Mittwoch, 27. Dezember 1950
SÜDKURIER
Nr. 164 / Seite*
BRÜSSEL. Der Anklagevertreter im Brüsseler Kriegsverbrechen - Prozeß forderte in seinem Plädoyer 20 Jahre Zwangsarbeit für den früheren Militärgouverneur Alexander von Falkenhausen und den früheren Leiter der Militärverwaltung in Bel gien , Eggert Reeder . Für die beiden anderen Angeklagten, Bertram und von Claer, forderte der Anklagevertreter je 15 Jahre Zwangsarbeit. Vorher hatte sich der Ankläger ausführlich mit den Deportationen von Geiseln, Juden und Zwängsarbedtem befaßt Zur Unterstützung seiner Argumente bediente er. sich wieder der Haager und der Genfer Konventionen , die eine Verschleppung von Unschuldigen verbieten. Es müsse zwar eingeräumt werden, sagte er, daß eine Besatzungsmacht gewisse Maßnahme zur Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung treffen müsse. Verhaftungen dürften aber nur erfolgen, wenn wirklich ein Grund vorhanden ist.
Der Ankläger versuchte dann zu beweisen, daß Falkenhausen und Reeder nicht nur über alle Maßnahmen informiert waren, sondern diese auch unterstützten. Von den über 1000 verhafteten Geiseln seien rund 50 Prozent nach Deutschland verschleppt worden, von denen nur eki Drittel nach der Befreiung wieder zurück- kehrte. Der Ankläger behauptete ferner, daß Falkenhausen und seine Mitangeklagten die antisemitische Politik und die Politik der Arbeitsverpflichtungen streng befolgt hätten. Die meisten der sogenannten freiwilligen Arbeiter, die sich bis zum Herbst 1942 gemeldet hatten, seien durch moralischen Zwang verpflichtet gewesen, diese Arbeit aufzunehmen. Der Anklagevertreter erklärte weiter, Falkenhausen habe direkten Einfluß auf die Verfolgung der Arbeitsverweigerer gehabt. Ihm hätten der Zivilfahndungsdienst Sauckels und die Feldgendarmerie unterstanden, die gemeinsam mit Einheiten des Heeres auf die Arbeitsdienstverweigerer Jagd machten. Fal kenhausen habe auch nicht gezögert, in solchen Fällen das Prinzip der Sippenhiaft anzuwenden.
Closon schloß sein Plädoyer mit dem Bemerken, daß, wenn Belgien noch einmal von einem fremden Land besetzt werden sollte, die Besatzungsmächte wüßten, woran sie sich zu halten hätten, da das Urteil gegen Falkenhausen und seine Mitangeklagten als Beispiel bestehen bleiben werde.
Gnadengesuch für Raeder und Dönitz
BONN . Der ehemalige Generaladmiral Konrad Albrecht hat im Namen aller ehemaligen Angehörigen der deutschen Marine an die Staatsoberhäupter der Ver einigten Staaten , Großbritanniens und Frankreichs ein Gnadengesuch für die beiden früheren Großadmirale Erich Raeder und Karl Dönitz gerichtet. In dem Gesuch wird darauf hingewiesen, daß es eine alte Tradition ist, nach einem Kriege eine Amnestie für solche Strafen zu gewähren, die auf den Krieg' zurück auführen seien. „Zu einem Zeitpunkt, an dem Deutschland aufgerufen wird und bereit ist, einen Beitrag zum Schutze Europas und zur Rettung seiner Zivilisation zu leisten, bitten gerade wir ehemaligen Soldaten darum, die moralischen Voraussetungen dafür au
WETTERVORHERSAGE
des Amtlichen Landeswetterdlenstes
Das umfangreiche Tief über dem Mittel meer bringt über Mitteleuropa weiterhin vielfach Schneefälle, über dem Gebiet der Ostalpen, Oesterreich und Ungarn Regen. Gleichzeitig setzt sich auf der Ostseite eines skandinavischen Hochs Kaltluft nach Süden in Bewegung, sie verursacht wieder Frostverschärfung. Aussichten bis Donnerstagabend: Weiterhin neblig, trübe und fortdauernde Neigung zu leichten Niederschlägen, meist Schneefälle. Temperaturen in den Niederungen zwischen 0 und minus 4 Grad, im Schwarzwald zwischen minus 4 und minus 8 Grad.
und Zwangsarbeitern beschuldigt
schäften, und beiden Großadmiralen die Freiheit wieder zu geben“, heißt es in dem Schreiben.
Soldaten wollen Gleichberechtigung
KIEL . Die völlige Gleichberechtigung deutscher Soldaten im Falle eines deut schen Verteidigungsbeitrags forderte der Präsident des „Bundes versorgungsberech- tigter ehemaliger Wehrmachtsangehöriger und ihrer Hinterbliebenen“ (BVW), Admiral a. D. Gottfried Hansen . In einem Brief, den er zum Weihnachtsfest an amerikanische und europäische Staatsmänner und die alliierten Hohen Kommissare in Deutschland richtete, vertritt Hansen die Ansicht, daß bei der Eingliederung und Stärke deutscher Kontingente und Stäbe in eine gemeinsame Abwehr- front nur das Streben nach höchster militärischer Leistungsfähigkeit eine Rolle spielen dürfe.
Undenkbar sei es dabei, soldatische Pflichterfüllung von Deutschen zu verlangen, so lange ehemalige Wehrmachtsangehörige noch in Gewahrsam derjenigen Völker sind, mit denen zusammen sie für den Weltfrieden einstehen sollten. Hansen empfahl eine allgemeine Amnestie, die zwar noch nicht die Rechtsfrage kläre, aber das Problem, am schnellsten löse.
„Gerechtigkeit für Krupp"
ESSEN . Der durch seinen Kampf gegen die Demontagepolitik bekanntgewordene Sekretär des amerikanischen Nationalrats für die Verhinderung des Krieges, Frede- rick Lifofoy, forderte eine sofortige Revision der Urteile gegen Alfred Krupp und seine Direktoren. Die alliierten Hohen Kommissare sollten zum Jahresende im Namen der Gerechtigkeit und des internationalen guten Willens eine Generadamnestie für die in ihrem Bereich inhaf- I
ROM. (Z.GL.-Eigenbericht.) Die allerletzten Tage des italienischen Faschismus brachen noch nicht an. Wütend stopfte Innenminister Scelba seinen „Gesetzentwurf zur Unterdrückung faschistischer und radikal-politischer Aktivität“ in die braune Ledertasche. Liberale und Kommunisten hielten wie Pech und Schwefel zusammen und retteten damit den M.S.I., die „Italienische Sozialbewegung“, vor dem Verbot. Das vom Ministerrat befürwortete Gesetz kam nicht auf die Vordringlichkeitsliste des Parlaments. Es muß jetzt den normalen Weg über die beiden Kammern nehmen. Und das dauert mindestens ein halbes Jahr. Das Eingreifen von Liberalen und Kommunisten geschah nicht van ungefähr: die einen wollen keine Ausnahmegesetze der Regierung; di,e Kommunisten aber fürchten ein verkapptes Manöver gegen ihre eigene Agitation.
Inzwischen ist die neo-faschistische Bewegung Italiens erheblich angewachsen: sie zählt 400 000 eingeschriebene Mitglieder. Weitere 250 000 marschieren in den Jugend- und Studentenbewegungen. An den Universitäten von Bari , Palermo , Neapel und Pavia machen die MSI-Leute das politische Konzert. Die Frauenbewegung des MSI ist neben derjenigen der Kommunisten die einzig bedeutende in Italien . Die Organisation ist streng nach dem alten PNF kopiert: 90 Provinzfede- rationen und 2300 Ortsgruppen. Auf 1,8 Millionen MSI-Sympathiesierende schätzt man heute. Bei den letzten Wahlen vom April 1948 hatte sich die Ende 1946 gegründete Partei noch nicht durchorgani- siert. Fanatismus, Gummiknüppel, Krawall und Märtyrer: alles ist wieder wie einst. Man sieht wieder den Faschistengruß, hört die „Giovinezza“ und spürt in Südtirol die Hetze gegen das Deutschtum.
tlerten Kriegsverbrecher erlassen. Ausgenommen hiervon müßten diejenigen sein, die sich aus reinem Sadismus vergangen haben. Kriegsverbrechen seien auch bei anderen Nationen vorgefcommen, selbst bei jenen, die heute als Richter über ihre besiegt«! Gegner fungierten,
Frankreich plant 15 Divisionen
PARIS . Die französische Regierung will noch in dieser Woche dem Parlament ein Ajufrüstungsprogramm vorlegen, das bis zum Jahre 1953 die Aufstellung von 15 modern bewaffneten Divisionen „für die Verteidigung Europas in Friedenszeiten“ vorsieht. Dieses Programm wird den Verteidigungshaushalt um 65 Prozent erhöhen und dem französischen Steuerzahler eine zusätzliche Last von sieben bis acht Prozent aufbürden. Die Kosten für das neue Verteidigungsprogramm betragen 355 Milliarden Francs. Der Verteidigungshausäalt Frankreichs erhöht sich damit für 1951 auf 740 Milliarden Francs gegen 449 Milliarden Franc» im laufenden Jahr.
MÜNCHEN . Die staatliche Erfassungs- gesellschaft für öffentliches Gut hat in diesen Tagen mit der Rüdegabe von etwa 20 Prozent der gegenwärtig noch bei ihr lagernden Bestände an technischem Material und anderen militärisch verwendbaren Ausrüstungsgegenständen an die US- Armee begonnen, teilt die Geschäftsleitung der STEG mit. Diese Bestände wurden nach dem Krieg durch einen Vertrag zwischen dem Wirtschaftsrat des Vereinigten Wirtschaftsgebietes ynd der USA -Re- gierung der STEG zur Verwertung für die deutsche Wirtschaft übergeben.
BERLIN . Die Kampfgruppe gegen Un - menschlichkeit hat Stalin zum 71. Geburtstag einen acht Kilogramm schweren Stacheldrahtkranz geschickt. Der geschäftsführende Leiter der Kampfgruppe, Tillich, lieferte das Paket auf dem Postamt in Berlin-Charlottenburg aut
Es herrscht keine Einigkeit unter Mus solinis späten Jüngern. Parteichef ist jetzt Augosto De Marsanich, der mit Kirche und Monarchie liebäugelt Anfang 1950 trat der grauhaarige Sechzager an die Stelle des hitzköpfigen jungen Almirante, dem immerhin das Verdienst zufällt, die beachtliche Organisation geschickt auf die Beine gestellt zu haben.
„Der Faschismus ist tot. Laßt uns in Frieden“, sagt die alte noch überlebende Gärde Mussolinis ; Bottai , De Vecchi , Grandi, Alfieri. Zum Teil sind sie wieder in Italien . Einige sitzen im sicheren Schatten General Perons . Zwischen Marsanich, Almirante und den „Alten“ stehen mindestens zwei Dutzend Grüppchen: sie zeigen Sympathie für Kommunisten, Amerikaner oder Deutsche , sind anlehnungsbedürftig bei Marx, Trotzky oder dem jungen Mussolini von 1920.
Aus den Zeitungskiosken sprießen die verschiedenfarbigen MSI - Blüten: Fünf Wochenzeitungen. „Rivelta Ideale“ vertritt die offizielle Parteilinie mit wöchentlich 90 000 Exemplaren. Dieser Tage kam „Patria degi Italiani“ hinzu. Eine derartige Zeitungspropaganda kann eine Partei allein nicht bezahlen. Die italienischen Massenparteien haben schon Mühe, ein einziges Partedblatt über Wasser zu halten. So fehlt es heute nicht an Kombinationen; „Wer zahlt der MSI die Gelder?“ „Die italienischen Zeitungen stellen umfangreiche Vermutungen an: von General Franco über General Peron, bis zu italienischen Industriellen und dem ehemaligen britischen Faschistenführer, Sir Oswald Mosley .
Soviel ist sicher: Geld ist da. Und randaliert wird kräftig: gegen alle und alles; einschließlich Aufrüstung, Atlantikpakt und Kommunismus.
Mit „Dr. Francois Weismann“ war der Brief unterzeichnet, mit dem che Fürstin von Liechtenstein vor einiger Zeit gebeten wurde, dem Absender die Niederlassung in Vaduz zu ermöglichen. Der Mann schien in Ordnung, denn seinem Schreiben lagen mehrere empfehlende Briete der Großher- zogin von Luxemburg bei, so daß der Fürstin der Entschluß, der Bitte des Gesuchsstellers zu entsprechen, nicht schwer wurde. Daß „Dr. Weisman“ dann trotzem nicht in Vaduz eintraf, war auf die Indiskretion deutscher Polizeibehörden zu- rückzuführen, die — mit mehrjähriger Verspätung freilich — dem Petenten eingehender auf den Zahn gefühlt hatte und dabei auf Diinge gekommen waren, die es geraten erscheinen ließen, der beabsichtigten Reise nach Liechtenstein einen Riegel (und zwar einen zuverlässigen) vorzuschieben.
„Dr. Francois Weismann“ ist identisch mit dem seinerzeit wegen Raubmordes zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilten, aber dann begnadigten Franz Xaver Weiß aus Linz in Oberösterreich , der vorher schon in München wegen Raubmordversuches abgeurteüt worden war. Nach einem Diebstahl für anderthalb Jahre in ein bayerisches Zuchthaus geschickt, war es ihm geglückt, schon nach kurzer Haftzeit auszubrechen, worauf er zur Fremdenlegion ging, bei der es ihm aber gleichfalls nicht lange behagte, so daß er nach kaum einem Jahr desertierte. Auf dem Umweg über Spanisch-Marokko kam er illegal nach Frankreich und kehrte von da nach Deutschland zurück, wo sich ihm — nach dem Zusammenbruch 1945 — ein ergiebiges Betätigungsfeld zu erschließen begann.
Im Sommer 1945 ließ der einstige Raubmörder sich beim Kardinal von München melden. Er trug einen tadellosen Maßanzug und machte durchaus den Eindruck eines gepflegten und seriösen Mannes. „Ein Repräsentant Frankreichs möchte dem Herrn Kardinal seine Aufwartung machen“, sagte er zu dem Sekretär, dem er während der Wartezeit verriet, daß er Jahre im Konzentrationslager verbracht habe. Zur Zeit sei er im Kurhotel in Bad Reichenhall abgestiegen, um sich von dem Martyrium der langen Haftzeit zu erholen. Er habe das begreifliche Bedürfnis, den Kardinal kennen zu lernen, in d«n er einen bewunderswerten Hort des Widerstandes gegen Hitler erblicke. Dem Kardinal, dem er kurz darauf gegenübersaß, erzählte er ausführlich seine Erlebnisse im Konzentrationslager und hob rühmend die Fürsorge hervor, die den Gefangenen durch die ins KZ gebrachten Geistlichen zuteil geworden war. Der Kirchenfürst, sichtlich beeindruckt von den Darlegungen des Besuchers, überreichte ihm zum Abschied sein Porträt mit handschriftlicher Widmung und gab ihm gute Wünsche für die Zukunft mit auf den Weg. Er konnte nicht ahnen, daß er mit der Widmung dem „französischen Wissenschaftler“ ein Dokument von imschätzbarem Werte in die Hand gegeben hatte.
In Bad Reichenhall fand „Monsieur le Docteur“ überall offene Türen. Er erzählte, daß er während des Krieges im Aufträge des französischen Nachrichtendienstes in Deutschland tätig gewesen sei. Zugleich sei er Kurier des Kardinals zum Heiligen Stuhl gewesen und hätte in dieser Eigenschaft eine Menge von Geheimdokumenten über die Alpen gebracht. Um jedem Zweifel an seinen Behauptungen zu begegnen, wies er das in München erhaltene Bild mit der persönlichen Widmung des Kardinals vor. Man glaubte ihm, und man zweifelte auch nicht an der Wahrheit seiner Worte, er erzählte, daß er ein persönlicher Freund Leon Blums gewesen sei, von der französischen Regierung mit Sonderaufträgen betraut wäre, von der Großherzogin von Luxemburg bei wichtigen Entscheidungen als Ratgeber herangezogen
würde — und so weiter. Schließlich erklärte „Dr. Francois Weismann“ den Rei- chenhialler Behörden, alliierte Stellen hätten ihn damit beauftragt, die im Gebiet von Reichenhall vermuteten „Göring- Schätze“ aufzuspüren und die Medikamen- tenlager des Leibarztes von Hitler , Dr. Morell , sicherzustellen. Es war dem Hochstapler gelungen, festzustellen, daß sich in den Schächten des Reicbenhaller Salzbergwerkes gewaltige Werte befanden, die von den einstigen Reichsbehörden eingelagert worden waren, um sie vor der Vernichtung bei Luftangriffen zu bewahren. „Dr. Weismann“ verstand es in der Tat, sich Zutritt zu diesen Schätzen zu verschaffen, und damit stand ihm die Möglichkeit zu einem Beutezug unvorstellbaren Ausmaßes offen: große Medikamentenlager, der gesamte Maschinenpark einer Dresdener Zigarettenfabrik, die kostbaren Sammlungen der größten österreichischen Briefmarkenfirma und vierzig vollgepackte Kisten mit Kunstschätzen aus bayerischem Staatsbesitz wurden auf den Lieferwagen „Dr. Weismann“ verladen und weggeschafft; die Schätze, deren Wert mit mehreren Millionen angegeben wird, nahmen zum Teil ihren Weg ins Ausland, wobei eine von dem „Kurier des Karinals“ ins Leben gerufene Bande von Schmugglern wertvolle Hilfe leistete.
Der ehemalige Raubmörder ließ es sich an diesem Coup nicht genügen. Die Leichtigkeit, mit der er alle seine bisherigen Pläne hatte ausführen können, verlockte ihn zu neuen Abenteuern. So lud er eines Tages eine Anzahl von Pressevertretern zu einer Konferenz ein, bei der er seine neueste medizinische Erfindung vorführte: „Myrthylin“, so hieß er das Präparat, das er als Super-Insulin bezeichnete, würde die Bedeutung des Insulins (das zu jener Zeit nur schwer und zu hohen- Preisen auf dem Schwarzen Markt erhältlich war) in jeder- Hinsicht weit übertreffen. Die über ,Myrthylin“ erschienenen Berichte fänden in der Oeffentlkhkeit ein starkes Echo, und „Dr. ehern. Weismann “ konnte alsbald kaum mehr der gewaltigen Nachfrage nach dem wundertätigen Heilmittel entsprechen. Die Kranken zahlten jeden gewünschten Preis.
Aber dann kam der Tag, an- dem die Glückssträhne für den einstigen Zuchthäusler Franz Xaver Weiß aus Linz jäh abreißen sollte: einer der Kranken hatte festgestellt, daß das Wundermittel .Myrthylin“, das „Super-Insulin“, nichts anderes war als ein aus geriebenen grünen Kaffeebohnen hergestelltes Pülverchen. Der Betrogene erstattete Anzeige, und nun nahm sich die Polizei den .Herrn Doktor“ genauer unter die Lupe. Da« Ergebnis der Untersuchung war überraschend genug: die Papiere des „Dr. ehern. Weis mann “ waren sämtlich gefälscht oder ähnlich wie das Münchener Kardinalbild erworben. Der Hochstapler mochte fühlen, daß sich das Verhängnis über ihm zusairt- menzuziehen begann, und so wandte er sich an die Fürstin von Liechtenstein mit der schon erwähnten Bitte, ihm Einreise ins Fürstentum und Niederlassung in Va duz zu ermöglichen. Unnötig, zu sagen, daß die seinem Brief beigelegten Empfehlungsschreiben der Großherzogin von Luxemburg geschickte Fälschungen waren.
Statt in Vaduz die Früchte seines raffinierten- Beutezuges genießen zu können, mußte der „Kurier des Kardinals“, Raubmörder Franz Xaver Weiß, mit einer Zelle des Traunsteiner Langerichts voriieb nehmen. Er sieht dort reiner Aburteilung entgegen. Dr. Tf.
SÜDKURIER
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Galgenfrist für Neofaschismus in Italien
Kein netier Duce zu finden — Uneinigkeit unter Mussolini » späten Jüngern
Der bekannte Freiburger Komponist, Professor Dr. Julius Weismann , ist am 22. Dezember in Singen gestorben.
Wenige Tage vor Vollendung seines 71. Lebensjahres, verschied Julius Weismann . Am hohen Weihnachtstag wurde er auf dem winterlichen Friedhof von Nußdorf am Ueberlinger See zur letzten Ruhe gebettet.
Sein Heimgang reißt eine empfindliche Lücke in die Sfront. der deutschen Tonsetzer, welche inmitten des Aufstiegs einer neuen Musik ihre klassische Sehnsucht in ein romantisches Gewand hüllten. In Weismann verlieren wir einen Musiker von reichen Gnaden, dessen lautere, männlich-herbe und doch so liebenswerte Wesensart und Gesinnung ihn zu einer führenden Aufgabe bestimmt erscheinen ließen. Doch in der Stille, abseits des Tagesgeräuschs, wuchs sein Lebenswerk, dessen stolze Fülle stärker war als der Widerstand, der dem Komponisten wie allen schöpferischen Menschen durch das Trägheitsgesetz der Menge entgegengesetzt wurde.
Ein unablässiges Ringen um Form und Gehalt, um ein zuchtvolles Gestalten, führten den jugendlichen Musikstudenten vom urmusikalischen Gelehrtenhaus in der schönen Breisgaustadt nach Berlin , München , in die Schweiz bis an den Bo densee , der Heimat der Mutter, wo der Komponist ein zweites Zuhause fand. Von der Improvisation am Klavier ausgehend, entstanden die ersten Klavierwerke. Ihnen folgten als kontrapunktische Studien Inventionen. Sie erhielten eine bedeutsame Krönung mit den 24 Präludien und Fugen des „Fugenbaum“ opus 150, einem in Bachscher Strenge und Prägnanz gearbeiteten Alterswerk von großer Gestaltungskraft und geistiger Konzentration, das mit Recht als das wohltemperierte Klavier des 20. Jahrhunderts bezeichnet werden kann. Echte melodische Erfindung offenbaren
zum Gedächtnis
die vom Kinder- und Volkslied angeregten volkstümlichen Lieder und zahlreichen Kunstlieder, welche feinempfundene Ausstrahlungen eines starken Naturempfindens in sich schließen. Als polare Ergänzung zu dieser mehr romantisch-lyrischen Seite erscheint uns das fruchtbare Opernschaffen mit seiner kraftvollen Dramatik. Von den in der musikalischen Fachwelt beliebten und geschätzten 6 Opern und 2 Tanzspielen behaupteten sich durch ihre starke Tiefenwirkung besonders „Schwanenweiß“, „Gespenstersonate “, beide nach Strindberg, „Die pfiffige Magd“ und die „Tanzfantasie“. Der an kammermusikalischen Werken mannigfaltiger Besetzung geschulte und verfeinerte Klangsinn drängte in zahlreichen Orchesterwerken zur harmonisch freien Verwirklichung Merkwürdigerweise sind die Männer- und Frauenchorwerke von Weismann nicht so bekannt, wie sie es verdienten. Der 1950 urauf geführte dreiteilige „Wächterruf 1 opus 151 nach einem Gedicht unseres alemannischen Poeten Johann Peter Hebel ist eine wertvolle Bereicherung der in den letzten Jahren wenig gepflegten Gattung des orchesterbegleiteten Chorwerkes. Er ist zusammen mit dem gewaltigen „Geistlichen Abendlied“ nach Rudolf Alexander Schröder , einem vierstimmigen Männerchor, der noch der Uraufführung harrt, ein groß gesehener Versuch, das chaotische Erlebnis unserer Tage zu ordnen, es im innerlich frommen Bereich der Musik unter den Zeichen der Ewigkeit zu sehen und zu begreifen.
Unter den großen Komponisten der Vergangenheit und Gegenwart nimmt der in seiner alemannischen Heimat festverwurzelte Weismann durch seinen ursprünglichen, sehr eigengeprägten Stil einen Platz ein, wie ßr nur großen Persönlichkeiten zukommt. Innere menschliche Größe, Vornehmheit und Edelmut sprechen aus einer reifen Kunst, in der Mensch und Werk eins sind. ‘Die mit höchster
Meisterschaft beherrschte Technik des Tonsatzes ist niemals Selbstzweck, stets ist die Musik Sprache der Seele. Aus allen Werken spricht eine starke Phantasie, eine ausgesprochen geistige Haltung, ein Unberührtsein, eine Leichtigkeit der Erfindung, Geschenke der Musen.
So hat sich Weismann früh durchgesetzt und manche Auszeichnung erfahren. 1932 wurde ihm der Beethovenpreis verliehen. 1939 erhielt er als erster deutscher Komponist den Bachpreis und wurde Mitglied der Berliner Akademie 'der Künste. Wie seinem Vater, den berühmten Zoologen August Weismann , wurde ihm die Ehrenbürgerschaft seiner Heimatstadt Freiburg zuteil. Dem toten Meister schulden wir alle Dank. Sein reiches und köstliches Erbe zu klingendem Leben zu erwecken, auf daß es Früchte bringe, soll uns Vermächtnis und Verpflichtung sein.
Dr. Julius A m a n n
Die Wissenschaft vom Lärm
Die moderne Kultur, die unsere Herzen mit Stolz erfüllt, peinigt unsere- Ohren mit Lärm, Schopenhauer beschwerte sich über das Peitschenknallen. Sein berühmtes Kapitel über „Lärm und Geräusch“ war die Beschwerde eines empfindlichen •Mannes, der gern in Ruhe Bücher schrieb. Die Peitschen knallten weiter. Inzwischen starb die Peitsche aus. Grellere Töne haben sie verdrängt. Preßlufthämmer und Hupen, Lautsprecher in allen Etagen, Staubsauger und Düsenjäger, Fernlastzüge Tag und Nacht, Traktoren, Ausrufer und Sirenen — sie verüb«i unermüdliche Angriffe auf unser Gehör. Nur auf das Gehör?
Nein, die Wirkung greift tiefer. Aerzte haben entdeckt, daß Lärmvorgänge organische Folgen haben. Mit dem anhaltenden Klirren eines Schlüsselbunde» kann man den Tod einer Maus herbeiführen. Der Mensch verträgt mehr. Aber auch er nimmt Schaden. Es gibt akustische Meßverfahren, deren Einheit das Phon ist Man kann in Phon angeben, wo für den Men
schen die Schmerzgrenze bei Schalleinwirkungen liegt.
Kürzlich ist die internationale Gesellschaft für Audiologie gegründet worden, die auch deutsche Mitglieder hat. Sie will die Zusammenhänge erforschen, die zwischen dem Lärm, vor allem dem Großstadtlärm, und dem menschlichen Organismus bestehen. Der Bonner Gelehrte Prof. Dr. Langenbeck und der Frankfur ter Ohrenarzt und Gehörspezialist Dr. Volz gehören der Gesellschaft an. In Frankfurt soll ein audiologisches Versuchslaboratorium eingerichtet werden.
Wenn man mit Menschen über den Lärm ihrer Umgebung spricht hört man oft die Redensart: „Daran gewöhnt man sich.“ Nein, man gewöhnt sich nicht an Lärm. Nur die oberen Bewußtseinsschichten vollziehen eine gewisse Anpassung. Die Tiefenschichten unseres Organismus bleiben auch bei dauernder „Beschallung“ (ein neuer Fachausdruck) in Abwehrstellung gegen den Lärm. Diese Abwehr nutzt besonders die Nerven ab und zieht Herz, Drüsensekretion und Verdauungsorgane in Mitleidenschaft. Bei Kindern in lärmer- füllten Stadtvierteln wurden Wachstumsstörungen beobachtet. Auch die Leistungen in der Schule gehen zurück. Bei Erwachsenen, die in sehr lauten Betrieben arbeiten, sinkt die Leistung nach drei Stunden Arbeitszeit um 20 bis 30*/o. Mit Lärm beschallte Versuchstiere zeigten nach einer gewissen Zeit unverkennbare Degenerationserscheinungen.
Die Forschung steht hier am Anfang. Man hat bis jetzt nur hie und da etwas gegen den Kulturlärm getan. Die Polizei verbot übermäßiges Hupen und schrieb Auspufftöpfe vor. Musik und Teppichklopfen in den Höfen ist zu gewissen Zeiten verboten. Wenn die Audiologen eines Tages den Nachweis bringen, daß der Lärm Krankheiten erzeugt, wird man ihm* aufmerksamer begegnen. Trotz aller Schalldämpfung wird es um uns lauter und lauter. Die Rücksicht auf den krank«! Nach
barn, den Schopenhauer von nebenan, der in Ruhe arbeiten will, gibt es im Grunde nicht. Wir sind Egoisten. Wir denken nicht über die vier Wände hinaus. Es hat keinen Zweck, daß man uns bittet und anfleht. Erst wenn wir hören, daß wir uns mit dem Lärm einen Krankheitsbringler zu Gast geladen haben, werden wir uns auf die Stille besinnen. Wenn Dichter und Träumer die Stille preisen, hält man sie für Narren. Aber dem Arzt, der eines Tages den Lärm als Krebserzeuger entlarven würde, wird man gehorchen, w. S-
KULTURNACHRICHTEN
Walter Johannes Damroscb, Dirigent und „Vater“ des New Yorker Symphonie-Orchesters, ist in New York im Alter von 88 Jahren einem Herzschlag erlegen. Der in Breslau geborene Musiker war Schüler bei seinem Vater, Dr. Leo pold Damrosch , bei Dräseke/Dresden und Hans von Bülow , und kam schon jung mit seinem Vater und Bruder Frank nach Amerika . Dort hatte der Verstorbene 1894 die „Damrosch Opera Company“ gegründet, mit der er in den Großstädten der USA vor allem deutsche Musik — besonders Wagner-Werke — aufführte. 1903 wurde das New Yorker Symphonie-Orchester unter seiner Leitung als ständige Körperschaft reorganisiert. Erst im Jahre 1927 trat er im Alter von 65 Jahren von diesem Posten zurück.
Trilussa , der bekannte italienische Dichter, ist in Rom im Alter von 79 Jahr«» gestorben, Trilussa , mit bürgerlichem Namen Carlo Alberto Salus tri, wurde vor allem durch seine zahlreichen Fabeln, Märchen und Erzählungen, so „Die Entdeckung von Amerika “, bekannt. Sein®® ersten Gedichtband „Die Sterne von Rotn schrieb er im Alter von vierzehn Jahren*
Kardinal Spellman, der Erzbischof von New York , hat unter dem Titel „Da* Findelkind“ seinen ersten Roman voll' endet, der zunächst im Feuilletonteil ei°Ä Zeitschrift veröffentlicht werden soll.