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Mittwoch, 30. Juli 1962

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McCloy : Deutschland wird wieder vereinigt

NEW YORK . Der ehemalige amerikanische Hohe Kommissar in Deutschland , McCloy , sprach am Dienstag die Ueberzeugung aus, daß Deutschland s'-’-'-’eßlich doch wieder vereinigt ward. McCloy sagte, f ir mit der „America “ in New York eintraf, die I le des Blutes, der Sprache und der gemeinsamen Kultur seien mächtiger als die politische Kluft zwi­schen Ost und West. McCloy bezeichnete Bundes­kanzler Adenauer als echten Europäer, der bei der Integration Europas eine führende Rolle .spiele

Mossadeqs Begierungsprogramm angenommen

TEHERAN . Das persische Parlament (Majlis)- nahm am Dienstag in Teheran mit 68 Stimmen von 69 Anwesenden das am Sonntag von Ministerpräsi­dent Mossadeq eingebrachte ’ Regierungsprogramm an. Der unabhängige Abgeordnete Damawandi for­derte die- Entfernung der amerikanischen Berater beirpt..persischen Heer mit dem Hinweis, der ameri­ kanische Richter im Internationalen Gerichtshof habe im Haag bei dessen Entscheidung über den anglo- persischen Oelstreit gegen. Persien gestimmt. *

Die Weltbank teilte am Dienstag mit, daß der Ge­neralsekretär . des persischen Erdölverstaatlichungs­amtes Hussein Makki die Einladung zum .Besuch,-der USA angenommen habe!, die; ihm der Vizepräsident der Bank, Robert Gamer, im Februar übermittelte Ein Sprecher der Weltbank erklärte, er wisse nicht, ob Makki befugt sein werde, den britisch-persischen Öelstfeit zu erörtern. Die Weltbank werde erst dann wieder eingreifen, wenn sie von beiden,* betei­ligten Landern eine kläre Aufforderung dazu, erhält.

Bulgaren beschießen Griechen

ATHEN -|n der Nähe der Dreiländerecke zwischen Griechenland , Bulgarien und der Türkei wmrde eine griechische Militärabteilung von einer bulgarischen Patrouille beschossen. Ein griechischer Offizier und zwei Soldaten wurden getötet und vier Griechen ver­letzt. Dieser Zwischenfall, der sich bereits am Sonn­tag ereignete, wurde am Montagabend in einem Kom­munique der griechischen Armee mitgeteilt.

USA bauen eisten Menunotor für Flugzeuge

--WASHINGTON . Die amerikanische Atomenergie- korrimission beschloß am Dienstag die Konstruktion von* Ah Lagen für die Entwicklung eines Flugzeuges, dessen Motor mit Atomenergie angetrieben werden soll. Die Erprobungsanlagen, die voraussichtlich 33 Millionen Dollar kosten, werden auf dem Atomprü­fungsgelände, im Staate Idaho errichtet. Die Bauar-- beiten sollen noch in diesem Sommer beginnen. Der Auftrag zum/ Bau des ersten mit Atomkraft getriebe­nen Flugzeugmotors ist der General Electric Company ln Lockland, Ohio , übertragen worden.

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BONN . Der neue amerikanische Hohe Kommissar für Deutschland , Walter Donnelly , wird am Freitag in Bonn eintreffen.

SAARBRÜCKEN . Das Innenministerium der Saarregierung hat die Unterlagen für die Registrierung der Kommunlsti- schen Partei auf Grund des Parteigesetzes vom 17. Märe dieses Jahres zurückgereicht.

HANNOVER . Als Termin für die nächsten niedersächsi­schen Kommunalwahlen hat die Landesregierung am Diens­tag den 9. November dieses Jahres festgesetzt. Am gleichen Tage wählen auch die Länder Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz ihre neuen Kommunalvertretungen. , BERLIN . Die Wartburg wurde am Wochenende als „Natio­nale Kulturstätte“ der Obhut der Sowjetzonenregierung unterstellt.

NEUSTADT bei Coburg . Ein 1946 begangener ■ Menschen­raub an der bayerisch -thüringischen Zonengrenze wurde an» Montag vom Landgericht Coburg mit der Verurteilung eines- ehemaligen Stadtrates von Neustadt und dreier Polizeiange- steliter zu je zweieinhalb Jahren Gefängnis wegen schwerer Freiheitsberaubung gesühnt. . . • £ -

BERLIN . In der mecklenburgischen Stadt Rostock ist am" Dienstag der erste Bezirkstag der Sowjetzonenrepublilc zu seiner konstituierenden Sitzung zusammengetreten.

TEL AVIV . Der Oberbefehlshaber der britischen Mittel* meerflotte. Admiral Earl Mountbatten, traf am Dienstag i» Israel ein.

IZMIR . Eine Abordnung, von Offizieren der NATO -Mächte prüft zur Zeit in Izmir (Türkei ) die Möglichkeit, das NATO - SUdoathauptquartier dort unterzubringen. Die griechische Presse tritt dagegen, lebhaft für eine Wahl Salonikis sum Südosthauptquartier ein.

PUSAN . Vier südkoreanische Minister traten am Dienstag zurück,’nachdem gegen die Regierung Beschuldigungen er* hoben .worden waren, daß einzelne ihrer Angehörigen in einen „Kriegsgewinnler-Skandal" verwickelt seien,

PARIS . General Rldgway, der atlantische Oberbefehlsha­ber in Europa , und die Generale Handy und Norstad wur­den am Montag im atlantischen Hauptquartier mit dem Eh. rendoktorat der Militärwissenschaften der amerikanischen Universität Maryland ausgezeichnet.

TORONTO . Die Internationale Rot-Kreuz-Konferenz hat am Äfontagabend in Toronto einen Einspruch der Ostblock­ staaten und der Sowjetunion gegen die Teilnahme einer nafiönalchineslschen Delegation mit großer Mehrheit zurück­gewiesen. •

WASHINGTON . Der Stabschef der USA -Kriegsflotte, Ad­miral Fechteier, zollte am Montag nach der Rückkehr von seiner Ostsslenreise den Truppen Tschiangkaischekg auf Formosa höchstes Lob.

Eva Perons letzter Wunsch

Denkmalsnische für Bittgesuche - Beisetzungsfeierlichkeiten verschoben

BUENOS AIRES . Kurz vor ihrem Tode "hat Eva Perön die Bitte ausgesprochen, in das für sie be­stimmte Denkmal eine Nische für Bittbriefe von hilfebedürftigen Argentiniern einzubauen, die sich früher mit ihren Bittschriften direkt an sie zu wen­den pflegten. Ueber diesen letzten Wunsch der ver­storbenen Gattin-des argentinischen Staatspräsiden­ten berichtete am Dienstag die Zeitung „Prensa“. Der Staatspräsident habe versprochen, daß die Bitte Evas erfüllt wird. Außerdem habe er bekanntgege­ben, die Bevölkerung könne vor' der Fertigstellung des Denkmals Bittbriefe, die sie früher an seine Gat­tin gerichtet ähbe, wie bisher an die Residenz des Präsidenten schicken. Die Briefe würden dort be­arbeitet und beantwortet. Damit soll dem argenti­nischen Volk, wie die „Prensa“ schreibt, der schwere Verlust erleichtert werden, den es durch den Tod Eva Perons erlitten hat.

Die Totenwache am Sarge Eva Perons ist um meh­rere Tage verlängert worden. Anschließend wird die Verstorbne bis zur endgültigen Bestattung im Ge­werkschaftsgebäude aufgebahrt. Abgeordnete und Senatoren des argentinischen Parlaments wollen einige Tage am Sarge die Totenwache halten.

Im argentinischen Arbeitsministerium, wo. die sterbliche Hülle von Eva Peron auf gebahrt liegt, wurden am Montagabend die völlig erschöpften Po­lizisten von Soldaten in Stahlhelmen abgelöst. Auch am Dienstag riss der Zustrom der trauernden Be­völkerung ■ nicht ab. Zu tausenden strömen Argen­ tinier und Argentinierinnen in das Gebäude, um Abschied von ihrer „Presidenta“ zu nehmen. Am Montag waren bei dem Gedränge, das schätzungs­weise eine halbe Million Besucher verursachte, fünf Menschen zq Tode getrampelt und zweitausend verletzt worden. ' 1

Präsident Peron hat angeordnet, daß die ursprüng­lich für Dienstag anberaumte Beisetzungsfeierlich­keit solange verschoben wird, bis jeder Gelegenheit gehabt hat, von Evita Abschied zu nehmen. Peron verharrte am Montagabend erneut zwanzig Minuten am Sarge seiner verstorbenen Gattin.

Zur Teilnahme an der Totenwache für Eva Pe­ ron erschienen am Dienstag in Buenos Aires Grup­

pen berittener Gauchos in malerischer Tracht, unter ihnen auch mehrere Frauen.

Türkische Frauen gegen Schleier

ISTANBUL Die türkische Frauenvereinigung hat beschlossen, energisch gegen das Wiederauf tauchen des Schleiers und der altorientalischen Frauenge­wänder vorzugehen. Vor allem einige Fälle, bei denen türkische Frauen in europäischer Kleidung von Geschlechtsgenossinnen in orientalischer Tracht .auf offener Straße in übelster Form beschimpft Wurden, haben die Frauenvereinigung veranlaßt, gegen die „Reaktion“ Front zu machen. Führende Mitglieder der Vereinigung sind in die Städte und Dörfer geschickt worden, wo sie durch aufklärende Vorträge für die Beibehaltung der von Atatürk eingeführten Reform der Frauenkleidung eintreten sollen.

Seit einigen Monaten sind, begünstigt durch die liberalere Politik der seit 1950 regierenden Demo­kraten und gefördert durch eine stille aber ziel­bewußte Propaganda streng religiöser Kreise, Ueber- tretungen der von Atatürk erlassenen Reformge­setze an der Tagesordnung.

Starkstrom im Mikrophon

PARIS . Wie vom Blitz getroffen brach ein Stadt­verordneter des Städtchens Herbilion in Algerien tot zusammen, als er auf dem Marktplatz bei einem öf­fentlichen Fest zu einer Ansprache an den Lautspre­cher trat. Durch einen Kurzschluß war das von dem Stadtverordneten berührt-* M'kmohon unter Stark­strom geraten.

Ohno Kocht keine echte Obrigkeit

HANNOVER . Der frühere Primas von Norwegen , Bischof D. Berggrav , sagte am Dienstag in Hannover , ohne Recht gebe es keine echte Obrigkeit. Die Vor­aussetzung der Lutherischen Lehre von Staat und Kirche sei und bleibe, daß der Staat ein Rechtsstaat sei. Berggrav sprach auf der Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes über „Staat und Kirche in lutherischer Sicht“.

Viel Elend und unwürdige Liebedienerei ^eien da­durch entstanden, daß man das Bibelwort „Jeder­mann sei Untertan der Obrigkeit“ oft mißverstanden habe, sagte der Bischof. „Gehorsam einer teuflischen Macht gegenüber wäre nichts anderes als Sünde“. Andererseits dürften an den weltlichen Staat keine Idealforderungen gestellt werden Mitzuhelfen und die Loyalität fördern, sei Pflicht der Kirche. Sie sei aber auch heilig verpflichtet, die Wahrheit zu sagen. Politische Tätigkeit sei Pflicht aller verantwortungs­bewußten" Christen, aber die Kirche dürfe sich mit keiner Partei identifizieren. Auch der heutige Staat habe von den totalitären Staaten manches gelernt. Der Geisteskampf gegen die Neigung des Staates zu Totalität und -Omnipotenz müsse Hand in Hand mit Dienst in der christlichen Liebe gehen.

Neuer Schauprozeß in Dresden

BERLIN . Vor der Großen Strafkammer des Land­gerichtes Dresden begann am Dienstag ein neuer Schauprozeß gegen fünf Angeklagte; denen „Spionage- und Sabotage-Tätigkeit“ für den amerikanischen Ge­heimdienst und Verbindung zum Untersuchungsaus­schuß Freiheitlicher Juristen in Westberlin vorgewor­fen wird. Außerdem wird ihnen das ständige Abhö­ren des RIAS Zur Last gelegt. Sämtliche Angeklag­ten wurden zu hohen Zuchthausstrafen verurteilt

Volksrichter müssen Verurteilungssoli erfüllen

Die Verhandlungsmethoden in den Waldheimer Prozessen - Folterung bdl Vernehmungen

" BERLIN . Ueber die Verhandlungsmethoden in den sogenannten Waldheimer Prozessen, in denen im Sommer 1950 über 3000 KZ-Häftlinge der Sowjetzone im sächsischen Zuchthaus Waldheim zu hohen Zucht­hausstrafen und zum Tode verurteilt wurden, be­richtete am Montag die ehemalige Protokollführerin in diesen Prozessen, Gertrud Milke (früher SED ), vor

Millionäre im „Arbeiterparadies"

Auf den großen sowjetischen Staatsbanketten sieht man neben den hohen uniformierten Beamten, Füh­rern der Partei und den Marschällen auch ständig eine Gruppe elegant auftretender Zivilisten. Die Frauen tragen teure Pelzumhänge und reichen Ju- welenschmuck. Alle haben sie wohlgenährte Ge­sichter, manche sogar ein dreifaches Kinn. Sie sind sozusagen der , lebendige Beweis des Wohlstandes. Es sind die prominentesten Schriftsteller, Künstler, Wissenschaftler, Schauspieler, Fabrikdirektoreh und sonstige Auserwählte und ihre Frauen. Meistens führen sie den Titel „Held der sozialistischen Arbeit “. Viele von ihnen sind mit dem Stalinpreis für beson­dere Verdienste um den sowjetischen Staat ausge­zeichnet, der mit Geldprämien bis zu 200 000 Rubel verbunden ist. Bei mehreren von ihnen beträgt das durchschnittliche Jahreseinkommen Summen, die sich in sechsstelligen Zahlen -bewegen. Die bekanntesten Schriftsteller "Unter- ihnen verfügen manchmal über Einnahmen,’die die Millionen überschreiten. Das sind dann die sowjetischen Millionäre, von denen im In- ’uhd Ausland immer wieder die Rede ist. Sind sie es?

Nach der sowjetischen Theorie ist die Gesellschafts­ordnung der Sowjetunion klassenlos. Es gibt danach keinen Unterschied zwischen dem hohen Amtsträger und einem gewöhnlichen Schwerarbeiter, es gibt nur berufliche Unterschiede, aber keine Klassen. Niemand ist — eo lautet die Theorie — in der Lage, sich etwa da* Produkt fremder Arbeit anzueignen. Wer aber mehr leistet, solle auch mehr verdienen.

Westliche Beobachter der sowjetischen Verhältnisse vertreten indessen die Auffassung, daß die ganze Struktur des sowjetischen Systems vom Geist der Hierarchie beherrscht wird. Jeder hat einen Rang, die hohen Beamten tragen goldgestrikte Uhiformen, die weniger hohen haben weniger „Lametta“. Der Unterschied der sozialen Abstufung komme schon in der Größe des Schreibtische* im Büro, in der Qualität der Büromöbel, in der Größe und luxuriösen Ausrüstung des Dienstautos und nicht zuletzt im Stimmfall der Anrede der Vorgesetzten und Unter­gebenen zum Ausdrude. Man hat Gelegenheit zu sparen und sein Vermögen den Kindern zu verma­

chen, wobei es so gut wie gar keine Erbschafts­steuer gibt.

Stalin hat schon sehr früh, und zwar am Ausgang der zwanziger Jahre, die Bedeutung dieser zwie­spältigen Schicht für die Durchführung seiner Fünf­jahrespläne zur Kollektivierung und Industriealisie- rung der Wirtschaft erkannt. Er scheute sich nicht, die Rechte der Partei auf einzelnen Gebieten der Wirt­schaftslebens radikal einzuschränken, um die Fach­leute für sich zu gewinnen. Im Kriege wiederholte sich das gleiche Experiment, als der politische Kom­missar in der Armee, also ebenfalls der Exponent der Partei, der Befehlsgewalt des Kommandeurs ■unterstellt wurde. Dem nichtparteigebundenen Teil dieser Oberschicht räumte Stalin alle materiellen Vorteile ein, die sich von Jahr zu Jahr entspre­chend dem Ansteigen des Sozialprodukts erhöhten. Der einzige hunderttausend Mitglieder zählenden Oberschicht der Partei brauchte man -keine beson­deren Vergünstigungen zu verschaffen. Die persön­lichen Bedürfnisse konnten immer durch einen Spe­senaufwand so- geregelt werden, daß es nach außen hin nicht auffällt. Demgegenüber mußte unter den rund zehn Millionen Angehörigen der technischen Intelligenz eine Differenzierung eintreten. Unter diesen gibt es z. B. Industriekapitäne und Fabrik­direktoren, die Milliardenwerte für den Staat ver­walten und erarbeiten. Und es ist klar, daß sie sich berechtigt fühlen, materiell entsprechend entschädigt zu werden. Und das sind zusammen mit einigen Großverdienern unter den Schriftstellern und Film­autoren die Millionäre.

Jedoch muß festgestellt werden, daß diese dünne Schicht sowjetischer Millionäre mit einem Millionär in der bürgerlichen Welt keinesfalls verglichen wer­den kann. In der Sowjetunion fehlt für einen Mil­lionär, was man im hergebrachten Sinne darunter versteht, nämlich jede Grundlage zur .Anhäufung von Vermögen. Außer dem Besitz eines angemesse­nen Wohnhauses, eines Autos und- persönlichen Schmucks, vielleicht auch einiger mittelmäßiger Kunstgegenstände, ist jede andere nutzbringende Anlage des Geldes kaum möglich. Allerdings kann

dem Internationalen Juristenkongreß in Westberlin . Sie hatte die Verurteilung von 220 Gefangenen zu insgesamt 3200 Jahren Zuchthaus, sieben lebensläng­lichen und acht Todesstrafen miterlebt.

Die Zeugin berichtete, daß in diesen Prozessen bei einer Verhandlurr ’-’uer von oft nur fünfzehn Minu­ten bereits vor’ -stgelegte Freiheitsstrafen von über zwanzig Je Zuchthaus gefällt wurden. Den von SED -Volksru. ' .n besetzten Strafkammern der Waldheimer Prozesse sei ein Verurteilungssoll ’auf- erlegt worden, wonach sie täglich mindestens zehn Gefangene zu den vorgesehenen Strafen verurteilen mußten. Unter der Leitung der SED -Richterin Hilde Heinze hätten die Ang r' 'rigen der Strafkammer und Staatsanwälte „zur Ner\ .nberuhigung“ bei einem un­gewöhnlich hohen Alkoholverbrauch gearbeitet. Ent­lastungszeugen seien für die Waldheimer Angeklag­ten nicht zugelassen worden. Nur bei im voraus fest­gelegten Todesstrafen sei der einzige Anwalt der Pro­zesse zur Offizialverteidigung zugelassen worden. Nach Einsicht der Akten zehn Minuten vor Beginn der Verhandlung habe er sich lediglich auf Bitten um mildernde Umstände beschränkt.

Vor dem Strafrechtsausschuß des Kongresses be­richtete ein Zeuge über Folterungen während der Vernehmungen. Er zeigte vernarbte Wunden an sei­nen Füßen, die von Eindrücken glühender Eisenstäbe und Peitschen der Fußsohlen herrührten.

Ein Sprecher des -Untersuchungsausschusses frei­heitlicher Juristen sagte, daß bei der wachsenden In­filtration des Staatssicherheitsdienstes ein organisier­ter Widerstand der Bevölkerung in der Sowjetzone, nicht mehr möglich sei.

man recht gut verzinsbare Staatsanleihen zeichnen. Doch gingen, bisher die meisten der auf zwanzig Jahre laufenden Obligationen durch Währungsre­formen verloren.

Das wichtigste aber ist, daß der sowjetische Staat auch das Leben eines solchen Millionärs genau be­obachtet. Denn das Betragen und die Tätigkeit seiner Bürger überwacht er nicht nur, sondern bestimmt sie auch von der Wiege bis zur Bahre. Man kann deshalb, was den Standard 4er sowjetischen Mil­lionäre betrifft, höchstens sagen, daß sie ein vom Sowjetsysfem nur geduldetes Scheindasein eineä Millionärs führen können, d. h. ihr Geld für per­sönliche Zwecke verbrauchen, solange sie damit kein öffentliches Aergernis erregen.

Die meisten sowjetischen Millionäre haben die Eigenart von Neureichen, denn alle sind sie als Habe­nichtse reich geworden. Peter Brand

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Copyright by Verlagshaus Reutlingen , Oertel 4 Spörer

7, (Nachdruck verboten)

„Ein gewisses Fräulein Pontervüle, sie wurde vor einem guten halben Jahr plötzlich krank, und Sie, Herr Doktor, hatten sie ja in Behandlung.“

„Ja, das stimmt“, ließ Dr. Herwitt sich jetzt ver­nehmen, seinen Schnauzbart zwirbelnd.. „Fräulein Ponterville, das ja auch im Hause wohnte und wohl mehr als vier Jahre Sekretärin Burlington* gewesen ist, erkrankte und starb einen Tag nach ihrer Ueber- führung ins Krankenhaus.“

„Woran starb sie?“

Der Arzt richtete sich steil auf und machte ein ver­drießliches Gesicht

„Obgleich ich noch zwei Kollegen zu dem Krank­heitsfall hinzuzog, war es uns doch nicht möglich, das Leben des alten Fräuleins zu erhalten. 'Es starb an einer allgemeinen Gliederlähmung, zu der zuletzt Genickstarre hinzutrat. Es war der merkwürdigste, undurchdringlichste Krankheitsfall, der mir je vor­gekommen ist und die genaue Art und Ursache konn­te nie festgestellt werden. Als ich in dieses Haus ge­rufen wurde, kam alle Hilfe schon zu spät Ein Teil der Muskeln der Patientin versagte schon den Dienst, so konnte Fräulein Ponterville schon nicht mehr spre­chen, und da ich die Schwere der Erkrankung sofort erkannte, ordnete ich die sofortige Uefoerführung ins Krankenhaus an. Ich zog,- wie gesagt, zwei Kollegen hinzu, und unseren vereinten Kräften gelang es, das Leben noch vierundzwanzig Stunden zu erhalten.“ „Ungefähr drei Wochen nach dem Tode. Fräulein Pontervilles kam Fräulein Wigmore in unser Haus“, erklärte Frau Saddler.

„Kamen viele fremde Leute ins Haus?“

„Selten Fremde. Meist waren es langjährige Ge­schäftsfreunde Herrn Burlingtons, Gelehrte und Her­ren von Museen, auch solche aus dem Auslande, die •ich für die Bilder des Verstorbenen interessierten“, antwortete die Wirtschafterin.

Das Mädchen Mary döste vor sich hin und war froh, daß man sie nicht fragte. Cooks hatte seine Not mit dem defekten Gebiß. Die reichgeschnitzte hohe Orgel bildete für den Inspektor einen schönen, feier­

lichen Hintergrund. Ponder ließ seinen Füllhalter über das Papier flitzen. Bessall taten die Beine weh, und er angelte sich den einzigen unbesetzten Stuhl au« der Ecke heran, auf den er sich schwer nieder­fallen ließ, dicht vor Roseoes Kanzel.

„Nun. strengen Sie mal alle Ihr Gedächtnis scharf can, Herrschaften“, animierte der Inspektor; seinen. Blick auf Mary ruhen lassend, worauf das Mäd­chen -holdselig errötete und verwirrt wurde. Zu ih­rer Erleichterung ließ Roscoe seine Augen nach drei Sekunden weiterschweifen, um bei Fräulein Wigmore Halt zu machen. „Hat Herr Burlington in den Ta­gen, oder sagen wir ruhig, Wochen vor seinem Tode einen Besucher ehipfangen, der Ihnen unbekannt war, oder der Ihnen vielleicht sonstwie «ufgefallen ist?“ . ,

Eine beängstigende. Stille trat ein. Ethel Wigmore wurde sichtlich unruhig, und Roscoe bemerkte es. Deshalb sagt« er:

„Nun, mein liebe« Fräulein Wigmore, mir scheint, Sie wollen mir etwas auf meine Frage antworten, wie?“

„Ja. Ich weiß mir nicht, ob es von Bedeutung ist —“ „Sie müssen «ich, meine Herrschaften, ein für al­lemal eins merken: für mich ist alles von Wichtig­keit, auch das, was Sie vielleicht für höchst unwichtig halten. Also legen Sie mal los, Fräulein Wigmore!“ „Es mögen wohl an die sechs oder sieben Wochen her sein, als ich an einem regnerischen Tage mit Ein­bruch der Dunkelheit von einem Zimmer des oberen Stockwerkes aus einen Menschen in dem hinteren Teil des Parkes beobachtete. Der Mann trug einen breitrandigen schwarzen Schlapphut und pirschte sich wie ein Jäger an sein Wild an das Haus heran. Offenbar wollte er nicht gesehen werden. Sprunghaft näherte er sich. Ich stand hinter der Fenstergardine mit klopfendem Herzen. Plötzlich war der Mann hin­ter einem Gebüsch verschwunden. Aus irgendeinem Grunde öffnete kh da« Fenster und sah hinunter. Ich will es nun nicht beschwören, aber ich glaube nicht, daß ich mich geirrt habe —'“

„Was glauben Sie also beobachtet zu haben, Fräu­lein Wigmore?“

„Daß der Mensch durch ein Fenster eingestiegen ist.“ •

„Durch welches Fenster?“

„Durch ein« der drei Ffenater des Arbeitszimmers, und zwar durch dasjenige, das an die Gemäldegalerie grenzt.“

Roscoe schmunzelte und sagte, seinen fröhlichen Blick von Jimmy zum Bezirksamtmann wandern las­send: „Was habe ich gesagt? Haben wir nicht eine

prächtige, prickelnde Unterhaltung zustande gebracht, Herrschaften? Man weiter so! Solche Geschichten, wie Fräulein Wigmore sie eben erzählt hat, höre ich für mein Leben gern. Also weiter das Gedächtnis an­gestrengt!“

Das strohblonde Mädchen Mary wähnte sich ver­mutlich in der Schule, denn es hob plötzlich die Hand mit dem ausgestreckten Zeigefinger.

„Nim, Fräulein Mary? Aufgewacht?“

„Ich habe auch-mal was gesehen, Herr Inspektor!“ „Was denn?“

„Ich möchte nur bemerken,“ fiel Ethel Wigmore mit feinem Lächeln ein, „daß ich eigentlich noch nicht zu Ende bin, Herr Inspektor.“

„Cb, das wußte ich natürlich nicht! Verzeihen Sie mir, Fräulein Wigmore! Bitte, berichten Sie alles. Und Sie. Fräulein Mary, vergessen Sie inzwischen Ihre Geschichte nicht!“

„Ich eilte sofort nach unten, um Herrn Burlington von meiner Wahrnehmung in Kenntnis zu setzen. Zu meiner Verwunderung mußte ich jedoch sehen, daß die Tür von innen verschlossen war. Ganz genau aber wußte ich, daß Herr Burlington sich im Arbeits­zimmer aufhielt, es sei denn, daß er in den letzten fünf Minuten in die Galerie gegangen sein mußte. Ich wiederholte mein Klopfen. Herr Burlington öff­nete mir, murmelte etwas vor sich hin, was wonl eine Erklärung für die abgeschlossene Tür darstellen sollte, und, als ich ihm mit großer Angst meine Wahr­nehmung mitteilte, tat er etwas was er sonst nie zu tun pflegte, nämlich er schrie mich sin und fragte mich wütend, ob ich an Halluzinationen leide oder an sonstigen krankhaften Vorstellungen. Er habe sich die ganze Zeit über im Arbeitszimmer aufgehalten, und wenn jemand durchs Fenster eingestiegen wäre, hätte er es doch unbedingt merken müssen. Außer­dem seien sämtliche Fenster, auch diejenigen der Ga­lerieräume, geschlossen. Er forderte mich dann auf, einzutreten und mich davon zu überzeugen. Die Fen­ster waren tatsächlich alle geschlossen.“

„Und kein Mensch war zu sehen?“ fragte Bessall. „Niemand.“

„Welche Gedanken machten Sie sich hinterher von der Geschichte, Fräulein Wigmore?“

„Heute erscheint mir die Art und Weise, wie Herr Burlington es in Abrede stellte, daß jemand zu ihm ins Zimmer gestiegen sei, viel verdächtiger. Ich glaube heute — was übrigens auch damals schon der Fall gewesen ist —, daß Herr Burlington mir nicht die Wahrheit gesagt hat Den Grund für sein merk­würdiges Verhalten kenne ich nicht“

„In dqr angrenzenden Galerie sind ja eine Menge Stellen vorhanden, wo man einen Menschen verstek- ken kann.“

„Ja, es wäre ganz leicht, einen Menschen zu ver­bergen, sofern derjenige, der ihn sucht, sich nicht gründlich betätigt, und das habe ich natürlich nicht getan, nicht gewagt.“

„Wollen Sie noch etwas sagen, Fräulein Wigmore?“

„Nein, ich habe alles gesagt, was ich sagen wollte.“

„Dann nun zu Ihnen, Fräulein Mary. Plaudern Sie auch mal so frisch und lebendig drauf los wie Fräulein Wigmore. Bin gespannt, ob Sie es können.“

Roscoe war ein feiner Psychologe und verstand es, seine Klienten ganz individuell zu behandeln, was sich schon häufig als überäus wertvoll erwiesen hat­te. Mary fühlte sich geschmeichelt, und angestachelt durch die ermunternden Worte des Inspektors, legte sie los, wobei sich herausstellte, daß sie gar nicht so dumm yar, wie es den Anschein hatte, und daß sie über ein sanftes, weiches, wohltönendes Organ ver­fügte.

„Vor ungefähr vierzehn Tagen kam ich abends, es war schon dunkel, aus der Stadt zurück, wo ich Besorgungen gemacht hatte. Als ich durch die kleine Seitentür, zu der ich einen Schlüssel mitgenommen hatte, ins Haus treten wollte, trat plötzlich ein Mann aus der Dunkelheit und stellte sich dicht vor mich hin. Ich war so erschrocken, daß ich leise aufschrie. Der Herr zog höflich den Hut und sagte, ich brauche nicht zu erschrecken, er wolle zu Herrn Burlington, er habe mich aber just gesehen und bitte, ihn jiinem- zulassen und zu Herrn Burlington zu führen. Ich sagte, ich wolle ihm die Haupttür öffnen, aber er meinte, es mache ihm nichts aus, gleich mit mir durch die Nebentür zu gehen, und schon war er drin, ehe ich es ihm wehren konnte. Ich hatte ordentlich ein bißchen Angst vor ihm, obgleich er, wie ich nachher im Lichte sah, einen ganz ordentlichen Eindruck machte. Glücklicherweise kam gerade Herr Burling­ton aus dem Arbeitszimmer, als wir den Vorraum er­reicht hatten, und ich sagte ihm, daß der Herr ihn zu sprechen wünschte. Ich hatte den Eindruck, daß unser Herr den Besucher nicht sofort erkannte, aber dann, als es ihn genauer anschaute und der fremde Herr seinen Namen nannte, den ich aber nicht verstanden habe, stutzte Herr Burlington plötzlich, uiid ich glaube, er ist sogar mächtig erschrocken gewesen und blaß geworden. Er bat den Besucher, ihm zu folgen, und mir rief er nach: ,Mary, sagen Sie Frau Saddler, Fräulein Wigmore und Charles, daß ich unter keinen Umständen während der nächsten Stunde gestört werden will!“ Ich habe den Befehl dann auch allen ausgerichtet“ (Fortsetzung folgt)