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BADENER TAGBLATT

Mittwoch, den 31. Juli 1946

US BADEN* BA!

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Noch ärmer?

Die Steigerung arm, ärmer, am ärmsten, läßt sich neute noch anders ausdrücken: evakuiert, bomben- geschadigt, Flüchtling. Ein bombengeschädigter evakuierter Flüchtling ist demnach das Höchster­reichbare an Armseligkeit, Elend und Not. So dachten wir wenigstens. Der Chronist ist dieser läge eines Besseren belehrt worden oder eines schlechteren, wenn man so will. Jedenfalls weiß 5J.. nU °’ bin evakuierter bombengeschädigter rluchtlmg den Rekord an Verelendung bei weitem noch nicht erreicht hat. Denn siehe, er hat dieser ? a if e erwachsene Frau, Verzeihung eine Dame neue Tränen vergießen sehen, weil es kein Boh­nerwachs mehr gibt für die Fußböden. Wer Trä­nen um Bohnerwachs vergießt, während die ar­men Flüchtlinge aus dem Osten im Durchgangs­lager gelassen oder gar hoffnungsvoll in die Zu­kunft schauen, ich sage, wer Tränen um Bohner­wachs vergießt, dem muß es wahrlich schlecht »eben.

Ein Einzelfall sagen Sie? Lieber wohlgeneigter Leser, leider nur ein kleines Beispiel von vielen. Soll ich mehr ausplaudern? Von der Bäuerin die einem Flüchtling erklärte: Soll ich vielleicht als trste im Dorfe meine gute Stube hergeben? Eine andere, die von den 10 000 qm ihres Gartens kein em­siges abgab und sich beklagte, daß ihr niemand bei der schweren Arbeit hülfe? Von der anderen, die eine Eingabe an das Elektrizitätswerk machte, da sie nach der Stromkürzung ihre Bettbezüge nicht mehr plätten könne? Von der anderen, die *ur Flüchtlingsfrau sagte: Sie haben es besser. Sie haben nur einen Teller für jeden, aber wenn man mehr hat und sie nicht benutzen darf des Auf­waschens und der Gasersparnis wegen, das ist doch bitter? Und schließlich von der. die in einem über­füllten Hause einen Keller beanspruchte, um dort ihre überzähligen Möbel unterzubringen und die höfliche Anfrage, ob unbenutzter Keller und Möbel nicht lieber der Allgemeinheit dienlich gemacht werden könnten, entrüstet ablehnte?

Sie meinen, so etwas gäbe es nicht mehr? So etwas gibt es, und zwar, bei uns! Und dem Chro­nisten scheint, daß diese Leute wirklich die Ärm­sten der Armen sind, nämlich an Einsicht, Ver­nunft und Herz. Osuin

Aua un&s «m %dakttoMkalendet

Die nächsten Wiederholungen von Anouilhs „Antigone “ im Kleinen Theater finden statt: Am morgigen Donnerstag, 1. August (7. Vorstel­lung der Mietgruppe D), am Samstag, 3. August (6. Vorstellung der Mietgruppe E) und am Sonntag, 4. August (Außer Miete).

Das Straßburger Ballett wird am 3. August nach Baden-Baden kommen mit reichhalti­gem Programm klassischer und romantischer Bai lettkunst nach Walzern, Mazurken u. a. von Chopin , Berlioz und Tschaikowsky bis zu Debussy und Jes- sel. In dem Lustspiel von Brentano „Taglioni besucht Musette“ erklingt Musik von Auber, Boiel- dieu und Meyerbeer in dfer Bearbeitung des be­kannten französischen Komponisten Henry Busser Die 1. Spitzentänzerin Nicoli Breton tanzt die Tag­lioni, Janine Bardin die Musette, Jean Combes den Mazillier. Die musikalische Leitung hat P. Acker, die Choreographie Jean Combes, während die Tanzregie von Charlotte April, die Inszenierung von Wantz betreut wird.

Der Südwestfunk bereitet zum 13. August „Den Leuchter“ als Hörspiel vor, eine der reizvollen Ko­mödien, die Alfred de Müsset als romantische, geistreiche Kammerspiele entwarf, wie sie vor hun­dert Jahren im „Roten Saal“ (Theater^ des Kurhau­ses Baden-Baden oft zur Aufführung kamen. Al­fred de Müsset weilte während und nach seiner Verbindung mit George Sand in Baden-Baden , des­sen Glückspiele den Inhalt seines Gedichtes „Mes fortunes“ bilden. Die Regie des „Leuchters" hat Dr. Karl Peter B i 11 z.

Am 1. August werden die Invalidenrenten, am 2 August die Unfall- und Angestelltenrenten für Monat August und am 5. August die Renten des Versorgungsamts Freiburg für Monat Juli gezahltj.

Der Artikel „Größbrand in Oosscheuern“ in un­serer letzten Samstagausgabe stammt nicht aus der Feder unseres —fer-Berichterstatters und wurde nur irrtümlich mit diesem Zeichen versehen.

B.-Baden Brennpunkt des Wohnnngsbedarfs!

Wie der heutigen amtlichen Anzeige zu entneh­men ist, wurde die hiesige Stadt zum Brennpunkt des Wohnungsbedarfs erklärt. Dies bedeutet nach den Bestimmungen des Wohnungsgesetzes des al­ liierten Kontrollrat », daß die WohnungsbehSrden alle erforderlichen Maßnahmen treffen können und treffen müssen, um den Zuzug nach Baden-Baden zu verhindern und die Abwanderung entbehrlicher „Personen zu erleichtern. Der Zuzug ist also allge­mein und ausnahmslos verboten, auch das vorüber­gehende Aufsuchen der Stadt ohne wichtigen ge­schäftlichen Grund soll unterbleiben. Eine Ausnah­me wird nur dann in Frage kommen, wenn die Besatzungsmacht im Einzelfall Arbeitskräfte für ihre eigenen Zwecke einstellt. Aber auch in diesem Fall kann es sich nur um den Zuzug von Einzel­personen ohne deren Familien handeln. Anderer­seits werden die Wohnungsbehörden genau zu prü­fen haben, wer in Baden-Baden nicht unentbehr­lich ist. Solche Einwohner werden dann in andere Orte verwiesen.

Es ist zu wünschen, daß die Erklärung zum Brennpunkt des Wohnungsbedarfs recht bald in weiten Kreisen bekannt wird, damit aussichtslose Gesuche vermieden und etwaige Zuzugswünsche von vornherein zurückgestellt werden.

Der Walldorfer Doilarkonig

Johann Jakob Astor zum Gedächtnis

Am 17. Juli 1763 wurde zu Walldorf bei Heidel­ berg Johann Jakob Astor geboren, Sproß einer Waldeserfamilie. In jungen Jahren wanderte er nach England und dann nach Amerika aus. Bei sei­nem Tod im Jahr 1848 hinterließ er ein Vermögen von 30 Millionen Dollar, das er sich durch Pelz­handel großen Stils und durch Bodenspekulation verdient hatte. Er begründete die Stadt Astoria im gtaate Oregon am Stillen Ozean ; in Neuyork stif­tete er die berühmte Astor-Bibliothek; in seiner Heimat Walldorf das Astorhaus (zur Versorgung bedürftiger Leute, zur Erziehung armer Kinder). Sein Sohn vermehrte das Vermögen auf 50, sein Epkel William auf 150 Millionen Dollar. Er galt als reichster Mann Amerikas . Dessen Sohn siedelte nach England über, während der Sohn seines Bru­ders William, Johann Jakob Astor 1913 bei der Ti­tanic-Katastrophe ertrank. Er hinter ließ als einzi­gen Sohn und Erben den 1891 geborenen Vincent Astor. Walldorf , westlich Wiesloch gelegen, wird 769 in Lorscher Urkunden erstmals genannt. Bis 1803 war es kurpfälzisch; 1901 wurde es zur Stadt erhoben; es zählt heute 5000 Einwohner.

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Kinder grüßen ihre Eltern

In ihrem Bestreben, als fast einziges kriegsver­schontes Land den Opfern des Krieges zu helfen, hat die Schweiz durch Vermittlung der Kinderhilfe des Schweizerischen Roten Kreuzes seit 1941 87 000 Kinder aus kriegsgeschädigten Gebieten aufgenom­men und ihnen in Familien oder Kinderheimen einige Wochen Erholung geboten. So konnten viele Tausend unschuldige Kleine vor dem Verhungern gerettet oder ihnen doch die gefährdete Gesundheit wiedergegeben werden. Die Not der Kinder im zerstörten Europa nimmt immer größere Formen an. Haben wir alles in unsern Kräften Stehende getan? 87 000 Kinder — sie können, verglichen mit dem Umfang der Not, nur Ergebnis einer er­sten Etappe unserer Hilfeleistung sein.

Wohl haben diese kleinen Gäste bei uns reich­liche und gute Verpflegung, warme Kleider und ein richtiges Dach über dem Kopf, doch kann auch die mütterlichste Pflegemutter nichts tun gegen das in jedem Kinde von Zeit zu Zeit aufsteigende Heim­weh nach seinen wirklichen Eltern, und es ist wohl auch verständlich, daß sich die Eltern der Kinder in den unter den Folgen des Krieges lei­denden Ländern nach ihren Kleinen sehnen.

Wohl können die zur Erholung in der Schweiz weilenden ausländischen Kinder mit ihren Ange­hörigen brieflich verkehren. Aber sehnt sich eine Mutter nicht am meisten nach der Stimme ihres

Kindes? Dieser Wunsch ist den Müttern unserer kleinen Gäste nun in Erfüllung gegangen. Die Rundspruchgesellschaft organisiert in Zusammen­arbeit mit dem Schweizerischen Roten Kreuz , Kin­derhilfe und dem Internationalen Komitee vom Ro­ten Kreuz Kindergruß-Sendungen. Über die Kurz­wellen der Sender Intercroixrouge und Schwarzen- burg können die Kinder kleine Briefchen und Bot­schaften an ihre Eltern verlesen. Aus technischen Gründen ist es jedoch nicht möglich, alle Kinder zu berücksichtigen, sodaß die Glücklichen durch das Los bestimmt werden müssen.

Die auserwählten Kleinen werden in Gruppen, nach den verschiedenen Nationen geordnet, ins Studio Genf geführt, wo die von ihnen auswendig­gelernten oder gelesenen Briefchen auf Schallplat­ten aufgenommen werden. Mit großer Liebe und viel pädagogischem Geschick führen die Speaker und das technische Personal von Radio Intercroix­rouge diese Kindersendungen durch. Jeden Don­nerstag und Sonntag von 19.00 bis 19.15 Uhr werden die Kindergrüße auf den Wellenlängen 47.28 m (Schwarzenburg) und 48.66 m (Radio Intercroix­rouge) übertragen

Mit diesen Sendungen erfüllt das Rote Kreuz eine seiner dringendsten Nachkriegsaufgaben, denn seine Tätigkeit muß weitergehen, solange die Menschheit noch unter den Folgen des Krieges leidet.

—Gd —

Meilensteine der Menschlichkeit

Wer freut sich nicht, in diesen schicksalsschwe­ren Tagen, in denen die Sorgen um die Zukunft zentnerschwer auf uns lasten, wenn ihm im Ge­triebe des Alltags ein freundliches Gesicht begeg­net, ein freundliches Wort entgegenschallt — eine liebevolle Überraschung zuteil wird !

Der Leser wird sich erinnern, wie vor einigen Wochen die Einweihung des KZ.-Erholungsheims Haus Rubens, in der Werderstraße, an dieser Stel­le mitgeteilt wurde. Die französischen Militärbe­hörden hatten in großzügiger Weise die Voraus­setzungen geschaffen, unter denen bei den heuti­gen schwierigen Verhältnissen der Betrieb eines solchen Hauses möglich ist. Der Erfolg ist nicht ausgeblieben: Die Betreuten erfreuen sich sicht­licher Erholung und Entspannung, wozu die em­sige Aufmerksamkeit und ständige Hilfsbereit­schaft der Herren Hund und Rubens nicht wenig beigetragen haben.

Dieser Wetteifer in der Fürsorge scheint sich herumgesprochen zu haben. Kommt da doch dieser Tage, trotz sengender Hochsommerhitze, ein frem­des Männlein den Berg hinaufgeklettert, tritt - in das Haus, legt 25 nagelneue Taschenfeuerzeuge mit ebensovielen Reservesteinen auf den Tisch, erklärt sie als Geschenk für die Armen Naziopfer, ver­weigert die Angabe seines Namens und verschwin­det so plötzlich wie er gekommen ist.

Dem Chronisten lacht das Herz, wenn er in un­serer gefühlsarmen Zeit auch einmal über ein wahres Erlebnis echter Herzenswärme und Menschlichkeit berichten kann.

Nach 50 Dienstjahren in den Ruhestand

Mit 67 Jahren und nach einem arbeitsreichen Leben bei der Eisenbahn tritt der jahrzehntelange Abteilungsleiter am Bahnhof Baden-Baden, H. Heußler, in den verdienten Ruhestand. Im Januar 1912 wurde er von Schaffhausen nach der Bäder­stadt versetzt und hat sich hier in der Folgezeit zu einem unentbehrlichen Helfer und Ratgeber ge­macht. Neben seiner Tätigkeit als Vorstand der Personen- und Gepäckabfertigung arbeitete er un­entwegt am Auf- und Ausbau des modernen Frem­denverkehrs. Zu einem nicht geringen Teil war es das Verdienst dieses sprachenkundigen Mannes, wenn sich Kurgäste aus aller Welt lobend über das Verkehrswesen Baden-Badens äußerten. Denn neben seinen Amtsgeschäften war er noch Mitor­ganisator der Ausflüglersonderzüge, die von Basel, Freiburg , Mainz , Frankfurt und Stuttgart einge­setzt wurden und Tausende von Wochenendausflüg- lern mit den Annehmlich- und Sehenswürdigkeiten der berühmten Kurstadt an der Oos vertraut mach­ten. Vielen Mitbürgern ist der nun in den Ruhe­stand Tretende auch durch seine politische Betäti­gung bekannt, war er doch an die 13 Jahre im Stadtparlament vertreten, zeitweise als Chef der Demokratischen Fraktion.

Nach Beendigung dieses Krieges hatte sich Heußler sofort wieder mit seiner reichen Erfahrung zur Verfügung gestellt und konnte wertvolle Ar­beit beim Wiederaufbau des zerstörten Eisenbahn­verkehrs leisten. Mit Genugtuung kann er des­halb heute auf seine 50-jährige Tätigkeit zurück­blicken, in der er dem reisenden Publikum des In- und Auslandes mit Rat und Tat zur Seite ste­hen konnte.

Ans Lichtental

Im vollendeten 84. Lebensjahr starb dei Förster i. R. Bernhard Falk aus Oberbeuern. Der Verstorbene war ein allseits beliebter Mann, der über ein halbes Jahrhundert im Forstamt tätig war. Daneben war er auch noch Landwirt und be­baute seine Ackerscholle. Eine stattliche Menge begleitete den Verstorbenen auf seinem letzten Gang zum Kirchacker, wo er von einem harten und mit Schicksalsschlägen angefüllten Leben aus­ruh«! wird. — JF_

Wer ist wahlberechtigt?

Das badische Ministerium des Innern teilt mit: Eine schiefe Auslegung der Bestimmungen über die Wahlfähigkeit hat annehmen lassen, daß alle alten Mitglieder der NSDAP , welchen nach dem Wortlaut dieser Texte das Wahlrecht trotz ihrer Tätigkeit, die sie ausgeübt haben, nicht automa­tisch entzogen wurde, das volle Wahlrecht besitzen.

Es besteht daher Veranlassung, klarzustellen, daß die Untersuchungsausschüsse der Gemeinden, d:e eine weitgeheende Beurteilungsbefugnis erhalten haben, ermächtigt sind, Personen das Wahlrecht zu entziehen, ohne daß sie der Partei oder ihren Glie­derungen offiziell angehört haben, wenn sie diesen gegenüber eine Einstellung und eine Tätigkeit ent­wickelt haben, deren Natur ihre Entfernung aus der Wählerschaft rechtfertigt. Umsomehr haben diese Ausschüsse die Befugnis, denjenigen Partei - mitgliedern das Wahlrecht zu entziehen, die sich durch ihre Tätigkeit als die treuesten Anhänger des Nationalsozialismus erwiesen haben.

Nachforschung nach vermifiten Militär« and Zivilpersonen

Wie uns vom Badischen Ministerium des Innern mitgeteilt wird, wurde die Durchführung von Maß­nahmen, die der Ermittlung von vermißten Mili­tär- uM Zivilpersonen dienen, ausschließlich dem Badischen Hilfswerk und den staatlich anerkannten Verbänden der freien Wohlfahrtspflege übertragen. Jede gewerbs- oder gewohnheitsmäßige Ermitte­lung von vermißten Personen durch andere Ein­richtungen oder Zivilpersonen wurde verboten und unter Strafe gestellt. Die Polizeibehörden wurden angewiesen, die Tätigkeit der sogenannten privaten Suchdienste, die erfahrungsgemäß nicht über die erforderlichen Mittel zur Feststellung von vermiß­ten Personen verfügen, einzustellen.

Za 1 Jahr Gefängnis verurteilt

Vor dem Tribunal Sommaire Baden-Baden , in der Sitzung vom 26. Juli 1946 fand eine Verhand­lung gegen den 18-jährigen Hans Höckb, wohnhaft in Hohenwettersbach , Beruf Landarbeiter, statt. H. wurde von dem Tribunal wegen „Provozierender Haltung gegenüber der Besatzungsbehörde“ zu ei­ner Gefängnisstrafe von einem Jahr verurteilt.

Polizeibericht

Schutepoiirai: Festgenommen wurdeo: I Per- hOD wegen Verdachts der Geschlechtskrankheit und unbe­rechtigten Aufenthalts in Baden-Baden , 1 Person wegen Diebstahls. — Vorgeführt wurden: 1 Person dem Commissariat der Suretd, 6 Personen an ihre Arbeitsstelle.

— Angezeigt wurden: 1 Person wegen Unterlas­sene der polizeilichen Anmeldung, S Personen wegen Unter­lassene der Straßenreinigung, 1 Person wegen unvorsich­tigen Fahrens mit einem Kraftfahrzeug und Nichtbeachtung des Vorfahrtsrechtes, 1 Person wegen Diebstahls. Weiter gingen X Anzeige wegen Feldfrevels und 1 Anzeige wegen Diebstahls ein. — Gebührenpflichtig ver­warnt wurden: 72 Personen wegen Befahrens von Einbahnstraßen in falscher Richtung, Nichtbeachtens von Verkehrszeichen, Fahrens mit Kraftfahrzeugen mit unleser­lichen Kennzeichen, Radfahrens bei Dunkelheit ohne Licht, Radfahrens auf Gehwegen, Nebeneinanderfahrens auf Fahr­rädern, Auf- und Abspringen bei fahrenden Straßenbahnen,

2 Jugendliche wegen Rauchens auf öffentlichen Straßen,

* Personen wegen Radfahrens ohne Nummerschild und Fahrrad-Laissez-Passer, 1 Person wegen Nichtbeisichfüh* re ns eines Personalausweises.

Kriminalpolizei ; Festgenommen wurden: 2

Personen wegen Diebstahls, 1 Person wegen Unter­schlagung, 1 Person wegen Verdachts der Hehlerei. — An- gezeigt wurden: 1 Person wegen Arbeitsvertrags- oruches, 3 Personen wegen Diebstahls, 2 Personen wegen Beleidigung, 8 Personen wegen Unterschlagung. Ferner gingen 9 Anzeigen wegen Diebstahls und 5 Anzeigen wegen Sachbeschädigung ein.

QewerbepoHzet: Angezeigt wurden: 6 Personen wegen Zuwiderhandlung ge|en die Preisbestimmungen, 3 Personen wegen Bezugs von bezugsbeschränkten Erzeug­nissen ohne Bezugsberechtigung. — Festgenommen wurden: 1 Person wegen Tausch- und Schwarzhandels verbunden mit PreisüberschreitungeD.

Verkehrsbereitsohaft: Am 10. 7. 1946 streifte ein Lkw. einen Straßenbahnwagen und beschädigte diesen leicht. Ein 5jähriges Kind wurde leicht verletzt.

„AnHgone" von 3ean Anouilh

Inszenierung: Arthur Maria Rabenalt - Bühnenbild: Heinz Küpferle

Nicht. Verstand, Einsicht. Vernunft, Erfahrung bestimmen Schicksal und Leben der Menschen, wenn die Besten es auch nicht unterlassen, dazu aufzurufen. Vernunft und Einsicht, Menschlichkeit und Güte bei der Lösung diesseitiger Fragen zu bemühen. Das tiefste, reinste Wort, das Dichter je ausgesprochen haben, steht in Sophokles’- ,. A n - tigone“: „Nicht mitzuhassen, mit­zulieben bin ich da.“ Weil aber in den zweitausendfünfhundert Jahren, seit Antigone dieses Wort durch den Mund ihres Dich­ters gesprochen hat, kaum ein Wandel in den irdi­schen Angelegenheiten eintrat, suchen Dichter unse­rer Zeit nach Mitteln, die großen Sprecher der An­tike auf eine Art zu uns reden zu lassen, die, alles „Bildungsballastes“ entkleidet, uns mit den Tat­sachen auf radikale Weise bekannt macht. Da sich die Herrschaften im Parkett nicht rühren, wenn das edle Pathos ruhig und getragen, wohlabge­messen und vielleicht auch ein wenig steif daher­kommt, sehen sich Leute wie Anouilh mit dem Recht des nach Wirkung verlangenden politischen Publizisten gezwungen, dem Publikum etwas näher auf den Leib zu rücken. Ihre Stücke könnten mit­ten unter uns spielen (und sie spielen auch mitten 4 inter uns), nur merken es viele auch heute noch nicht, wie es ja auch die deutsche Besatzungs­macht 1942 in Paris nicht gemerkt hat, wo die Tra­gödie als Weckruf der Widerstandsbewegung ge­spielt wurde.

Es ist eine durchaus plausible Methode der Dich­tergeneration, die in dem hoffnungslosen 20. Jahr­hundert die Aufgabe übernommen hat, ihre Zeit­genossen „aufzuklären“, dies mit den gewagtesten Mitteln zu unternehmen. Schließlich sind die Vor­gänge, die wir bisher erlebten, auch danach. In­sofern ist auch Anouilhs „Antigone “ zeitlos. Die Stimme, die sich erhebt, ist spröd und skeptisch, aggresiv und von überlegener, fast möchte man sa­gen, doppeldeutiger Ironie. Wer eine Ent­weihung darin sieht, daß, gleichsam wie mit dem Zeitraffer, die gleichgültigen Unterschie­de im zivilisatorischen Gehaben der Menschen auf­gehoben wurden, der Ist nicht reif dafür, den kühnen Versuch eines wirklichen Dichters geistig tu verarbeiten.

Liebe und Staatsklugheit (Ordnung um jeden Preis) stellen sich schroff gegenüber. Auf beiden Seiten (von Antigone sowohl wie auch von Kreon) bleibt es nicht ohne gutwillige Versuche, Brücken m schlagen, Ansprüche, an die man sieh gebun­den f ühlt , aufzugeben oder wenigstens zu lockern.

Aber das Gesetz, nach dem man angetreten, ver­langt nach Erfüllung. Haben wir keine Beispiele für Treue, für Haltung, für Würde um jeden Preis? Fanden wir keine Männer in unserer nächsten Nähe, die unbeugsam, hart, brutal, ja grausam wa­ren, weil sie ein von ihnen errichtetes Prinzip der Ordnung ohne Rücksicht auf Menschlichkeit durchgeführt wissen wollten? Wie aktuell, wie brennend aktuell ist doch diese „Antigone “. Viel­leicht wird mit Recht vom Soziologischen her der Einwand gemacht, daß Grenzen des Verständnisses bestehen. Es gäbe Bildungsvoraussetzungen, um den allgemein menschlichen Inhalt der Tragödie zu erfassen, zu erleben. Das sei nicht abgestritten. Es besteht also für das deutsche Theater, für die deutschen Dichter, Schriftsteller, Dramatiker die Aufgabe, neue Formen, neue Inhalte zu finden, die aus dem Erlebnis des Zeit geschöpft, tiefer und packender an die Wirklichkeit heranführen, als es dieser überaus kluge, differenzierte, geistvolle, feinnervige und — aus einem anderen Land stam­mende Dichter Jean Anouilh vermochte. Da wir gegenwärtig noch nichts besitzen, das wir solchen geglückten Versuchen an die Seite stellen können, spielen wir Anouilh , Giraudoux , Thorn- ton Wilder und A r d r e y . Deutschland hat sich stets ein Verdienst daraus gemacht (auf geisti­gem Gebiet wenigstens), das Gute dort zu holen, wo man es fand. Die 13 Jahre, in denen diese schöne und fruchtbare Übung außer Kurs gesetzt war, hat es, bitter gebüßt und muß es weiter büßen.

Dichterischer und szenischer Surrealismus ver­banden sich in der äußerst kompakten und zu­gleich durchgeistigten Regie Arthur Maria Ra­benalts zu einem fast fugenlosen Kunstwerk, dem wir uns mif rückhaltloser Bereitschaft hinge­ben konnten, umsomehr, als durch strenge und un­erbittliche Regiearbeit mit den vorhandenen dar­stellerischen Mitteln ein Höchstmaß von überzeu­genden Leistungen erzielt wurde. Mag sein, daß es empfindliche kritische Nerven geben mag, die noch eine gewisse Diskrepanz zwischen dem schöpferi­schen Leitbild des Spielleiters und der oder jener Rollenverkörperung zu erspüren vermögen. Eines steht fest, es war für jeden unvoreingenommenen Beobachter frappierend, festzustellen, welche er­staunliche Verwandlung mit dem gesamten En­semble vorgegangen war. Talente wuchsen über sich hinaus und ließen erstmals erkennen, was eigentlich in ihnen verschlossen lag und welcher Leistungen sie unter pflegsamer und entschlosse­ner Führung fähig seien. Wer mit Leib und Seele

dem Theater verschrieben ist, erlebte eine unein­geschränkte Freude. Für diese Freude haben wir uns zu bedanken und mit uns jene, die vom Thea­ter mehr als Anregung, Unterhaltung und geistvol­len Dialog erwarten, die Zeit und Ewigkeit, ge­spiegelt in den großen Werken der Vergangenheit und Gegenwart, zu erleben Sehnsucht in sich tragen.

Charlotte Renner- scheint zunächst nicht alle Voraussetzungen für die Rolle der Antigone zu oe- sitzen. Gerade deshalb darf man mit umso grö­ßerer Bewunderung von ihrer und Rabenalts Lei­stung sprechen. Sie räumte mit behutsamer Un­nachgiebigkeit und entschiedener Kraft schließlich alle störenden Hemmungen ihres eignen Wesens weg und übertraf sich in den wesentlichen Ge­sprächen mit Kreon selbst, so daß wir nicht an­stehen, sie als den echten und überzeugenden Mit­telpunkt der Aufführung zu bezeichnen. Das Sa­lopp-Jungmädchenhafte verband sich mit dem hohen Ernst ihres wahren, wohl trotzi­gen, aber zugleich von echtem Adel und edler Würde bestimmten Wesens. Die gegensätzlichen Charakterzüge (wie oft sind sie doch ein Greuel für Tanten, fürsorgliche Mütter und nach Ideal­bildern schematisierenden Väter) hoben sich ab von. dem dunklen Trieb- und Schicksalsstrom, dem verfallen zu sein, ihr wie eine Art von lustbeton­tem Erlebnis bis ins Bewußtsein drang. Vielleicht mag man anmerken, daß vom Figürlichen, vom Haltungsmäßigen her eine Lockerung, eine Ent­spannung gewisser krampfiger Bewegungen anzu­streben sei, die das Maß des Natürlichen noch er­höhen könnten. Den Kreon rückte Arno E b e r t bei sorgsamer Gepflegtheit in Erscheinung und Hal­tung in die Sphäre moderner Diplomatie und Staatskunst: Getan wird, was Gesetz, Ordnung, Staatsschicksal, was Ansehen, Volksmeinung (wohl­gelenkte) gebieterisch verlangen, nicht was das private Herz, die Menschlichkeit oder ethische Gesichtspunkte heischen könnten. Solche Leute bleiben auch dann noch höflich und bedauernd und nicht ohne einen gewissen ruhigen Ernst des Wesens, wenn sie Todesurteile anordnen. Ebert ließ, und darin wirkte er geradezu auf eine tragi­sche Weise liebenswürdig, fühlen, daß er Antigone wirklich bedauerte und daß er ihr, da sie ihren Trotz nicht zu bändigen wußte, nicht helfen konn­te. Insofern spiegelten beide — Antigone und Kreon — die Ausweglosigkeit der echten, auf den Bedingungen der Charaktere beruhenden Tragödie. Eberts Spiel wirkte geläutert, durchgeistigt, maß­voll und bei aller Harte und Strenge, die es aus­zudrücken hatte, in gewissem Sinne vermensch­licht. Sigrid Dürrer war Ismen«: Mehr ein Bild,

eine Erscheinung als ein Mensch von Fleisch und Blut. Ein wärmerer seelischer Atem, eine innigere Note auch im Körperlichen dürften hier lebendig werden. Annette Roland setzte ihre ganze müt­terliche Natürlichkeit ein, dieser betulich-gutmü­tigen Amme Kolorit und Stimme zu verleihen. Hermann Kurtenbach möchte man noch et­was mehr Männlichkeit, Temperament und Farbe wünschen. Sein Hemon blieb zu sehr in den Um­rissen haften. Ausgezeichnet der 1. Wächter des Dagobert v. Carlblom. Mit breitem Pinsel ge­malt, zeigt diese Figur alle negativen Seiten un­terwürfigen, großspurigen und maulaufreißenden Feldwebeltums vermischt mit Dummheit und völ­liger Phantasielosigkeit. Eine durch und durch vom Temperament und vom Optischen her konzi­pierte Gestalt. Den Chor interpretierte Gerhard Frickhöffer mit allen Attributen des elegan­ten Conferenciers der zerlegten Tragödie: klug, wit­zig, ironisch distanzierend, aber voll von geistvoller Apergus und nicht ohne weltmännische. Trauer, die bei der Ausweglosigkeit der Schicksale verständlich erscheint. Ein Wissender, der siet: über soviel Ernst mokiert und doch die Fähigkeit besitzt, die armen Opfer in ihrer Hilflosigkeit zu erkennen. Frickhöffer spielte überlegen und diffe renziert. Seine vielseitige Verwendbarkeit wurde mit dieser Leistung offenbar. Robert Fitz (Ein Bote). Heinz Schimmelpfennig, Willy Menget und Ruth Lipp (Eurydike ) waren die Träger kleinerer Rollen.

Der Erfolg der Aufführung bewies, daß das Pu­blikum auch im Sommer geneigt ist. ernstes, ja problematisches Theater, wenn es in überzeugender und packender Form geboten wird, anzunehmen. Zweifellos galt die begeisterte Aufnahme zu einem großen Teil der ausgezeichneten Spielleitung und den erstaunlich guten darstellerischen Leistungen. Man hatte den Eindruck, daß ein Teil der Zu­schauer nur mühsam innerlich mitzugehen ver­mochte. Sämtliche Beteiligten konnten sich meh­rere Male für Beifall, Blumen und Geschenke be­danken.

Ein Wort noch zu dem Bühnenbild Heinz Küp- f e r 1 e s. Der Schauplatz war offen, das Spiel voll­zog sich auf einem niedrigen, fast die ganze Bühne einnehmenden Podest. Säulentrümmer und eine aufrecht stehende Säule, einige Stahlmöbel und zwei nacheinander die Rückwand teilweise bedek- kenden Lichtbilder (das eine Paris , mit dem Etoile im Mittelpunkt, das andre einen zerbombten Stadt­teil wiedergebend) waren die einzigen Ausstat­tungsstücke. Sie reichten aus, den Eindruck des Spiels zu unterstreichen. Eine einfache, dafür aber vollkommen künstlerisch geglückte Lösung:

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