Freitag, 8. Januar 1947

SÜDKURIER

Nr. 1 / Seite 8

Weitläufigkeit / vo nH .„

s v. Hülsen

Das Wort mag den Leser befremden, es steht in keinem unserer Wörterbücher: kaum ein Wunder zu nennen, denn die Sache, die es bezeichnet, ist im Deutschland des letzten Jahrhundert eine große Selten­heit geworden. Die Neuprägung gilt daher mehr einer Wünschbarkeit als etwas Vor­handenem.

Wir sind ein Binnenvolk, nicht nur im geographischen Sinne; unser Charakter, un­sere Denkweise, unsere Art, die Welt „an­zuschauen” sind von jeher binnenländisch gewesen. Unser Raum war immer eng, und noch enger machten ihn verhängnisvolle Anlagen von Geist und Seele, die es offen­bar lieben, bei geschlossenen Fenstern zu leben, und nur wenig Bedürfnis danach haben, die Luft der Welt zu uns einströ­men zu lassen. Der Deutsche ist der gebo­rene Eigenbrötler mit den spezifischen Eigenschaften des Traums, der Tiefe, der mystischen Dämmerung, die, wenn sie ein­mal geheimnisvoll-schöpferisch emporge­steigert werden, Kraft haben, unseren en­gen Raum zu sprengen und sich der ganz anders gearteten Welt verständlich zu ma­chen: der „Faust ”, die große Musik Beet­ hovens sind Beispiele. Aber, wie gesagt, der Fall ist selten, er kommt eigentlich nur in den genialen Regionen des Geistes und der Kunst vor, und das ist einer der Gründe, warum die Welt so wenig von uns weiß. Diese unsere eingeborene Neigung, bei geschlossenen Fenstern zu leben, hat übrigens die Machthaber des Dritten Rei­ ches sehr begünstigt in ihrem emsigen Zweckstreben, uns zwölf Jahre lang von der übrigen Welt so gut wie zu trennen; keins der westlichen Völker, deren Geist und Leben im großen Rhythmus der Welt schwingt, hätte das ertragen!

Uns der Welt verständlich zu machen,... es ist uns nur in sehr geringem Grade ge­geben: und doch kommt für ein Volk viel, ja, in Schicksalsaugenblicken, wie wir einen durchschreiten, alles darauf an, der Welt verständlich zu sein. Zugegeben, wir haben es schwerer als andere Völker, schon durch unsere Sprache, die mm einmal keine Weltsprache ist: Engländern, Ame­rikanern, Franzosen wird es leichter, jeder ihrer Gedanken hat Flügel, die ihm ganz von selbst, gleich dem befiederten Samen­korn in die Welt hinaustragen, — wäh­rend wir gewissermaßen Dialekt sprechen, einen herrlichen, urwüchsig-reichen, un­endlich ausdrucksfähigen Dialekt, den man nur leider jenseits der Grenzen wenig ver­steht Ein weiterer, nicht geringer Nachteil ist, daß wir spät in die Geschichte einge­treten sind, als das zivilisatorische Ge­spräch der lateinischen Völker schon seit vielen Jahrhunderten in vollem Gange war. Dies Spät-Kommen haftet uns heute noch an, obwohl wir auf manchen Gebie­ten mit saurem Schwein Riesenschritte ge­macht haben, um es auszugleichen. Und als wir auf gutem Wege waren, ließen wir uns durch unsere nationalen Aspirationen und Prätensionen, unter Vorantritt und bald unter dem Kommando Preußens , von ihm weglocken.

In gewissem Sinne waren wir immer — auch zur Zeit unseres größten äußeren Glanzes — der Paria Europas ; und weil wir das dumpf fühlten und weil uns das wurmte, entstand in psychopathischen Hir­nen der verhängnisvolle Komplex des „auserwählten”, des „Herren-Volkes” gar. Solange sie ihn nicht glaubte ernst neh­men zu müssen, hat die Welt über ihn ge- lächelt und in ihm Emporkömmlingsma­nieren gesehen, wozu ihr die blamablen Lebensäußerungen zahlloser Deutscher, die nie ins Ausland hätten reisen dürfen, leider den billigen Vorwand gaben. Als sie erkannte, daß er höchst gefährlich war. weil sich ein ganzes Volk götzendienerisch hinter ihn stellte, hat sie zugeschlagen.

Die Literatur ist der unbestechliche Spiegel eines Volkes, und insbesondre hat der Roman die soziologische Funktion, sei­nen Zustand zu spiegeln. Wie kommt es,

daß während England und vor allem Amerika auf dem Gebiet des modernen Romans und der Gesellschaftsschilderung staunenswerte Werke in Fülle hervor­bringt — man denke an „Vom Winde ver­weht” oder an Bromfields „Großen Re­gen” oder an die köstliche „Familie auf Jalma” der Mazo de la Roche ! —, wie kommt es, daß unser Schrifttum nichts Aehnliches aufzuweisen hat, nichts, was den Weg in die Welt gefunden und dort wie ein Spiegel unsres nationalen Lebens gewirkt hätte? Das kommt nicht nur da­her, daß wir seit länger als einer Gene­ration keine „Gesellschaft” haben; sondern weltgültig vermag nur zu werden, was weitläufig ist. Das Eigenbrötlerische sucht den Zugang zur Welt vergebens (wenn es ihn überhaupt sucht und nicht noch gar dummstolz ist auf seine versponnenen Unverständlichkeit!) Kein Zufall, eher ein Sinnbild, daß der erste deutsche Roman, der nach dem Zusammenbruche ans Licht trat, Wlecherts „Jeromin-Kinder”, wieder ein ausgesprochenes Eigenbrötlerbuch ist.

Weitläufigkeit! Die Neuprägung schließt sich an gute alte Prägungen an, aus deren Bezirk sie kommt: weltoffen, weltmän­nisch, weltbürgerlich, — weltlich schlecht­hin. Die Quersumme aller dieser Eigen­schaften ergibt etwas, was dem Begriffe „weitläufig” nahekommt, ohne ihn doch ganz zu füllen. Weitläufig ist einer, der durch die Welt gelaufen ist, der sie kennt, weitläufig ist das, was durch seine der Welt verständlichen Eigenschaften in Geist und Form fähig ist, durch die Welt zu lau­fen. Genialen Naturen ist beides gegeben; aber wie vieles kann auch der Simplizius lernen, wenn er sein Ohr dem Gespräch und der Musik der Welt offen hält, — und wenn er dem dummen Dünkel entsagt: „Wir Wilden sind doch bessre Menschen”'

Der Schaden, den zwölf über uns ver­hängte Quarantäne-Jahre uns zugefügt haben, ist unermeßlich. Aber nun sind gottlob die ehernen Tore der Welt aufge­stoßen, erfrischend bricht ihre Luft in unsre Dumpfheit, wir können, wenn wir ernstlich wollen, wieder den Anschluß an sie finden. Tun wir es, um Gottes willen! Wir haben viel nachzuholen: nicht allein das verlorene Jahrtausend, sondern alles, was wir seit hundert und mehr Jahren fahrlässig versäumt haben. Die letzte deut­

sche Gestalt, die „weitläufig” war, ist Heinrich Heine gewesen, in seiner sou­veränen Geistesfreiheit, seiner scheinbar spielerischen Grazie, seiner in allen Facet­ten von Emst und Scherz, Leidenschaft und Satire funkelnden Weltschau, in sei­ner Ehrfurchtslosigkeit vor goldnen Käl­bern aller Art, in seinem Haß auf das Romantisch-Muffige: das fühlt die Welt, wenn sie ihn preist, und dämm ist es, daß sie ihn uns als Vorbild anpreist; nicht um seines akzidentellen Judentums willen, sondern weil er die letzte Brücke zwischen ihr und Deutschland war. Seit er „emi­grierte” — seine Hedschra fiel zusammen mit dem ersten epochalen demokratischen Ereignis Europas , der Pariser-Juli-Revolu- tion —, gingen wir Deutsche einen schick­salsvoll-abseitigen Weg in die kleinbür­gerliche, spießbürgerliche Enge, während die Welt ringshemm entschlossen ins Lichte und Weite aufbrach; freiwillig schlos­sen wir uns aus von ihrem zukunftsträch­tigen Lebenrhythmus, — der sich nun, mehr als ein volles Jahrhundert später, eindeutig stärker gezeigt hat als unsre eigenbrötlerische Nabelbeschau.

Die Gelegenheit einen fundamentalen Irrtum gutzumachen, zu dem uns vor al­lem der preußische Geist — „überspannt und eng” nennt ihn selbst der patriotische Theoder Körner einmal — verführt hat, mit seiner Vergottung der Macht, schlim­mer: ihres dynamischen Prinzips, der Ge­walt, diese Gelegenheit ist imendlich kost­bar. Wir dürfen sie nicht verschlafen oder schmollend vorübergehen lassen. Wir müs­sen alle Kraft zusammennehmen, um uns an die heiß pulsenden, schicksalzeugenden Kraftströme der Welt anzuschließen, wach, klar, nüchtern, realistisch-redlich, auf Form haltend — mit einem Wort, „welt­lich” zu werden wie sie — und dabei man­che skurile Erscheinung ihres Lebens, die uns, zugegeben, befremdet, für so ephe­mer zu halten, wie sie es ist. Werden wir endlich wieder weitläufig, wie wir schon einmal im Begriffe waren zu werden, als Goethe das große Wort „Weltliteratur” prägte! Verweisen wir mit kraftvollem Entschluß die — übrigens nicht immer wahren — Propheten aus dem Hause, die mit ihrem tiefsinnigen Geraune und Ge­murmel von „Deutschheit”, „germanischer Rasse”, „deutschem Blut” und ähnliche Ab­götterei unsre ungelüfteten Stuben erfül­len! Leben in einer Freiheit des Geistes, die die meisten unter uns nicht kennen, von der die wenigsten etwas ahnen, wird es uns lohnen.

Guardini : Wunder des Kunstwerks

Unter stärkstem Andrang des Publikums sprach jüngst in Tübingen Prof. Dr. Romano Guardlnd über dos Thema: „Vom Wesen des Kunstwerks."

Was ein Kunstwerk sei, wurde ein Ma­ler gefragt Und er sagte: Manchmal ein künstlerisches Denkmal des Zeitgeistes, selten ein geistiges Barometer des Künf­tigen, sehr oft ein Konglomerat aus Farb­pigmenten und Leinwand, gebunden in Oel oder Wasserfarben oder Pastell, und ge­wichtig durch den Rahmen. Guardini sagt: Das Kunstwerk ist der Triumph des Künstlers über das Dasein!

Wie kommt es zu dem. was wir Kunst­werk nennen? An dem Ding (Mensch, Tier, Baum, Berg) entzündet sich das In­nere des Künstlers, er greift nach diesem, um es mit dem Material (Leinwand, Far­be) neu hervorzubringen. Dieses Ding als solches ist im vollendeten Werk nur noch ähnlich. Der Künstler fühlt sich in diesem Tun beauftragt, das Wesentliche herauszu­nehmen, zu verdichten, zu akzentuieren, den Ausdruck zu vertiefen und das sicht­bar werden zu lassen, was er sieht. Der Künstler antwortet gleichsam mit dem Element der eigenen inneren Möglichkeit auf das ihm begegnende Ding. Dieser Vor­gang ist nicht reines Wiedergeben, viel­mehr ist er die Komposition einer Ganz­heit (im Gegensatz zu der Tätigkeit der

Kamera, die nur Ausschnitte hervor­bringt). Diese Komposition kann geo­metrisch sein oder auch zufällig, sie kann zentral oder nur Stimmung in Farben und Formen sein. Immer aber ist sie eine in sich selber webende Einheit.

Und das ist nun das Wunder des künst­lerischen Werkes, daß in seiner Einheit das Gesamte unseres Daseins widerklingt, daß es in sich selber ruht und eben da­durch das Ganze, die ästhetische Welt, ge­staltet. So verschieden alle Kunstbereiche sind, so einig sind sie sich in dem Willen, die Harmonie von Welt und Mensch herbeizuführen. Nicht durch Be­griff und Gesetz, wie das die Wissenschaft I tut, sucht das Kunstwerk das Leben zu j deuten, es vollbringt dies auf der Grund­lage der Urbilder, die uns auch nach den I sterblichen Mythen im Unbewußten ver- | blieben sind, auf der Grundlage jener 1 Bilder, welche die Ergebnisse des Welt- | verstehens sind. Damit ist das Bild das ; Primäre, und es gehört notwendig zur ■ Welt, weil es die Urform der Weisheit dar- , stellt, wie der Mensch mit dem Leben um- i gehen muß. Die Bilder machen erst das | Dasein verständlich.

' Die Menschen frühester Zeiten legten in Bild die Wesenheit selbst. Darum hatten I jene Bilder magischen Charakter, wie etwa die Höhlenzeichnungen den Jagdzau­

ber, die ersten Schmuckstücke den Zweck von Amuletts. Später lockert sich dieser Zusammenhang, und die Kunst wird mehr und mehr zum Ausdruck der Freude und des Lebensgenusses. Und in dem allmäh­lich mit höherem Sinn und größerer Tiefe sich füllenden Kunstwerk wird dieses zur Macht, zur Macht als Urweisheit im Kampf gegen das Chaos, und es findet zu seinem eigensten Wesen zurück, welches in der Zwecklosigkeit liegt Wohl können sich Zweckform und Sinnform überschnei­den (Bauwerk, Denkmal). Aber außerhalb von Stein, Holz und Leinwand bekom­men die dargestellten Dinge einen neuen Sinn, der aus der Begegnung von Mensch und Gegenstand hervorgeht.

Das Kunstwerk weist damit einen Weg zur Welterfassung. Es überwindet die Trennung von Ding und Mensch, die in der wirklichen Welt vorhanden ist, es öff­net den Raum, wo der Mensch in Freiheit atmet und lebt, bringt den Schauenden und vor allem jenen, der sich in das Kunstwerk hineinbemüht, in einen Zu­stand der Schwingung und der Leichtig­keit, die über der Schwere des alltäglichen Seins steht Etwa am Beispiel des Domes wird augenfällig, wie sehr das Kunstwerk nur Vorstellung ist. Gewölbe und Pfeiler sind nur die äußeren Signale, die zum Schauen weisen, und erst Herz und Geist des schauenden Menschen erfüllen den Raum des Domes mit Leben und Schwin­gung. Die Realisierung des Kunstwerkes geschieht erst durch das Bemühen des Be­trachters. Weil so das Kunstwerk überder wirklichen Welt schwebt, weil es nicht mit der Auseinandersetzung im Alltäglichen

DER DICHTER

Mir ist keine Tat gegeben.

Wie ein Brunnen kann ich nichts als mhn« Was die Wolken und die Winde tun. Spiegle ich und nenne es mein Leben.

Aile, die sich zu mir neigen,

Wandle ich im dunklen Brunnenrand! Einen sehnsuchtsroten Menschenmund Und die kleinen Vögel in den Zweigen.

Wie ein Brunnen kann ich nichts als ruhn. Aber Wandrer, die schon lange darben, bleiben manchmal mit bestaubten Schuh'n Stehn und schau'n die fremden Märchen­farben.

Und der Quell, den kühl ihr Becher hält. Schmeckt nach vielen Düften dieser Welt Ingeborg Tetzlaff

endet, schenkt es uns eine seiner köstlich­sten Gaben: den Frieden.

Und trotzdem ist das Kunstwerk auch an der Wirklichkeit beteiligt. Der Baum auf einem Bilde van Goghs reicht in die Zukunft, er weist auf etwas hin, was noch nicht vollkommen ist. Damit schenkt das Bild eine tröstende Gewähr, strömt Ver­heißung aus. Das Zukünftige im profanen Leben durch Arbeit, Genuß, Trieb zu er­reichen, ist Utopie. Denn das Dasein gibt Zukünftiges nicht aus sich selber her, weil die Zukunft von anderem kommt, und von diesem anderen redet die Kunst. . Und darum ist sie wesenähnlich dem Religi­ ösen . In seinem letzten Sinn bezieht das Kunstwerk die Welt auf das Kommende.

„General " Zacharias

Heitere Erinnerung von Frank F.Braun

Kürzlich habe ich in Hamburg meinen alten Freund Zacharias aufgesucht. Sein Lokal auf St. Pauli ist, da es ein Keller war, erhalten geblieben. Statt seiner be­rühmten steifen Grogs und Helgoländer schenkt er heute harmlosere Getränke aus; aber die Räume sind unverändert, und auch er hat sich nur wenig gewan­delt. An den Wänden hängen wie früher Aufnahmen, Filmbilder aus jener Zeit, als er in Hollywood war, um, wie er glaubte, ein Stern zu werden. Wie dann damals seine Filmlaufbahn abrupt zum Abschluß kam, gewissermaßen abriß, ist eine Geschichte, die er Gästen, die ihm gefallen, auch heute noch erzählt.

„Das war in den Jahren nach dem ersten großen Krieg, als ich in Hollywood an­kam und mich als Filmstatist versuchte. Ich war dazumal 20 Jahre jünger. Sehen Sie dort rechts die Bilder, der Mann mit dem langen schwarzen Schnurrbart; der bin ich! Mein Gesicht war markant; es paßte nicht immer, aber für gewisse Filme war ich bereits ein gesuchter Mann. Ich bekam kleine Rollen, martialische Män­ner, Portiers, Generale. Bierbrauer. Bis eines Tages ...

Sie haben sicherlich den Namen des Re­gisseurs James Morgan gehört? Damals es waren auch seine Anfänge, drehte er einen Film, dessen Schauplatz das Donge- biet war. Ein Kosakengeneral spielte eine Rolle darin. Er kam als Eroberer, ein hundertprozentiger Kerl; Männer fürchte­ten, Frauen vergötterten ihn. Diesen Ge­ neral sollte ich spielen.

Morgan kannte mich nicht. Er war bei den Vorproben nicht dabeigewesen. Als wir die Eroberung eines Dorfes durch meine Kosaken drehten, kam er dazu und übernahm die Regie. Da geschah es. Als ich auftauchte, zu Fuß, aber in hohen Stiefeln, den Revolver in der Hand, meine Leute anfeuernd, bekam er einen Wutan­fall. Wer ist der Kerl? schrie er. Seid ihr verrückt? Wie kann man sich so einen irrsinnigen Bart kleben lassen!

Er sprang in die Szene, stürzte auf mich zu und packte meinen Schnurrbart In jede

I Hand nahm er eine der schönen scfawar* zen Flechsen.

Herunter mit dem Unfug! Der Friseur ist ein Stümper!

Alles stand erstarrt Der Hilfsregisseur öffnete gerade den Mund, ihm zu erklä­ren, der Bart sei echt, da war es schon zu spät. In der Uebersteigerung des Zornes riß Morgan so wuchtig an meinem Bart, daß er ihn in den Fäusten behielt ehe ich eine Abwehr auch nur hätte versuchen können.

Der Schmerz war ungeheuer. Sofort lief das Blut herunter. Meine Oberlippe war eine einzige Wunde.

Morgan prallte zurück. Ich fiel vor Schmerz in Ohnmacht.

Nun, in Hollywood gab es geschickte Chirurgen. Morgan veranlaßte alles, was er tun konnte. Man flickte meine zerris­sene läppe wieder zurecht Sie sehen, es geht ganz gut Dann zahlte mir die Film­gesellschaft eine runde Summe Schmer­zensgeld. Sie war so groß, daß ich den Filmberuf aufgab. Ich fuhr nach Deutsch­ land zurück und kaufte mir dies Lokal.

Einmal hat mich hier sogar James Mor­gan besucht. Mein alter General! sagte er, als wir uns die Hände schüttelten. Und so wird er mich gewiß wieder anreden, wenn er noch einmal herüberkommen sollte.”

NEUE BÜCHER

Thomas W e 11 m a n n , „Die Kollektivschuld des deutschen Volkes”: Aehren-Verlag. Affol- tem a. A.

Emst Müller-Meiningen jr„ „Die Par­teigenossen' ’i Zinnen-Verlag Kurt Desch. Mün­ chen .

Fritz v. Hippel, „Die nationalsozialistische Herrschaftsordnung als Warnung und Lehre": Verlag J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) Tübingen .

Stephan H e r m 1 i n , „Der Leutnant Yordk von Wartenburg'': Oberbadische Druckerei und Ver­lagsanstalt, Singen.

Wilhelm G l r n u s , „Wer macht Geschichte?”: Volk und Wissen Verlags-GmbH,, Berlin-Leipzig.

Walter Lenz. „Pito": Wolfgang Krüger Ver­lag, Hamburg .

Nikolaus Schwarzkopf , „Maria vom Rhein": Verlag Der Greif (Walther Gericke), Wiesbaden .

Die drei Könige

Eine erlebte Geschichte von Ernst Hofen

Mit dem festen Entschluß, die Weih­nachtsnacht zu „verschlafen”, erreichte die Beeribäiuerin ihren Hof. von einem Lebe­wesen, dem alten Hofhund Barry, freund­lich begrüßt Die Witwe kam. wie alle Jahre in der Christnacht, von der Mette in dem etwa eine Stunde entfernt gelege­nen Wittleckhofen. Sorgfältig wurde so­gleich die schwere Haustüre wieder ver­riegelt, das Feuer in der „Kunst” angefacht und der deftige Taftrock sorgsam im Wandschrank untergebracht Vor einem halben Jahr, ihr Sohn Josef lag damals noch in Frankreich , war von ihm ein Päckchen angekommen mit Bohnenkaffee. Wie ein Heiligtum wurde das kostbare Gut für Weihnachten aufgespart. Heute abend nun gab es eine gute Kanne voll. Im Herrgottswinkel brannte nur die rote Lampe, Barry zog sich unter die Ofen­bank zurück, und müde ließ sich endlich die Beeribäuerin in den alten Lehnstuhl sinken, still und nachdenklich so Ihre Weihnachten, das Fest des Friedens zu feiern.

Schwerfällig, gleichmäßig tickte die alte Uhr im Kasten, ab und zu polterte das Vieh im Stall, und aus weiter Feme trug j der Westwind ein dumpfes Dröhnen durch ] die Christnacht Es klang wie Donner, j konnte aber auch Artilleriefeuer sein. Plötzlich schrak die alte Frau aus ihren Träumen auf. Knurrend war Barry unter der Bank hervorgekommen und stand nun, halblaut bellend, vor dem verrie­gelten Fenster. Jetzt, ganz deutlich, drau­ßen flüsternde Stimmen, sich nähernde Schritte, ein leises Klopfen, stärker wer­dend — und dann ein Anruf: „Hallo, hier Freunde, machen Sie auf!” Behutsam «haute die Alte durchs Guckloch der Tür. Vor dem Hof, im heftigen Schnee- i treiben, drei Gestalten; «in« davon hockte

etwas abseits im Schnee. Was die wohl von ihr wollten, so spät in der Nacht, noch dazu in der Christnacht? Doch was halfen alle Bedenken; sie, die alte hilf­lose Frau, war den nächtlichen Besuchern so oder so ausgeliefert. Neben sich den zähnefletschenden Barry, schob die Bäue­rin langsam den Riegel zurück, und we­nige Augenblicke später hatte sich das Tor wieder hinter den späten Gästen ge­schlossen. Und dann beim Schein der Lampe, es hätte wahrhaftig keines „Good eve- ning“ bedurft, erkannte die Beeribäuerin in den Ankömmlingen fremde Soldaten — Feinde! Der eine, das war die Gestalt, die draußen im Schnee gehockt hatte, wurde von den beiden anderen sogleich vorsichtig auf die Ofenbank gelegt. Er schien eine Fußverletzung zu haben. Noch immer starrte die alte Frau die drei Sol­daten fassungslos an. Wie kamen die in das weltvergessene Steinatal — auf ihren Hof?

Von ihrer Großmutter wußte sie. daß früher einmal die Franzosen durch den Schwarzwald gezogen waren, so etwa vor 150 Jahren — aber den Beerihof hatte noch nie fremdes Kriegsvolk betreten!

Der eine Soldat ließ seinen Proviant­sack zu Boden gleiten, der andere lok- kerte seinen Leibriemen, dann zündeten sie sich Zigaretten an. Ja, das sei nun mal so, ließ sich der jüngste und längste der drei nach einer Weile vernehmen und lächelte freundlich die alte Frau aus Kinderaugen an. Vor einer Stunde etwa seien sie mit ihrer Maschine auf einem Erkundungsflug über dem Schwarzwald abgestürz^. Ob sie etwas heißes Wasser bekommen könnten? Und das hier sei Benjamin aus Buffalo und der mit dem gebrochenen Bein Joe, aus Portland . Er salbst heiße Patrick Whinterholder aus

Milwaukee Sein Großvater sei im Jahre 1848 aus dem Badischen nach den USA geflohen, und so käme es auch, daß man noch heute bei ihm zu Hause genau so gut englisch wie deutsch spreche. Wie weit es bis zur' Schweizer Grenze sei?

Zuerst aber, die Beantwortung den Fra­gen hatte ja noch Zeit, mußte für das leibliche Wohl der Feinde gesorgt werden! Feinde? Ach du lieber Gott, schließlich und endlich, für die da war der Krieg ja wohl doch vorbei, und dann, wer weiß, ob es dem Josef, dem Karl oder dem Fred! nicht auch mal so er­gehen könnte, und dann würde der Herr­gott vielleicht all das wieder an ihren Buben vergelten, — und dann, war heute nicht Weihnachten?

Benjamin aus Buffalo langte sich seinen Proviantsack. Sehr bald standen Büchsen- Seisch, Oelsardinen, Butter, unwahrschein­lich weißes Brot auf dem Tisch. Ein neuer, sehr kräftiger Kaffee wurde aufgebrüht, dem Patrick unbedingt einen langen Schuß Arrac bei geben mußte. Erst zö­gernd, mehrmals freundlich aufgefordert, setzte sich die Beeribäuerin schließlich zu den dreien, und als es Joe gelungen war, sich durch ein Stück Büchsenfleisch die Freundschaft von Barry zu sichern, und die Kunst immer mehr Wärme ausstrahlte, wurde die Stimmung von Minute zu Mi­nute anheimelnder. Es waren wieder ein­mal die Sorgen, die fremde Menschen näher zusammenbrachten, ein Band des Verstehens knüpften, weit sich spannend vom Beerihof im Schwarzwald über Berge, Täler und Länder, über den Ozean bis nach Buffalo, Portland und. Milwau­ kee ! Soviel stand für die drei Amerikaner fest: sie waren für die nächsten 48 Stun­den in Sicherheit, denn wer würde sich bei diesem Wetter in die Einsamkeit des Beerihofs verirren? Bi war Sehr spät, als sich die so wunderlich zusammengewür­felten Tischgenossen mit einem ..Gute Nacht“ trennten, am Morgen wollte man dann weitersehen.

Die Sonne stand schon hoch am tiefblauen Winterhimmel, als sich die Fremden nach einem totenähnlichen Schlaf wieder erhoben Die Beeribäuerin war natürlich schon früher auf den Beinen. Die Stube mußte gekehrt, das Vieh im Stall versorgt und das Feuer in der Kunst angefacht werden. Und dann hatte sie — sie konnte einfach nicht an­ders — für die drei Soldaten einen fest­lichen Kaffeetisch zugerichtet. Es gab wieder ein ausgedehntes Frühstück. Noch­mals mußte die Bäuerin den Weg zur Schweizer Grenze genau beschreiben; wie­viel Kilometer, ob der Rhein wohl zuge­froren, ob viele Grenzwächter unterwegs. Doch je eingehender der Bericht der alten Frau ausfiel, umso mehr verfinsterten sich die Gesichter ihrer Zuhörer. Etwas später erchien Patrick in der Küche. Ja, also, seine Kameraden und er wollten sich ur­sprünglich nach der Schweiz durchschla­gen, aber nun, bei Joes gebrochenem Bein, ginge das nicht Joe wünschte zwar, man solle ihn hier zurücklassen, aber davon könne keine Rede sein. Ob die Beeribäu­erin mit ihrem Schlitten startbereit sei und sie damit morgen zu # der nächsten Gendarmeriestation fahren wolle? So zog denn am nächsten Morgen die alte Frau den Fuchs aus dem Stall, Patrick und Ben­jamin halfen beim Einspannen. Joe wurde vorsichtig auf dem alten Hömerschlitten verpackt, und vorne nahm die Bäuerin mit Zügel und Peitsche Platz. Schweigend glitt das seltsame Gespann durch den lautlosen Winterwald, nur die Halfterglok- ken läuteten leise, das Lederzeug knirschte, und ab und zu warf der Fuchs laut pru­stend seinen Kopf hoch. Es verlief alles viel einfacher und schneller, als die Beeri­bäuerin es sich gedacht hatte. Gegen Mit­tag traf man in Bonndorf ein, kein Mensch hatte unter den in Decken gehüllten drei Gestalten amerikanische Flieger vermutet, und der Bonndorfer Gendarmeriewacht­meister war über den Besuch genau so erstaunt wie die Beeribäuerin am Weih­nachtsabend. Nach Aufstellung eines um­

ständlichen Protokolls kam der Abschied. Er war kurz, doch jeder der drei Soldaten drückte die harte Hand der alten Frau et­was länger und kräftiger, als es sonst un­ter flüchtigen Bekannten oder — Feinden üblich ist. Rauh fiel die Tür ins Schloß, wieder klangen die Halfterglocken, die Altbäuerin fuhr den langen Weg allein nach dem Beerihof zurück.

Was weiter noch zu berichten wäre? Noch zweimal wurde die Beeribäuerin be­sonders lebhaft an jene Christnacht erin­nert. Das erstemal, etwa zwei Monate später, als man sie auf die Kreisleitung nach Neustadt bestellte. Schon glaubte die Bäuerin, die Vorladung würde mit der et­was knappen Eierablieferung Zusammen­hängen, aber man führte sie in einen fest­lichen Saal, wo ihr von dem Herrn Kreis­leiter das Verdienstkreuz zweiter Klasse für die heroische Gefangennahme dreier schwerbewaffneter amerikanischer Flieger überreicht wurde. Reichlich erbost kehrte die Beeribäuerin erst spät in der Nacht wieder von Neustadt zurück, denn das viele Getue, nur wegen der Anhänger-Bro­sche, wäre wirklich nicht nötig gewesen, und dann, man hatte sie, die ehrwürdige Altbäuerin, eine Werwölfin oder so was Heidnisches genannt!

Und das zweite Mal? Längst war der Krieg durch die Schwarzwaldtäler ge­braust, Gottlob, der Josef, der Karl und der Fredi lebten auch noch, da bestellte man sie Mitte Dezember auf die Zollab­fertigungsstelle nach Bonndorf . Ein Rie­senpaket aus Amerika lag für die Beeri­bäuerin bereit Büchsenfleisch. Kaffee, Oel, Speck, Wolle und sogar ein paar Päckchen Zigaretten. Doch die alte Frau wüßte heute noch nicht genau, wer ihr all diese Herr­lichkeiten zugedacht hatte, wenn nicht obenauf eine schön verzierte Karte gele­gen hätte, mit den Ihr so leicht verständ­lichen Worten:

Frohe Weihnachten. Benjamin, Joe und Patrick, die drei Könige.