I

22 Mbruar 1946

IVDKUtlBl

Seite 5

Unsere Korrespondenten berichten

Neues Leben in Paris

Von unserem F. C. - Korrespondenten

Paris , im Februar

Wenn die Kaffeehäuser, die Kinos und die Theater in Paris gestopft voll sind, so liegt das nicht an der zügellosen Vergnü­gungssucht der Pariser , sondern daran, daß ein großer Teil von ihnen kein wirkliches Heim hat. Die Wohnungsnot in Paris ist geradezu erschreckend. Die Stadt ist zwar durch Luftbombardements fast gar nicht be­schädigt worden, aber der seit vielen Jah­ren ununterbrochene Zuzug aus der Pro­vinz und die sehr beschränkte Neubautätig­keit haben ein Mißverhältnis zwischen Ein­wohnerzahl und verfügbarem Wohnraum aufkommen lassen, das jetzt geradezu zu einer Katastrophe wird. Ein erheblicher Teil der Bevölkerung wohnt in Hotels und ein anderer in möblierten Zimmern. Das mö­blierte Zimmer war früher in Paris als Woh- gelegenheit nur ganz wenig bekannt denn es widerstrebt dem auf die Ungestörtheit seines Privatlebens sehr bedachten Franzo­sen, einen fremden Menschen in sein Heim aufzunehmen. Seit einigen Jahren ist, wie in so vielen Dingen, so auch darin, ein Wan­del eingetreten, aber die Zahl der zur Ver­fügung stehenden Zimmer genügt bei wei­tem nicht der Nachfrage. Die 40 000 Studen­ten der Pariser Hochschulen haben mit un­endlichen Schwierigkeiten zu kämpfen, um sich eine Unterkunft zu besorgen. Sie woh­nen oft zu mehreren, bis zu fünf oder sechs, tn einem Zimmer zusammen und müssen sich sehr häufig mit Notunterkünften zufrie­den geben, in denen sie gerade eine Schlaf­gelegenheit finden, ohne an ein ruhiges Ar­beiten in dem sogenannten „zu Hause“ denken zu können. Darum sieht man in den Untergrundbahnhöfen, in denen es schön warm ist, reihenweise die jungen Menschen in ihre Bücher vertieft auf den Bänken sitzen

Die „Deportes politiques “, das heißt, die­jenigen Leute, die wegen ihrer patriotischen Tätigkeit von der Gestapo festgenommen und in deutsche Konzentrationslager ver­schleppt wurden, genießen ganz allgemein in jeder Beziehung besondere Vorrechte. Diese dem Tode in den Gaskammern oder den Hinrichtungskommandos entronnenen, meist in beklagenswertem Gesundheitszu­stand zurückgekehrten Männer und Frauen werden mit ganz besonderer Rücksicht be­handelt. Von den rund 320 000 Deportierten, sind nur etwa 50 000 zurückgekommen, und viele von ihnen sind nach der Heimkehr an den Folgen des Hungers und der aus­gestandenen Leiden trotz aller Pflege ge­storben. Ueber das Schicksal der anderen macht man sich keine Illusionen mehr. Ver­treter dieser Rückkehrer sind in die Natio­nalversammlung berufen und mehrere auch zu Ministern ernannt worden.

Und weil wir gerade von Ministern spre­chen: Die durch den plötzlichen Rücktritt des General de Gaulle von der politischen Bühne hervorgerufene Regierungskrise hat sich im äußeren Leben der Stadt so gut wie gar nicht bemerkbar gemacht. Es entstanden kleine Ansammlungen um die Zeitungs­händler herum die die Blätter mit den er­sten Nachrichten vom Rücktritt des Gene­rals verkauften. Im allgemeinen war fest­zustellen, daß die Pariser den Rücktritt des Generals sehr bedauerten Der Name dieses Mannes ist unlöslich mit dem zähen Durch­halten während der Besetzungsjahre und mit der Befreiung des Landes verbunden. Aber die sehr realistischen Pariser nehmen die Tatsache seines Rücktritts als politisches Faktum hin. Jede Regierung kann nur das Programm haben, das die Regierung des Generals de Gaulle aufgestellt hatte und dessen wesentliche Punkte lauten: Arbeit und Wiederaufbau, sozialer Friede und ver­nünftige Außenpolitik. Es mag im einzelnen zu Meinungsverschiedenheiten über die

Verstaatlichung mancher Industriezweige oder über gewisse Artikel der neuen Ver­fassung zwischen den Parteien kommen, aber diese Meinungsverschiedenheiten sind bedeutungslos gegenüber dem allgemeinen großen Ziel, das Land aus dem Mangel und der Unsicherheit heraus zu einer neuen Blüte zu führen. Die Arbeit der bisherigen Regierung hat den Weg dazu gezeigt, und sehr beträchtliche Erfolge, besonders auf dem Gebiet des wirtschaftlichen Wiederauf­baues sind bereits vorhanden. In den ersten Wochen nach der Befreiung war das Ver­kehrsnetz vollkommen außer Dienst gesetzt, die industrielle Erzeugung war auf Null gesunken und die Lager waren vollständig erschöpft. Heute ist das Transportwesen von Grund auf neu organisiert und die Zahl der beladenen Waggons steigt von Woche zu Woche Die industrielle Erzeugung ist stän­dig im Wachsen, die Kohlenförderung hat die Vorkriegszahlen überschritten und die Rohstofflager beginnen sich infolge der stei­genden Einfuhren wieder aufzufüllen. Es besteht in Frankreich keine Arbeitslosigkeit, sondern im Gegenteil ein erheblicher Man­gel an Arbeitskräften, weil nicht nur die Bedürfnisse der normalen Wirtschaft erfüllt werden müssen, sondern auch der Wieder­aufbau zahlreiche Arbeitskräfte verlangt. Der Einsatz von 700 000 Männern der Wehr­ macht hat nur eine teilweise Erleichterung zur Folge gehabt und es besteht die Ab­sicht, durch die Zuführung von Einwande­rern den Arbeitsmarkt zu entlasten.

Untätige Menschen gibt es in Paris nicht. Man sieht nicht mehr wie in der guten al­ten Zeit lange Reihen von beschaulichen Spaziergängern den Anglern an den Seine- Ufern Zusehen und von Spazierengehen auf den Boulevards ist schon lange keine Rede

mehr. Das Tempo des Pariser Lebens ist amerikanischer geworden, die Gangart der Menschen schneller und das Leben unruhi­ger. Die Zahl der arbeitenden Frauen war unter den Pariserinnen immer sehr groß und ist in den letzten Jahren noch weiter ge­wachsen. In der Abwesenheit der etwa zwei ! Millionen Gefangenen und Zwangsarbeiter • haben die Frauen deren Arbeit übernehmen | müssen. Das ist nun eine Gewohnheit ge- , worden. Die Zunahme der Frauenarbeit j wird begünstigt durch den Umstand, daß i das Leben in Paris erschreckend teuer ge- ! worden ist und in vielen Fällen der Mann i durch den Ertrag seiner Arbeit allein nicht j mehr in der Lage ist, seine Familie anstän- i dig zu ernähren. So wird die Zahl der nicht­arbeitenden Pariserinnen immer geringer. Der Krieg hat die alten soliden Vermögen erschüttert und es gibt heute nur noch recht wenig Franzosen, die wie, einst von ihren Renten leben Aus dem Rentnervolk ist durch den Zwang der Verhältnisse ein Volk der Arbeit geworden und diese Tatsache drückt dem Leben von Paris ihren Stempel auf.

Nicht nur auf wirtschaftlichem Gebiet ist eine immer steigende Bewegung festzu­stellen. Auch auf wissenschaftlichem und künstlerischem Gebiet ist nie so viel gear­beitet und nie so viel produziert worden, wie jetzt. Die Zahl der Gemäldeausstellun­gen hat sich vervielfacht. Die neuerschei­nenden Bücher sind trotz des Papiermangels Legion, die Pariser Bühnen bringen immer wieder neue Stücke heraus und das Inter­esse für alle geistigen Dinge ist so lebhaft wie nie zuvor. Neue philosophische und literarische Richtungen, neue Kunstanschau­ungen und ein neuer Stil machen sich be­merkbar. Die Auswahl der literarischen Zeitschriften zum Beispiel ist heute vielfach höher als vor dem Krieg und die Literatur nimmt in der Tagespresse einen weit grö­ßeren Raum ein, als dies früher üblich war.

Großstadtfrauen als Schwerarbeiter

Von unserem Berliner A. G. - Korrespondenten

Berlin , Mitte Februar

Erdgrau und staubbedeckt wie die Rui­nen Berlins , die ihre Arbeitsstätte sind, sehen die Frauen aus, die Tag für Tag acht Stunden lang in Akkordarbeit Loren mit Schutt füllen, auf primitiven Schienenwe­gen vorwärtsschieiben und am Abladeplatz wieder auskippen. 30 000 Frauen arbeiten heute in Berlin als Bauhilfsarbeiterinnen. Viele sind darunter, die noch vor einem Jahr eine solche Vorstellung als phantastisch belächelt hätten, viele, deren Keidung auch bei der jetzigen schweren Arbeit schon rein äußerlich verrät, daß sie aus anderen Be­rufen, aus anderen Schichten kommen. Aber der Weg der Frau zur Handarbeit, wenn nicht zu Schwerarbeit, scheint für die Groß­stadt unvermeidlich. Mancher freilich mag sich wundern, daß ein paar Straßenzüge entfernt von solch einem Bild der Frauen­arbeit Männer in Massen anscheinend be­schäftigungslos herumsteilen, die Hände in den Taschen, im eifrigen Gespräch — Käu­fer, Aufkäufer und Vermittler des Schwar­zen Marktes. Eine seltsame neuartige Ar­beitseinteilung zwischen den Geschlechtern scheint Plate gegriffen zu haben.

Einstweilen liegt zahlenmäßig gerade in den Großstädten das Uebergewicht bei den Frauen. In Berlin zählt man 170 Frauen auf 100 Männer. Bei den Arbeitsämtern ergab sich vorläufig eine Abneigung vieler Frau­en, in die handwerklichen Berufe überzu­gehen. Man sucht nach Ueberbrückungen. Da sind etwa Nähstuben in vielen Berliner Bezirken eingerichtet worden. Die Jugend­lichen, die man dort beschäftigt, kommen aus den verschiedensten Berufen: Buchhal­terinnen und Stenotypistinnen, Flakhelfer­

inoen, aber auch Laborantinnen oder Büh­nenbildnerinnen.

Es gibt Kurse für den weiblichen Tisch- lerberuf, für die Frau als Zimmermann, für die Frau im Baugewerbe. Das Hemmnis ist einmal die Scheu vor dem, was man bisher Männerberuf nannte, zum anderen die Dauer der Ausbildung. „Wir müssen verdienen, wir können uns keine lange Lehrzeit lei­sten", sagen die Zwanzigjährigen, die schon einen Beruf hatten. Für die Aelteren ist das Problem noch schwerer lösbar. Gleiche Be­zahlung für Männer und Frauen während des Umlernens ist einer der Auswege, den man jetzt bei verschiedenen Berufen gefun­den hat. Eine Konferenz der Frauenaus­schüsse aus der gesamten sowjetischen Be- setzunqszone, die in Berlin tagte, forderte gleichen Lohn, gleiche Arbeitsbedingungen und einen arbeitsfreien Tag je Monat.

Berliner Bahnhöfe heute

Sie sind wieder in Betrieb, die Bahnhöfe von Berlin , zum großen Teil wenigstens. Der Reisende aus dem Westen braucht nicht mehr wie in den ersten Monaten in Biede­ritz, der aus dem Süden in Luckenwaide auszusteigen und zu sehen, wie er sich nach Berlin durchschlägt Jetzt fahren die Züge wieder bis in das Herz der Ruinenstadt Berlin . Aber wie sehen die Bahnhöfe aus? Grotesk zum Himmel ragende eiserne Rundbögen, nackte, geborstene Mauern, eisiger Wind über den schmutzstarrenden Bahnsteigen, die Gleise hier und da auf neuen Schwellen, die Fahrkartenhäuschen behelfsmäßig zusammengenagelte Bretter­buden. — Und auf den kalten, zugigen Bahnsteigen sieht man zusammengesunkene Gestalten sitzen, ein schlafendes Kind auf dem Arm, ein Häufchen zusammengebündel­

ter Kleidungsstücke daneben: Flüchtlinge aus dem Osten, ein trostloses Bild inmitten bereister Pfützen.

Berlins Fernbahnhöfe liegen in den ver­schiedensten Stadtteilen. Um das Problem eines Zentralbahnhofs kämpfte man, seit Berlin Großstadt wurde — heute sind alle diese Projekte zu teuer geworden. Man wird also die alten Bahnhöfe wieder auf­bauen. Besondere Aufmerksamkeit wird den Arbeiten am Schlesischen Bahnhof zu- gewendet, weil sich dort der Verkehr nach dem Osten abwickelt und die sowjetische Militärverwaltung Wert auf den Wieder­aufbau des völlig ausgebrannten Gebäudes legt. Die Warteräume wurden hier genau wie beim Anhalter Bahnhof in den nahe­gelegenen Bunker gelegt. Am wenigsten zerstört von allen Berliner Fembahnhöfen ist der Bahnhof Zoologischer Garten . Seine Warteräume, Fahrkartenausgaben, Gepäck­stände sind schon lange wieder benutzbar und da sie überdacht sind, sogar ziemlich sauber. Auch der Bahnhof Friedrichstraße ,

der im Zentrum der Stadt liegt, ist seit kur­zem wieder in Betrieb, wenn es hier auch noch recht primitiv und notdürftig zugeht Dagegen ist ein anderer großer Bahnhof der Innenstadt, der Potsdamer Bahnhof, ganz aus dem Verkehr ausgeschieden. Seine Auf­gaben sind zum Teil vom Anhalter Bahnhof übernommen, der selbst 6tank beschäftigt ist Der große amerikanische Schnellzug aber, der nach Frankfurt am Main geht und in die übrigen westlichen Zonen, fährt nicht mehr wie in früheren Zeiten die Frank­ furter und Kölner Züge aus der Innenstadt ab, sondern vom Vorortbahnhof Wannsee , der in der amerikanischen Zone liegt — eine besondere Entwicklung der letzten Monate: Große Fernzüge von kleineren Vor­ortbahnhöfen abfahren zu lassen und da­durch mancherlei Schwierigkeiten aus dem Wege zu gehen. Auch der Bahnhof Char­lottenburg hat einige Aufgaben des Pots­damer Bahnhofs übernommen. — Von der einstigen Atmosphäre großer Fernbahnhöfe ist in Berlin nichts übrig geblieben.

(

Meersburg - ehedem und heute

Meers bürg. Mitte Februar

Lieber Dagobert! Als Dein großer, vor über 1300 Jahren verblichener Namensvetter die Burg überm Schwäbischen Meer zu bauen begann, gab es schon den Föhn, der dem Seehasen noch heutzutage mitten im Winter die warme Luft von den Schnee­bergen herüberzaubert, ihn frühlingsdurstig, aber auch müde macht — wie er mich heute schier den Federhalter nicht tragen und, die Gedanken für diesen Brief nur träge fließen läßt. Es wiederholt sich eben vieles im Le­ben. Damals schon brauste der Weststurm von der Mainau her über den aufgeregten See, riß den Leuten die Dächer nieder und bereitete den Ficherbooten einen Teufels­tanz — genau so wie er dieser Tage die Dachpfannen beim Nachbarn abdeckte und dem Konstanz er Kursdampfer nicht erlaubte, Meersburg anzuläufen, weil es sonst Stücke gegeben hätte. ■ Wer von den enttäuschten Fahrgästen am Greth-Haus Mut zeigte, ging die paar Schritte weiter zum Fährboot nach Staad ; die meisten aber machten sich auf den Heimweg, um am nächsten Tag auf bes­sere Laune bei Pefrus zu vertrauen.

Ja, es kommt alles wieder. Vorgestern sah ich unsere treue, alte „Zähringen " mäch­tig qualmend aus Konstanz den Kurs über Meersburg nach Unteruhldingen -Uberlingen und zurück einschlagen.. Als ich mich freu­destrahlend erkundigte, war es nur eine Probefahrt. Aber warum sollte nicht in näch­ster Zeit der Ueberlinger See wieder be­fahren werden? Es schwimmen bestimmt keine Minen darin, vergangenen Herbst schon kurvte die „Höri“ vom Untersee als Birnauer Prozessionsschiff darauf herum, und im neuen Bodenseefahrplan stehen schon die Fahrzeiten Konstanz-MeeTsburg-Ueber- lingen schwarz auf weiß eingezeichnet.

Na also! Warten haben wir ja in den letzten Jahren zur Genüge gelernt. Desto mehr freuen wir uns nun auf den Tag, da wir anstatt auf Schusters Rappen oder mit dem siebenmal über- und unterlegten Stahl­roß wie früher mit dem Dampfer unsere ge­schätzten Ueberlinger Behörden erreichen können ....

Zu Meersburg gehörte einst auch unbe­dingt ein Besuch der berühmten Weinstuben. Daß so eine herz- und gaumenerfrischende „Suserfahrt" heute noch nicht möglich ist, das haben wir in Meersburg mit den meisten Weinorten gemeinsam. Desto mehr durften wir uns darüber freuen, daß der „Bären " seine schöne alte Eichenholztür wieder auf­gemacht hat — wenn auch vorerst noch der Antialkoholiker dort mehr zu seinem Rechte kommt als ein Liebhaber von „Ruländer" und „Weißherbst". Waren das noch Zeiten, mein lieber Dagobert, als im „Bären “ die Zunft der Meersburger Bürger tagte! Ob allerdings jene Jahrhunderte in allem schöner waren als heute, kann man schwerlich sagen, denn die „Ehrsame Gesell­schaft der Hunderteins Bürger", die dort in

Permanenz tagte, mußte wohlweislich gleich neben Geldsack und Weinkrug das scharfe Schwert parat liegen haben wegen der un­ruhigen Zeitläufte, die auch vor Seeufer, Mauern und Gräben des mittelalterlichen Mörspurg keineswegs Halt machten. Immer­hin hat um die Jahreswende 1945/46 die Gesellschaft der 101 Bürger wieder tagen können. In alter Weise, genau so wie es ihr Gründer Kaspar Müller zur Pestzeit des Dreißigjährigen Krieges vorgeschrieben hat, .versammelten sich die „Gesellen" am Tag des Evangelisten (27. Dezember) im Rat­haussaal zur Abrechnung, zum Totengeden­ken und' auch zur Neuaufnahme, damit die Zahl 101 wieder voll würde. Der Neujahrs­abend 1946 galt wie seit alters her der Weinprobe, wobei die neuen „Stuben- knechte" anreichen mußten. Dabei durfte das Wappentier, der holzgeschnitzte Bär, nicht fehlen, wenngleich der steinerne Bru­der auf dem lOler-Brunnen vorübergehend wegen Verkehrsunfall seinen Platz aufge­ben mußte.

Beim Schwelgen in der Vergangenheit hät­ten die wackeren Zecher wiederum so man­che Wiederholung feststellen können: 1525, als am See der Bauernkrieg tobte, ließ der bischöfliche Vogt Reichlin den „Seehau­fen" einfach in Stadt und Burg ein, gab ihm sechs Fuder Wein aus und 300 Gulden sowie ein Geschütz mit 1600 Tonnen Pulver dazu — und der Kampf war vermieden. Ein an­dermal 1632 konnte Bischof Johann VII. durch Zahlung von 1251 Gulden den Kampf mit den Schweden verhüten. Nur einmal, ea war am 18. Februar 1647 — also vor genau 299 Jahren — drohten die Schweden mit Einäscherung der Burg. Tatsächlich haben sie mit Brandgranaten derartig hineingefeuert, daß der Dachstuhl niederbrannte. Das ist aber auch der einzige Schaden geblieben bis auf den heutigen Tag. Wer erinnert sich da nicht unwillkürlich der alten Schulweis­heit vom benachbarten Oesterreich: „Andere mögen Kriege führen . . ." und möchte dann für unser altes Bodenseenest nicht ergänzen: „... du glückliches Meersburg verhandle!" Ja, so kam es denn auch 1945 im April, als die Front rasend schnell näherrückte. Der Volkssturm war aufgerufen, die letzten re­gulären deutschen Truppen hatten die Stadt verlassen, schwache SS-Einheiten und we­nige fanatische Partei-Anhänger versuchten einen wahnwitzigen Widerstand. Aber das besonnene Meersburg setzte sich wiederum .durch: Einige beherzte Bürger lösten kur­zerhand den Volkssturm auf, die Panzer­sperren wurden wieder geöffnet, die Män­ner gingen heim zu Weib und Kind, und ihre Waffen wurden restlos im See ver­senkt. So rückten die Sieger nach kampf­loser Uebergabe in die unbeschädigt geblie­bene Stadt.

Ueber deren weitere Entwicklung und Pläne sowie einiges andere schreibt Dir im nächsten Meersburger Brief

Dein Karl vom Edenstein.

Drei Männer im Schnee

Ein heiterer Roman von Erich Kistner

5. Foitsetzunq

Copyright by Eraot Rowohlt -Verlag , Stuttgart

„Willst du nicht erst das Panorama be­wundern, liebe Tante?" fragte Hilde. Sie stand neben Hagedorn an der Brüstung und blickte in die Runde.

„Laßt mich mit euren Bergen zufrieden!" knurrte die Tante, faltete die Hände überm Kostümjackett und sagte: „Ich liege gut "

„Ich glaube wir stören", flüsterte Hage­dorn.

Schulze hatte scharfe Ohren. „Macht, daß Ihr fortkommt! ‘ befahl er. „Aber in einer Stunde seid ihr zurück, sonst raucht's! Kehrt, marsch!" Dann fiel ihm noch etwas ein. „Fritz! Vergiß nicht, daß ich Mutter­stelle an dir vertrete!"

„Mein Gedächtnis hat seit gestern sehr gelitten", erklärte der junge Mann. Dann folgte er Hilde. Doch er wurde noch einmal •ufge.halten. Aus einem Liegestuhl streckte sich ihm eine Frauenhand entgegen. Es war die Mallebrö, „Servus, Herr Doktor!" sagte sie und ließ hierbei ihre schöne Altstimme vibrieren. Sie sah resigniert in seine Augen. „Darf ich Sie mit meinem Mann bekannt­machen? Er kam heute morgen an.”

„Welch freudige Ueberraschung!" meinte Hagedorn und begrüßte einen eleganten Herrn mit schwarzem Schnurrbart und mü­dem Blick.

„Ich habe schon von Ihnen gehört", sagte Herr von Mallebre. „Sie sind der Gesprächs­stoff dieser Saison. Meine Verehrung!"

Hagedorn verabschiedete sich rasch und folgte Hilde, die am Fuß der Holztreppe im Schnee stand und wartete. „Schon wieder sine Anbeterin?" fragte sie.

Er zuckte die Achseln. „Sie wollte von mir gerettet werden", berichtete er. „Sie leidet an chronischer Anpassungsfähigkeit. Da ihre letzten Liebhaber mehr oder weni­ger oberflächlich« NataTen waren, entschloß

sie sich, die Verwahrlosung ihres reichen Innenlebens befürchtend, zu einer Radikal­kur. Sie wollte sich an einem wertvollen Menschen emporranken. Der wertvolle Mensch sollte ich sein. Aber nun ist ja der Gatte eingetroffen!"

Sie kreuzten den Weg, der zur Station hinunterführte. Der nächste Wagen war eben angekommen. Allen Fahrgästen voran kletterte Frau Casparius ins Freie. Dann steckte sie burschikos die Hände in die Ho­sentaschen und stiefelte eifrig zum Hotel empor.

Die blonde Bremerin erblickte Hagedorn und Hilde, kriegte böse Augen und rief: „Hallo, Doktor! Was machen Ihre kleinen Katzen? Grüßen Sie sie von mir!" Sie ver­schwand mit Riesenschritten im Hotel.

Hildegard ging schweigend neben Fritz her. Erst als sie, nach einer Wegbiegung, allein waren, fragte sie: „Wollte diese im­pertinente Person ebenfalls gerettet wer­den?"

Hagedorns Herz hüpfte. ,Sie ist schon eifersüchtig’, dachte er gerührt. Dann sagte er: „Nein. Sie hatte andere Pläne. Sie er­klärte, daß wir jung, blühend und gesund seien. So etwas verpflichte. Platonische Vor­reden seien auf ein Mindestmaß zu be­schränken.”

„Und was wollte sie mit ihren Kateen?"

„Vor einigen Tagen klopfte es an meiner Tür. Ich rief Herein! weil ich dachte, es sei Eduard. Es war aber Frau Casparius. Sie legte sich auf den kostbaren Perserteppich und spielte mit den Kätzchen. Später kam dann Eduard und da ging sie wieder. Sie heißt Hortense."

„Das ist ja allerhand”, meinte Hildegard. „Ich glaube, Herr Doktor, auf sie müßte je­mand aufpassen. Sie machen sonst zu viel Dummheiten."

Er nickte verzweifelt. „So geht es auf keinen Fall weiter. Das heißt: Eduard paßt ja auf mich auf.”

„Eduard?” fragte sie höhnisch. „Eduard ist nicht streng genug. Außerdem ist das keine Aufgabe für einen Mann!"

„Wie recht Sie haben!" rief er. „Aber wer soll es sonst tun?"

„Versuchen Sie's doch einmal mit einem Inserat", schlug sie vor. „Kinderfrau ge­sucht!"

„Kinderfräulein ", verbesserte er gewis­senhaft „Kost und Logäes gratis. Liebevolle Behandlung zugesichert"

„Jawohl!" sagte sie zornig. Mindestens sechzig Jahre alt! Besitz eines Waffen­scheins Vorbedingung!" Sie verließ den Weg und stolperte, vor sich hinschimpfend, über ein blütenweißes Schneefeld.

Er hatte Mühe, einigermaßen Schritt zu halten.

Einmal drehte sie sich um. „Lachen Sie nicht!" rief sie außer sich. „Sie Wüstling!" Dann rannte sie gehetzt weiter.

„Wollen Sie gleich stehen bleiben!" be­fahl er.

ln diesem Augenblick brach sie im Schnee ein. Sie versank bis an die Hüften. Erst machte 6ie ein erschrockenes Gesicht. Dann begann sie wild zu strampeln. Aber sie glitt immer tiefer in den Schnee. Es sah aus, als gehe sie unter.

Hagedorn eilte zu Hilfe. „Fassen Sie meine Hand an!" sagte er besorgt. „Ich ziehe Sie heraus."

Sie schüttelte den Kopf. „Unterstehen Sie sich! Ich bin keine von denen, die sich ret­ten lassen." In ihren Auge« standen Trä­nen.

Nun war er nicht mehr zu halten. Br bückte sich, packte zu, zog sie aus der Schneewehe, umfing sie mit beiden Armen und küßte sie auf den Mund ,

Später sagte sie: „Du Schuft! Du Kanaille! Du Halunke! Du Mädchenhändler!" Und dann gab sie ihm den Kuß, ohne Abzüge, zurück. Hierbei hämmert« sie anfangs mit ihren kleinen Fäusten auf «einen Schultern herum.

Später öffneten sich die Fäuste. Dafür schlossen sich, ganz allmählich, ihre Augen. Noch immer hingen kleine Tränen in den langen dunklen Wimpern.

*

„Na, wie war's?” fragte Schulze, als sie wiederkamen.

„Das läßt sich schwer beschreiben", sagte Hagedorn.

„Ja, ja", meinte Herr Kesselhuth ver­ständnisvoll. , .Diese Gletscher und Durch­blicke und Schneefelder überall! Da fehlen einem die Worte."

„Vor allem die Schneefelder!" bestätigte der junge Mann. Hilde sah ihn streng an.

Tante Julchen erwachte gerade. Ihr Ge­sicht war rotgebrannt. Sie gähnte und rieb sich die Augen.

Hilde setzt« sich und sagte: „Komm, Fritzl Neben mir ist noch ein Plate frei."

Die Tante fuhr elektrisiert hoch. „Was ist denn passiert?”

„Nichts Außergewöhnliches", meinte das junge Mädchen.

„Aber du duzt ihn ja!" rief die alte Frau.

„Ich nehme das Ihrer Nichte nicht weiter übel”, bemerkte Hagedorn.

„Er duzt mich ja auch!” sagte Hilde.

„Es ist an dem," erklärte Fritz. „Hilde und ich haben beschlossen, während der nächsten fünfzig Jahre zueinander du zu sagen."

„Und dann?" fragte Tante Julchen.

„Dann lassen wir uns scheiden", behaup­tete die Nichte.

„Meine herzlichsten Glückwünsche!" rief Herr Kesselhuth erfreut.

Während die Tante noch immer nach Luft rang, fragte Schulz«: „Liebes Fräulein, ha­ben Sie zufällig irgendwelche Angehörigen?"

„Ich bin so frei", erklärte das junge Mäd­chen. „Ich bin zufällig im Besitz eines Va­ters.”

Hagedorn fand das sehr gelungen. „Ist er wenigstens nett?" fragte er.

„Es läßt sich mit ihm auskommen”, meinte Hilde. „Er hat glücklicherweise sehr viele

Fehler. Das hat seine väterliche Autorität restlos untergraben."

„Und wenn er mich nun absolut nicht lei­den kann?" fragte der junge Mann beküm­mert. „Vielleicht will er, daß du einen Bankdirektor heiratest. Oder einen Tierarzt aus der Nachbarschaft. Oder einen Studien­rat, der ihm jeden Morgeni in der Straßen­bahn gegenüber sitzt. Das ist alles schon vorgekommen. Na, und wenn er es hört, daß ich nicht einmal eine Anstellung habe!"

„Du wirst schon eine finden", tröstete Hilde. „Und wenn er dann noch etwas da­gegen hat, grüßen wir ihn auf der Straße nicht mehr. Das kann er nämlich nicht leiden."

„Oder wir machen ihn so rasch wie mög­lich zum zehnfachen Großvater", erwog Fritz. „Und dann stecken wir alle zehn Kinder i* seiaen Briefkasten. Das wirkt immer."

Tante Julchen riß den Mund auf und hielt sich die Ohren zu.

Schulze sagte: „So ist's recht! Ihr werdet ihn schon kleinkriegen, den ollen Kerl!"

Herr Kesselhuth hob abwehrend die Hand. „Sie sollten von Herrn Schulze nicht so abfällig sprechen, Herr Schulze!"

Tante Julchen wurde es zu viel. Sie stand auf und wollte nach Bruckbeuren zurück. „Aber mit der Drahtseilbahn fahre ich nicht!"

„Zu Fuß ist die Strecke noch viel gefähr­licher", sagte Hagedorn. „Außerdem dauert e6 vier Stunden."

„Dann bleibe ich hier oben und warte bis zum Frühling", erklärte die Tante katego­risch.

„Ich habe doch aber schon die Rückfahrt­karten gelöst!" meinte Herr Kesselhuth. „Soll denn ihr Billett verfallen?"

Tante Julchen rang mit sich. Es war er­greifend anzusehen. Endlich sagte sie: „Das i6t natürlich etwas anderes." Und dann schritt sie als erste zur Station.

Sparsamkeit macht Helden.

(Fortsetzung folgt)