glauben Sie!

Thöröse: Warum sind Sie gekommen?

David; Um Sie zu zeichnen,

Thöröse: Ich weiß, daß Sie die Gewohnheit haben, zu kommen, ehe es zu spät ist.

David; Ihre Schultern sind immer noch voll. Herrliche Schultern!

Thöröse: (mit schwachem Lächeln), Meinen Sie? Das Kleid ist so häßlich.

David: Um so schöner strahlt der Alabaster Ihrer Haut. Sie werden noch im Grabe den sanften Glanz einer Magnolienblüte haben.

T h ö r ö s e : Aber ich bin noch zu jung, um zu Sterben. Und ich bin unschuldig, David.

David: Lassen Sie das Kleid ein wenig —

Thöröse: So?

David: Das ist . . . zu viel. So genügt es. Eine Frau wie Sie sollte noch unschuldig sein?

Thöröse: Sie weichen mir aus. Was wissen Sie? Warum haben Sie Richard fortgeschickt?

David: Um meine Kohlestifte zu holen.

Thöröse: Dort liegen sia

David: Wahrhaftig, da sind sie. Ich hatte sie nicht gesehen.

T h e r ö s e: Man sagt, daß Sie dabei sind, wenn die Verurteilten zur Guillotine gefahren wer-- den. Sie sollen mit Ihrem Zeichenstift den letzten Ausdruck derer aufgenommen haben, die auf den Block geschnallt wurden?

David: Der Gott , dem wir dienen, kennt keine Tränen.

T h ö r ö s e: Ja, Sie sind der Freund Robespier­res. Ich wußte es längst.

David: Freund? Ein Mann wie Robesplerre kann keine Freunde haben

Therese: Weil er ein Tyrann Ist?

David: Er ist kein Tyrann, sondern das schlechte Gewissen Frankreichs . Wer so hoch steht, muß seine Freunde mehr als seine Feinde fürchten.

T h ö r e s e: Sie aber sind ein Künstler und malen kalten Herzens das Leid eines Men­schen, als wäre es ein Baum oder ein Glas.

David: Kunst nimmt keine Rücksicht auf Empfindungen ihrer Modelle. Der dem Tode Geweihte ist so nackt wie ein Kind, das eben geboren wird. In seinen Zügen liegt alles of­fen, was er während seines Lebens voll Trug und Unrat verbarg. Er hat nichts mehr von dieser Welt zu fürchten. Durch den zerschla­genen Spiegel seiner Eitelkeit dringt der Blick ungehemmt in das endlich erhellte Dunkel seiner Seele.

T h ö r ö s e : Böse Ist, was Sie sprechen, David, herzlos.

David: Die Künstler, welche während des Schaffens ihr Herz nicht vergessen, sind Pfu­scher. Frösteln Sie, Thöröse? Bedecken Sie die Brust.

Thöröse: Ich habe Angst.

David: Angst? Das ist das Pulver der Revo­lution. Womit sollte man sonst schießen? Welchen Verbrechens hat man Sie angeklagt?

Thöröse: Dies Geheimnis hat mir niemand verraten.

David: Waren Sie nicht die Geliebte Talliens?

Thöröse: Ah . . . Sie wissen etwas!? Er holte mich in Bordeaux aus dem Gefängnis.

David: Und Sie belohnten ihn dafür — den Sohn eines Lakaien.

Thöröse: Ich bin keine Dime. Ich stand zu ihm, weil er gerecht war und nicht wieFouchö Tausende in Lyon erschießen ließ. Taillen allein richtete nach den Gesetzen der Revolu­tion. Ich konnte an seiner Seite viele Unschul­dige vor dem sicheren Tode bewahren. Ich gebe zu, es schmeichelte meinem Selbstgefühl, daß ich diese schöne Rolle der Barmherzig-

Zeichnung von Helnz-Geyhaxd Zlrcher, Karlsruhe ,

keit spielen durfte Und Ich spielte sie an der Seite eines Mannes, dem ich dafür dankte, daß an seinen Händen nicht das Blut von Republikanern klebte. Das war mein Verbre­chen. Es ist heute ein Verbrechen, Mensch zu sein.

David: Möglich, daß nicht Blut an Talliens Händen klebte, sondern nur das Geld derer, die er rettete. Tallien ist noch frei. Niemand wird ihm etwas tun.

Theröse: Er ist noch frei? Er ist nicht im Kerker?

David; Nein.

Thöröse: Und mich — mich hat man in die Conciergerie gebracht?

David: In die Petit« Force.

REN&E SINTENIS

Renöe Sintenis ist vor wenigen Wochen 60 schar der Erde sind und jeder mit einer unslcht- Jahre alt geworden. Das Alter spielt bei einer baren Krone auf dem Dickkopf herumläuft. Man Künstlerin von solcher Lebendigkeit des Wesens merkt auf einmal, daß deutsche Plastik lächeln und des Schaffens keine Rolle. Sie lebt in Ber - kann. Eine Frau hat kommen müssen, um es zu lin, wo sie bei Kriegsende ihr gesamtes Hab zeigen. Eine Frau, nichts weiter. Sie formt junge und Gut einbüßte, arbeitet in einer beschränk- Pferde in Bronze, ich glaube, jede Frau müßte

ten Behausung tapfer weiter, und die Berliner haben nur einem allge­meinen Empfinden ge­horcht, wenn man ihr den Kulturpreis der Stadt zuerkannt hat. Der große Kunsthistoriker Julius Meier-Graefe , der, ausgewandert, 1936 in Frankreich verstorben ist, hat etwas so Schö­nes und Treffendes über sie gesagt, daß wir es hier abdrucken.

Erschreckend, zu den­ken, das, was man sich im allgemeinen unter Plastik vorstellt: klotzige Fäuste, mannhafte Wa­den, wulstige Pferde­bäuche und der durch­bohrende Heroenblick, sei das Gewerbe einer Frau geworden. Diese ist Künstlerin, weil sie weiblich bleibt, also kindhaft; weil es Ihr nicht einfällt, dem Mann in bornierte Intellektua- lität zu folgen, sondern vorzieht, Kinder in die Welt zu setzen, drollige

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so oder ähnlich kleine runde Dinger machen können, die uns anhüp­fen, mit ungeschickten Ziegenbeinchen, kurios dästehen, wie eben in die Welt gesetzt, mit blinzelnden Bewegungen. Eine geniale Frau. Gleich fröstelt einem der Rük- ken. Unheilbare Krank­heit, eine Art Elefan- tiasis. Der Witz ist, richtige Frau zu sein, Frau schlechtweg, nicht aus Versehen Frau So­undso; Frau und noch Mädchen zu sein, mit dem Schritt in die Welt nipht gleich in Pflicht, Erfahrung, Abstraktion zu ertrinken, sondern erst recht zu lächeln. Das Lächeln einer Frau — was bleibt uns sonst noch? Wenn alle Män­ner an schwadronieren­der Dialektik verblödet sein werden, verspeku­liert, verrationalisiert, kann Immer noch eine schlanke Eva dem gan­zen Mechanismus ein Schnippchen schlagen

Wesen, Püppchen, beileibe keine Germania, keine und zeigen, daß Kunst nicht von . Können, son- Adam und Eva, noch die lüsterne Glätte fin- dem von Spielen herkommt. Abgrundtiefer Ge- Sterer Weiber. Dinger aus dem Spielkasten setzt danke! Wir hätten keinen Weltkrieg, wenn er sie hin, den die großen Chinesen vor Ming zu begriffen wäre. Wir hätten keine Militaristen, ihrer Erlustigung aufmachten, der uns allen keinen Kub’smus. Wir hätten bessere Taillen offensteht, sobald wir vergessen, daß wir Herr- und wären, Herrgott im Himmel, weniger borniert.

VON FRANK T HIE SS

Thöröse: Warum? Weil mein Mann, von dem Ich geschieden bin, Marquis ist?

David: Vielleicht Ein wenig mehr links, bitte ich. Nun haben Sie die Schultern verhüllt. Man spricht davon, es werde demnächst viel gesäubert werden. (Er steht auf und richtet etwas an Thöröses Kleid). So Ist es richtig. (Setzt sich wieder). Im Konvent sitzen Män­ner, sagt man, die nicht verdienen, Repräsen­tanten der Nation zu sein. Möglich, daß man mit Ihrem Prozeß solange wartet, bis jene an der Reihe sind. Frieren Sie? Ihre Haut hat eine andere Farbe.

Thöröse: (sieht ihn schweigend an).

David: Bürger Robespierre ist seit mehr als fünf Wochen weder im Wohlfahrtsausschuß, noch im Klub gewesen. Er schreibt an einer großen Rede und kehrt nicht zurück ohne eine Liste, auf der gewisse Namen stehen. Mag sein, daß auf dieser Liste auch der Name Ihres Geliebten zu finden sein wird.

Thöröse: Dann Ist es vorbei. Dann gibt es keine Hoffnung mehr.

David: Sie hätten vorsichtiger in der; Wahl Ihrer Freunde sein sollen.

Thöröse: War es denn eine Sünde, mich zu lieben? Vergibt Frankreich diese Sünde nicht mehr? Warum hat man mich in diese Mauern geschleppt? Was habe ich verbrochen, daß man mich wie eine Dirne behandelt? Als ich hier ankam, mußte Ich mich entkleiden. David, nackt ausziehen vor einer Rotte von Männern, die mich anschrien, weil sie meinten, ich hätte Geld oder Waffen an meinem Leibe versteckt. Wie hat sich Frankreich verwandelt! Wie glücklich waren wir einst! Alle! Auch wenn sie nun schreien: Es lebe die Republik! Wir betrügen uns, damit wir uns nicht selbst ins Gesicht speien müssen. Warum geschieht dies alles, David? Geschieht es für das Volk, daß man mich von meinem Kinde riß? Ach, mein Kind, mein Kleines. (Sie weint). Verzeihen Sie. Es ist am 2. Mai fünf Jahre geworden. Was soll aus ihm werden David? Es heißt, daß man auch die Kinder der Verurteilten nicht schont. So reden Sie doch! Wird man es töten, nachdem man mich getötet hat? Wird man es köpfen, wie man die unschuldige Nicole Bouchard geköpft hat? Sogar der Hen­ker soll damals geweint haben. Was starren Sie mich an? Nur well Sie aus meinem Munde' hören, was Sie selber wissen? Oder sollten Sie es nicht wissen, daß ein Recht ohne Herz schlimmer ist als alle Verbrechen, di* ver­zweifelte Liebe zu begehen vermag? Anwor­ten Sie mir nicht, mein Herr, eilen Sie, malen Sie meinen Hals. Die Sonne wandert. Bald wird er nicht mehr weiß sein. Denn Sie haben nicht so viel Rot auf Ihrer Palette als Ich Blut in meinen Adern trage , , , Warum haben Sie zu malen aufgehört?

David: Meine Augen schmerzen . . . (Pause), Gott geb's, ich könnte Ihnen Ihr Blut erhal­ten, Thöröse Fontenay. (Er Ist zu Ihr getreten). Ihr heißes, starkes Blut. Diese Hand, dieser Arm, diese Stirn . , , Sie sind nicht klug ver­fahren mit Ihrem Leben.

Thöröse: Ihre Ratschläge kommen zu spät, mein Freund. Aber ich versichere Ihnen, wenn ich noch ein zweites Mal auf die Welt käme, ich würde auch dann, und dann erst recht, aller Klugheit entsagen. Sie ist zu nichts nütze ln diesem Leben, das nur gelebt sein will, geliebt, geliebt, David, wie Sie nie zu lieben vermögen. Darum gehen Sie auch noch herum und sind frei und sind der Freund des Mannes, der ein Gesetzbuch statt eines Her­zens in der Brust hat und die Milch der Tu­gend In seinen Adern. Aber Ich habe Blut in meinen Adern. Das Ist mein ganzes Verbre­chen, daß Ich dieses Leben liebte, daß Ich nicht sterben wollte, daß ich auch Jetzt nicht ster­ben will. Und das muß ieh auf dem Schafott büßen. Oh David . . . Sie wissen nicht, was das ist, die Süße eines Tages, der gelebt sein will mit seinen Düften, seinem Gelächter, sei­nen betauten Gärten. Ich liebte die Spiegel, die mein Bild Wiedergaben, so wie die jungen Weiden den Bach lieben müssen, den sie mit den Spitzen ihrer Zweige streicheln. Ich liebte meine Kleider, die vielen Kleider und den Puder und die duftenden Wasser und Bäder und die heißen Tänze auf den Bällen, wenn ieh spürte, wie die Männer atmeten. Oh Ja, ich liebte auch die Schmeicheleien der Män­ner. Es tut wohl, von einem Manne gerühmt zu werden, wenn er es witzig und voll Geist tut. Es macht frei und blühend. Warum sollte ich ihn dafür nicht mit einem Kusse belohnen oder mit viel Küssen? Oh, ich hasse die Tu­gend, diese Amme der ewig Unfruchtbaren! Wer sie rühmt, der hätte eine Kröte werden sollen, aber kein Mensch. Ich bin nie laster­haft gewesen, glauben Sie mir. Aber nun, wo ganz Frankreich mit der Tugend seines großen Unbestechlichen Gott zu einem Kastraten macht, der die Welt schuf, damit in ihr nur die Jungfern und Philosophen glücklich wer­den, jetzt könnte ich Euch allen zeigen, daß eine einzige Frau ganz Paris zu einem Para­dies der Freude machen kann. Ganz Paris , jeden Lumpen, jeden Bettler, und ich schwöre Ihnen, in vlerundzwanzi« Stunden haben sie alle miteinander ihren Pfaffen in der Advokatenrobe vergessen, diesen Priester des Patriotismus, der das Leben eines Volkes mordet, weil er selber ohne Leben ist. Der die Liebe haßt, weil er kalt und ohne Samen ist wie ein Obelisk. Oh, Ich würde Euch zei­gen, was Lehen istl Ich würde ... aber es ist zu spät in diesem Leben. Also im nächsten denn, Bürger David. (Richard ist eingetreten und an der Tür stehen geblieben.)

Thöröse: (nach einer Pause). Sie können mich abführen lassen. Ich weiß gut, daß ich nach diesen Worten keine Hoffnung mehr habe.

Frank Thlefl, dar bekannte Romanaehrlftateller, desaen Arbeiten

nach 1333 zum Teil verboten waren, wurde 1890 in Livland

geboren. Er prigte da« Wort von der „Inneren Emigration",

Mit Erlaubnis da« Verlage« Kurt Deech, München .