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Donnerstag, 26. Juli 1951

SÜDKURIER

Nr. 115 / Seite 3

„Du bist nie eifersüchtig?' neugierig.

„Ich bin niemals eifersüchtig“, sagte er mit sicherer Stämme.

„Dann liebst du mich auch nicht...“

Er legt den Kopf zurück und lächelte eitel.

Sie tat sehr aufgeräumt, trällerte vor sich hin und zog ihr hübschestes Kleid an. Es goß in Strömen.

Sie kam zu ihm ins Zimmer und sagte: „Ich komme hier mit dem Verschluß nicht zurecht: willst du mir helfen?“

Er 6tand auf und hakte ihr Kleid zu. Er roch ihr Parfüm, sagte aber nichts. Sie hielt den Nachen gebeugt und schielte mit einem lästigen Blick nach ihm hin, aber er hatte die Miene harmloser Gleichgültigkeit.

— „Es regnet!“ sagte säe mit Betonung. — „Ja, das ist wahr“, antwortete er zerstreut. „Wann kommst du zurück?“

„Gott !“, sie wiegte den Kopf und zupfte an einer Schleife. „Hoffentlich zum Abend­brot. Wenn ich jedoch nicht rechtzeitig hier bin, dann warte bitte nicht auf mich. Denn weißt du, dort . . .“

„Wohin — das heißt . . .“, er verstummte sogleich und errötete fast unmerklich.

„Zu . . . na . . .“ Sie schielte wieder zu ihm hin und lächelte, ohne daß er es sah,

— „zu diesem kleinen Tee — bei Helene.

— Aber es könnte sein, daß wir nicht dort bleiben.“

„Unterhalte dich gut!“ sagte er beiläufig und sah sich nach einer Zeitung um.

„Wie komisch du das betonst?“ Ihr Blick war schillernd, sie sprach die Worte ge­dehnt. Aber er biß nicht an. Sie gaben sich einen flüchtigen Kuß, und sie verließ das Haus.

Auf der Straße angelangt, verzog sie das Gesicht zu einer belustigten Grimasse. Sie machte einige Schritte, doch es regnete in dicken Fäden; sie blickte unschlüssig zum Himmel und war daran wieder umzukeh-

von Rudolf Schneider-Scheld«

zurückkommt, 6agen Sie ihr bitte, sie möge nicht auf mich warten. Es ist ganz unbe­stimmt... Und — halt, laufen Sie rasch hinunter und holen Sie mir ein paar Ro­sen“. Er lächelte vergnügt hinter der Da­voneilenden her.

Das Kino war aus, der Regen hatte auf­gehört, und der junge Herr schlug vor: „Gehen wir noch ein paar Schritte — oder haben Säe Eile?“

„Nur unter der Bedingung^, sagte sie unbestimmt lächelnd, „daß Sie mir eine Blume schenken.“

Sie war in bester Laune, als sie nach Hause kam, angeregt und frisch, an ihrem Kleid trug sie eine duftende dunkelrote Rose. Sie läutete gar nicht erst, sondern schloß selbst auf, lief mit flinken Schritten über den Korridor, besah sich in einem Spiegel und rieb sich die Wangen ein we­nig rot. Dann öffnete sie mit einem Sieges­lächeln die Tür zum Zimmer ihres Man­nes. Der Raum war leer.

„Der Herr ist weggegangen“, sagte das herbeigeeilte Mädchen, und sich ein biß­chen abwendend fügte sie hinzu: „Ich habe ihm Rosen holen müssen, und er hat ge­sagt, daß es unbestimmt sei, wann er wie­der komme.“

Die junge Frau drehte sich langsam um, ihr Kopf sank etwas herab, sie ging mit zögernden Schritten zu einem Stuhl und ließ sich darauf nieder. Eine Weile blickte sie starr vor sich hin, dann 6tiegen ihr Tränen in die Augen. Sie zog die Rose aus dem Gürtel, zerpflückte sie und ver­streute die Blätter auf den Boden. Plötz­lich fing sie wütend an darauf herumzu­trampeln.

Zur selben Zeit stand ein sorgfältig ge­kleideter Herr auf einer Brücke des Flus­

ses und blickte finster und gelangweilt in das braune Wasser, das gemächlich da­hinfloß. In einem Augenblick, in dem sich ringsum kein Mensch befand, zog er fünf wunderschöne unter dem Arm versteckt gehaltene dunkelrote Rosen hervor und schleuderte sie in weitem Bogen in die Tiefe.

„Schafskopf!“ sagte er zu sich selber.

Anekdoten

Nichts Passendes

Als Prinz von Wales war der spätere König Eduard VII . kein seltener Gast in Paris . Meist reiste er inkognito. Doch ein­mal konnte er einem feierlichen Empfang durch die Pariser Stadtverwaltung nicht entgehen. Dabei entspann sich zwischen Eduard und der Frau eines der Stadtväter folgendes Gespräch:

„Haben Sie Kinder, Madame?“ fragte der Prinz.

„Gewiß, Königlich« Hoheit! Und Sie auch?“

„Ja!“

„Was sollen Ihre Kinder einmal wer­den?“

„Der Älteste König von England, für die anderen habe ich noch nichts Passendes gefunden.“

Einbildung

Coue, der bekannte französische Medi­ziner, dessen Patienten sich einreden muß­ten, es gehe ihnen von Tag zu Tag immer besser und besser, fragte seinen Assistenz­arzt nach dem Befinden einer Patientin.

„Es geht ihr schlecht!“ war die Antwort.

„Das dürfen Sie nicht sagen“, meinte Coue, „die Patientin bildet sich nur ein, daß es ihr schlecht geht.“

Am anderen Morgen erhält Coue auf die gleiche Frage von dem Assistenzarzt die Antwort:

„Die Patientin bildet sich ein, gestorben

C.

Dunkelrote Rosen

Eine Eifersuchtsgeschichte fragte sie

zu sein.“

Salzburger festliche Wochen

ren, als ein Taxi des Wegs kam. Entschlos-

Bearbeiteter Mozart — „Wozzeck“ — Furtwängler—Gründgens

sen rief sie es an.

„Fahren Sie zum nächsten Kino!“

Das Auto hielt, sie stieg aus und rannte mit einem noch ziemlich jungen Herrn zu­sammen, der sich höflich entschuldigte, sie aber plötzlich erkannte und freudig be­grüßte.

„Gnädige Frau, auch ich wollte hier hin­ein!“ log er mit bittendem Augenaufschlag.

Sie stutzte und blickte überlegend an ihm vorbei. Es enstand eine Pause. Dann gab sie sich einen kleinen Ruck und sagte errötend: „Also, in Gottesnamen, Sie lästi­ger Mensch, kommen Sie mit herein. — Aber wenn uns nun jemand sieht?“ Sie lachte kurz auf und ging voran.

. Ihr Mann, der zu Hause zurückgeblieben war, hatte inzwischen eine Zigarette nach der andern geraucht. Er saß da, blätterte in verschiedenen Zeitungen, legte sie wie­der fort und starrte schließlich auf einen Punkt an der Wand. Plötzlich ergriff er ein Bild von ihr, das vor ihm stand, und schaute es aufmerksam an. Dann erhob er sich, wanderte hin und her, blieb am Fen­ster stehen und trommelte an die Scheiben. Er sah auf die Uhr und zog die Stirn in Falten. Manchmal atmete er pustend und warf einen finsteren Seitenblick auf das Bild. Zuletzt ging er in ihr Zimmer hin­über.

Er blieb in der Tür stehen und spähte vorsichtig umher. Sein Auge verweilte auf einem kleinen Damenschreibtisch, auf dem eine geöffnete Briefmappe lag. Er zögerte. Dann trat er eilig an den Schreibtisch heran, blätterte in der Mappe, besah sich einige Bogen Papier und zog ein paar Schubladen auf. Aber mitten in dieser Be­schäftigung schüttelte er sich und schnitt eine Grimasse. „Widerlich!“ sagte er laut und ging wieder zurück in sein Zimmer.

Dort lief er eine Weile auf und ab, und nach und nach erhellten sich seine Züge, wurden überlegen und sogar ironisch. Er ging in die Küche und sagte zu dem Mäd­chen: „Ich gehe weg. Wenn meine Frau

Mit strengem Blick auf die vom Regen hochgehende Salzach versichert der alte Salzburger , daß sich seine Festspiele von andern überflügeln ließen. Der Festspiel­gemeinde falle aber auch gar nichts mehr ein. „Jedermann “, „Zauberflöte “ — es sei zum Auswachsen. Ist dem so? Ist man überflügelt? Von den Wiesbadener Maifest­spielen, von den Edinburger oder sonst­weichen Festspielen? Jedenfalls hält der internationale Kredit noch vor. Alle Vor­stellungen vom 27. Juli bis 31. August aus­verkauft oder nahezu, die Orchester-, So­listen-, Kammer- und Dom-Konzerte kaum minder. Also! Gerade für „Jedermann “ vor dem Dom und für „Zaulberflöte“ in der offenen Felsenreitschule könnte es nie zu­viel Karten gelben, auch wenn es respek­table Preise sind, bis zu 180 Schilling!

Den Kunstfreund aus USA und den Snob rülhrt das nicht, auch den ägyptischen Thronfolger nicht, der wieder mit seiner schönen Frau angesagt ist. Viele fahren schon in ihren Luxuslimousinen durch die Altgassen, durch die einmal der kleine Wolfgang Amadeus lief, ohne Gefahr, überfahren zu werden. In diesen Fest­wochen wird man in Salzburg von einer Weltkrise nichts merken. Es leuchten alle Schaufenster — flutendes Leben!

Keine Verkarstung — wo schon vor dem offiziellen Beginn dem Fremdenstrom Reizvolles geboten wird Da ist das „Zau­berflöten-Häuschen, das einmal im Hofe des Wiener Freihauses stand und vom Fürsten Starhemberg dem Salzburger Mo­zarteum geschenkt wurde. Dies Mozarteum bat das Holzhäuschen, in dem einst Mozart an seiner „Zauberflöte “ komponierte, im reizenden Garten aufgestellt und dort wird abends bei Kerzenschein Kammermusik gespielt.

Dann hat man ein Wagnis vollbracht, vor dem auch Max Reinhardt zurückschreckte, so sehr es ihn lockte: die Salzburger Fest­ spiele datieren nämlich weit zurück, und der Erzbischof Markus Sittikus hatte 1617 im Heilbrunner Waldpark auf Bergrücken

Eis fällt in Massen vom Himmel

Hagel-Katastrophen und Ihre Ursachen

Ein Hageljahr, sagen die Bauern zum Sommer 1951: „Hoffentlich erwischt es nicht gerade uns!“ Denn so eine Hagel­walze, wie sie vor kurzem über Franken und Oberbayem hinwegging, vernichtet die gesamte Ernte, entwurzelt Bäume und bringt Züge zur Entgleisung. In den Gas­sen Feuchtwangens stauten sich in diesem Juni 1951 die walnußgroßen Hagelkörner bis zu 1,25 m Höhe. Alle Bäume wurden entblättert, die Straßen in reißende Flüsse verwandelt, Masten wie Streichhölzer ge­knickt, und sogar ein Zug entgleiste und stürzte in eine überschwemmte Wiese mit ertrunkenen Kühen.

Und das alles, weil in wenigen Minuten eisige „Geschosse“ vom Himmel fielen, gegen die der Mensch machtlos ist. Denn diese unseligen Himmelsboten kommen nicht nur als Körner auf die Erde, sie haben oft die Größe einer Walnuß, einer Billardkugel, ja sogar einer Faust. Mein kann sich vorstellen, was für einen Scha­den diese eisigen Brocken anrichten. In Wien fielen einmal auf einen Quadratmeter Stadtfläche 43 Kilo Eis, so daß die Stadt nachher wie eine bombardierte Festung aussah. Noch schlimmer war die jetzige Hagelkatastrophe im Fränkischen, wo die Eisbrocken bis an die Fenster der Häuser reichten.

Man weiß von Hagelschloßen,, die sich 60 Zentimeter tief in den Erdboden wühl­ten. Einen Hagelrekord berichtet die ame­ rikanische Stadt Anapolisk im Staate Maryland , wo Hagelsteine von 8X30 cm festgestellt wurden.

Warum hagelt es aber nur im heißen Sommer und nicht im Winter? Was wis­sen wir eigentlich über die Hagelschläge?

Wenn ein schweres Gewitter aufzieht und man sieht inmitten schwarzer Wolken einen schwefelgelb«) „Blumenkohl“, dann Weiß der Kundige schon: aha, da steckt

ein Hagelwetter drin! Denn hier steigen warme Luftströme nach oben; meist ist die Hagelwolke eine mit Gewalt in große Höhe geschleuderte Regenwolke, besser gesagt, ein wasserdampfgesättigter Warmluftstrom. Wir wissen, daß warme Luft \ .el mehr Wasserdampf fasthalten kann als Kaltluft. Also scheidet dieser aufsteigende Luftstrom in 4000—6000 m Höhe, wo er sich abkühlt, das Wasser aus und es büden sich um Kri- stallisationskeme Tropfen, die sich bei minus 10 Grad in kleine Eisstückchen ver­wandeln können. Bei großer Ruhe kann Wasser sehr weit unter Null Grad ab­gekühlt werden, ohne zu gefrieren. Treten wir im Winter in eine halbgefrorene Eis­pfütze, dann sehen wir, wie blitzartig die Eiskristalle zusammenschießen und »ich eine Kruste bildet; eine geringe Erschütte­rung bewirkt diesen Vorgang. Ähnlich ist es in hohen Luftschichten. Ein Donner, der die Luft erschüttert, kann die eiskalten Wassertropfen zu Hagelschloßen werden lassen, zu Eisklumpen, die sich zusammen­ballen. In oft walnußgroßen Stücken fal­len sie dann aus 8000 m Höhe nieder, wer­den in wärmeren Luftschichten zuweilen aufgetaut, wirbeln wieder hoch und gefrie­ren. Jedesmal bildet sich dabei um den Kristallisationskeim eine neue Eiskruste, so daß so ein zerlegter Hagelbrocken aus­sieht wie eine Zwiebel, die aus vielen Scha­len besteht. Nicht selten findet man darin hochgewirbelte Sternchen oder Insekten eingeschlossen.

Hagelstücke sausen oft mit Geschoß­geschwindigkeit nieder und können finger­dicke Äste abbrechen. Nach dem Wiener Ingenieur Hörbiger (Welteis-Theorie) sollen die Hagelstücke aus dem Weltall kommen als „Fein-Eis“, mit dem das ganze Weltall erfüllt sein soll. Die Meteorologen hingegen erklären die Hagelbildung, wie oben, ohne das ganze Weltall zu bemühen.

ein romantisches Felsentheater mit der Oper „Santa Christina“ eingeweiht — seit 170 Jahren war dort nicht mehr gespielt worden. Und jetzt wagte es der Burgregis­seur Max Meinecke , Grillparzers „Sappfho“ dort aufzuführen, für je 400 Zuschauer, mit einer noch wenig bekannten, hinfort ge­wiß berühmten Sappho, Rosemarie Saydl, einer angehenden Wolter! Man war begei­stert von der ungeheuren Akustik der ge­waltigen Sceiwbühne, und der Erfolg lohnte die Mühe. Das ermutigte, auch das erzbischöfliche Heckentheater im Mirabell­garten wiederzubeleben: dort inszeniert Intendant Stanchina vom Landestheater Molieres „Amphitryon“ ...

Alber im Landestheater selbst herrscht jetzt Gustaf Gründgens . Seit Reinhardts Verschwinden hatten die Salzburger Gründgens an ihre Festspiele fesseln wol­len; zunächst gibt er wenigstens ein Regie­gastspiel, mit „Wie es euch gefällt “ — Käthe Gold , Judith Holzmeister , Solveig Thomas , Gueti Wolf, Raaul Asien, Ewald Baiser, Karl Skraup , Gustav Waldau ... Aber die „Zaulberflöte“ wird er in Berlin inszenieren — hier bleibt sie, wie sie Oscar Fritz Schuh und Caspar Neber unter den in die Felsenwand des Mönchbergs zwei­stöckig eingehauenen Loggien der Reit­schule für Furtwängler einrichteten, zu •schon einmaligem nächtlichem Spektakel. Fürs Schauspiel gibt es außer Shakespeare nur Kleist — „Der zerbrochene Krug “ ist von Berthold Viertel inszeniert, mit dem Bühnenbild von Rochus Gliese : Oscar Ho- molka, Alfred Neugebauer , Otto Schmöle , Therese Giehse , Inge Konxadi, Elisaoeth Neumann... Und Hofmannsthals „Jeder­mann* zeigt unverändert in Helene Thi- migs Regie Attila Hörbiger , Fred Liewehr , Ernst Deutsch . Judith Holzmeister , Alma Seidler ...

Wa9 Oper und Konzert anlangt, verlangt die Tradition, daß Mozart voransteht. Doch neben dem Flötenzaüber bringt man nur „Idomeneo “, und weil man die göttliche Langeweile fürchtet, auch nicht die Wiener Bearbeitung von Richard Strauß , noch we­niger die Münchner von Wolf-Ferrari ge­ben wollte, hieß es erst: Urfassung, um dann herauszurücken, daß doch wieder ein bearbeiteter Mozart herauskommen wird, vom Salzburger Mozarteumsgott Hofrat Paumgartner, der freilich ein erster Mo- zartkenner ist Weil neben Paumgartner ein Moderner mitzureden hat v. Einem, von dem man 1947 mit „Dantons Tod “ das klassische Programm durchbrach, 1949 mit Orffs „Antigonae“, gelang es diesmal, Al­ ban Bergs „Wozzeck “ einzuschmuggeln, immerhin das doch schon anerkannte und „überholte“ Werk eines genialen „Neu­töners“. Dann aber feiert man noch Verdis Jubiläumsjahr mit „Othello“, in großteils Wiener Besetzung. Furtwängler dirigiert; er dirigiert auch, wie in Bayreuth , die „Neunte“, und in einem anderen Konzert Mendelssohn . Mahler, Bruckner. Die wei­teren Großkonzerte stehen unter Edwin Fischer , Eugen Jocbum, Raffael Kübelik, Karl Böhm , der auch den „Wozzeck “ lei­tet, und dem mit Interesse erwarteten Leo­ pold Stokowski (Programm: Schostako- witschs Präludium, Mussorgski-Stokowskis „Büder einer Ausstellung“, Pichas „Ste- paneikovo“, Strawinskys „Pastorale" und Tschaikowskis V. Symphonie). Eine Fülle von Solisten und Quartetten kommt hinzu.

Aber auch etwas anderes gehört jetzt in Salzburgs Festspielwochen, woran es noch zuletzt 1931 vollberechtigt in der Felsen­reitschule mitgewirkt: Wiens Spanische Reitschule. Die herrlichen Schimmel, die Lipizzaner, wurden dazumal zwischen Mo­ zarts Opern vorgeführt, an den Stätten, wo die Fürsterzibis chöfe ihre Mars täfle mit 150 und mehr edlen Pferde in Marmor- krippen und Marmoraöhwemmen unter Ge­mälden italienischer Barockmeister ver­wöhnten. Die Spanische Reitschule gastiert hier jetzt auf dem Sportplatz — aber sie behielt die Geltung, die sagen ließ, daß ihre Pferde einmalig wie die Wiener Phil­ harmoniker seien, Künstler, die den Fest­spielwochen Ihren Glanz verliehen...

Dr. B. Hehn

I

Immerwährender Abschied

Betrachtung von Franz Turnier

Die Künder sind lange in den Schul­bänken gesessen und nun größer gewor­den, auf einmal kommt der Tag, nach dem sie nicht mehr einfach Knaben und Mädchen sind, sondern nach dem die Knaben Lehrlinge werden oder Stallbuben, und die Mädchen Lehrmädchen oder Hüter­mädchen. Dieser letzte Tag einer Schul­zeit ist dem Lehrer, der die Kinder ins Leben entläßt, vielleicht noch seltsamer als den Kindern, die doch eigentlich ver­wandelt werden. Denn das Kind empfin­det zwar die Verwandlung, es sagt ihm wohl auch jemand: Jetzt hat etwas Neues begonnen, eure Kindheit ist vorüber! Das Neue aber geschieht dem Kinde fraglos und einmal, wie alles Ereignis des Lebens, das sich ihm entgegenstößt, einmal ge­schieht; das Kind denkt nicht nach dar­über. Der Lehrer aber denkt nach. Ihm wiederholt sich nur das gleiche: wie oft schon hat er Kinder entlassen, neue sind gekommen statt der Fortgegangenen, sind ihm ans Herz gewachsen und dann auch gegangen, und schon wieder neue treten ein, und er nimmt sie gleich auf in seine Sorge, die von den früheren nicht ermüdet ist. Aber jedesmal muß er die Schar wie­der lassen, die Kinder gehen, bleiben ihm nicht, nur er bleibt.

Das ist es, was ihn nachdenklich macht, und von diesem immerwährenden Ab­schied wird er selber geprägt und bildet sich anders als ein Mann, der in seinem Beruf stets an der alten Sache hängt.

Dem Lehrer geschieht der Wechsel öfter als gemeinhin geglaubt wird: nur in be­vorzugten Schulen, in geschlossenen An­stalten, ist der Erzieher seinen Zöglingen von ihrem ersten bis zu ihrem letzten Schultag beigesellt; er steigt mit den Kin­dern auf, wie das Wort heißt. Für gewöhn­lich steigt er nicht auf, sondern bleibt auf ein und derselben Stufe: er hat immer die zweite Klasse oder immer die dritte oder die vierte; die Kinder kommen dann zu ihm, wenn sie so viel Jahre alt sind, als die Klasse braucht, auf die Art gehen sie von einem Lehrer zum andern.

Das mag jemandem, der von außen zu­sieht, nicht günstig erscheinen, er will glauben, daß die Kinder festeren Wesens aufwa-chsen, wenn ein einziger Mann sie erzieht. Das ist richtig, nur ist das andere einfacher. Der Lehrer, der immer auf der gleichen Stufe bleibt, kennt sich aus in ihr, spricht von selber die Sprache des Alters, bei dem er steht, und ist ihm, als ob es ihn zurückzöge, vertraut.

Auf dem Lande schließlich wiegt der Nachteil kaum, daß die Kinder Jahr für Jahr an einen fremden Menschen kom­men; — sie kommen nämlich gar nicht fremd, weil dort, in dem kleinen Lebens­kreis, die Kenntnis und Bekanntschaft durch jedes Alter geht: wie alle Menschen im Dorf kennen auch die Kinder den Lehrer von der Straße, von seinem küm­merlichen Wahnen und Wirtsäausleben, kennen ihn längst, ehe sie in die Schule gehen, und auch er hat die meisten von ihnen schon an der Schürze der Mutter hängen sehen oder an der Hand der großen

I Geschwister gehen sehen oder sommers im Garten beim Spiel beobachtet

Das ist nicht wie in der Stadt, wo der Lehrer am SchuJjahrsanfang in fremde Gesichter schaut sich fremde Namen mer­ken muß, von den Häusern gar nicht zu reden, aus denen die Kinder kommen, — die hat er niemals betreten. Auf dem Land ist dem Lehrer das alles wohlbekannt, er ist in den Häusern schon eingekehrt, hat sich das kleine Kind, das vor ihm, dem Gast erschrocken flüchten wollte, zutrau­lich gemacht, es gefragt: Wann kommst du in die Schule?

Nächstes Jahr fängt er an, hat dann die Mutter gesagt, oder: In zwei Jahren muß er gehen!

Zu dem weiß ich ein Beispiel: Ich war — vor vielen Jahren —. Lehrer an einem Ort, und jedes Jahr habe ich in meine Klasse ein neues Geschwister bekommen von den gleichen Eltern. Sie hießen Zei- ninger und hatten einen Hof in der Ort­schaft Grafing . Immer, wenn der erste Schultag kam, konnte ich, ob es einmal ein Bruder war oder ein andermal eine Schwe­ster, ein Zeiningerkind schon sehen in dem Haufen, und immer waren es die gleichen Gesichter, aber doch ein wenig andere Züge: einmal der Knabe war viel krank gewesen und sah darum schmaler aus als der Bruder vor ihm; dann aus dem Mädchen schaute der Vater mehr, aus einem andern ganz die Mutter.

Das ist des Wechsels Anfang, an seinem Ende steht für den Lehrer der Abschied von den Kindern.

An diesem letzten Tag eines Schuljah­res, wenn der Augenblick da ist, in dem die Kinder aus der Klasse gehen sollen, geschieht immer das: sie kommen her zum Lehrer, zuerst eines, dann ein paar, schließ­lich viele, sie geben ihm die Hand, oder machen es zuerst so: noch im Hergehen I strecken sie den Arm mit der geöffneten Hand gerade vor und sagen: Danke! und lächeln dabei, und plötzlich rollen ihnen mitten in diesem Lächeln die Tränen aus den Augen, und wenn eines so anfängt, kommt es gleich über alle, sie stehen hilf­los und weinen und rühren sich nicht, bis I der Lehrer dem Knaben, der ihm zunächst I ist, üibers Haar fährt und sagt: So, jetzt müßt ihr aber gehen, für mich war es auch schön mit euch!

Und dann gehen sie. Leise, weil sie bar­fuß sind, treten sie die Stiege hinunter; dort aber, im unteren Flur, wo die andere Klasse ist, die dem jungen Fräulein ge­hört, kommen deren Kinder heraus. Die sind kleiner und weinen darum noch , immer, auch jetzt, wo sie grüßen vorm I Schultor, und selbst das Fräulein, das ihnen den Gruß dankt, hat Tränen. Der Oberlehrer ist gefaßter, er biegt mit den großen Knaben und Mädchen um die Stiegenecke herüber, er summt nur und nickt den Grüßenden eifrig zu, als ob er i herznahe einem Verwandten den Wifl- ! komm böte; hinter dem Goldrand seiner i Brille blicken seine Augen tiefer und freudiger als sonst.

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