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Rains tag, 13. Mai 1950

SÜDKURIER

Nr. 57 ' Seite 2

Produktion, um d»e Erschließung neuer Arbeitsmöglichkeiten durch eine weitere Industrialisierung und um die Wiederin­standsetzung und Verbesserung der Ver­kehrswege. Hier ergeben sich zweifellos noch unabsehbare wirtschaftliche Möglich­keiten.

Von besonderem Interesse wird die Re­aktion der übrigen europäischen Länder, vor allem aber die Englands sein. Wäh­rend von seiten der Benelux-Staaten keine besonderen Schwierigkeiten erwartet wer­den, dürfte England sich nicht ohne ge­wisse Bedenken mit dem Plan einverstan­den erklären, obwohl auch hier kein so­fortiges Veto erfolgen wird. Aber „Groß­ britannien

sagt nie sofort nein, dann aber tun so hartnäckiger“, meinte ein schwei­zerischer Kommentator. Immerhin dar£ nach den bisherigen Aeußerungen briti­scher Staatsmänner, angenommen werden, daß auch England sich der politischen, und wirtschaftlichen Logik des Plans nicht ver­schließen wird, zumal hinter ihm Amerika eteht, das von jeher schon auf eine enge Zusammenarbeit unter den europäischen Staaten hinarbeitete. Wir aber sehen in dem Plan des französischen Außenmin i- steis die gegebene Möglichkeit zur Rettung Europas , einen geradezu providentiellen Akt, dessen Bedeutung nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.

Der Westen muß sich Zusammenschlüßen

Appell der Außenminister in London — Deutschlandfragen wurden gestern behandelt

LONDON . Die Konferenz der drei West- außenminister in London hat bereits am ersten Tag, dem Donnerstag, den Charakter einer Vorkonferenz für die in der kom­menden Wodie beginnenden Besprechungen des Atlantischen Rates angenommen. Die strategische, politische und wirtschaftliche Sicherung des Raumes der atlantischen Völ­kergemeinschaft war das Generalthema, das die Außenminister Acheson , Bevin und Sdiuman und ihre Stäbe am ersten Tag der Sitzungen im Lancaster-Haus beschäf­tigte. Deutschland und der Plan Schumans zum Zusammenschluß der deutschen und französischen Grundindustrien sind am ersten Tag der Dreierkonferenz nicht er­örtert worden.

Die westliche Welt wurde von den Außenministern der „großen Drei“ aulge­

fordert, ihre Kräfte in einer neuen, all­umfassenden Anstrengung zur Wahrung des Friedens und zur Abwehr der kom­ munistischen Gefahr zusammenzufassen. Gleichzeitig begrüßte die britische Regie­rung den revolutionären Vorschlag Frank­ reichs izur Schaffung eines deutsch -fran­zösischen Kohlen- und Stahlpools, der die Grundlage für einen mächtigen euro­ päischen Wirtschaftsblock darstellen würde.

Die Außenminister Frankreichs , Groß­ britanniens und der Vereinigten Staaten setzten am Freitagmorgen, dem zweiten Tag ihrer dreitägigen Konferenz, ihre Be­sprechungen fort. Da die drei Hohen Kommissare für Deutschland an den Sit­zungen teilnahmen, wird angenommen, daß Deutschlandfragen zur Debatte stan­den.

„Von größter internationaler Bedeutung"

Die deutsche Presse zum Plane Außenministers Schumans

BONN. Die deutsche Presse hebt übe r­einstimmend die große politische Bedeu­tung des französischen Planes einer Stanl- und Kohle-Union hervor. Die in München erscheinende „Neue Zeitung“ meint: „Jede vernünftige Politik und jede vernünftige Wirtschaftspolitik kann nur von der glei­chen Voraussetzung ausgehen, von dem Willen, die Enge zu sp-engen und größere politische und wirtschaftliche Gebiete zu schaffen“. Der „Rheinische Merkur“ legt den Hauptwert auf die Betonung der Not­wendigkeit der deutsch -französischen Ver­ständigung und sieht in der Gemeinschaft der Produktion auch das Problem des französischen Sicherheitebedürfnisses mit einem Schlag in einem konstruktiven Akt gelöst. — Das in Mainz erscheinende Or­gan der Sozialdemokratischen Partei von Rheinland-Pfalz „Die Freiheit“ nennt den Vorschlag Schumanns „ein überraschendes Manöver, welches den Zweck verfolgt, die Londoner Außenministerkonferenz im Sinne vollendeter Tatsachen zu beeinflus­sen“. Der Plan sei in seinen Grundrissen „seit langem Bestandteil der europäischen Gewerkschaftsbewegung und der sozialisti­ schen Parteien Europas , allerdings unter sehr klarer Abgrenzung der Eigentums­verhältnisse in der Schwerindustrie“.

Vizekanzler und ERP - Minister Franz Blücher sieht voraus, daß die Verhand'lan-

Mit Rücksicht auf den Feiertag „Christi Himmelfahrt erscheint der SÜDKURIER in der nächsten Woche am Dienstag, Mittwoch und Samstag

WETTERVORHERSAGE des Amtlichen Landeswetterdienstes

Das Hochdruckgebiet mit Kern im Nordseeraum ist weiter beständig und sein Einfluß auf unser Wetter wird auch in den nächsten Tagen fort- bestehen. Vorhersage bis Montagabend: Ueber- wiegend heiter oder nur leicht bewölkt und trocken, später zeitweise etwas mehr Bewölkung und ohne wesentliche Niederschläge. Tagsüber weiterhin ziemlich mild. Höchsttemperaturen zwi­schen 20 und 25 Grad, kühle Nächte, doch weiter­hin keine Nachtfrostgefahr. Mäßige Winde aus Nordost bis Ost.

100 DM ln Zürich: 12. 5. 81 sfr., 14 . 5. 80.50 sfr.

gen über den Plan „außerordentlich schwierig und langwierig“ sein werden. Endlich einmal müsse das Thema „Doppel- preiee“ und „Dumping“ wirklich zu Ende diskutiert werden. Wenn wir überhaupt etwas erreichen wollen, dann müsse bei den im September beginnenden Zollver­handlungen der erste Schritt zur Uefoer- prüfung der völlig antiquierten Zollsätze in allen Ländern getan werden.

Moskau gesättigt?

BERLIN . Der Sowjetzonentninisterraf be­auftragte den Ministerpräsidenten Otto Grotewohl , sofort mit der Sowjetregierung Verhandlungen darüber laufzunehmen, ob und in welchem Umfange die Reparations­leistungen an die Sowjetunion herabgesetzt werden könnten. Aus Kreisen der Sowjet­zonenregierung wird dazu mitgeteilt, daß höhere Beamte der sowjetischen Kontroll­kommission vor einigen Tagen eine Ver­minderung der bisherigen Reparationen vor SED -Vertretem angekündigt haben sollen.

Westailjierte Sachverständige in Berlin bezeichnen diese Verhandlungen als ein Propagandamanöver im Sinne der „Natio­nalen Front“. Von einer Herabsetzung der Reparationsleistungen an die Sowjetunion könne nicht gesprochen werden, da die von Stalin in Jalta beanspruchte Summe von 10 Milliarden Dollar bereits erreicht und überschritten sei.

Der falsche Sepp verurteilt

BAD REICHENHALL . Die Namens­gleichheit mit dem einstigen Führer der .Leibstandarte Adolf Hi tief“, Sepp Diet­ rich , war dem Sohn eines Fuhrunterneh­mers aus Marzoll, bei Bad Reichenhall , der dieser Teige nach sechsjähriger sowje­tischer Kriegsgefangenschaft heimkehrte, zum Verhängnis geworden. In der So­ wjetunion habe man in ihm einen Sohn dieses „Prominenten“ vermutet und ihn zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt, er­zählte er nach seiner Rüdekehr. Er sei jetzt mit dem Hinweis entlassen worden, daß er seine ÖBegnadigung der „Humani­tät der Sowjetunion “ zu verdanken habe.

Kaffee- und Zigarettensteuer bleibt

Zu starker Einnahmeausfall befürchtet — Zolldienst soll verschärft werden

BONN . (W.-Eigenbericht.) Bundes finanz- minister Fritz Schaffer hat am Freitag vor dem Bundestag erklärt, die Bundesregie­rung könne sich trotz des umfangreichen Schmuggels vorläufig nicht zu einer Sen­kung der Kaffee- und Zigarettensteuer entschließen, in der die Industrie den ein­zigen erfolgversprechenden Weg zur Be­kämpfung des Schmuggels sieht. Der Mi­nister schätzte die gesetzwidrige Kaffee­einfuhr im vergangenen Jahr auf 30 000 Tonnen, während die versteuerte Einfuhr kn gleichen Zeitraum nur 27 400 Tonnen betrug. Den Verbrauch geschmuggelter Zigaretten gab er mit rund 4 Milliarden Stück im Jahre 1949 oder einem Fünftel der gesamten deutschen Erzeugung an. Von der Industrie war ihm wegen dieses Ausmaßes des Schmuggels in den letzten Monaten empfohlen worden, die Steuern soweit zu senken, daß der Schmuggel sich nicht mehr lohne. Der Minister lehnte diesen Vorschlag jedoch ab, weil dadurch ein zu starker Steuerausfall zu erwarten sei.

Statt dessen will er im Zusammenwir­ken mit den Besatzungsmächten den Zoll­dienst verstärken und auf Bundesebene zusammenfassen. Er forderte von den Be­satzungsmächten, sie sollten auch die Ausländer und die Verschleppten in Deutschland der deutschen Zoilfahndung unterstellen. Der Liebesgaben verkehr, der in großem Umfange zum Schmuggel miß­braucht werde, müsse wieder auf seine ursprünglichen Aufgaben, die Unterstüt­zung hilfsbedürftiger Menschen, zurückge­führt werden. Besondere Aufmerksam­keit schenkte Minister Schaffer dem Ost- zonen-SchmuggeJ. Er wies auf die un­günstige Auswirkung des Währungsge­fälles zwischen West- und Ostdeutschland hin und sprach die Vermutung aus, daß der Verdienst aus dem Ostzonenschmuggel in • Westdeutschland zu politischen Zwek- ken verwandt werde. Die SPD -Fraktiom stellte daraufhin den Antrag, der illegale Handel mit der Ostzone solle unter schwere Strafen gestellt werden.

Mit den Stimmen der Regierungspar­teien wurde ein Antrag der Sozialdemo­kraten abgelehnt, nachdem in den Finanz­ämtern öffentliche Steuerlisten ausgelegt

werden sollten, aus denen jedermann das Einkommen und die Steuerleistung seiner Mitbürger ersehen könnte.

Bei der Behandlung eines weiteren An­trages, in dem die Rückgabe der von den Alliierten beschlagnahmten deutschen Ar­chive gefordert wurde, sprach der Bun- j destag zum ersten Male mit deutlicher Be- j sargnis über das deutsche Geschichtsbild, j das sich gegenwärtig entwickelt. Von ver- i schiadienen Sprechern wurde darauf hin­gewiesen, daß gerade die Zurückhaltung ■ der deutschen Archive zur Verschleierung ! der wirklichen Geschehnisse in der Ver­gangenheit und damit zur Mythenöüdung beitrage. Unter anderem wandten sich die Sprecher gegen den Rummel um Rommel , in der sich eine neue Dolchstoßlegende ab­zeichne.

Reynaud nach Bonn BONN

. W.-Eigenbericht). Am kommen­den Dienstag wird der frühere französi­ sche Ministerpräsident Paul Reynaud in der Bundeshauptstadt erwartet Der Be­such Reynauds, der in Kreisen der bür­gerlichen Parteien außerordentlich hoch geschätzt wird, soll völlig privaten Cha­rakter tragen. Man glaubt jedoch, daß er die Gelegenheit wahmehrnen wird, mit deutschen Politikern zu sprechen.

Hungerstreik deutscher Gefangener

PARIS . Die deutschen Kriegsgefange­nen, die unter der Anklage, in Frankreich Kriegsverbrechen begangen zu haben, von der französischen Militärjustiz zu­rückgehalten werden, sind nach einer Darstellung des „Figaro“ seit dem 8. Mai in den Hungerstreik getreten. Sie wol­len die Militärjustizbehörden dadurch zur Einhaltung der von dem französi­schen Hohen Kommissar der Bundesre­gierung gemachten Zusage zwingen, daß nunmehr, nachdem die sich seit mehr als fünf Jahren in Kriegsgefangenschaft be­finden, endlich die gerichtlichen Verfah­ren gegen sie abgewickelt werden. Ein­zelne der deutschen Gefangenen sollen seit 30 Monaten nicht mehr verhört worden sein.

Gefängnisstrafen im Entnazifizierungs-Prozeß

May und Meyer der fortgesetzten aktiven Bestechung für schuldig befunden

STUTTGART . Im Stuttgarter Entnazi­fizierungsprozeß wurde der ehemalige öf­fentliche Kläger Heinz May wegen fort­gesetzter passiver Bestechung zu zwölf Monaten Gefängnis verurteilt. Der Ange­klagte August Meyer, der ein Vermitt­lungsbüro für Vertretungen im Spruch­kammerverfahren eröffnet hatte, erhielt wegen fortgesetzter aktiver Bestechung und Abgabe einer falschen eidesstattlichen Versicherung acht Monate Gefängnis. Der ehemalige Spruchkammeryorsitzende Rieh.. Keßler wurde freigesprochen.

In der Urteilsbegründung heißt es, man könne dem Angeklagten May keine objek­tive Pflichtwidrigkeit in den Einzelfällen nachweisen. Er habe aber von Meyer ein Darlehen von 2200 DM und ein Auto im Werte von 2000 DM erhalten und gewußt, daß Meyer dafür die Erfüllung seiner Wünsche in Spruchkammersachen erwar­tete. Der Tatbestand der Bestechung sei gegeben, weil beide Angeklagte die Entna­zifizierung zum Geschäft gemacht hätten. May habe eine empfindliche Gefängnis­strafe erhalten, weil der Beamtenetand saubergehalten werden müsse.

Zugunsten des ehemaligen Spruchkam­mervorsitzenden Keßler habe das Gericht geglaubt, daß dieser als ehemaliger Aus­landskaufmann in einer Einladung keine Bestechung gesehen habe. Ein Beruferich­ter dürfe jedoch eine derartige Einladung unter keinen Umständen annehmen.

Vor der Urteilsverkündung nahm der Vorsitzende in einer Erklärung zu der

^eußerung des amerikanischen Landes­kommissars Groß Stellung, er sei über den Verlauf des Entnazifizierungsprozesses be­unruhigt. Der Gerichtsvorsitzende wies auf die Möglichkeit hin, daß der Spruch des Gerichts amerikanische Maßnahmen aius- | lösen könnte. Dadurch werde sich die Kammer aber nicht von ihrer Pflicht ab­bringen lassen, als unabhängiges Gericht nur nach Recht und Gewissen zu entschei­den. "

Todesstrafe beantragt -

FREIBURG . (W. S.-Eigenbericht.) Vor dem Großen französischen Militärgericht in Freiburg fand, wie schon gemeldet, der Prozeß gegen zehn Angehörige einer Werwolforganisation statt, in dem den Angeklagten vorgeworfen wurde, im April 1945 in der Gegend von Lörrach 19 polni­sche und russische Zwangisarbeiter er­schossen ' zu haben. Der am meisten be­lastete ehemalige Bannführor Rahänser ist flüchtig.

Der Ankläger beantragte gegen den ehemaligen SS-Unterscharführer Eugen Walz die Todesstrafe und gegen die ju­gendlichen Angeklagten Zuchthaus - und Gefängnisstrafen zwischen 4 und 10 Jah­ren. Der Verteidiger machte geltend, es habe sich beim Werwolf um eine Parti­sanentruppe gehandelt, die im vergange­nen Kriege von allen Nationen als Kaimpftruppe’ anerkannt worden sei und deren Mitglieder zum Teil höchste Aus­zeichnungen erhalten hätten.

Unser WS -Korrespondent meinl:

Der Fall Hohenzo Ilern

In der von den drei südwestdeutschen Ländern beschickten Sechserkommission, die jetzt einen Gesetzentwurf zur Durch­führung einer Volksabstimmung ausgear­beitet hat, war kein Beauftragter des Landesteils Hchenzc'llern vertreten. Er wunde sogar - , als er in Person des inzwi­schen aus diesem Grunde zurückgetrete­nen stellvertretenden Landeshauptmanns Stiegler um die Möglichkeit einer beraten­den Teilnahme bat, von der württemberg- badischen und südwürttembergischen De­legation zurüdagewiesen, weil man erst die Stellungnahme der Landesregierungen einhoien wollte. Mittlerweile ist jedoch der Gesetzentwurf fertiggestel'lt; im Wortlaut des Stimmzettels soll es danach als zweite Frage heißen: „Ich wünsche die Wiederherstellung des alten Landes Baden und des alten Landes Württemberg ein­schließlich Hohenzollem.“ Von badischer Seite aus hat man in diesem Zusammen­hang darauf aufmerksam gemacht, daß es nicht richtig sei, Hohenzollem als inte­grierenden Bestandteil Württembergs zu betrachten. Man müsse vielmehr auch der Bevölkerung dieses Landes die Möglich­keit der freien Selbstbestimmung lassen.

Diese Frage ist wichtiger als sie auf den ersten Blick erscheint. Hohenzollem, das jetzt eine gemeinsame Verfassung mit Südwürttemberg hat, gehörte bis 1945 dem preußischen Staate an, der damals liqui­diert wurde. Daß die Zugehörigkeit Ho- henzollems ein latentes Problem darstellt, beweist ein im vergangenen Jahr vom Verwaltungsgerichtshof für Württemberg- Hohenzollem auf Ersuchen des Staatsprä­sidenten Gebhard Müller ausgearbedtetes Gutachten, das geheimigebalten wurde, trotzdem aber in die Hände der südbadi- schen Politiker kam. Dieses Gutachten stellte fest, daß die gemeinsame Verfas­sung zwischen Hohenzollem und Süd­württemberg keinen anderen als einen provisorischen Charakter haben könne. Es heißt darin: „Aus dem bloßen Wortlaut der verschiedenen verfassungsrechtlichen Vorschriften könnte gefolgert werden, daß Südwürttemberg-Hohenzollem als neue­res und größeres staatliches Gebilde Ho­henzollem aufgesauigt habe und damit auch allgemein und endgültig zu dessen Rechtsnachfolger geworden sei.“ Gerade das Gegenteil treffe zu.

Es steht also demnach fest, daß die zweite Abstimmiungsfrage zumindest nicht ganz korrekt ist. Es wäre schade, wenn an diesen zwei Worten „einschließlich Ho- henzollems“ etwa die Zustimmung der alliierten Hohen Kommission dem Gesetz­entwurf über die Volksbefragung gegen­über scheitern würde.

Die Konferenz der Außenminister

Zeldmung: Dl« Zelt

SÜDKURIER

Chefreöaktign: Di. Otto Häcker. Politik: Konrad Gunst. Nachrichtendienst: Graf Ludwig Douglas . Wirtschaft: Dr. Gustav Adolf Groß Feuilleton: Ludwig Emanuel Reindl. Heimat: Alois Beck Friedrich Munding, Herbert Steinert. Sport: Alfred Strobel. Chef vom Dienst: Helmut Jacobsen. Ver­lag: Südkurier GmbH., Konstanz , Marktstätte 4, Drude: Druckerei Konstanz.

Streit um den Konsul

Der Bundespräsident antwort et einem Maler

Als die westdeutsche Bundesregierung vor etwa vierzehn Tagen bekanntgab, daß sie beabsichtige, den Schriftsteller Dr. Wilhelm Hiausenstein zum Generalkon­sul ln Paris zu ernennen, wäre es wohl niemanden verwunderlich erschienen, wenn gegen diesen Plan vielleicht aus Wirtschaftskreisen Bedenken geäußert worden wären. Man hätte dann aller­dings gegenüber solchen Einwendungen darauf verweisen können, daß mit der diplomatischen Beauftragung eines Man­nes der Feder nicht zum erstenmal von dam sonst üblichen Brauch abgewichen wurde, einen sogenannten Fachmann, sei es Berufsddplomat oder Wirtschaftler, als offiziellen Vertreter eines Staates zu einer fremden Regierung zu entsenden. Rubens war ebenso in diplomatischer Mission tätig gewesen wie der Gelehrte Wilhelm von Humboldt oder der Philosoph Leib- ndtz, wie auch die Schriftsteller Mon­ taigne , Stendhal und in neuerer Zeit Paul Claudel und Jean Girauidoux ihre Länder' als Gesandte und Botschafter vertreten hatten, nicht zum Nachteil von deren In­teressen.

Am wenigsten hätte man gegen die Er­nennung Hausensteins, dessen schriftstel­lerisches Werk seine tiefe Verbundenheit gerade mit Frankreich dokumentiert, einen Protest aus Kreisen der Kunst er­wartet Und dies genau traf ein. Profes­sor Willi Baumeister , markanter Vertreter der modernen, abstrakten Ma­leret erhob in einem offenen Brief an den Bundespräsidenten Professor Heuß Ein­spruch gegen Hausenstein als Generalkon­sul. Der Maler Baumeister sieht in der Ernennung des Schriftstellers Hausenstein eine Gefahr für die Kunst. Wilhelm Hausenstein , einst ein Wegbereiter der ex­pressionistischen Kunst, hat in einer vor kurzem erschienenen Schrift: „Was bedeu­tet die moderne Kunst?“ eine Revision

seiner früheren Auffassungen ausgespro­chen. Aus diesem Grund befürchtet Bau­meister, es werde durch Hausensteins Ent­sendung nach Paris „den jetzt in Fluß kommenden Beziehungen deutsch -franzö­sischer moderner Künstler“ geschadet. Da also die Vertreter und Anhänger der mo­dernen Kunst kein Vertrauen mehr zu Wilhelm Hausenstein haben, den sie einst als einen der ihrigen betrachteten, glau­ben sie, daß der deutsche Generalkonsul in Paris , wenn er Hausenstein hieße, nur deshalb schädlich wäre, weil er ihre An­schauungen über Kunst nicht mehr teilt

Darin liegt einmal eine anmaßende Ueberschätzung politischer Funktionen der Kunst, zumal Kunst hier sehr ein­seitig nur als sogenannte moderne Kunst aufgefaißt wird. Zum anderen aber offen­bart das Schreiben Willi Baumeisters an den Bundespräsidenten , wie wenig Men­schen noch von der wiedergewonnenen Freiheit zur Kritik sinnvollen Gebrauch zu machen verstehen. Wie schnell sie ver­gessen haben, daß durch solche miß­brauchte geistige Freiheit — indem man den Staat zum Büttel macht, der unbe­queme Gegner erledigen soll — genau das wieder heraufbeschwört, worunter eben die Vertreter dieser modernen Kunst in den Zeiten der Diktatur geseufzt und ge­stöhnt haben: nämlich daß nur eine Kunstrichtung zu gelten habe. Dies ist, so scheint uns, die wohl nicht beabsichtigte aber mögliche Wirkung solcher Versuche, subjektive Ansichten gewissermaßen zum politischen Gesetz zu machen, und darin liegt ihre Gefahr.

Umso erfreulicher aber ist es, daß die deutsche Bundesrepublik an ihrer Spitze einen Mann hat, der die innere Ueber- legenheit besitzt, solche Versuche in der rechten Form abzuweisen, wie die Ant­wort von Professor Heuß auf Baumeisters offenen Brief es erweist. Sie stellt über

den unmittelbaren Anlaß hinaus ein gei­stiges Dokument dar, das wir seiner all­gemeinen Bedeutung wegen hier im Wortlaut veröffentlichen:

Sehr geehrter Herr Professor Baumeister!

Ihren Protest gegen den Plan, Wilhelm Hausenstein als deutschen Generalkonsul nach Paris zu senden, habe ich erhalten — er hat mich einigermaßen erstaunt und, wenn Sie mir das nicht übelnehmen, sogar etwas erheitert.

Erstaunt um deswillen, weil ein Protest aus Künstlerkreisea am wenigsten erwar­tet werden durfte, wenn ein „homme de lettres“ mit dem Vertrauen des Staates bedacht wurde, erheitert wegen des so eng genommenen Blickfeldes, eine staate­politische Entscheidung aus der Perspek­tive einer umgrenzten Kunstanschauung zu beurteilen.

Ich muß Ihnen zunächst gestehen, daß ich noch nie etwas mit dem Begriff der „modernen Kunst“ habe anfangen können, der Ihren Brief durchwaltet — vielleicht liegt das daran, daß in meinem Vaterhaus eine großformatige Monatsschrift „Mo­derne Kunst“ gelesen wurde, die nach meiner Erinnerung die gewissenhafte An­sammlung von gängigen Nonvaleurs (zu deutsch : Nichtigkeiten. Die Red.) war. Daß Hausenstein in seinem von Ihnen zitierten Buch „Was bedeutet die moderne Kunst?' den Begriff selber verwandte, empfinde ich als eine Schwäche. Wo scheidet sich modern von modisch? Wahre Kunst aber hat die Kraft ewiger Gegenwärtigkeit — das Urteil über unsere Epoche steht bei unseren Enkedn.

Ich kenne Hausensteins Buch — ich finde darin einiges sehr richtig gesehen einige Erscheinungen, die ich für wesent­lich halte, fehlen bei der Würdigung der Situation fast ganz, so Kokoschka , den ich für die bedeutendste Erscheinung halte. Für mich, der ich mit Hausenstein seit dem Beginn der Studienzeit vertraut bin, ist dies Buch ein nobler Beitrag zu seiner Autobiographie. Er wollte, wenn ich die

Motive zu dieser Schrift richtig deute, die kritische Inventur und Revision seiner Le­bensarbeit selber vornehmen — das ist ein wenn ich richtig sehe, bei Schriftstellern und Publizisten verhältnismäßig seltenes Verfahren. Es fordert, wie mir scheint, menschlichen Respekt

E« kann nicht der Sinn dieser meiner i Antwort sein, über die Problematik der bildenden Kunst in dieser Zeit zu handeln, i über die Begrenztheiten einer gegenständ- ! liehen wie einer abstrakten Malerei, über | die objektiven Gegebenheiten und die j subjektiven Programme, über das Maß­stäbliche. das nie aus der Firmierung ei­ner Richtung, sondern nur aus dem über­zeugenden Vermögen genommen werden sollte — mit dem Problem des deutschen Generalkonsuls in Paris , hat das gar nichts zu tun. Es würde mir ungeschickt Vorkom­men. Ihnen ein Plädoyer für Hausenstein zu schreiben, um den Plan der Bundes­regierung, der meine volle Zustimmung besitzt, zu verteidigen oder zu rechtfer- 1 ligen. Ob ich in Gefahr komme, von Ih- I nen mm bei den Banausen abgelegt zu werden, weiß ich nicht — ich müßte es zu tragen versuchen. Aber Ihre Bemer­kung, man stünde im Begriff „den Bock zum Gärtner zu machen“, ist doch arg da­neben gehauen, sie. ist. verzeihen Sie, fast philiströs, weil sie eine schier groteske Verengung des Blickfeldes zeigt. Welche hervorragende Bedeutung der künstleri- I sehen Wechselbeziehung zwischen Frank­ reich und Deutschland zukommt, brauchen Sie gerade mir ja nicht deutlich zu ma­chen — aber eine zur Polemik geneigte Eingesponnenheit muß Ihnen das Gefühl für die Gewichte verdorben haben.

Mit freundlichem Gruß gez. Th. Heuß

Im Rahmen der Klosterspiele von Alpirsbach (Schwarzwald ) wird im August im Kreuzgarten des Klo­sters auf der Naturbühne das Salzburger „Große Welttheater“ von Hugo von Hof­ mannsthal unter der Regie von Wilhelm Speidel aufgeführt werden.

KULTUR NACH RICHTEN

Das Augustiner-Museum in Frei.bürg wurde Anfang Mai mit der Dauerausstellung „Museumsbestände an mittelalterlicher Kunst“ wieder eröffnet In den Räumen des ehemaligen Augusti­nerklosters wird damit zum erstenmal nach dem Krieg wieder ein reicher Be­stand oberrheinischer Kunst an Plastik, Malerei und Glasmalerei, an Wandteppi­chen, Goldschmiedekunst, Buchmalerei und Kunstgewerbe ausgestellt. Das Museum besitzt nach dem Basler historischen Mu­seum die größte Sammlung mittelalter­licher Wandteppiche oberrheinischer Her­kunft, unter denen besonders der Malte­rerteppich aus dem Jahre 1330 durch Kom­position und Farbe hervoriagt. Daneben sind andere bekannte Kunstwerke wie der Niederrottweiler Altar, Bilder von Hans Baidung Grien und das Maria-Schnee- Wunder Matthias Grünewalds ausgestellt Eine Sonderschau zeigt kostbares Kunst­handwerk aus fünf Jahrhunderten .

Ein internationales Bach-Fest wird in der ersten Juni-Hälfte durch die Gesellschaft der Miusikfreunde in Wien veranstaltet. Es wirken mit die Wiener Philharmoniker , der Staatsopernchor und die Sängerknaben, sowie international be­rühmte Gesangsolisten; als Dirigenten u. a. Paul Hindemith , Otto Klemperer , Herbert von Karajan , Hermann Scherchen , Günter Ramin. Dr'e österreichischen Bundesbahnen gewähren für die Besucher des Bach-Fe­stes eine 25°/*ige Fahrpreisermäßigung.

Die deutschen technischen Hochschulen sind gegenüber den ausländischen um 15 bis 20 Jahre zurück­geblieben, erklärte der Rektor der Uni­ versität Erlangen , Professor Dr. Friedrich Baumgärtl, bei der Eröffnung der Erlan­ ger Universitätswcche 1950. Daher werde Deutschland auf dem Gebiet der Technik bald nicht mehr mit dem Ausland kon­kurrieren können.