Mittwoch, 27. Dezember 1950

SÜDKURIER

Nr. 164 / Seite*

Zwangsarbeit für Falkenhausen gefordert

Der Deportation von Geiseln, Juden

„Der Kurier des Kardinals“

Er. wollt« nach Liechtenstein und landete im Traunstei^er Gefängnis

BRÜSSEL. Der Anklagevertreter im Brüsseler Kriegsverbrechen - Prozeß for­derte in seinem Plädoyer 20 Jahre Zwangs­arbeit für den früheren Militärgouverneur Alexander von Falkenhausen und den frü­heren Leiter der Militärverwaltung in Bel­ gien , Eggert Reeder . Für die beiden ande­ren Angeklagten, Bertram und von Claer, forderte der Anklagevertreter je 15 Jahre Zwangsarbeit. Vorher hatte sich der An­kläger ausführlich mit den Deportationen von Geiseln, Juden und Zwängsarbedtem befaßt Zur Unterstützung seiner Argu­mente bediente er. sich wieder der Haager und der Genfer Konventionen , die eine Verschleppung von Unschuldigen verbieten. Es müsse zwar eingeräumt werden, sagte er, daß eine Besatzungsmacht gewisse Maßnahme zur Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung treffen müsse. Verhaf­tungen dürften aber nur erfolgen, wenn wirklich ein Grund vorhanden ist.

Der Ankläger versuchte dann zu bewei­sen, daß Falkenhausen und Reeder nicht nur über alle Maßnahmen informiert waren, sondern diese auch unterstützten. Von den über 1000 verhafteten Geiseln seien rund 50 Prozent nach Deutschland verschleppt worden, von denen nur eki Drittel nach der Befreiung wieder zurück- kehrte. Der Ankläger behauptete ferner, daß Falkenhausen und seine Mitangeklag­ten die antisemitische Politik und die Poli­tik der Arbeitsverpflichtungen streng be­folgt hätten. Die meisten der sogenannten freiwilligen Arbeiter, die sich bis zum Herbst 1942 gemeldet hatten, seien durch moralischen Zwang verpflichtet gewesen, diese Arbeit aufzunehmen. Der Anklage­vertreter erklärte weiter, Falkenhausen habe direkten Einfluß auf die Verfolgung der Arbeitsverweigerer gehabt. Ihm hätten der Zivilfahndungsdienst Sauckels und die Feldgendarmerie unterstanden, die gemein­sam mit Einheiten des Heeres auf die Ar­beitsdienstverweigerer Jagd machten. Fal­ kenhausen habe auch nicht gezögert, in solchen Fällen das Prinzip der Sippenhiaft anzuwenden.

Closon schloß sein Plädoyer mit dem Be­merken, daß, wenn Belgien noch einmal von einem fremden Land besetzt werden sollte, die Besatzungsmächte wüßten, woran sie sich zu halten hätten, da das Ur­teil gegen Falkenhausen und seine Mit­angeklagten als Beispiel bestehen bleiben werde.

Gnadengesuch für Raeder und Dönitz

BONN . Der ehemalige Generaladmiral Konrad Albrecht hat im Namen aller ehe­maligen Angehörigen der deutschen Ma­rine an die Staatsoberhäupter der Ver­ einigten Staaten , Großbritanniens und Frankreichs ein Gnadengesuch für die bei­den früheren Großadmirale Erich Raeder und Karl Dönitz gerichtet. In dem Gesuch wird darauf hingewiesen, daß es eine alte Tradition ist, nach einem Kriege eine Am­nestie für solche Strafen zu gewähren, die auf den Krieg' zurück auführen seien. „Zu einem Zeitpunkt, an dem Deutschland aufgerufen wird und bereit ist, einen Bei­trag zum Schutze Europas und zur Ret­tung seiner Zivilisation zu leisten, bitten gerade wir ehemaligen Soldaten darum, die moralischen Voraussetungen dafür au

WETTERVORHERSAGE

des Amtlichen Landeswetterdlenstes

Das umfangreiche Tief über dem Mittel­ meer bringt über Mitteleuropa weiterhin vielfach Schneefälle, über dem Gebiet der Ostalpen, Oesterreich und Ungarn Regen. Gleichzeitig setzt sich auf der Ostseite eines skandinavischen Hochs Kaltluft nach Süden in Bewegung, sie verursacht wieder Frost­verschärfung. Aussichten bis Donnerstag­abend: Weiterhin neblig, trübe und fort­dauernde Neigung zu leichten Niederschlägen, meist Schneefälle. Temperaturen in den Nie­derungen zwischen 0 und minus 4 Grad, im Schwarzwald zwischen minus 4 und minus 8 Grad.

und Zwangsarbeitern beschuldigt

schäften, und beiden Großadmiralen die Freiheit wieder zu geben“, heißt es in dem Schreiben.

Soldaten wollen Gleichberechtigung

KIEL . Die völlige Gleichberechtigung deutscher Soldaten im Falle eines deut­ schen Verteidigungsbeitrags forderte der Präsident des „Bundes versorgungsberech- tigter ehemaliger Wehrmachtsangehöriger und ihrer Hinterbliebenen“ (BVW), Ad­miral a. D. Gottfried Hansen . In einem Brief, den er zum Weihnachtsfest an amerikanische und europäische Staats­männer und die alliierten Hohen Kom­missare in Deutschland richtete, vertritt Hansen die Ansicht, daß bei der Einglie­derung und Stärke deutscher Kontingente und Stäbe in eine gemeinsame Abwehr- front nur das Streben nach höchster mili­tärischer Leistungsfähigkeit eine Rolle spielen dürfe.

Undenkbar sei es dabei, soldatische Pflichterfüllung von Deutschen zu ver­langen, so lange ehemalige Wehrmachts­angehörige noch in Gewahrsam derjeni­gen Völker sind, mit denen zusammen sie für den Weltfrieden einstehen sollten. Hansen empfahl eine allgemeine Amne­stie, die zwar noch nicht die Rechtsfrage kläre, aber das Problem, am schnellsten löse.

„Gerechtigkeit für Krupp"

ESSEN . Der durch seinen Kampf gegen die Demontagepolitik bekanntgewordene Sekretär des amerikanischen Nationalrats für die Verhinderung des Krieges, Frede- rick Lifofoy, forderte eine sofortige Revi­sion der Urteile gegen Alfred Krupp und seine Direktoren. Die alliierten Hohen Kommissare sollten zum Jahresende im Namen der Gerechtigkeit und des inter­nationalen guten Willens eine Generad­amnestie für die in ihrem Bereich inhaf- I

ROM. (Z.GL.-Eigenbericht.) Die aller­letzten Tage des italienischen Faschismus brachen noch nicht an. Wütend stopfte In­nenminister Scelba seinen „Gesetzentwurf zur Unterdrückung faschistischer und ra­dikal-politischer Aktivität“ in die braune Ledertasche. Liberale und Kommunisten hielten wie Pech und Schwefel zusammen und retteten damit den M.S.I., die „Italie­nische Sozialbewegung“, vor dem Verbot. Das vom Ministerrat befürwortete Gesetz kam nicht auf die Vordringlichkeitsliste des Parlaments. Es muß jetzt den normalen Weg über die beiden Kammern nehmen. Und das dauert mindestens ein halbes Jahr. Das Eingreifen von Liberalen und Kommunisten geschah nicht van unge­fähr: die einen wollen keine Ausnahme­gesetze der Regierung; di,e Kommunisten aber fürchten ein verkapptes Manöver ge­gen ihre eigene Agitation.

Inzwischen ist die neo-faschistische Be­wegung Italiens erheblich angewachsen: sie zählt 400 000 eingeschriebene Mitglie­der. Weitere 250 000 marschieren in den Jugend- und Studentenbewegungen. An den Universitäten von Bari , Palermo , Neapel und Pavia machen die MSI-Leute das politische Konzert. Die Frauenbewe­gung des MSI ist neben derjenigen der Kommunisten die einzig bedeutende in Italien . Die Organisation ist streng nach dem alten PNF kopiert: 90 Provinzfede- rationen und 2300 Ortsgruppen. Auf 1,8 Millionen MSI-Sympathiesierende schätzt man heute. Bei den letzten Wahlen vom April 1948 hatte sich die Ende 1946 ge­gründete Partei noch nicht durchorgani- siert. Fanatismus, Gummiknüppel, Kra­wall und Märtyrer: alles ist wieder wie einst. Man sieht wieder den Faschisten­gruß, hört die „Giovinezza“ und spürt in Südtirol die Hetze gegen das Deutschtum.

tlerten Kriegsverbrecher erlassen. Ausge­nommen hiervon müßten diejenigen sein, die sich aus reinem Sadismus vergangen haben. Kriegsverbrechen seien auch bei anderen Nationen vorgefcommen, selbst bei jenen, die heute als Richter über ihre be­siegt«! Gegner fungierten,

Frankreich plant 15 Divisionen

PARIS . Die französische Regierung will noch in dieser Woche dem Parlament ein Ajufrüstungsprogramm vorlegen, das bis zum Jahre 1953 die Aufstellung von 15 mo­dern bewaffneten Divisionen „für die Ver­teidigung Europas in Friedenszeiten“ vor­sieht. Dieses Programm wird den Vertei­digungshaushalt um 65 Prozent erhöhen und dem französischen Steuerzahler eine zusätzliche Last von sieben bis acht Pro­zent aufbürden. Die Kosten für das neue Verteidigungsprogramm betragen 355 Mil­liarden Francs. Der Verteidigungshausäalt Frankreichs erhöht sich damit für 1951 auf 740 Milliarden Francs gegen 449 Milliar­den Franc» im laufenden Jahr.

USA kauft STEG-Ware zurück

MÜNCHEN . Die staatliche Erfassungs- gesellschaft für öffentliches Gut hat in diesen Tagen mit der Rüdegabe von etwa 20 Prozent der gegenwärtig noch bei ihr lagernden Bestände an technischem Ma­terial und anderen militärisch verwendba­ren Ausrüstungsgegenständen an die US- Armee begonnen, teilt die Geschäftslei­tung der STEG mit. Diese Bestände wur­den nach dem Krieg durch einen Vertrag zwischen dem Wirtschaftsrat des Vereinig­ten Wirtschaftsgebietes ynd der USA -Re- gierung der STEG zur Verwertung für die deutsche Wirtschaft übergeben.

Stacheldrahtkranz für Stalin

BERLIN . Die Kampfgruppe gegen Un - menschlichkeit hat Stalin zum 71. Geburts­tag einen acht Kilogramm schweren Sta­cheldrahtkranz geschickt. Der geschäfts­führende Leiter der Kampfgruppe, Tillich, lieferte das Paket auf dem Postamt in Berlin-Charlottenburg aut

Es herrscht keine Einigkeit unter Mus­ solinis späten Jüngern. Parteichef ist jetzt Augosto De Marsanich, der mit Kirche und Monarchie liebäugelt Anfang 1950 trat der grauhaarige Sechzager an die Stelle des hitzköpfigen jungen Almirante, dem immerhin das Verdienst zufällt, die be­achtliche Organisation geschickt auf die Beine gestellt zu haben.

„Der Faschismus ist tot. Laßt uns in Frieden“, sagt die alte noch überlebende Gärde Mussolinis ; Bottai , De Vecchi , Grandi, Alfieri. Zum Teil sind sie wieder in Italien . Einige sitzen im sicheren Schat­ten General Perons . Zwischen Marsanich, Almirante und den „Alten“ stehen min­destens zwei Dutzend Grüppchen: sie zei­gen Sympathie für Kommunisten, Ameri­kaner oder Deutsche , sind anlehnungsbe­dürftig bei Marx, Trotzky oder dem jun­gen Mussolini von 1920.

Aus den Zeitungskiosken sprießen die verschiedenfarbigen MSI - Blüten: Fünf Wochenzeitungen. „Rivelta Ideale“ ver­tritt die offizielle Parteilinie mit wöchent­lich 90 000 Exemplaren. Dieser Tage kam „Patria degi Italiani“ hinzu. Eine derar­tige Zeitungspropaganda kann eine Par­tei allein nicht bezahlen. Die italienischen Massenparteien haben schon Mühe, ein einziges Partedblatt über Wasser zu hal­ten. So fehlt es heute nicht an Kombina­tionen; „Wer zahlt der MSI die Gelder?“ „Die italienischen Zeitungen stellen um­fangreiche Vermutungen an: von General Franco über General Peron, bis zu italie­nischen Industriellen und dem ehemaligen britischen Faschistenführer, Sir Oswald Mosley .

Soviel ist sicher: Geld ist da. Und ran­daliert wird kräftig: gegen alle und alles; einschließlich Aufrüstung, Atlantikpakt und Kommunismus.

MÜNCHEN , Ende Dezember.

Mit „Dr. Francois Weismann“ war der Brief unterzeichnet, mit dem che Fürstin von Liechtenstein vor einiger Zeit gebeten wurde, dem Absender die Niederlassung in Vaduz zu ermöglichen. Der Mann schien in Ordnung, denn seinem Schreiben lagen mehrere empfehlende Briete der Großher- zogin von Luxemburg bei, so daß der Für­stin der Entschluß, der Bitte des Gesuchs­stellers zu entsprechen, nicht schwer wurde. Daß „Dr. Weisman“ dann trotzem nicht in Vaduz eintraf, war auf die Indiskretion deutscher Polizeibehörden zu- rückzuführen, die — mit mehrjähriger Verspätung freilich — dem Petenten ein­gehender auf den Zahn gefühlt hatte und dabei auf Diinge gekommen waren, die es geraten erscheinen ließen, der beabsich­tigten Reise nach Liechtenstein einen Rie­gel (und zwar einen zuverlässigen) vorzu­schieben.

„Dr. Francois Weismann“ ist identisch mit dem seinerzeit wegen Raubmordes zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilten, aber dann begnadigten Franz Xaver Weiß aus Linz in Oberösterreich , der vorher schon in München wegen Raubmordver­suches abgeurteüt worden war. Nach einem Diebstahl für anderthalb Jahre in ein bayerisches Zuchthaus geschickt, war es ihm geglückt, schon nach kurzer Haftzeit auszubrechen, worauf er zur Fremden­legion ging, bei der es ihm aber gleichfalls nicht lange behagte, so daß er nach kaum einem Jahr desertierte. Auf dem Umweg über Spanisch-Marokko kam er illegal nach Frankreich und kehrte von da nach Deutschland zurück, wo sich ihm — nach dem Zusammenbruch 1945 — ein ergiebiges Betätigungsfeld zu erschließen begann.

Im Sommer 1945 ließ der einstige Raub­mörder sich beim Kardinal von München melden. Er trug einen tadellosen Maßanzug und machte durchaus den Eindruck eines gepflegten und seriösen Mannes. „Ein Repräsentant Frankreichs möchte dem Herrn Kardinal seine Aufwartung machen“, sagte er zu dem Sekretär, dem er während der Wartezeit verriet, daß er Jahre im Konzentrationslager verbracht habe. Zur Zeit sei er im Kurhotel in Bad Reichenhall abgestiegen, um sich von dem Martyrium der langen Haftzeit zu er­holen. Er habe das begreifliche Bedürfnis, den Kardinal kennen zu lernen, in d«n er einen bewunderswerten Hort des Wider­standes gegen Hitler erblicke. Dem Kardi­nal, dem er kurz darauf gegenübersaß, er­zählte er ausführlich seine Erlebnisse im Konzentrationslager und hob rühmend die Fürsorge hervor, die den Gefangenen durch die ins KZ gebrachten Geistlichen zuteil geworden war. Der Kirchenfürst, sichtlich beeindruckt von den Darlegungen des Besuchers, überreichte ihm zum Abschied sein Porträt mit handschriftlicher Wid­mung und gab ihm gute Wünsche für die Zukunft mit auf den Weg. Er konnte nicht ahnen, daß er mit der Widmung dem „französischen Wissenschaftler“ ein Doku­ment von imschätzbarem Werte in die Hand gegeben hatte.

In Bad Reichenhall fand „Monsieur le Docteur“ überall offene Türen. Er er­zählte, daß er während des Krieges im Aufträge des französischen Nachrichten­dienstes in Deutschland tätig gewesen sei. Zugleich sei er Kurier des Kardinals zum Heiligen Stuhl gewesen und hätte in die­ser Eigenschaft eine Menge von Geheim­dokumenten über die Alpen gebracht. Um jedem Zweifel an seinen Behauptungen zu begegnen, wies er das in München erhal­tene Bild mit der persönlichen Widmung des Kardinals vor. Man glaubte ihm, und man zweifelte auch nicht an der Wahrheit seiner Worte, er erzählte, daß er ein per­sönlicher Freund Leon Blums gewesen sei, von der französischen Regierung mit Son­deraufträgen betraut wäre, von der Groß­herzogin von Luxemburg bei wichtigen Entscheidungen als Ratgeber herangezogen

würde — und so weiter. Schließlich er­klärte „Dr. Francois Weismann“ den Rei- chenhialler Behörden, alliierte Stellen hät­ten ihn damit beauftragt, die im Gebiet von Reichenhall vermuteten „Göring- Schätze“ aufzuspüren und die Medikamen- tenlager des Leibarztes von Hitler , Dr. Morell , sicherzustellen. Es war dem Hoch­stapler gelungen, festzustellen, daß sich in den Schächten des Reicbenhaller Salzberg­werkes gewaltige Werte befanden, die von den einstigen Reichsbehörden eingelagert worden waren, um sie vor der Vernichtung bei Luftangriffen zu bewahren. „Dr. Weis­mann“ verstand es in der Tat, sich Zu­tritt zu diesen Schätzen zu verschaffen, und damit stand ihm die Möglichkeit zu einem Beutezug unvorstellbaren Ausmaßes offen: große Medikamentenlager, der ge­samte Maschinenpark einer Dresdener Zigarettenfabrik, die kostbaren Sammlun­gen der größten österreichischen Briefmar­kenfirma und vierzig vollgepackte Kisten mit Kunstschätzen aus bayerischem Staatsbesitz wurden auf den Lieferwagen „Dr. Weismann“ verladen und wegge­schafft; die Schätze, deren Wert mit meh­reren Millionen angegeben wird, nahmen zum Teil ihren Weg ins Ausland, wobei eine von dem „Kurier des Karinals“ ins Leben gerufene Bande von Schmugglern wertvolle Hilfe leistete.

Der ehemalige Raubmörder ließ es sich an diesem Coup nicht genügen. Die Leich­tigkeit, mit der er alle seine bisherigen Pläne hatte ausführen können, verlockte ihn zu neuen Abenteuern. So lud er eines Tages eine Anzahl von Pressevertretern zu einer Konferenz ein, bei der er seine neueste medizinische Erfindung vorführte: „Myrthylin“, so hieß er das Präparat, das er als Super-Insulin bezeichnete, würde die Bedeutung des Insulins (das zu jener Zeit nur schwer und zu hohen- Preisen auf dem Schwarzen Markt erhältlich war) in jeder- Hinsicht weit übertreffen. Die über ,Myrthylin“ erschienenen Berichte fänden in der Oeffentlkhkeit ein starkes Echo, und „Dr. ehern. Weismann “ konnte alsbald kaum mehr der gewaltigen Nachfrage nach dem wundertätigen Heilmittel entsprechen. Die Kranken zahlten jeden gewünschten Preis.

Aber dann kam der Tag, an- dem die Glückssträhne für den einstigen Zucht­häusler Franz Xaver Weiß aus Linz jäh abreißen sollte: einer der Kranken hatte festgestellt, daß das Wundermittel .Myr­thylin“, das „Super-Insulin“, nichts ande­res war als ein aus geriebenen grünen Kaffeebohnen hergestelltes Pülverchen. Der Betrogene erstattete Anzeige, und nun nahm sich die Polizei den .Herrn Doktor“ genauer unter die Lupe. Da« Er­gebnis der Untersuchung war überraschend genug: die Papiere des „Dr. ehern. Weis­ mann “ waren sämtlich gefälscht oder ähn­lich wie das Münchener Kardinalbild er­worben. Der Hochstapler mochte fühlen, daß sich das Verhängnis über ihm zusairt- menzuziehen begann, und so wandte er sich an die Fürstin von Liechtenstein mit der schon erwähnten Bitte, ihm Einreise ins Fürstentum und Niederlassung in Va­ duz zu ermöglichen. Unnötig, zu sagen, daß die seinem Brief beigelegten Empfeh­lungsschreiben der Großherzogin von Luxemburg geschickte Fälschungen waren.

Statt in Vaduz die Früchte seines raffi­nierten- Beutezuges genießen zu können, mußte der „Kurier des Kardinals“, Raub­mörder Franz Xaver Weiß, mit einer Zelle des Traunsteiner Langerichts voriieb neh­men. Er sieht dort reiner Aburteilung ent­gegen. Dr. Tf.

SÜDKURIER

Verantwortlich für Politik: Konrad Gunst. Nach­richtendienst: Graf Ludwig Douglas . Wirtschaft: Dr. Gustav Adolf Groß. Feuilleton: Ludwig Emanuel Reindl. Heimat: Alois Bede, Herbert Steluert. Sport: Alfred Strobel. Chef vom Dienst: Helmut Jacobsen. Verlag: Südkuriei GmbH.. Konstanz , Marktstätte 4. Drude: Druckerei Konstanz

Galgenfrist für Neofaschismus in Italien

Kein netier Duce zu finden — Uneinigkeit unter Mussolini » späten Jüngern

Julius Weismann

Der bekannte Freiburger Komponist, Pro­fessor Dr. Julius Weismann , ist am 22. De­zember in Singen gestorben.

Wenige Tage vor Vollendung seines 71. Lebensjahres, verschied Julius Weismann . Am hohen Weihnachtstag wurde er auf dem winterlichen Friedhof von Nußdorf am Ueberlinger See zur letzten Ruhe ge­bettet.

Sein Heimgang reißt eine empfindliche Lücke in die Sfront. der deutschen Ton­setzer, welche inmitten des Aufstiegs einer neuen Musik ihre klassische Sehnsucht in ein romantisches Gewand hüllten. In Weismann verlieren wir einen Musiker von reichen Gnaden, dessen lautere, männlich-herbe und doch so liebenswerte Wesensart und Gesinnung ihn zu einer führenden Aufgabe bestimmt erscheinen ließen. Doch in der Stille, abseits des Tagesgeräuschs, wuchs sein Lebenswerk, dessen stolze Fülle stärker war als der Widerstand, der dem Komponisten wie allen schöpferischen Menschen durch das Trägheitsgesetz der Menge entgegenge­setzt wurde.

Ein unablässiges Ringen um Form und Gehalt, um ein zuchtvolles Gestalten, führten den jugendlichen Musikstudenten vom urmusikalischen Gelehrtenhaus in der schönen Breisgaustadt nach Berlin , München , in die Schweiz bis an den Bo­ densee , der Heimat der Mutter, wo der Komponist ein zweites Zuhause fand. Von der Improvisation am Klavier ausgehend, entstanden die ersten Klavierwerke. Ihnen folgten als kontrapunktische Studien In­ventionen. Sie erhielten eine bedeutsame Krönung mit den 24 Präludien und Fugen des „Fugenbaum“ opus 150, einem in Bachscher Strenge und Prägnanz gearbei­teten Alterswerk von großer Gestaltungs­kraft und geistiger Konzentration, das mit Recht als das wohltemperierte Klavier des 20. Jahrhunderts bezeichnet werden kann. Echte melodische Erfindung offenbaren

zum Gedächtnis

die vom Kinder- und Volkslied angereg­ten volkstümlichen Lieder und zahlreichen Kunstlieder, welche feinempfundene Aus­strahlungen eines starken Naturempfin­dens in sich schließen. Als polare Ergän­zung zu dieser mehr romantisch-lyrischen Seite erscheint uns das fruchtbare Opern­schaffen mit seiner kraftvollen Dramatik. Von den in der musikalischen Fachwelt beliebten und geschätzten 6 Opern und 2 Tanzspielen behaupteten sich durch ihre starke Tiefenwirkung besonders „Schwa­nenweiß“, „Gespenstersonate “, beide nach Strindberg, „Die pfiffige Magd“ und die „Tanzfantasie“. Der an kammermusikali­schen Werken mannigfaltiger Besetzung geschulte und verfeinerte Klangsinn drängte in zahlreichen Orchesterwerken zur harmonisch freien Verwirklichung Merkwürdigerweise sind die Männer- und Frauenchorwerke von Weismann nicht so bekannt, wie sie es verdienten. Der 1950 urauf geführte dreiteilige „Wächterruf 1 opus 151 nach einem Gedicht unseres ale­mannischen Poeten Johann Peter Hebel ist eine wertvolle Bereicherung der in den letzten Jahren wenig gepflegten Gattung des orchesterbegleiteten Chorwerkes. Er ist zusammen mit dem gewaltigen „Geist­lichen Abendlied“ nach Rudolf Alexander Schröder , einem vierstimmigen Männer­chor, der noch der Uraufführung harrt, ein groß gesehener Versuch, das chaotische Erlebnis unserer Tage zu ordnen, es im innerlich frommen Bereich der Musik un­ter den Zeichen der Ewigkeit zu sehen und zu begreifen.

Unter den großen Komponisten der Ver­gangenheit und Gegenwart nimmt der in seiner alemannischen Heimat festverwur­zelte Weismann durch seinen ursprüng­lichen, sehr eigengeprägten Stil einen Platz ein, wie ßr nur großen Persönlich­keiten zukommt. Innere menschliche Größe, Vornehmheit und Edelmut spre­chen aus einer reifen Kunst, in der Mensch und Werk eins sind. ‘Die mit höchster

Meisterschaft beherrschte Technik des Tonsatzes ist niemals Selbstzweck, stets ist die Musik Sprache der Seele. Aus allen Werken spricht eine starke Phantasie, eine ausgesprochen geistige Haltung, ein Unberührtsein, eine Leichtigkeit der Er­findung, Geschenke der Musen.

So hat sich Weismann früh durchgesetzt und manche Auszeichnung erfahren. 1932 wurde ihm der Beethovenpreis verliehen. 1939 erhielt er als erster deutscher Kom­ponist den Bachpreis und wurde Mitglied der Berliner Akademie 'der Künste. Wie sei­nem Vater, den berühmten Zoologen August Weismann , wurde ihm die Ehrenbürger­schaft seiner Heimatstadt Freiburg zuteil. Dem toten Meister schulden wir alle Dank. Sein reiches und köstliches Erbe zu klingendem Leben zu erwecken, auf daß es Früchte bringe, soll uns Vermächtnis und Verpflichtung sein.

Dr. Julius A m a n n

Die Wissenschaft vom Lärm

Die moderne Kultur, die unsere Her­zen mit Stolz erfüllt, peinigt unsere- Ohren mit Lärm, Schopenhauer beschwerte sich über das Peitschenknallen. Sein berühmtes Kapitel über „Lärm und Geräusch“ war die Beschwerde eines empfindlichen •Man­nes, der gern in Ruhe Bücher schrieb. Die Peitschen knallten weiter. Inzwischen starb die Peitsche aus. Grellere Töne haben sie verdrängt. Preßlufthämmer und Hupen, Lautsprecher in allen Etagen, Staubsauger und Düsenjäger, Fernlastzüge Tag und Nacht, Traktoren, Ausrufer und Sirenen — sie verüb«i unermüdliche Angriffe auf unser Gehör. Nur auf das Gehör?

Nein, die Wirkung greift tiefer. Aerzte haben entdeckt, daß Lärmvorgänge orga­nische Folgen haben. Mit dem anhalten­den Klirren eines Schlüsselbunde» kann man den Tod einer Maus herbeiführen. Der Mensch verträgt mehr. Aber auch er nimmt Schaden. Es gibt akustische Meß­verfahren, deren Einheit das Phon ist Man kann in Phon angeben, wo für den Men­

schen die Schmerzgrenze bei Schallein­wirkungen liegt.

Kürzlich ist die internationale Gesell­schaft für Audiologie gegründet worden, die auch deutsche Mitglieder hat. Sie will die Zusammenhänge erforschen, die zwi­schen dem Lärm, vor allem dem Groß­stadtlärm, und dem menschlichen Orga­nismus bestehen. Der Bonner Gelehrte Prof. Dr. Langenbeck und der Frankfur­ ter Ohrenarzt und Gehörspezialist Dr. Volz gehören der Gesellschaft an. In Frankfurt soll ein audiologisches Versuchslaborato­rium eingerichtet werden.

Wenn man mit Menschen über den Lärm ihrer Umgebung spricht hört man oft die Redensart: „Daran gewöhnt man sich.“ Nein, man gewöhnt sich nicht an Lärm. Nur die oberen Bewußtseinsschichten voll­ziehen eine gewisse Anpassung. Die Tie­fenschichten unseres Organismus bleiben auch bei dauernder „Beschallung“ (ein neuer Fachausdruck) in Abwehrstellung gegen den Lärm. Diese Abwehr nutzt be­sonders die Nerven ab und zieht Herz, Drüsensekretion und Verdauungsorgane in Mitleidenschaft. Bei Kindern in lärmer- füllten Stadtvierteln wurden Wachstums­störungen beobachtet. Auch die Leistungen in der Schule gehen zurück. Bei Erwach­senen, die in sehr lauten Betrieben arbei­ten, sinkt die Leistung nach drei Stun­den Arbeitszeit um 20 bis 30*/o. Mit Lärm beschallte Versuchstiere zeigten nach einer gewissen Zeit unverkennbare Degenera­tionserscheinungen.

Die Forschung steht hier am Anfang. Man hat bis jetzt nur hie und da etwas gegen den Kulturlärm getan. Die Polizei verbot übermäßiges Hupen und schrieb Auspufftöpfe vor. Musik und Teppichklop­fen in den Höfen ist zu gewissen Zeiten verboten. Wenn die Audiologen eines Tages den Nachweis bringen, daß der Lärm Krankheiten erzeugt, wird man ihm* auf­merksamer begegnen. Trotz aller Schall­dämpfung wird es um uns lauter und lau­ter. Die Rücksicht auf den krank«! Nach­

barn, den Schopenhauer von nebenan, der in Ruhe arbeiten will, gibt es im Grunde nicht. Wir sind Egoisten. Wir denken nicht über die vier Wände hinaus. Es hat keinen Zweck, daß man uns bittet und anfleht. Erst wenn wir hören, daß wir uns mit dem Lärm einen Krankheitsbringler zu Gast geladen haben, werden wir uns auf die Stille besinnen. Wenn Dichter und Träumer die Stille preisen, hält man sie für Narren. Aber dem Arzt, der eines Tages den Lärm als Krebserzeuger ent­larven würde, wird man gehorchen, w. S-

KULTURNACHRICHTEN

Walter Johannes Damroscb, Dirigent und „Vater“ des New Yorker Symphonie-Orchesters, ist in New York im Alter von 88 Jahren einem Herzschlag erlegen. Der in Breslau geborene Musiker war Schüler bei seinem Vater, Dr. Leo­ pold Damrosch , bei Dräseke/Dresden und Hans von Bülow , und kam schon jung mit seinem Vater und Bruder Frank nach Amerika . Dort hatte der Verstorbene 1894 die „Damrosch Opera Company“ gegrün­det, mit der er in den Großstädten der USA vor allem deutsche Musik — beson­ders Wagner-Werke — aufführte. 1903 wurde das New Yorker Symphonie-Orche­ster unter seiner Leitung als ständige Körperschaft reorganisiert. Erst im Jahre 1927 trat er im Alter von 65 Jahren von diesem Posten zurück.

Trilussa , der bekannte italienische Dichter, ist in Rom im Alter von 79 Jahr«» gestorben, Trilussa , mit bürgerlichem Na­men Carlo Alberto Salus tri, wurde vor allem durch seine zahlreichen Fabeln, Märchen und Erzählungen, so „Die Ent­deckung von Amerika “, bekannt. Sein®® ersten Gedichtband „Die Sterne von Rotn schrieb er im Alter von vierzehn Jahren*

Kardinal Spellman, der Erzbischof von New York , hat unter dem Titel „Da* Findelkind“ seinen ersten Roman voll' endet, der zunächst im Feuilletonteil ei°Ä Zeitschrift veröffentlicht werden soll.