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BADENER TAGBLATT

Dienstag, den 2. März 1948

Baden-Baden

„Orpheus “ und — Helena

(Er zu ihr beim „Bücher-Kückchen“ bei „Brod- esser“:)

„ ... Ja und, gnädige Frau, haben Sie schon „Or­ pheus “ gesehen? das — „Hund Orpheus ist an al­lem schuld“? Wie bitte?/ Nein?? Na, aber dann müssen Sie es sich schleunigst ansehen, meine Liebste! Warum?! Also das ist ganz einfach zu sagen! Hören Sie mir bitte nur einmal ausnahms­weise aufmerksam zu! . . , Hmm! Diese Longonit das heißt: Frau Menzel — Sie wissen es? natürlich aber das wollte ich auch gar nicht sagen! Mit ei­nem Wort: Diese Helena!! hat mein Männerherz ein wenig erschüttert! Herz? Das stimmt wieder nicht ganz! Ich würde besser sagen: meine männliche S e e l e ! Ja, wie bitte, gnädige Frau? Helena?? Ach so! Ja, die Longoni heißt Helena mit Vornamen! Was sie mit meiner männlichen Seele zu tun hat? Einfach Folgendes:

Diese Helena, die das Stück mit ihrem Mann und Hund wie fließendes Wasser herunterspielt, hat es ja auch selbst geschrieben und — ich ver­sichere Ihnen, gnädige Frau! nicht nur ihr eigener Mann — ich meine Herrn Menzel — nein, über­haupt kein Mann hätte dieses Stück ebenso gut wie sie geschrieben! Lächeln Sie jetzt bitte nicht süß­sauer/ Ich bin weder ironisch und ausnahmsweise schon gar nicht zynisch, sondern meine diesmal tat­sächlich, was ich sage: Ich habe nämlich ganz ein­fach erkannt, daß eine Frau das Leben lebendi­ger erfaßt als ein Mann! Ganz gleich, ob es dabei um Banalitäten oder Tiefseeforschungen geht — die Frau steht dem wirklichen Leben näher!

Sie brauchen sich natürlich nicht zu verteidigen,

gnädige Frau, denn - Sie verstehen mich ja nicht!

Sie können meine Entdeckung gar nicht ver­stehen, weil Sie ja selbst so ganz Frau sind, daß Ihnen meine Weisheit von kleinauf schon im Puls

pocht - sozusagen! Aber — andererseits bitte ich

Sie, Frau, warum lassen Sie Ihre Stärken so un - ausgenutzt?! Ja, warum macht Ihr Frauen es Euch so bequem mit dem Leben?! Warum muß man als Mann von heute erst wieder einmal so ein Theater­stückchen sehen, um zu begreifen, daß Eure Infla­tion tatsächlich nur geheuchelt und der zeitgenössi­sche Deckmantel Eurer — na, ich möchte sagen: Eurer noch ganz unangegriffenen Goldwährung ist?! Bitte/ Antworten Sie mir darauf, gnädige Frau, oder —

Gehen Sie ganz einfach in den „Hund Orpheus “/

Und! — ent-schuldigen Sie bitte meine außergewöhnliche Heftigkeit, meine verehrte liebe gnädige Frau!“

(Arsführlicher Handkuß. Im Hintergrund räu­spert sich Herr Kohl.) Kukuk

Der neue Faektmni ist fertig

In Zusammenhang mit dem geplanten Bau eines Mittelwellensenders für den „Südwestfunk “ in Ba­ den-Baden ist dieser Tage am Südabhang des Mer­ kur ein 50 m hoher Sendeturm errichtet worden. Man hofft, daß der I'/- kw starke Mittelwellensen­der für Baden-Baden , der die Empfangsverhältnisse im nördlichen Teil von Südbaden erheblich ver­bessern soll, in absehbarer Zeit ebenfalls in Betrieb genommen werden kann.

Spende des frisdfren Volkes

Durch die Caritas -Verbände der Stadt- und Landkreise Südbadens kommt die Spende- des Irischen Volkes in nächster Zeit zur Verteilung. Alis der zur Verfügung stehenden Menge (es han­delt sich ausschließlich um Fleischkonserven) kön­nen berücksichtigt werden: Tuberkulosekranke ln den Heilstätten und in der offenen Fürsorge; Zuckerkranke; sowie die werdenden und stillen­den Mütter (außer der Stadt Freiburg ). Auf diese Weise w=rden in Südbaden insgesamt ca. 9800 Personen bedacht. Die Empfangsberechtigten wer­den von der Ausgabe benachrichtigt.

Die „Mitteilungen der Direktion Arbeit“ Februar

1948 enthalten als Sonderbeilage Nr. 1: Regelung der Lohn- und Arbeitsbedingungen für die zivilen Arbeits­kräfte im Dienst der französischen Besatzung (Besat­zungsarme — Militärregierung und ungehörige Dienst­etellen).

In den Aurella-Lichtspielen sind bis einschließlich Donnerstag Vorstellungen für Deutsche auch um 21 Uhr. Es wird der Film „Symphonie eines Lebens“ ge­zeigt. Im „Film-Palast“ sind ebenfalls bis einschließ­lich Donnerstag Vorstellungen für Deutsche auch um 21 Uhr. „Der goldene Schmetterling“ gelängt zur Auf­führung.

Das Fest der silbernen Hochzeit feiert am 3. März Anton Heinzeimann und Frau Stefanie geb. Mitzel, Geroldsauerstraße 103.

John B. Priestley’s „Bin Inspektor kommt!“

and inspiziert mit Erfolg in Baden-Baden

Die originellsten Geister jeder Zeit bemühen sich immer wieder um neue moralische Gesichtspunkte. Kürzlich wurde das Problem der Moral noch in der öffentlichen Auseinandersetzung der Gesellschaft mit der Quersumme ihrer sogenannten Unmoral festgestellt. Heute setzen sich die kühnsten Moral­wissenschaftler bereits mit der Frage auseinander, wie die Kluft zu überbrücken sei, die zwischen dem Ursprung und der Erscheinung der Moral innerhalb jedes einzelnen Menschen klafft Diesen letzten ziemlich anspruchsvollen Bemühungen gegenüber kann Priestley's dramatische Moralisierungs-Sen- sation als rückständig wirken — sofern sie nicht auf ein Publikum bezogen wird, dem an einem ähnlichen oder analogen Prozeß besonders gelegen sein muß. — Die soziale (innenpolitische) Proble­matik von Priestley’s Stück ist von einer unab- nützbaren Aktualität; das ist seine andere Stärke. — „Ein Inspektor kommt!“ ist ein Stück mit meh­reren wirksaipen Falltüren: Das Publikum fällt entweder auf den immer ersehnten, aber niemals erscheinenden Pseudo-Inspektor herein (das per­sönliche Gewissen erreicht niemals die Freiheit der Pseudo-Inspektion) oder auf die pseudo-mora­lische Reaktion der inspizierten Familie oder — auf die Nachricht vom „tatsächlichen" Selbstmord des Opfers der „öffentlichen Moral“ und dem be­vorstehenden Besuch eines Polizeibeamten; das ist die dritte Stärke des Stückes. —

Diese drei Voraussetzungen schaffen die unheim­lich dichte und widerspenstige Lebendigkeit eines moralischen Raumes, d?r, wie jeder Raum, zu den drei Vorführungen des Flächen-, Perspektiven- und eigentlichen Raum-Erlebnisses großzügig ein­lädt, sodaß sich der ornamentale Oberflächenmora­list nach genossenem Theaterabend wieder beru­higt in dem Fauteuil seiner Alltagsmoral versinken lassen kann (allerdings mit einem peinlichen Rest von Angst vor geheimen Steck- oder Stechnadeln), während sich der schwärmerische Perspektiven­moralist einige beglückende, ihn selbst befriedigende Ein- und Ausflüge zu wiederholten Malen gestatten darf; und nur der Raum moralist (o Unendlichkeit, Unmoral der Moral!) wird sich an diesem feierlichen theatralischen Versuch der unmöglichen Selbstdar­stellung der öffentlichen Moral eigenbrödlerisch gütlich tun.

Hieraus ergeben sich die Möglichkeiten zur Inszenierung auf natürliche Weise. Und, was ein reiches Anhängsel dieses außergewöhnlichen Stük- kes ist, die Kapazität der moralischen Substanz des Regisseurs kann, ausnahmsweise, an der Inszenie­rung untrüglich abgelesen werden!

Helmut Weiß hat nicht flächig Inszeniert, son­dern perspektivisch.

Die Strafkammer des Landgerichts hatte sich wieder einmal mit einem der vielen Fälle von Schwarzhandel zu beschäftigen, die zur gewohnten Erscheinung geworden sind und von denen die Verhandlungen in den Gerichtssälen nur einen kleinen Ausschnitt geben. Immer wieder gibt die Notlage der Gegenwart Anlaß zu dunklen Geschäf­ten. Sie werden Vielen zur Gewohnheit ohne das Gewissen zu belasten. Aus den schwierigen Ver­hältnissen ihrer Mitmenschen versuchen Schwarz­händler aller Kategorien Kapital zu schlagen, in­dem sie bewirtschaftete Waren dem ordentlichen Geschäftsverkehr entziehen und sie gegen Über­preise oder im Tauschwege ■ absetzen. Die Ver­suchung ist heute so groß, daß selbst Menschen, die früher mit den Gesetzen nicht in Konflikt ka­men, jetzt auf die schiefe Ebene geraten, zumal wenn sie sich durch den Besitz von Waren im Vor­teil gegenüber ihren Mitmenschen befinden. An­statt diese begehrten und dringend benötigten Ar­tikel auf rechtmäßige Weise zu veräußern, lassen sie diese in dunkle Kanäle verschwinden.

So hatte der Schreinermeister P. B. in den Jah­ren 1946 47 Möbel ohne Bezugscheine zu Überprei­sen verkauft oder im Tauschwege gegen Lebens­mittel abgegeben. Außerdem hatte er in seinem Lagerraum zahlreiche Möbelstücke eingelagert, darunter komplette Zimmereinrichtungen, Bettstel­len, Tische, Stühle, und trotz mehrmaliger Auffor­derung zur Bestandsangabe dem Wirtschaftsamt nicht oder nur teilweise gemeldet. Er hat also Gegenstände, die bei der allgemeinen Waren-

Das kann als eine Voraussetzung der Inszenierung betrachtet werden, und ist es natürlich auch. An­dererseits bedeutet- es eine gute und glückliche Inszenierung. Die räumliche Lösung ist nur Meistern möglich. —

Die „Drehung“ des Salons um 270 Grad in drei Phasen & 90 Grad! (Abgesehen davon, daß die Büh­nenöffnung nicht durch Schleier zur Wand erklärt wurde — das gehört in die Rauminszenierung!) Die weite Größe des Salons, die allein lineare, d. h. ideelle Auseinandersetzungen gestattete! Die pein- > liehe Langatmigkeit in der Folge der Ent-Moralisie- rungen! — Alles verriet den erfahrenen Regisseur der Perspektiven. (Die Vorderpfosten im 3. Bild waren persönliche Rudimente der Flächeninszenie­rungskunst.)

Dieser Inszenierungsform wurde vollendet ange­messen gespielt.

Sehr gut von dem reifen Spielerpaar Cläre Ruegg als Sybil Birling und Walter JCiesler als Arthur Birling. (Naturalisierungsfragen stehen dabei nicht zur Debatte.)

Liselotte Belieft als Sheila Birling konnte sich in dem linearen Spielraum am schwersten be­haupten ufid die Zwittrigkeit der Sheila-Figur, trotz löblichster Anstrengungen, also nicht über­zeugend ausgestalten. Ihr fehlte der moralische Raum am meisten.

Die Wesensart des französischen Volksliedes und die Eigentümlichkeiten, die es vom deutschen Lied unterscheiden, deutlich zu machen, bemühte sich vor einem leider nur kleinen Kreis mit Erfolg Professor Beaufils. Der Redner, der frei auf deutsch sprach, hob die versöhnliche Grundstim­mung des französischen Liedes, das schon im 12. Jahrhundert von musikalischer Vollkommenheit war, gegenüber den Unrast, Fernweh und leidende Problematik ausdrückenden deutschen Texten und Melodien hervor. Auch im Verhältnis zur- Land­schaft unterscheiden sich französische und deutsche Seele: bevölkert diese sie mit dämonischen Mächten heidnischen Ursprungs, so scheint jener die Natur ohne Gefahr, Bedrängnisse und Sorgen des Men­schen rühren aus seinem Schicksal her, aber auch das tragischste Thema löst sich versöhnlich in Ruhe und Harmonie. An den Motivkreisen „Mensch und Landschaft, Mensch und Arbeit, Mensch und Krieg, Mensch und Liebe“ bewies

Knappheit von vielen Menschen dringend benötigt werden, zurückgehalten und aufgestapelt und in verwerflicher Weise der allgemeinen Bewirtschaf­tung entzogen. Am meisten belastete sich der An­geklagte dadurch, daß er im Tausch erworbene Lebensmittel zu Überpreisen wieder auf dem Schwarzmarkt verkaufte.

B. begründete diesen Schritt mit der Tatsache, daß er das Geld benötigte, um dafür auf dem Schwarzmarkt Reifen für seinen Kraftwagen zu kaufen. Ferner verwendete er die eingetauschten Lebensmittel, wie er angab, zu weiteren Kompen­sationen für Möbel und Materialien. Neun Zeugen belasteten den Angeklagten.

Der Staatsanwalt bezeichnte es als einen Akt der Gerechtigkeit gegenüber der Allgemeinheit, Leute, die sich in solcher Weise egoistisch verhal­ten, angemessen zu bestrafen. Das Gericht verur­teilte den Angeklagten wegen Warenhortung, fort­gesetztem Schwarz- und Tauschhandel sowie we­gen Verstoß gegen die Kriegswirtschaftsverord­nung und Verbrauchsregelungsstrafverordnung unter Anrechnung von 10 Wochen Untersuchungs­haft und Zubilligung mildernder Umstände (der Angeklagte war nicht vorbestraft) zu einer Ge­fängnisstrafe von insgesamt acht Monaten und 4000 Mark Geldstrafe. Außerdem 8940 Mark Mehr­erlös und zahlreiche bei dem Angeklagten Vorge­fundene Möbel, die dem Wirtschaftsamt nicht ge­meldet waren, wurden eingezogen, u. a. 4 Schlaf­zimmer, S Kücheneinrichtungen, 39 Tische, 29 Kin­derbettstellen, 260 Stühle. [ h. m.

Der Gerald Croft Werner Moenneckes’, der eben­falls von Priestley ganz in den Yaum hinein ge­schaffen ist, zog sich zu seinem gänzlichen Nach­teil einfach in die Ober-F lache zurück.

Hanns Bemhard’s Eric Birling trägt den Raum der persönlicher Moral oder Unmoral ständig mit sich herum; er konnte sich folglich auch hier über­zeugend herausspielen. Ein sorgfältigerer Anfang würde die Figur in diesen Grenzen vollenden.

Inspektor Goole — Arno Ebert — war gut. Ja, es muß wohl heißen: beinahe sehr gut; Nuancen in der Gestik, an den Drehpunkten werden sich durchfeilen. Auch diese Figur ist von der Insze­nierungsform geprägt.

Natürlich auch das gelöste Bühnenbild Heinz Küpferles.

'Das Publikum war getroffen. In der Pause stoppte der Hufeisenwandelwurm nach dem ersten Auslauf spontan und krystallisierte in „reaktionäre“ Gruppen, die sich — lebensrauminszenatorisch — in diesem Leben allerdings nicht mehr auflösen werden!

Echter Beifall dankte den Spielern und Helmut Weiß . Ein besonderer Beifall soll für die Wahl des Stückes danken. Albert Wallat

Das Theater bringt am morgigen Mittwoe» um 20 Uhr die erste Wiederholung von J. B. Priestley* Schauspiel „Ein Inspektor kommt" und am Donners­tag die 15. Wiederholung des musikalischen Lustspiel» ..Das Ministerium ist beleidigt“; beide Vorstellungen außer Miete. Freitag, Samstag und Sonntag geht Je­weils um 20 Uhr in den Kammerspielen das ernstzu­nehmende Lustspiel von Helena Longoni „Orpheus ist an allem schuld“ ln Szene.

Prof. Beaufils anhand zahlreicher Schallplatten­beispiele seine Theorie. Den größten Reichtum, weist das französische Volkslied in den religiösen Gesängen auf; formal vom Gregorianischen Choral herkommend, näherte es sich im Lauf der Jahr­hunderte dem Kirchenlied wieder an. Freilich wurde es im 19. Jahrhundert durch das Über­wuchern der Satire nahezu entwertet; nichts wäre falscher als Pariser Chansons etwa mit Volksmusik zu verwechseln. Kann als Quintessenz des fran­ zösischen Liedes der Satz gelten: „Du mußt dich ins Leid schicken!“, und drückt sich diese Lebenshal­tung in freudiger Bejahung der Welt aus, so spürt der Deutsche in sich die Problematik des ewigen Wanderers, auch im Metaphysischen. Als der „ewige Fragesteller“ war und ist er jedoch für Entwicklung und Bestand der europäischen Kultur ebenso nötig wie der Franzose, der überzeugt ist von der Unwandelbarkeit des Schönen und Guten.

Einige der dargebotenen Lieder, wie das wunder­volle „Ma belle, si tu voulais“, werden noch lange nachklingen. Sehr herzlicher Beifall dankte dem Redner. —loh—

Leser-Stimmen

Rücksichtnahme auf Nichtraucher

J. A. schreibt: „Die jetzige Jahreszeit veranlaßt die Benutzer der Straßenbahn mit Recht darauf zu achten, daß die Türen so schnell als möglich geschlossen wer­den, um die vorhandene geringe Wärme zu erhalten. Da nur die Raucher die Innenplätze vorziehen und nicht immer nur reiner Orienttabak geraucht wird, herrscht meistens eine Luft, die man besser als „Mief bezeichnen sollte. Der Aufenthalt in diesen immer überfüllten Wagen wird dadurch all den Menschen, die aus gesundheitlichen oder sonstigen Gründen Nichtraucher sind oder sein müssen, zur Qual. Wäre es nicht möglich, grundsätzlich einen der beiden Anhän­ger zum „Nichtraucher“ zu erklären? Ich glaube,, da­mit auch im Sinne derer zu sprechen, die Wert auf Erhaltung ihrer letzten Garderobe legen, da im Ge­dränge leider sehr häufig Brandschäden entstehen.“

Nachbarorte melden

In einem Aufruf an die 18- bis 50jährigen Männer ruft der Bürgermeister der Stadt Rastatt zur frei­willigen Dienstleistung in der Wasserwehr auf. Es sol­len zehn Rotten zu je 16 Mhnn gebildet werden. — Geistlicher Rat Josef Saier , der Schöpfer der Otig­heim e r Volksschauspiele, wurde in der vergangenen Woche 74 Jahre alt. — Der kommunistische Stadtrat von Freudenstadt machte den (von den übrigen Fraktionen abgelehnten) Vorschlag, in einen Steuer­streik zu treten, weil die Tübinger Regierung noch keinen Entscheid wegen des Wiederaufbaus Freuden- stadts fällte. — In der B ü h 1 e r Krelsversammlung forderte Oberstudiendirektor Professor Harorecht (CDU ), das Wirtschaftsamt solle öffentlich bekannt­geben, wenn die Möglichkeit besteht, irgendwelche Anträge auf bezugscheinpflichtige Sachen zu geneh­migen. — In Kappelwindeck wurde der Sportverein „Jägerweg“ gegründet.

Weitervothersaße

Wettervorhersage bis Wochenmitte: Zeitweise leicht« Bewölkung, im ganzen aber heiter, trocken. Nachts leichte bis mäßige Fröste. In den Mittagsstunden recht mild.

Versöhnender Gesang

Prof. Beaofils aber das französische Volkslied

Möbel als Schwarzhandelsware

Ein Schreinermeister kompensierte mit raren Artikeln

Genauigkeit und Geduld

Am 23. Mai 1948 mittags ein Uhr zehn werden es genau 20 Jahre her sein. Durch die breiten Türen der Nationalbank der Stadt Lamar, die im Südosten des amerikanischen Staates Colorado liegt, gingen vier breitschultrige Leute. Die meisten Angestell­ten waren um diese Zeit beim Mittagessen und im Hintergrund des Auszahlungsschalters stand gerade der Präsident der Bank, Mr. Parrish.

Als er sah, wie die vier Leute mit Maschinen­pistolen bewaffnet waren, griff er nach einem Re­volver, der vor ihm in einer Schublade lag, und feuerte. Er traf einen der Gangster im Gesicht; der Sohn des Präsidenten eilte herbei, um seinen Vater zu unterstützen, da hatten die übrigen drei ihre Maschinenpistolen schon in Anschlag gebracht und •ine Salve streckte Präsidenten und Sohn nieder.

Die Situation war günstig für die Diebe, sie fan­den rund eine Viertelmillion Dollar tn bar oder Wertpapieren. Zwei Kassierer nahmen sie gleich als Geiseln mit, und im Nu saßen sie wieder in ih­rem draußen wartenden Wagen.

Die Polizei, die sofort benachrichtigt werden konnte, arbeitete ziemlich schnell. Der diensttuende Beamte startete weniger als fünf Minuten später mit einem großen Buick zur Verfolgung. Die Rich­tung des Gangsterfahrzeuges war bekannt. Außer­halb der Stadt fand er zunächst einen der mitge­nommenen Geiseln; die Diebe hatten den Mann auf die Straße geworfen.

Der Polizist, neben dem noch ein Beifahrer saß. Wetzte die Verfolgung fort; glückliche Umstände ermöglichten es ihm, auf der Spur zu bleiben, und obwohl die Diebe denselben Wagentyp benutzten.

war dieser doch durch seine Panzerung schwerer und konnte nicht dieselbe Geschwindigkeit wie der Polizeiwagen entwickeln. Schließlich kam das Fahrzeug in Sicht, und der Polizei-Buick holte Me­ter um Meter auf.

Der Polizist hatte allerdings nur einen Revolver mit sich. Als er auf etwa 250 Meter herangekommen war, eröffnten die Diebe mit den Maschinenwaffen das Feuer, durchschossen Kühler und Zylinderblock des verfolgenden Wagens und zwangen ihn zur Aufgabe. Sie verschwanden, offenbar auf Nimmer­wiedersehen. —

Der Fall, um dies vorwegzunehmen, wurde an Hand einer lächerlich unbedeutenden Spur aufge­klärt. und gilt noch heute als das klassische Bei­spiel für subtilste Kriminalarbeit.

Die Dinge entwickelten sich folgendermaßen: die Banditen fuhren auf eine abgelegene Farm, die ei­nem von ihnen gehörte In der auf diesen Tag her­einbrechenden Nacht gaben sie, ihres Raubes sicher, eine große Gesellschaft für ihre Freunde; der durch den ersten Schuß des Bankdirektors schwer Ver­wundete allerdings befand sich in bedenklichem Zustand und hatte Fieber. Jener Kassierer, den die Banditen als Geisel mit sich führten, lag im­mer noch gefesselt im Wagen, und sein Schicksal war während dieser Nacht noch ganz unentschieden.

Als man vom vielen Essen und Trinken wieder zu sich kam, hatte sich der Zustand des Verwun­deten merklich verschlechtert, und man benötigte ärztliche Hilfe. So wurde in der zweiten Nacht ein in der Nähe wohnender Arzt angerufen, dem man am Telefon sagte, auf der Farm habe es einen Trak­torunfall gegeben und eine Frau sei verletzt worden und man bäte ihn, dort und dort hin au kommen.

Der Doktor kam ins Haus man setzte ihm einen Re­volver auf die Brust und verlangte die ärztliche Behandlung des Banditen.

Der Arzt tat es und es entspann sich folgen­der Dialog: Wird der Mann durchkommen? — Wenn Sie dauernd die Behandlung anwenden, die ■ ich verschrieben habe, ja — Sind Sie sicher? — Ja. Das war das letzte Wort des Arztes. Im näch­sten Augenblick war er gefesselt, man fuhr ihn an einen Steinbruch und trotz seiner inständigen Bitten erschoß man ihn. Seinen Wagen stürzte man mit in den Steinbruch, einen Unfall 'vortäuschend.

In diesem Augenblick hatten die Mörder einen Fehler begangen, der nicht mehr rückgängig zu machen war.

Als nächstes brachten sie den als Geisel mitge­nommenen Kassierer an einen verlassenen Platz in der Prärie und erschossen ihn ebenfalls. Damit wa­ren sämtliche Zeugen des Verbrechens, einschließ­lich derer, die in der Bank den Verfall miterleb’en nicht nur aus der Welt geschafft, sondern dies auch an den verschiedensten Stellen.

Trotzdem kam man der Sache auf die Spur. Als man m d?m Steinbruch das Wagenwrack fand, un­tersuchte es ein Polizist, der Spezialist in Finger- abdiücken war. Abor die Banditen waren so schlau gewesen, die metallische Oberfläche des Wagens nachträglich noch zu pollieren und alle Fingerab­drücke dadurch zu entfernen. Der Kriminalbeamte andererseits verwandte einen ganzen Tag darauf, jeden Zentimeter der Wagenoberfläche zu unter­suchen und schließlich fand er einen bauchfeinen Abdruck eines Zeigefingers.

Dieser befand sich an der Außenseite des Glases der hinteren rechten Türe. Der Beamte nahm das

ganze Glas in sein Laboratorium und machte mit ei­nem Spezialpuder den Abdruck sichtbar, dann pho­tographierte er ihn in zweieinhalbfach natürlicher Größe. Diese Vergrößerung wurde der Identifiz.ie- rungsabteilung überwiesen, die damals über zwei Millionen Fingerabdrücke von Verbrechern una Verdächtigen zum Vergleich hatte.

Zunächst fand man jedoch nichts. Aber alle Fin­gerabdrucksspezialisten der Vereinigten Staaten be­kamen das Photo zu sehen und wurden angewiesen, es sich so genau einzuprägen, daß sie den Abdruck jederzeit identifizieren könnten, wenn er vor ihre Augen käme.

Und dann kam der Lichtblick. In Kalifornien hatte man in einer kleineren Stadt einen Mann festgenommen unter dem Verdacht, er habe Züge ausgeraubt Man nahm seinen Fingerabdruck, konn­te ihm aber nichts nachweisen und ließ ihn wieder laufen.

Einen Monat später kam dieser Fingerabdruck In das Zentralbüro nach Washington zu einem der Fingerabdrucksspezialisten. Es war jetzt genau ein Jahr her, daß man die Beamten angewiesen hatte, auf jenen besonderen, den man auf der Autoscheib* festgestellt hatte, zu achten. Und tatsächlich erin­nerte sich der Beamte noch. Nun wußte man, wer der Mörder war. Aber man hatte ihn noch nicht, er war noch frei.

Immerhin waren seine Verbindungen und seine Freunde innerhalb der Verbrecherwelt bekannt, und es gelang kurz danach, auf der schon einmal er­wähnten Farm einen der Täter zu fassen; den ei­gentlichen Anstifter des ganzen Unternehmens fing man kurze Zeit danach auf dieselbe Weise.

A. B.