SfldwestdeutscheVolkszeltiing
An «inem stillen Herbstsonntag, am 11. Oktober 1896, batte sich Anton Bruckners Lebensbahn vollendet. Leiden und Krankheit hatten seine letzten Jahre verdüstert, und doch gehörte er wie Mozart oder Beethoven zu jenen, denen erst der Tod die Notenfeder aus der Hand nahm. Noch an seinem Sterbetag hatte er an len Skizzen zum Finale der neunten Sinfonie ^arbeitet, dem Finale, das dann — welch tiefes iymbol — durch das Tedeum ersetzt werden ollte, so wie über Bruckners ganzem Leben as „Te deum laudamus“ gestanden hat In iner letztwilligen Verfügung hatte der Tod- eweihte sich ausdrücklich dagegen verwahrt, n Wien begraben zu werden. Am liebsten v-ollte er im Stift St Florian ruhen. Seinem Vunsch sollte Erfüllung werden. Die große Or- ;el in St Florian nahm Bruckners Sarkophag n ihre Obhut wie die Gebeine eines Heiligen, inter dieser Orgel, wo er selbst seine herrlichten Eingebungen hatte, fand er eine Begräb- lisstätte, -wie sie keinem andern beschieden var und noch heute, wenn sie ihre ehernen Münder öffnet, klingt etwas mit vom Geiste i essen, der in ihrem Schutze schläft.
Bruckners nachdrücklicher Wunsch, als Toter Wien nicht mehr anzugehören, ist nur zu verständlich. Es war eine souveräne Gebärde der Verachtung über das Grab hinaus. Man hat zwar Wien die Welthauptstadt der Musik genannt, aber wie undankbar war sie gegen jene, denen sie diesen Weltruhm verdankte! Wie schlecht hat sie Mozart aufgenommen, dessen Opern zu seinen Lebzeiten gegen zweit- und drlttrangige Italiener niemals aufkommen konnten. Wieviele Wiener ahnten etwas von der Größe Beethovens , da er noch leibhaft unter ihnen wandelte? Und Franz Schubert , der so gerne und mit seligem Herzen ein Wiener war, hat man ihn dort nicht einfach verhungern lassen? Wer die Musikgeschichte Wiens mit etwas mehr als oberflächlichen Augen studiert, erfährt, daß für die Großen im Weltreich der Töne, die dort lebten, wahrlich das Wort Johann Georg Hamanns gelten durfte: „Genie ist eine Dornenkrone und der Geschmack ein Purpurmantel, der einen zerfleischten Rücken deckt“
Dies Wort gilt auch für Bruckner , der in Wien nicht nur Schaffensjahre, sondern auch Märtyrerjahre verbrachte. Zwar waren die fortdauernden Kränkungen, die man seiner Kunst antat, nicht allein Sache der Wiener , das Mißverstehen und Kopfschütteln über die monumentalen Maße seines Wollens, das man Anmaßung nannte, war allgemein und es war nur ein ganz kleines Häuflein Getreuer, das zu ihm hielt. Niemand hat unter der Stumpfheit und Taubheit seiner Mitwelt mehr gelitten als Bruckner Aber in Wien , wo er sein bescheidenes Arbeitsleben führte, traf ihn der Hohn der Besserwisser und Neunmalklugen härter. Außerhalb Wiens ist ihm zuerst Anerkennung geworden, Arthur Nikisch löste den Bann, in Leipzig , und erst Hans Richter wagte es, auch in Wien Bruckners Werke öffentlich aufzuführen, künstlerische Taten, denen freilich nur verstärktes Wutgeheul aus der Meute der Brucknergegner folgte. Über einzelne „Ehrungen“ ist Wien zu Lebzeiten Bruckners nie hinausgekommen, es blieb seinem traditionellem Undank wahrhaft treu.
„Wenn ich einmal nicht mehr bin, dann erzählt der Welt, was ich gelitten habe und wie kh verfolgt worden bin“, so sagte Bruckner einmal. Um das zu verstehen, muß man sich daran erinnern, wie im Wien der siebziger und achtziger Jahre eine Kunstdiktatur herrschte die uns manchmal an die Tage der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft erinnert. Edu ard Hanslick
, Universitätsprofessor und Kritiker, war ihr böser Geist Ein Despot der Feder, der an Bach oder Beethoven ebenso herummäkelte wie er alles mit Hohn übergoß, was ihm nicht in seine „Richtung“ paßte. Es war derselbe Hanslick, der Richard Wagner mit seinem grimmigen Haß verfolgte, einem Haß, der so blind war, daß ef weder Wagners Größe noch seine Schwächen zu sehen vermochte. Dabei war er durchaus kein Banause, sondern ein Mann mit viel Wissen und Geschmack, der immerhin unentwegt für Johannes Brahms eintrat, wenngleich wir die väterlichen Ratschläge, die er seinem Freunde zu geben wagte, heute nur belächeln können. Als Professor der Musikwissenschaft der Wiener Universität erzog Hanslick ganze Generationen von Schülern im Geiste der Wagner- und Brucknergegnerschaft, vor allem aber zog er als Kritiker in allen namhaften Blättern gegen Bruckner zu Felde, so daß kein anderer für eine Musik einzutreten wagte, die Hanslick einmal verdammt hatte. „Es ist nicht unmöglich, daß diesem traumverwirrten Katzenjammerstil die Zukunft gehört — eine Zukunft, die wir nicht darum beneiden“, so schrieb Hanslick anläßlich einer Aufführung von Bruckners C-Dur-Sinfonie. Die Zukunft gehörte freilich Anton Bruckner , wenn auch in einem andern Sinne, als diese Kritik beschämender Blindheit sie gemeint hatte.
Man muß sich diese dumpfe Luft der geistigen Tyrannei, der kläglichen Rückschrittlichkeit and der kleinlichen Intrigen noch einmal vergegenwärtigen, will man die richtige Folie gewinnen für die Gestalt Anton Bruckners , der in diese Welt hineinragte wie ein Bote aus einem andern Jahrhundert, wie ein Mystiker
des Mittelaltars, der mitten in den Marktlärm der Eitelkeiten des 19. Jahrhunderts getreten ist Sein Schaffen war Gebet und seine Musik war das Lob Gottes, gespendet von einem, der vor dem Altar kniete in kindlicher Frömmigkeit des Herzens. „Wenn mich der liebe Gott einst zu sich ruft und mich fragt: wo hast du die Talente, die ich dir gegeben habe?, dann halte ich ihm die Rolle von meinem „Tedeum “ hin, und er wird mir ein gnädiger Richter sein“ — dieses erschütternde Wort Bruckners muß man ganz wörtlich nehmen, um sein Wesen und seine Musik zu begreifen. Wie sollte ein Künstler, der in diesem Geiste Werk um Werk türmte, von seiner Zeit verstanden werden, die nur nach Tagesruhm und klingenden Erfolgen schielte? Daß hier eine der großartigsten Offenbarungen des Katholizismus vorlag, daß hier eine Metaphysik in Tönen sich aussprach und kunstgewordenes Christentum Gestalt gewonnen hatte, wie es nur noch einmal, ln Johann Sebastian Bach , unter uns gelebt hat, das haben damals nur wenige begriffen. Heute wissen wir es. Und diejenigen, welche das Werk Bruckners zu verkleinern hoffen, indem sie ihn einen Nachtreter Richard Wagners nennen, ahnen nichts vom Geiste Bruckners . Daß uns Richard Wagners Werk einmal femerrücken- könnte, liegt durchaus im Bereich der Möglichkeiten. Bruckners Messen und Sinfonien wurzeln in einem festeren Mutterboden, sie bleiben uns unverlierbar, solange überhaupt noch irgendwo das Opfer der heiligen Messe dargebracht wird.
Darum wollte Bruckner nicht in Wien begraben sein, sondern im Stift St. Florian. Dort war sein Lebensraum, in dieser pompösen Barockkirche mit ihren lichten Weiten, die strahlen und sich wölben wie Bruckners Musik, dort, inmitten der lieblichen grünen Hügel, denen der daseinsfreudige Musikant Bruckner zujubelt, wenn im Scherzo der vierten Sinfonie der Dreiklangsschall der jauchzenden Jagdhörner eichendorffisch uns ins Herz klingt s. h.
Lesen ist Umgang mit Menschen, die uns
anst nicht zur Verfügung stehen.
Diesen Satz kann man nach allen Seiten hin irläutem. Es gibt schlechten Umgang, und es gibt Bücher, die ebenso schlecht wirken und wahrscheinlich noch stärker und nachhaltiger äbfärben. Das Sprichwort „Sage mir, mit wem du umgehst...“ ist oft genug auf den Umgang mit Büchern angewandt worden, für den es noch besser und unbestreitbarer zutrifft. Es ist nicht gleichgültig, was der Lesehunger eines Vierzehnjährigen als Nahrung vorflndet: drei Jahre später weiß er seine Dichter auswendig kennt in allen Einzelheiten die Geschichte der großen Entdeckungen oder ist in einen Sensationshunger verstrickt, aus dem er sich schwerlich wieder befreien wird. Freilich gibt es Stufen, auf denen man sich der Dichtung und dem Leben im Geiste nähert; der Graf von Monte Christo, der Lederstrumpf oder die Schatzinsel können für den jungen Menschen dazu gehören. Natürlich kann das Leben auch auf anderen Wegen mit seinen Forderungen und Erschütterungen auf einen Menschen zukommen. Aber das sind ln unserer Zeit die Ausnahmen, und es gibt wenig Biographien ungewöhnlicher Menschen, in denen nicht Bücher als Anstoß und Quelle der inneren Entwicklung genannt werden.
Der Umgang mit Büchern eröffnet jedem eine unvorstellbare und fast unbegrenzte Erweiterung und Vervielfältigung seines eigenen, immer begrenzten Lebens. Erfahrungen, Anschauungen, Erschütterungen, jedem Einzelleben nur beschränkt zugemessen, werden durch Bücher verhundertfacht. Lesen heißt: mit Hilfe anderer Menschen leben und erleben.
Das ist im Grunde über die Maßen phan
tastisch. — Ich stehe vor einem Bücherbrett. Man hat mich gebeten, eine Viertelstunde zu warten. Ich greife wahllos, blättere und erlebe — wenn ich ein reizbarer und empfänglicher Leser bin — in Minuten, nun was ich will: den Staatsstreich des 18. Brumaire oder die letzten Stunden Heinrich von Kleists oder eine Zeremonie jn einem tibetanischen Kloster oder die Begegnung des Odysseus mit Nausikaa .
In dieser Wahllosigkeit und Fülle der Möglichkeiten liegen denn auch die Gefahren des Lesens. Die ideale Möglichkeit, durch Bücher jederzeit an der Gesellschaft und Unterhaltung bedeutender Menschen teilnehmen zu können, ist eine so unfaßbare Freiheit, daß ihrem Genuß und ihrem rechten Gebrauch nur wenige gewachsen sind. Der wahre Leser ist selten, denn was von ihm verlangt wird, ist nicht weniger, als daß er das Buch noch einmal für seinen Teil nachschaffe — anders kann er es sich nicht aneignen. Das Buch ist immer zu einem wesentlichen Teil des Lesers Werk. Deshalb gibt es wenig Menschen, die fähig sind, eine Dichtung wahrhaft aufzunehmen. Aber selbst den einfachen Bericht einer Reise oder auch nur eines Vorfalls wird sich der Lesende, je nach seiner Phantasie, Sammlung und Aneignungskraft auf sehr verschiedene Weise einverleiben.
Wo viel gelesen und das Gelesene mangelhaft verarbeitet, nicht wirklich anverwandelt wird, da entsteht eine Überfüllung, die den Geist verdirbt wie zuviel Nahrung den Magen. Solche Menschen lassen sich Bücher empfehlen, sie lassen sich durch Buchtitel und Einbände ln einer Auslage anreizen, sie greifen nach den Jeweiligen Erfolgsbüchern. Das Ergebnis ist, daß sie sich manchmal gut unterhalten, oft enttäuscht werden und am Ende einen Haufen
Mittwoch, 9. Oktober 1946
Bücher besitzen, den sie kaum mehr ansehen mögen. Man sollte vom Worte Buch die beider Plurale auseinanderhalten: Bücher und Bibliothek. Menschen, die eine Bibliothek haben diesen anderen, organischen Plural von Buh deren gibt es wenig. Denn es ist nicht die Meng’ der Bücher, die entscheidet, ob eine Bibliothek entsteht, sondern es ist der organische Zusammenhang, dessen Einheit allein der Geist des Besitzers schaffen kann.
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Das ungeheuerste Beispiel eines idealen Lesers hat Hugo von Hofmannsthal in seinen Tagebüchern aufgezeichnet Er notiert, im Juni 1911. den Bericht eines Offiziers, der in China , in der Zeit nach dem Boxeraufstand, einer Massenhinrichtung beiwohnte. Die Verurteüten sine 1 in einer Reihe aufgestellt, der Henker verrichte; seine Arbeit an einem nach dem andern. Einer der letzten in der Reihe liest mit tiefer Aufmerksamkeit ein Buch. Der Offizier reitet zr ihm, fragt ihn: „Wie kannst du jetzt lesen? 1 Der Mann sagt: „Warum störst du mich? Id: weiß, Jede gelesene Zeit ist Gewinn.“
Wenn wir es dem Chinesen wenigstens gleichtun in der Überzeugung, daß Lesen innerster Gewinn bedeutet, so haben wir es schon ziemlich weit gebracht in der Kunst des Lesens, vor der der achtzigjährige Goethe meinte, er fang« jetzt ap sie zu lernen.
Bruckners F-molI-Messe im Munsfer
Anton Bruckner gehört xu der wenigen große; Erscheinungen, deren Bestimmung es ist, Übernatür Uches, Göttliches ln unser menschliches Dasei hineinzuzwingen; er dachte und schuf seine Musik, sein Werk, nur ln Gedenken ui die Ewigk.it; fii Ihn, den tiefreligiösen Menschen sind Anfang unc Ende aller Dinge nur ln Gott und so begrellt ma die Demut und den Stolz Jener drei Wor'e Uber sei ner letzten Symphonie; „Dem lieben Gott!“ Musik ist Ihm Bestimmung auf das Göttliche; und Weih; und Reinheit seiner Tonwelt, die e- such aus den Erleben des Kultus der katholischen Kirche schipft münden wieder dorthin zurück ln den Gottesdienst, ln den unmittelbaren Dienst vor Gott .
Von seinen drei großen Messen mit Orgel hörten wir im Münster in einer Abendandacht die große Messe F-moll (1606) für Chor, Soli, Orchester und Orgel, nachdem Praeludlum und Fuge ln c-moll (1866), ln der Bearbeitung von Franz Philipp , dl. durch Domorganist Dr C. Winter künstlerischen Ausdruck gefunden haben und das Tantum ergo ln D-Dur (1846) verklungen waren Wenn man beim Hören von Bruckners Kirchenmusik auch Immer wieder fühlen mag, daß der Meister, angeregt durch die packenden Wirkungen der Tonspracne R chard Wagners, Sich wohl nie ganz bewußt war, d ß eine Übertragung oder Einschmelzung jenes Stiles ln die Kirche zu einem etwas dramatischen Gebaren der Kirchenmusik führen würde, sr muß man auch Immer wieder sagen, daß ln seiner ganzen Umwe.t nur er Größe und Kraft genug besaß, um eine für ganz andere Ziele gedachte und geschaffene Klang weit mit Ihrer charakteristischen Harmoniefürirung und Dissonanzbehandlung, sich ganz zu eigen und seinem glaubensvollen Schaffen und seinen eigenen Absichten dienstbar zu machen und nicht zu unterliegen Dies zeigt »ich etwa in der wundervollen harmonischen Erlösung ’ind Klärung des Kyrie nach den vorangegangenen gigantischen Steige unsen, dem Aufschrei der verminderten Septlmen-Akkorde.
Die ganz Im Dienste Cfi hohen Sendung Bruck ners stehende Aufführung lm Münster unter Dom- kapellmelster Franz Stemmer war eindringlich; seine L&stung ergänzten ebenbürtig als Dienende, an diesem hohen Werk die solistischen Stimmittel von Susanne Hagen-Heilmann (Sopran), Helmtrude Kraft (Alt), Josei Reef (Tenor) und Walter Franl (Bass), gestützt durch der herrlichen Domchor, da verstärkte städt Orchester (Solobratsehe Herr Hart mann) und die Orgelbegleitung von L. Kaercher. Die einfache Größe der Kunst Bruckn-rs, der sakralen Läuterung der Seelen dienend, rührt an daa, was der Zelt zuinnerst nottut.
ZH« bayrische Akademie der Wissenschaften wurde am 26. September lm Münchener „Theater am Brunnenhof“ feierlich wieder eröffnet. Die Akademie stehe ln erster Linie der Staatsregierung für zuverlässige Auskünfte ln allen wissenschaftlichen Fragen und für die Lösung spezieller Aufgaben zur Verfügung, erklärte Ihr Präsident Professor Dr. Walter Meißner. Die Mitglieder seien ausnahmslos hervorragende Vertreter der Wissenschaft, auf deren Urteilskraft man sich verlassen könne. Die Akademie werde sich bemühen, den Kontakt mit dem Ausland wieder herzustellen, denn die Lebensbedingungen der Wissenschaft seien International.
Der erste Spielfilm der deutschen Nechkrlegs- FiImproduktion „Die Mörder sind unter uns" komm* am 15. Oktober zur Uraufführung. Er wurde ln dem Babelsberger Film-Atelier von der Defa gedreht.
Zwischen Tiengen und Opfingen erhebt sich aus dem Tunlbergvorland eine sanfte Erdwelle, der Blankenberg. Seinen Südhang nennt die Karte „Wangen“ das Nordende „Wanger Feld“ und verzeichnet das östlich anstoßende Moos- Waldstück als „Schloßwald“. Diese drei Namen sind die letzte Erinnerung an Schloß und Hofgut Wangen oder das Wangener Schlößchen, Wie es ln den Akten meist genannt wird. Die Lage der kleinen Siedlung, eines Wasserschlosses, in den Wiesen am Blankenberg ist genau bekannt, stieß man doch seinerzeit bei der Anlage von Entwässserungsgräben anläßlich der Feldbereinigung auf Mauerreste, die Funda- ■aentmauem.
Eine befestigte Stätte Wangen, ein castrum In Wangen, erscheint erstmals in einer Urkunde vom Herbst 1266 in der Streitsache zwischen dem Deutschordenshaus Freiburg und einem Junker Walter von Wangen. Gegen Schluß des Jahrhunderts gehört sie dem Ritterorden, von dem sie über die Grafen von Freiburg an das Freiburger Patriziergeschlecht der Tegelin korpmt. Eine Linie der Familie nannte sich künftig nach ihrem Gut am Tuniberg und erscheint unter diesem Namen in den Listen des breisgauischen Ritterstandes. Der letzte Namensträger verkaufte 1581 das Schloßgut, der Käufer konnte es aber nicht halten, sondern bekam es ein Menschenalter später vom Ensis- heimer Gericht abgesprochen. 1622 fielen die Liegenschaften dem Kanzler der Johanniter zu Heitersheim zu und wurden bald wie das Land rundum vom Krieg überflutet Das Schlößchen ging in Flammen auf. Mochte es auch hinterher neu erstehen der Verfall war nicht mehr aufzuhalten. Der Besitz glitt von einer Hand in die andere. Um 1700 erwirbt der Markgraf Karl Wilhelm von Baden -Dur lach, der Erbauer der Stadt Karlsruhe , die Anwesen und hält von dort aus große Jagden ab und beschenkt mit ihnen seine Günstlinge.
Letzter Herr in Wangen war Freiherr Schil ling von Cannstatt . Waren schon vorher einzelne Stücke vom Gesamtbezirk abgetrennt und einzeln verkauft worden und im wesentlichen nur noch das eigentliche Schlößchen und seine nächste Umgebung geschlossener Besitz, so gab der Schloßherr durch Versteigerung nun auch die letzten Stücke aus der Hand.
D«r Verkauf wurde dem Frelherm nicht leicht. Nicht als ob er sich schwer entschlossen hätte, Im Gegenteil! Nein, es bestand die Gefahr, daß er die Güter nicht los werden könnte, trotzdem er unter Berufung auf den Markgrafen den Bauersleuten die lockendsten Versprechungen machte. Es bedurfte des scharfen Befehls des regierenden Herrn selber, daß sich überhaupt Steigerer einfanden. Der Erlaß des markgräflichen Oberamtes ln Müllheim an die Bürgermeister der Tuniberger Landgemeinden, ihre Orts Insassen zur Versteigerung aufzubieten, lautet also:
Seine hochfürstliche Durchlaucht der regierende Herr Markgraf haben ihrem Kammerjunker und Lehensmann Herrn Baron von Schill i ng die Erlaubnis erteüt, die Güter von Wangen und die Schlatthöfe unter Aufhebung des bisher auf ihnen gewesenen Lehensverbandes stückweise an die Untertanen zu verkaufen Nun ist unserm Landesherm daran gelegen, und er hat deswegen auch mit Herrn Schilling eine Übereinkunft getroffen, daß diese Güter mit darauf verwilligter lebenslänglicher Schatzungs- (Steuer-) und Zehntfreiheit des Käufers den Untertanen stückweise in die Hände geliefert werden. Deshalb hat der Markgraf dem Oberamt befohlen, Euch nachdrücklichst einzuschärfen, Ihr sollet den Untertanen die Sache möglichst erleichtern und ihnen mit gutem Rat an die Hand gehen, damit sie zu ihrem Besten von den Gütern Stücke erkaufen.
Da der Herr von Schilling sich augenblicklich
in Wangen aufhält und das Wangener Out ln die Stücke abgeteilt wird, wie es stückweise verkauft werden soll — der Schlatthof wird als Ganzes ausgeboten —, und festgesetzt Ist, daß mit der Versteigerung der genannten Güterstücke am künftigen Dienstag, dem 28. Oktober 1766, morgens früh um acht Uhr zu Tiengen auf der Gemeindestube der Anfang gemacht und an den folgenden Tagen fortgefahren werden soll, bis Äcker, Matten, Waldung und Gebäude verkauft sind, so werden Euch hiermit die Bedingungen, unter welchen der Verkauf stattftndet, zugesandt. Ihr habt nicht nur gleich in der Frühe des nächsten Tages nach Erhalt dieses Erlasses Euere Gemeinde zu versammeln und ihr die Bedingungen genau vorzulesen. —o Tag und Ort der Versteigerung genau •"s^aset- zumachen, sondern auch Euere i'Lvei »ebenen aufzumuntem, von dieser seltenen Gelegenheit vernünftigen Gebrauch zu machen und sie zu beraten, wie sie sich verhalten sollen.
Dieser Befehl ist sofort durch die Gerichtsschreiber abzuschreiben, und es ist dafür zu sorgen, daß er gleich weitergegeben wird und bis längstens Donnerstagabend ln sämtlichen Gemeinden ist, damit die Kaufliebhaber noch Zeit haben, Freitag, Samstag und Montag die Äcker, Matten und Waldungen zu besehen und sich zu überlegen, welche Stücke für sie am vorteilhaftesten sein möchten. —
Der Versteigerungstag kam, aber trotz allen guten Zuredens entstand auf der Gemeindestube zu Tiengen kein großes Gedränge. Unterm 16. November 1766 schrieb darum „den geehrtesten Herren Vögten“ der Geschäftsführer von Wangen: „Es lassen der Herr Baron von Schilling den Gemeinden Opfingen , Tien gen , Mengen, Wolfenweüer und Schallstadt mit Gegenwärtigem nachrichtlich vermelden, daß bis künftigen Montag mit der Versteigerung der noch vorhandenen Matten dieselbe fortzufahren gedenken, und werden die Herren Liebhaber hierbei sich volkreich einzuflnden höflich eingeladen.“
In der neuen Ankündigung sind die Gebäude nicht mehr ausgeschrieben. Sie hatte die
Gemeinde Tiengen billig ersteigert, offenbar darum, weü sie sonst überhaupt niemand haben wollte. Die Gemeinde wollte aber nichts behalten, sondern alles wieder möglichst rasch los werden. Ein paar Monate später fand deshalb die nächste Versteigerung statt, die Versteigerung auf Abbruch. Wieder erließ das Müllheimer Oberamt ein Rundschreiben an die Tuniberggemeinden:
Die Gemeinde Tiengen hat sämtliche Gebäude auf dem Wangener Gut an sich gebracht und ist nunmehr gesonnen, solche stückweise wegzugeben. Sie bestehen in Wohnungen Stallungen, Scheuren, Schöpfen und dgl. Die untern Stockwerke sind meist aus Stein gebaut, die andern aus Holz. Überall in ihner trifft man gute Fenster, Läden und Türen
Da man entschlossen i$t, die Gebäude sraex weise, wie sie stehen, mit allem Zubehör air Dienstag, dem 19. Mai, in öffentlicher Versteigerung an den Meistbietenden zu verkaufen so wird Euch hiermit aufgegeben, dies unver züglich in Euern Gemeinden öffentlich bekanntzumachen und allen, die Lust haben, etwas zi kaufen, um das Holz und die Steine zu ihrer Nutzen zu verwenden, zu bedeuten, - daß si vorher jederzeit die Gebäude in Augenscheir nehmen können. Am Dienstag sollen sie slh dann morgens um sieben Uhr in Wangen ein finden, daselbst die Bedingungen der Verstei gerang anhören, der Versteigerung an wohn«: und erstehen, was ihnen gut scheint.
Die Einzelheiten der Versteigerung sind mir nicht bekanntgeworden. Mag sein, daß die Gemeinde Tiengen beim Termin selbst nur einen Teil der Gebäulichkeiten losschlagen konnte den Rest erst im Laufe der nächsten Jahre. Ein Wertobjekt war Wangen jetzt nicht mehr, aber es verlangte auch keine Pflege mehr, so daß besondere Ausgaben nicht entstanden. Die Käufer zögerten offenbar nicht lange mit dem Abbruch. Sie holten Stein- und Holzwerk Stück um Stück Die Abtragung der Gebäulichkeiten erfolgte derart gründlich, daß sich die Örtlichkeit, auf der einstens Wangen gestanden, von der Umgebung in keiner Weise unterscheidet