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Mittwoch, den 23. 'August 1948
Bundesrechft bricht Landesrecht
Westdeutscher Verfassungskonvent beendet seine Arb eiten auf Herrenchiemsee
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Lizenz-Nummer: US - WB 112. Herausgeber und Chefredakteur; Felix Richter. Verlag; „Süddeutsche Allgemeine" Pforzheim / Baden .
Zerreißprobe der Freiheit
HAD, Als In der vergangenen Woche In Berlin Schlisse über den Potsdamer Platz peitschten, lösten sie In der Bevölkerung dieser schwergeprüften Stadt eine wilde Welle der Empörung aus. Sie galt nicht einmal so sehr den Aktionen der deut schen Ostsektoren-Pollzei gegen den Schwarzmarkt an Jenem größten Verkehrsknotenpunkt der belagerten Millionenstadt, sondern kennzeichnete vielmehr die seit langen Monaten und Jahren aufgespeicherte Erregung dieser drangsalierten Menschen Uber die Terrorherrschaft gewisser Elemente, denen eine billige Anerkennung fremder Statthalter für ihre kol- laborlstlsche Haltung vieles mehr bedeutet, als das beinahe namenlos, gewordene Leid Ihrer eigenen Schwestern" und Brüder.
Die Wut der Berliner wurde nicht zum Schutze einiger Schwarzhändler ausgelöst; sie traf den willfährigen Arm eines ganzen Systems, das sich human, freiheitlich und „volksdemokratisch" nennt, während es im gleichen Atemzug unmenschlich, despotisch und anarchisch zerstörend alle proklamierten Rechte der Menschheit mit Kommißstiefeln zertritt und eine Millionenbevölkerung durch politische Winkelzüge dem Hunger aus liefert.
Die durch zahllose äußere und seelische Drangsalierungen bis zum Letzten angespannten Nerven der Berliner haben den Zerreißpunkt erreicht. Hohnvolle Versicherungen und Resolutionen volksfremder Demagogen, denen diese Stadt bereits im Oktober 1946 eine unmißverständliche Absage erteilt hatte, verfangen dort nicht mehr, wo der politische Steckbrief den angsterfüllten Alltag regiert und Familien nicht wissen, ob sie den Abend noch In der gleichen Gemeinsamkeit verbringen dürfen, In der sie den Morgen begannen. Jene Steinwürfo und Faustschläge, die am Potsdamer Platz auf die Marionettenfigur des ostberliner „Polizeipräsidenten " Markgraf und seine uniformierten Helfershelfer sowie die kommunistischen Agitatoren und Transparentträger als Antwort auf die In zahlreichen Fällen angewandten Methoden des Menschenraubes nach östlichen Instruktionen hernlederhagelten, waren zugleich auch für alle diejenigen politischen Apostel bestimmt, die hinter dem eisernen Vorhang oder überall sonst bewußt den Willen des deutschen Volkes mißachten, sich die in der Atlantik-Charta niedergelegten Grundfreiheiten und demokratischen Rechte wiederzuerringen.
Auf diesen Weg sind wir durch die Lehren der Vergangenheit geführt worden. Die Lehren der Zukunft müssen nun zeigen, daß dieser Weg auch für ein besiegtes Volk gangbar ist, weil alle Besatzungsmächte — nicht nur die westlichen — von der gleichen Ueberzeugung beseelt sind,, daß es nicht genügt, allein die Vorzeichen zu ändern. Wenn heute mitten In Berlin zum Schutz der Einwohner der Westsektoren vor den Gewalttätigkeiten deutscher und fremder Büttel Stacheldrahtzäune errichtet werden müssen, hinter denen gemeinsam mit den rechtmäßigen, vom Willen der Bevölkerung getragenen Hütern der Ordnung die Militärpolizisten der Westmächte patroullieren, dann werden diese provisorischen Zäune zu symbolischen Bollwerken gegen die vielgestaltig drohenden Angriffe auf die menschliche Freiheit In aller Welt.
Der Westen hat uns gezeigt, welches kostbare Gut durch Achtlosigkeit oder Furchtsamkeit verlorengehen kann; die Welt hat nun den Beweis zu erbringen, daß sie Im Stande Ist, mit klarem Blick eine „demokratische Hülle" von Ihrem roten Kern zu scheiden. Diese am Berliner Dreisektoreneck von Deut/chen auf Deutsche abgefeuerten Schüsse geben deutlichen Aufschluß über die Zerreißprobe, der die Freiheit aller Völker in diesen Monaten In Deutschland ausgesetzt Ist. Sie zu schützen Ist eine Aufgabe, der sich keine demokratische Nation der Erde entziehen kann, ohne sich mit Schande zu beflecken.
Herrenchiemsee , 24. Aug. (DENA). Der seit dem 10. August auf Herren chiemsee tagende Verfassungskonvent der elf westdeutschen Länder schloß am Montagabend nach Entgegennahme des Berichtes der Kommission für Kompetenzfragen seine Arbeit ab. Der Konvent kam in seiner Abschlußsifr- zung überein, dem parlamentarischen Rat den Vorschlag von Professor Dr. Fritz Baade (Schleswig-Holstein ) zu empfehlen, sich mit einer direkten Petition an den amerikanischen Kongreß zu wenden, wonach Garantien für die Achtung der Grund- und Freiheitsrechte der Deutschen durch die Besatzungsmacht sichergestellt werden sollen.
Der parlamentarische Rat soll — dieser Empfehlung zufolge — beantragen, daß ein internationaler parlamentarischer Ausschuß aus Parla- mentsvertretem der USA , Großbritan niens , Frankreichs und der deutschen Westländer gebildet wird. Dieser Ausschuß soll für das Gebiet des Bundes Deutscher Länder die Befugnis eines obersten Schiedsrichters für die. Schlichtung von Streitigkeiten zwischen Deutschen und Vertretern der Besatzungsmächte in allen Fragen der Verletzung der Grundrechte in Deutschland erhalten.
Nach den vom Plenum ohne wesentliche Aenderungen entgegengenommenen Empfehlungen der Kommission für Kompetenzfragen sollen der auswärtige Dienst, die Bundeseisenbahnen und die Bundespost in bundeseigener Verwaltung mit eigenem Verwaltungsunterbau geführt werden. In bundesunmittelbarer Selbstverwaltung sollen die Versicherungsträger für die Zweige der Sozialversicherung stehen, bei denen der Gefahrenausgleich nur bei einheitlicher Zusammenfassung für das ganze Bundesgebiet gewährleistet ist. Außerdem soll eine Bundeswährungsbank gegründet werden.
In der Frage der'.-Kompetenzen von Bundes- und Ländergesetzgebung kam man überein, daß Bundesrecht vor Landesrecht geht. Der Inhalt der Bundesgesetze soll dadurch beschränkt werden, daß kein Gesetz Grundrechte antasten oder Vorschriften des Grundgesetzes verletzen darf. Der Bund hat die ausschließliche Gesetzgebung über auswärtige Angelegenheiten, Bundesangehörigkeit, Paßwesen und Auswanderung, Währungs-, Geld- und Münzwesen, Einheit des Zoll- und Handelsgebietes, Zoll- und Handelsverträge sowie Freizügigkeit im Warenverkehr, im Post- und Fernmeldewesen sowie im der Bundesstatistik.
Königstein , 24. Aug. (SAZ). Eine Konferenz des Vorstandes der Arbeitsgemeinschaft der CDU/CSU tagte gemeinsam mit den Landesvorsitzenden am 20. August in Königstein , unter dem Vorsitz von Dr. Erich Köh ler . Vertreten waren alle Landesverbände der drei Westzonein sowie der Landesverband Berlin , ferner die Ostzone durch Jakob Kaiser und Emst L e m m e r. Zur Beratung standen die schwebenden politischen Fragen. In der CDU/CSU besteht sowohl über die Stellung der Partei zum Parlamentarischen Rat wie über die Aufgaben der künftigen Fraktionen der CDU/ CSU im Parlamentarischen Itat volle Einmütigkeit. Man kam überein, aus praktischen Erwägungen die CDU - Fraktionen der Länder neben den ordentlichen Mitgliedern ’zum Parlamentarischen Rat auch ständige Stellvertreter wählen zu lassen. Die Hinzuziehung von Vertretern Berlins zum Parlamentarischen Rat wurde lebhaft
1 begrüßt. Die Konferenz verband damit ein klares Bekenntnis zum Kampf der Berliner Bevölkerung für Freiheit
Der Katalog der Vorranggesetzgebung des Bundes soll 37 Punkte enthalten, u. a.: Bürgerliches Recht; Strafrecht und Strafvollzug; Gerichtsverfassung und gerichtliches Verfahren für die' der Bundesgesetzgebung zustehendem Gebiete; Handels-, See- und Binnenschiffahrt sowie Wechseä- und Scheckrecht; Urheberrecht, Verlagsrecht und gewerblicher Rechtsschutz.
Im Bereich der Vorranggesetzgebung des Bundes sollen die Länder das Recht der Gesetzgebung behalten, solange und soweit der Bund von seinem Gesetzgebungsrecht keinen Gebrauch macht. Der Bund regelt nur, was bundeseinheitlich geregelt werden soll. Im Bereich der ausschließlichen Gesetzgebung des Bundes sollen die Länder nur dann die Befugnis zur Gesetzgebung haben, wenn sie hierzu in Bundesgesetzen ausdrücklich ermächtigt werden, oder wenn ihre Gesetze lediglich Bundesgesetze vollziehen. Soweit das Grundgesetz nicht ausdrücklich anders bestimmt, sollen die Länder das Bundesrecht mit ihren Verwaltungseinrichtungen und nach ihrem Verwaltungsverfahren vollziehen.
Bei der Behandlung der Zuständigkeit in der Finanzgesetzgebung bestand Einmütigkeit darüber, daß dem Bund die Hoheit über die Zölle, sowie über die Verbrauchs-, Umsatz- und Verkehrssteuem obliegen soll. Eine Minderheit vertrat den Standpunkt,
München , 24. Aug. (SAZ). Die Verteilung der 13 bayerischen Delegiprtenposten für den Parlamentarischen Rat hat in München eine heftige Auseinandersetzung hervorgerufen. Nachdem ursprünglich Ministerpräsident Dr. Hans Ehard der Bayem- partei einen Sitz versprochen hatte, wurde nun nach einer stürmischen Fraktionssitzung der CSU von der Mehrheit der CSU - Abgeordneten entschieden, die Sitze wie folgt zu verteilen; 8 Sitze der CSU , 4 Sitze der SPD , 1 Sitz der FDP , damit sind praktisch die kleinen Parteien, nämlich die KPD , WAV und die Bavernpartel ausgeschaltet. Auch bei der SPD kam es zu einer Ueberraschung durch Exministerpräsident Dr. Wilhelm Högner , der seine einstimmige Benennung ablehnte. Nach Bekanntwerden des CSU -Beschlusses hatte die Bayerische Partei telegrafisch die Landesvorstandschaft einberufen und dagegen protestiert, daß nur die im Landtag ver-
und Recht unter besonderer Würdigung des . entschlossenen Einstehens des Landesverbandes Berlin der UNION unter Führung ihres Vorsitzenden Dr. Walther Schreiber.
Der Ausschuß der Arbeitsgemeinschaft für Lastenausgleich erhielt den Auftrag, seine Arbeiten nach Eingang des vom Verwaltungsrat für Wirtschaft angeforderten Materials zu be- ,schleunigen. Die SPD in Schleswig- Holstein hatte durch ein Sandergesetz die in ihrer Wirkung entschädigungslose Enteignung von Grund und Boden nach sowjetischem Muster im Landtag beschlossen. Sie hatte durch diese partikularistische Sonderregelung gleichzeitig in weitem Umfang den gemeinsamen deutschen Lastenausgleich vorweggenommen und gefährdet. Die Arbeitsgemeinschaft CDU / CSU und die Landesvorsitzenden der CDU/CSU stellten sich hinter die CDU Schleswig-Holsteins , die mit Schärfe die Uebemahme von Ost- zonen-Methoden in den Westen ablehnt. F. H.
daß für die Btersteuer nicht der Bund, sondern die Länder zuständig sein sollen. Dabei wurde erwähnt, daß die Biersteuer insbesondere für die bayrische Finanzpolitik von ganz besonderer Bedeutung sei.
Man kam überein, daß Länder und Bund ausreichende Finanzierungsquellen zur Bestreitung der eigenen Bedürfnisse haben sollen. Uebereinstim- mend wurde hier eine Regelung vor- geschlagen, die weder den Bund zum Kostgänger der Länder macht, noch die Länder zu Kostgängern des Bundes. Es wurde angeregt, zum Ausgleich von Fehlbeträgen des Bundes die Umsatzsteuer zwischen Bund und Ländern aufzuteilen. Dadurch soll ein besonderes Interesse der Länder an der Ausgabewirtschaft des Bundes sicherfeestellt werden.
Der Bund soll insbesondere die Kosten der Bundesverwaltung, der Besatzung und der Sozialversicherung tragen und seine Ausgaben im wesentlichen aus den Ablieferungen der Bundesbahn und d^r Bundespost sowie aus dem Aufkommen der Zölle und der Verbrauchs-, Einkommens-, Umsatz-, Beförderungs- und Versicherungs- Steuern 'bestreiten. Ueber die Verwendung aller Bundeseinnahmen soll der Bundesminister der Finanzen im Bundestag und im Bundesrat Rechenschaft ablegen. Die Rechnungsprüfung soll einem mit richterlicher Unab- hängikeit ausgestatteten Rechnungshof übertragen werden.
tretenen Parteien über die Beschlüsse für die Zukunft Bayerns entscheiden dürfen. Die Bayern -Partei kündigte eine Gegenaktion gegen diese „Vergewaltigung" an. Wahrscheinlich wird die Bayern -Partei zu einem Volksentscheid aufrufen. dem sich auch die KPD anschließen dürfte. Innerhalb der CSU kam es bei der Verteilung der Sitze zu einem Streit, da Kultusminister Dr. Alois Hundhammer Staatsrat a. D. Fritz Schaffer , den zum linken Müller- Flügel in Opposition stehenden Exponenten der föderalistischen CSU -Gruppe, in den Parlamentarischen Rat bringen will. xh.
Stuttgart , 24. Aug. (SAZ). Der eher malige deutsche Reichskanzler, DK Heinrich Brüning , der, wie er mitteilte, „aus einer Reihe von Gründen nicht in der Lage ist, vor der Kammer zu erscheinen“, nahm heute schriftlich zu den Fragen des öffentlichen Klägers im Schacht-Prozeß Stellung.
„Ich habe im Juli. 1931 Herrn Dr. Schacht die gleiche Stellung als Devisenkommissar angeboten, die er seit Herbst 1923 hatte, bevor er zum Reichsbankpräsidenten ernannt wurde. Ein Angebot, ihn zum Reichsbankpräsidenten zu ernennen, ist von mir nicht gemacht und auch nicht beabsichtigt worden. Aus anderen Gründen, die dagegen sprachen, würde sich Reichspräsident von Hindenburg . 1933 noch einer Ernennung Schachts' zum Reichsbankpräsidenten widersetzt haben. Hitler hat miT noch kurz vor der Bankkrise erklärt, daß er nichts von Schacht wissen Wolle, da er Schachts Rücktrittsgesuch im Januar 1930 mit der Haltung eines Generals vergleichen müsse, der sich vor der Verantwortung für die Ausführung der von ihm selbst gemachten Pläne drücke. Es ist schwer für mich, zu sagen, welche Pläne Dr. Schacht in jeder Phase seiner politischen Entwicklung gehabt hat. Ich bin der Ueberzeugung,
Deutschland-Rundschau
VEREINTE WESTZONEN t
WIESBADEN . In Hessen werden ml* Wirkung vom 15. Sept. sämtliche Straßenverkehrsämter in den Landkreisen und kreisfreien Städten sowie die Straßenverkehrshauptämter der Regierungsbezirke aufgelöst. — OLDENBURG . Strafkammer Oldenburg eröffnete den bisher größten Schleberprozeß Nordwestdeutsdilands. — MÜNCHEN . Der flüchtige ehemalige baye rische Sonderminister Alfred Loritz wurde von der WAV-Fraktion endgültig als Delegierter für den Parlamentarischen Rat nominiert. / 600 tschechoslowakische Flüchtlinge reisten in einem Sammeltransport von München nach Italien ab.
TÜBINGEN . Der britische Labourabge- ordnete Didc Crossmann hielt sich laut Südena am Wochenende in Tübingen auf, um sich persönlich über die Verhältnisse in der Uhrenindustrie Südwürttembergs zu unterrichten. — OBERNDORF . Nach einer von Südena verbreiteten Mitteilung der französischen Militärregierung werden fünt Gebäude der ehemaligen Waffenfabrik Mauser A.G. von der vorgesehenen Sprengung ausgenommen.
SOWJETZONE:
POTSDAM . Die Gemeindewahlen in der sowjetischen Zone, die in diesem Herbst fällig gewesen wären, sind auf Herbst 1949 verlegt worden. — ERFURT . Der Landesvorstand Thüringen der „Freien Demokratischen Jugend“ hat beschlossen, einen Sonnabend in Jedem Monat zum „Sonnabend der Jugend“ zu erklären.
VIERZONENSTADT BERLIN:
BERLIN . Der bedeutende Berliner Kunsthistoriker Professor Adolf Behne ist am Sonntag im Alter von 63 Jahren in Berlin einem Herzanfail erlegen.
(Alls nicht gezeichneten Nachrichten: DBNA)
Beschränkungen im Straßenverkehr
Pforzheim , 24. Aug. (SAZ). Das Straßenverkehrsamt bittet uns, noch einmal besonders auf die noch in Kraft befindlichen Verordnungen zur Beschränkung im Kraftfahrzeug verkehr unter besonderer Beachtung des Kraftfahrzeugmißbrauchgesetzes vom 3. August 1948 hinzuweisen.
Wie DENA aus Tübingen meldet, ist auf Anordnung des französischen Oberbefehlshabers in der französischen Zone der Kraftfahrzeugverkehr zwischen 22 und 5 Uhr verboten. Ausgenommen sind Lebensmitteltransporte und Krankenbesuche von Aerzten.
daß Schacht in den Jahren 1931—32, wo ich die .Dinge beurteilen kann, Hitleir sofort hätte fallen lassen, wenn ihm das Reichbankpräsidlum angeboten worden wäre. Wie verschieden die Auffassungen über Schacht in der Zeit unmittelbar nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler waren, zeigt z. B. eine Aeußerung von Herrn Dr. Oberfohren, dem Führer der Deutschnationalen Partei im Reichstage, die er meinem Freund, Dr. Per- litius, dem Führer der Zentrums- Fraktion im Reichstage, gegenüber im März 1933 gemacht hat. Sie lautet ungefähr: Die einzige Hofinung, Hitler wieder zu beseitigen, würde in einer Ernennung Schachts zum Reichsbankpräsidenten liegen. Schacht würde in dieser Stellung in der Lage sein, Hitlers Wahnsihnspläne von der Reichsbank her zu kontrollieren und schließlich unschädlich zu machen. Inwieweit Dr. Schacht beabsichtigte, im Sinne der Ausführungen Dr. Oberfohrens zu handeln, und wie weit er dazu noch in der Lage war, nach den äußerst günstigen finanziellen Erleichterungen, die vom Auslande 1934 und 1935 Deutschland gewährt wurden, vermag, ich nicht zu beurteilen“, schloß Dr. 1 Brüning seine Stellungnahme zu dem Fragenkomplex Schacht. -fz
Streifigkeiten um den Parlamentarischen Rat in Bayern
CSU verteilte die Abgeordnetensitze — Bayernpartei protestiert
Brüning nimmt Stellung im Schachf-Prozelj
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Kriminalroman von Gottsdiall-Bergner
DIE 13 SAITE
Coovright Münchener Kultur* Presse-Dienst
15. Fortsetzung
Also auch dieses Gespräch brachte keinen Lichtblick. Ich verabschiedete mich von dem Mädchen, ging noch einmal zur Polizei und kam schließlich auf verschiedenen Umwegen heim. Das ist also das Ergebnis des heutigen Tages. Da hast Du es, mein Freund, und dann soll man noch guter Laune sein?“ Bertrams regte sich.
„Alle Fäden, die ich mit Leichtigkeit in die Hand bekommen hatte, werden mir durch die paar vernichtenden Worte entrissen.... Bruno Schaller ist tot. Wo soll man jetzt anfangen? Wäre Schaller fort, wäre meinethalben bis ans Ende dör Welt geflüchtet, wir hätten ihn erreicht, er hätte uns den Namen seines ärgsten Feindes verraten. — Jetzt aber ist sein Mund stumm für immer. Bob, Du kannst gar nicht glauben, wie mutlos das macht.“
Parker sagte ein paar freundliche Worte, sie sollten halb tröstend, halb zuversichtlich klingen.
Plötzlich richtete sich Götz straff auf, sein Auge bekam wieder den gespannt lebhaften Ausdruck.
„Das Royal!“ sagte er und schnellte dabei empor, Parker bei den Schultern fassend: „Das Royal ist der Mittelpunkt, um den sich alles dreht.
lieber Junge, in dessen Mittelpunkt hinein aber muß ich springen, um dem Blick wieder weiteren Raum bieten zu können. Auf Geschicktheit kommt es jetzt an, Bob, auf Geschicktheit. —“
„Ja, aber wie denn, Götz?“ — „Wie willst Du es in diesem Falle anfangen?“
Bertrams lachte, jetzt wieder ganz bei guter Laune.
„Das frag ich Dich, lieber Bob.“
Parker dachte, nach, dann sagte er zögernd:
„In der Maske eines Kellners, des Portiers ... Du hast es doch hundertmal gemacht.“
„Hundertmal war es auch nicht so verzwickt wie dies eine Mal. Ich sage Dir, Robert Parker , es gibt geniale Verbrecher, bei denen man es noch so schlau anfängt und doch hereinfällt. Ich darf die Sache nicht als allgemein üblich behandeln, sondern .“
Er brach mitten im Satz ab, eine Art, die Götz Bertrams oft eigen war. Parker schwieg still, denn er wußte, daß er den Gedankengang des Freundes nicht stören durfte.
„Nein... es geht nicht.... alles geht nicht.... ich muß es dem Zufall überlassen.“
„Warum geht es nicht. Götz, vertrau Dich doch einem der Besitzer des Royal an, sie werden Dir gewiß behilflich sein.“
„Ich weiß den Namen des Mannes, den ich suche noch nicht, das eben ist die Schwierigkeit. Wer weiß, ob ich nicht gerade an die falsche Adresse komme? Zudem... je weni
ger Mitwisser man braucht, desto besser. Kommt mir nicht ein glücklicher Zufall in den Weg,.beispielsweise eine Zeitungsannonce, ein Stellungsgesuch im Royal betreffend, so lasse ich die Sache fallen. — Wer sagt mir denn, ob der Unbekannte nicht vielleicht längst unsere Stadt verlassen hat? Morgen werde ich Schallers Wohnung einer eingehenden Besichtigung unterziehen, vielleicht bekomme ich dann wieder einen Faden in die Hand, an dem ich mich weitertasten kann zu neuen Möglichkeiten. Gute Nacht, Bob.... ich bin sehr müde, es ist Schlafengehenszeit.“
Als Bertrams sich verabschiedet hatte, läutete Parker nach Mamsell Christensen.
Als sie Teller und Tassen zusammengeräumt hatte, sagte er freundlich, auf ihren umwickelten Finger weisend:
„Haben Sie sich verletzt Mamsell?“
Ein schüchternes Lächeln huschte über Josefines Züge.
„Es Ist nicht eben schlimm, Herr Parker, beim Nähen stach ich mich mit der Schere.“
Parker wiegte mit einer Miene des Bedauerns den .Kopf hin und her.
„Hat es stark geblutet?“
„Ziemlich.“
„Warten Sie einen Augenblick, mein Freund hat da ein vortreffliches Pflaster.“
„Nicht doch, Herr Parker, es ist gar nicht der Rede wert."
Aber schon hatte Parker die Schublade eines Eckschränkchens
aufgezogen und eine Rolle daraus hervorgeholt. „So!“
Willig ließ sie sichs gefallen, daß er ihr die schmerzende Hand- mit rosa Pflaster umwickelte.
Einmal sagte sie lächelnd in das Stillschweigen:
„So kunstgerecht, wie Sie das machen, grad als wären Sie ein Arzt.“ „Das lerne ich alles von Herrn Bertrams, er ist der geschickteste Mensch, den man sich denken kann. Passen Sie auf, Mamsell, wie schnell Sie ihn schätzen lernen.“
„Das «tue ich jetzt schon, Herr Parker.“
„Sehn Sie . . . nun sind wir fertig. Geben Sie acht, in einer halben Stunde sind die Schmerzen vorüber! Gute Nacht, Mamsell Christensen.“ „Gute Nacht, Herr Parker, und meinen besten Dank.“
Bei Götz's Freund Weigel wird die gute Josefin nicht allzu viel gearbeitet haben, dachte qr, als die Mamsell das Zimmer verlassen hatte, das fühlte man ihren schlanken weichen Händen an. Aber freilich, er hatte des Nachts, wenn er spät nach Hause kam, eine treue Seele, die wach war und gewartet hatte, um noch ein Wörtlein mit ihm plaudern zu können. Ja, das glaub ich wohl, es ließ sich auch noch plaudern mit dieser Mamsell Christensen; dumm war sie nicht, um eine Antwort nie verlegen und ... ja wirklich, wenn er zwanzig Jahre früher zur Welt gekommen wäre, er hätte sich höchstwahrscheinlich in diese wunderliche Person mit der demütigen Stimme, die doch so stolz klang . . . verliebt.
Ein sonderbarer Fremder.
„Ich habe Ihnen jetzt schon zum hundertsten Mal gesagt, daß Herr Bertrams nicht zu Hause ist; jetzt lassen Sie mich endlich in Frieden!“ „Ja aber . . .“
„Ich habe keine Zeit. .. punktum.“ Robert Parker saß am Schreibtisch, vor ihm verstreut lagen die Blätter seiner Arbeit, er hielt den Bleistift seit einiger Zeit untätig wartend in der Hand und starrte einen jungen Burschen an, mit lockigem schwarzem Haar, in. dürftiger Kleidung, der den breitrandigen Künstlerhut in tiefster Verlegenheit, immerwährend zwischen den Händen drehte, rollte und wieder glättete. Auf eine hartnäckige Erwiderung des Fremden hin, riß Parker endlich die Geduld. Er sprang auf und schrie den mageren Bittsteller an, daß ihm seiner Meinung nach Hören und Sehen vergehen mußte.
„Zum Donnerwetter . . . scheren Sie sich zum Teufel. Ich habe zu arbeiten und Sie stehlen mir meine Zeit mit Ihren ewigen Einwendungen. — Ich habe Ihnen gesagt, Sie sollten wiederkommen, wenn Herr Bertrams selbst da ist. —“
„Aber er ist doch da . . . eine innere Stimme sagt es mir . . . und meine innere Stimme lügt nicht.“ Parker beugte sich über- den Schreibtisch und brüllte wie rasend:
„Reizen Sie mich nicht, sonst werde ich Ihnen auf andere Art und Weise zum Weg aus dem Zimmer verhelfen.“
- Parker war befriedigt. Seine Worte schienen Eindruck gemacht zu haben.
(Fortsetzung folgt.)