523
umgestürzten Häuser vermochten am 26. keinen Widerstand mehr zu leisten. Ich befand mich an letzterem Tage um 10 Uhr in Grächen , auf einem Felsen sitzend, und unterhielt mich mit zwei Bauern, als plötzlich unser Sitz zu schaukeln anfing und wir zu Boden geworfen wurden. Im nämlichen Augenblick brachen 13 Speicher zusammen und ein enormer Felsblock, bekannt unter dem Namen „Kalchenzug", stürzte mit furchtbarem Gekrach und reißender Schnelligkeit von der Höhe des Berges hinunter nach Biege. In Stt Niklaus steht nur noch das Pfarrhaus und dasjenige des Notars Binner aufrecht; alle übrigen sind eingestürzt und bilden zusammen einen Schutthaufen: die unglücklichen Bewohner campiren unterm freien Himmel. Ein jammervoller Anblick! Um I'm Uhr verlieb ich das Wirthshaus zum eidgen. Kreuz und im gleichen Moment wurde dasielbe durch einen neuen Stoß demo- lirt. Von 1>/» Uhr bis 6 Uhr fühlte ich sechs Erschütterungen. Aus dem Wege nach Viege traf ich den Geistlichen von St. Niklaus an, ohne Hut, am Kopf und einem Knie verwundet. Doch wir dursten uns nicht aushalten, die ganze Länge der Straße war mit tiefen Rissen, zusammcngestürzten Mauern und großen Felsblöcken bedeckt und jeden Augenblick ertönte neues Getöse, fühlten wir neue Stöße. Endlich langte ich in Stalden an; auch hier die nämliche Erscheinung. Zweihundert Schritte von da war die Landstraße verschwunden und ich verfolgte meinen Weg wie ich konnte nach Biege. — Den Walliser Blättern entheben wir noch folgende Notizen: Der Regierungsstatthalter von Visp schreibt dem Staatsrath, sowohl m Visp selbst, als in St. Niklaus , seien die meisten Häuser unbewohnbar geworden, so daß die Bevölkerung sich in einer sehr traurigen Lage befinde. Im Bad Leuk verlangten die Kurgäste, daß ein solennes Tedeum gehalten werde, um Gott für ihre Rettung zu banken. Die Quelle soll eine ganz bläutiche Farbe angenommen haben. Im Ganzen wurden bis zum 26. Abends 40 stärkere oder schwächere Erschüt- temngen gezählt. — Das St. Galler Tagblatt theilt einen Privatbries eines St.Gallers, der letzte Woche den Canton Wallis bereiste, mit. Er schreibt: Nachdem ich in Biege i Fischbach) am 25. Juli das Mittagesien eingenommen und im Salon mit einem Fremden mich unterhielt, wurden wir in unserm Gespräch plötzlich (5 Minuten vor 1 Uhr) durch ein donnerarttges Getöse und durch ein Hin - und Herschwanken des Bodens gestört. Ich schaue auf, und zu meinem nicht geringen Schrecken sehe ich die Diele ob mir zusammenbrechen und im gleichen Augenblick sintt unter uns der Boden, und wir Beide finden uns im Erdgeschoß zwischen Balken und Breitem eingerammelt, glücklicher Weise ohne die geringste Körperverletzung erhalten zu haßen; nur die Kleider wurden uns zerrifien. Dieser Gasthof, letztes Frühjahr neu aufgebaut, ist nun zur Hälfte wieder zusammengestürzt, der Speisesaal und einige Zimmer darauf sind total unbrauchbar gewordm; der Dachstuhl steht noch und der hintere Theil des Hauses hat wenig gelitten. Im Orte blieb kein Haus unbeschädigt, Kamine sah man nicht eines mehr ganz; in den Gaffen öffne- tm sich Quellen, ein schöner Kirchthurm ist eingestürzt. Während einer Stunde herrschte die größte Bestürzung. — Nachdem ich mich etwas erholt hatte von der unangenehmen Fahrt vom zweiten in dm erstm Stock, schickte ich mich zur Weiterreise an. In Turtmann angekommm, fand ich die Leute noch ganz erschreckt von der gewaltigen Erschütterung. Hier ist z. B. im Gasthof zur Post nicht Ein Zimmer, das nicht starke Spuren vom Erdbeben hatte; sieben Kamine dieses Gebäudes lagm auf der Straße. Doch hat man Gott Lob kein Mmschenlebm zu beklagen.
Italien . Die Erderschütterung am 25. Juli, Nachmittags 1 Uhr, wurde in Turin , Genua , Aleffandria, Cham- bery, Mailand und andem Orten verspürt, ohne daß sie Schaden anaerichtet hätte. — Die Cholera wüthet im ganzen Gebiet östlich von den Apmninen. Aus Bologna vom 23. Juli wird geschrieben, daß mehr als 130 Krankheitsfälle täglich Vorkommen. In Ferrara zeigt sich einige Bermindemng, die ganze Stadt ist verödet, duster, wie nach einem allgeme,- nm Gemetzel. — Bon 2594 Cbokeraerkrankungm, welche in der Provinz Brescia seit dem 25. Juni, demZeitpunkt des ersten Auftretens der Krankheit, sich ereignet hatten, endeten nur 181 Fälle mit Genesung, 928 mit dem Tode, währmd 1485 in der Behandlung blieben.
Türkei . Auch die türkischm Zeitungm habm nunmehr die amtliche Mahnung erhalten, sich auf die Veröffentlichung der einfachen Kriegsvorgänge des Tages zu beschränken, der Aufnahme von Auskünften und Einzelheiten über die Ope- rationspläne der alliirten Armeen in der Krimm dagegen sich bei Strafe der Suspension des Blattes zu enthalten.
Krimm. Folgender Plan wird den Feldherrm der Verbündeten zugeschrieben: Die eigentliche Stadt und Festung Sebastopol , bekanntlich auf der Südseite des Hafens gelegen, gleichzeitig vom Land und von der See her, also gewiffer- maßen von vorn und hinten anzugreisen. Hundert Fahrzeuge aller Größe, 40,000 Mann Truppen führend, sollen, was es auch koste, unter dem Feuer der russischen Forts hindurch, das vielleicht ein Dutzend von ihnen auf der Fahrt in Grund bohren wird, die Estakabe an der Hafeneinfahrt forciren und ihre Fracht auf voraus bezeichnten Punkten an's Land setzen. Gelingt es, nur 20,000 Mann auf diese Weise den Verthei- digern von Sebastopol in den Rücken zu werfen, während gleichzeitig von der Landseite her aus allen Richtungen gestürmt wird, so hofft man in wenigen Stunden allen Widerstand vernichtet zu haben.
Vor Sebastopol , 24. Juli. Dieser Tage hat die Hitze ihre größte Nachhaltigkeit entwickelt. Es ist ein vorübergehendes Leiden für unsere armen Soldaten; indeffen ist der Gesundheitszustand im Allgemeinen gut. In der Nacht vom 22. aus den 23. Juli gegen 11 Uhr haben die Ruffen, welche in den Verschanzungen mehr Leute als gewöhnlich zu sehen geglaubt und vielleicht durch besondere Bewegungen aufgeschreckt, aus allen Punkten der Karabelnajavorstadt ein Feuer eröffnet, dcffen Intensität, besonders der Musketen, an einen Ausfall ihrer Seits glaubm zu machm, geeignet war. Der General Canrobert, der noch diese Nacht in den Verschanzungen befehligte, hatte rasch seine Streitkräfte zusammenge- bracht und hielt sich zu einem hartnäckigen Kampfe bereit. Nach Verlauf einer halben Stunde sahen wir diese Bewegung aufhören und Alles kehrte zur gewöhnlichen Ruhe zurück. Gegen 1 Uhr wiederholte sich der Ausbruch Ju unserer Linken, ohne ein anderes Ergebniß, als der erste. Die Annäherungsarbeiten schreiten kräfttg vorwärts und die Ausrüstung neuer Batterien verfolgt ihren gewöhnlichen Lauf.
— Der General Canrobert , deffen alte Wunden sich geöffnet, kehrt, von dem Kaiser berufen, nach Frankreich zurück; er wird durch den General Mac Mahon ersetzt, der sich dieser Tage nach der Krimm einschisfen wird.
Der „Moniteur" enthält die Angabe, daß zufolge genauer Nachrichten von verschiedener Seite her die Zahl der Verwundeten und Kranken der russischen Armee seit Beginn der Belagerung von Sebastopol 70,000 betrage, die über alle Städte und Dörfer des südlichen Rußlands bis nach Tagan- rog und Rostow an den Ufern des Don hin vertheilt seien. Die Wunden seien im Allgemeinen schwer und wegen ihres scorbutischen Charakters, den man den Sttapazen und der schlechten Ernährung der Soldaten zuschreibt, nur mit Mühe zu heilen. Diese Zustände sollen dm berühmten Chirurgm Piragoff, den die russische Regierung von St. Petersburg nach Simpheropol geschickt bat, lebhaft beschäftigen.
— Ein Soldat der Krimmarmee schreibt seiner Famllie in Lyon , daß er, von den Ruffen gefangen, einem sonderbaren Umstand seine Freiheit verdanke. Cr wurde nämlich nicht eiu- getauscht, sondem einfach in's ftanzösische Lager zurückgeschickt. Folgender Thatsache verdankt er diese Begünstigung: im Jahr 1836 lebte im Hafen von Trouville ein Fischer Namens Pnme, der an der Küste die aus 8 Mann bestehende Mannschaft eines gescheiterten kleinen russischen Schiffes gerettet hatte. Dieser Fischer ist der Großvater des Soldaten in der Krimm, der in russische Gefangenschaft gerathen, diese Episode aus dem Leben seines Großvaters erzählte. — General Totleben kam die Geschichte zu Ohren, er ließ dm Gefangenm rufm und schickte ihn in Anbetracht der Antecedentten seiner Familie frei in das ftanzösische Lager zurück, indem er ihm halb im Emst, halb im Spaß den Rath ercheilte, sich nicht em zweites Mal fangm zu lassen.
— Ein Gerücht läßt dm unlängst todt gesagten Schamyl in der Nähe von Tiflis erscheinm, weßwegen die Ruffen dort ihre frühere Stellung wieder eingenommen hätten.