Freiiag, 4'. Januar 1946
DER START
Nummer 5, Seile 3
£fVt herrlicher Kampf im Phönix-Stadion
Mit seiner bisher besten Leistung bezwingt Phönix den Meisteranwärter
Ein untrügliches Barometer
Es gibt so viele Merkwürdigkeiten im Fußballsport, die einem so gelegentlich cinfallen, oder an besonderen Spieltagen besonders ins Auge fallen. Eine »olche blitzte am Sonntag bei dem begeisternd schönen Kampf Phönix — VfB Stuttgart in unserer Erinnerung auf. Dabei drängt sich einem aber schon gleich der Gedanke auf, ist es nun ein'e Merkwürdigkeit oder nicht? Wir meinen die Sache mit dem untrüglichen Barometer und damit wiederum: Die 2. Platzseite auf unseren Sportplätzen. Immer und auf allen Plätzen steht sie in leiser Gegnerschaft zum Platzverein, denn sie gehört mitglieds- und anhängermäßig zum anderen Lokalverein und da ist man dann immer ein wenig — na ja. Sie wissen ja. Man hat eben nur ein Herz zu vergeben und das schlägt dann naturgemäß je nach Spielgeschehen — in sanftem oder heißem Rhythmus für die eigenen, geliebten Farben (das ist absolut verständlich und in Ordnung) und wenn der eigene Verein nicht mit von der Partie ist, der andere Lokalverein also gegen einen auswärtigen Gegner spielt, immer etwas mehr für den Gast (und das ist nicht in Ordnung). Wenn nun aber diese zweite Platzseite einmütig, sozusagen mit Pauken und Trompeten und gesamtem Stimmaufwand für den Platzverein sich ins Zeug legt, dann ist dies das untrügliche Barometer für eine ganz vorzügliche Leistung eben des Platzvereins. Und das erlebten wir dm Sonntag in einer Eindringlichkeit, wie schon lange nicht mehr und darin liegt alle Kritik für.die Leistung des Phönix: Sie war hervorragend!
Wenn wir vergangene Woche an gleicher Stelle schrieben: ..Phönix hat einen stolzen Triumph gefeiert, der, so hoffen wir, der Mannschaft den nötigen Auftrieb und das Rückgrat zu weiteren Erfolgen geben wird", so hat sich dies erfreulicherweise sehr rasch verwirklicht. Seien wir ehrlich, wir hatten so viel von dem glänzenden Können der Stuttgarter gehört und ihre großen Erfolge haben das nachdrücklichst unterstrichen, daß wir eine knappe Niederlage der Schwarz-Blauen als ein ehrenvolles Ergebnis bezeichnet hätten. Und nun dieser Sieg, in einem mitreißenden Kampf und verblüffend guten Leistungen ehrlich verdient. Und dies nicht etwa gegen einen in schwacher Tagesform befindlichen Gegner, sondern gegen einen VfB Stuttgart , der seinem Ruf als Mannschaft von Format und Können in voller Weise gerecht wurde.
Phönix iibertraf seine Leistung gegen KFV um ein Vielfaches
Das steht unzweifelhaft fest. Einmal hatte die Mannschaft hier nicht einen Gegner wie den KFV, der nach einem glänzenden Start und einer baldigen 2 : O-Führung aus den bekannten Gründen auseinanderfiel und nicht mehr auf die Beine kam, sondern einen VfB, der von der ersten bis zur letzten Minute das Letzte aus sich heraus gab und dazu bestes Können aufwies. Des weiteren war die Gesamtanlage des Phönixspieles um viele Grade besser, wie am vergangenen Sonntag. Schwung und Elan waren der gleiche, wie dort, aber um wie vieles besser war die Zusammenarbeit, um wie vieles reifer die Spielweise und die geistige Verarbeitung des Spielgedankens, wie viel verblüffend schöne Spielzüge sah man (nicht nur einen Paß zum nächsten Spieler, sondern ein Wandern des Leders ohne Gegnerberührung durch 4 bis 5 Leute, (auf „gut deutsch " gesagt also: saubere Kombination) und wie schnell und doch genau erfolgte das Abspiel, das durch immer wieder wechselnde weite Vorlagen auf die Flügel und die Mitte die gegnerische Abwehr bedrohlich aufriß. Gewiß übersehen wir nicht
die schwache Viertelstunde in der zweiten Hälfte und vergessen auch nicht, erneut darauf hinzuweisen, daß das Stellungsspiel immer noch verbesserungsbedürftig ist (darin war auch der VfB , wie bisher alle auswärtigen Mannschaften, überlegen), aber alles in allem hatten die Schwarz-Blauen eine ganz bedeutende Formverbesserung zu verzeichnen, die bei intensiver Weiterarbeit jedes Spielers an sich selbst fraglos zu weiteren, ebenso schönen Erfolgen führen wird. Daß die Kondition der Mannschaft eine gute ist, ergab sich aus der Tatsache, daß sie das von Beginn bis Ende ungeheure Tempo mühelos durchstand.
Die Geasmtabwehr wurde bei der Schnelligkeit und dem variantenreichen Angriffsspiel des VfB vor schwere Aufgaben gestellt, die sie in imponierender Weise bewältigte. Wohl hätte Havlicek das zweite Tor verhüten müssen (seine Parterrearbeit erfolgte zu spät), aber er machte wieder' eine ganze Reihe plazierter und „gepfefferter" Schüsse in ausgezeichneter Weise unschädlich. Eisern und hart und schlagsicher die Verteidigung Kühn-Linder. Aber Kühn müßte mit seinen Ausflügen bis in den Sturm doch etwas vorsichtiger sein. Das ist nicht die Aufgabe eines Verteidigers, es könnte sich einmal bitter rächen. Linder kam in punkto Schnelligkeit nicht immer mit, das erste Tor kommt auf sein Konto, doch war seine
Schnelligkeit, seinen gefährlichen Hereingaben und seiner gesunden Schußkraft Immer besser findet sich Krebs ein, dessen Technik und überlegtes Spiel sehr gut gefiel und dessen zwei schöne Tore auch Zeugnis von einer gesunden Schußkraft gaben.
Der VfB Stuttgart zeigte gutes Spiel und gutes Können. Vielleicht batte man auf Grund seiner bisher großen Erfolge und der immer wieder gehörten besten Kritiken etwas mehr von ihm erwartet, aber schließlich spielt ja auch das gegnerische Können und der gegnerische Widerstand «ine mitentscheidende Rolle beim eigenen Erfolg oder Mißerfolg. Und da trafen eben die Schwaben auf einen Gegner, der sein Licht auch nicht unter den Scheffel stellte. Auf alle Fälle zeigte aber der VfB, daß er wirklich über Könner und Können verfügt. Die technische Durchbildung aller Spieler ist erstklassig, ebenso ihr Stellungsspiel und reife Ballbehandlung. Der Sturm ist sehr gefährlich durch seine Schnelligkeit, saubere Zusammenarbeit, feine Körperbeherrschung und enorme Schußkraft. Der Schalker Barufka und Mittelstürmer Schlienz die hervorstechendsten Erscheinungen, der Halbrechte Unkel fiel nicht groß auf, aber auch nicht ab, von den beiden Flügeln Läpple gefährlicher als der Linksaußen Lehmann, der bei Kühn gut aufgehoben war. Die
Phönix* Verteidiger Kühn klärt
Der VfB-Mittelstür- mers Schlienz im Begriff durchzubrechen, wird von dem ausgezeichneten Kühn gestoppt.
Foto Kam! eit«
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Gesamtleistung eine gute. Leider ließ er sich aber erneut zu Unsportlichkeiten- hinreißen, die ihm bei weiterem Anhalten einmal zum Verhänignis werden dürften. In der sehr gut arbeitenden Läuferreihe, deren Zerstörungsspiel gewohnt erfolgreich, das Zuspiel aber stark verbessert war. überragte Hanse - roth seine guten Nebenspielär Nied und Gizzi. Alle drei befleißigten sich rascher Ballabgabe und weiter Flügelvorlagen, die stets eine Gefahrenquelle für die gegnerische Abwehr bildeten. In dem energisch kämpfenden, wuchtig angreifenden und schnellen Sturm waren der sich immer famoser herausmachende Bayer, der zwei Lungen zu besitzen scheint, und der intelligente, geistig bewegliche und raffiniert spielende Binkert Hauptträger der Angriffe. Sommerlatts Stärke lag in seiner Spurt-
Läuferreihe Böckle, Kraft, Langjahr gut im Stellungs- Kopf- und Zuspiel, der alte Kämpe Böckle aber zeitweilig immer noch zu sehr in den Ball verliebt, was verschiedentlich gefährlichste Situationen heraufbeschwor. Beim Schlußtrio klappte es nicht immer. Kotz und Steimle waren wohl zwei schlagsichere Verteidiger, aber dem schnellen Wechsel und weitgezogenen Flügelspiel des Phönix nicht immer gewachsen. Schmid im Tor, den man dem Nationaltorwart Jahn vorgezogen hatte (wie man mir sagte, ist Jahn derzeit nicht in bester Verfassung), ist zweifellos ein Hüter mit bestem Können. Was uns aber gar nicht gefiel, das sind seine unsinnigen Ausflüge aus dem Tor und es war bestimmt nicht sein Verdienst, wenn nicht noch ein bis zwei Tore mehr für Phönix fielen. Er ist auch ein
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Der Abwehrversuch des VfB-Verteidigers Kotz mißlingt, der technisch gewandt».
Binkert bricht nach innen durch und leitet das 3. Phönixtor ein.
Foto Kanzlett«
erstklassiger Mittelläufer, welchen Posten er einuahm, so lange Jahn im Tor stand. Vielleicht ist das mit schuld an seinen Exkursionen, die unverständlich sind und sicher einmal zu gegnerischen Erfolgen führen werden.
Schiedsrichter Schinetzer, Mannheim , einer unserer besten Pfeifenmänner, hatte bei dem andert- halbstündigen, tollen Tempo eine sehr schwere Aufgabe. Bis zur Pause bewältigte er dieselbe in gewohnt tadelloser Weise. Nach Halbzeit kam er etwas ins Schwimmen, es unterliefen ihm einige gravierende Fehlentscheidungen. So fiel das zweite VfB-Tor aus vorangegangener Abseitsstellung und wenig später war nach einer meterweiten Abseitsstellung beinahe noch ein drittes Tor für VfB gefallen, das wohl das Spiel entschieden hätte. Es hätte uns leid getan, wenn dieser vorzügliche Schiedsrichter durch dieses ungewollte Mißgeschick unter die Räder gekommen wäre.
Das Spiel in kurzen Zügen
Nach wenigen Minuten schon sah man, daß Phönix sich viel vorgenommen hatte und keinerlei Scheu vor dem favorisierten Gegner hatte. Bei völlig verteiltem Spiel erhält Binkert in der 19. Minute eine hohe Vorlage, braust mit dem Leder ab, Schmid läuft ihm weit entgegen, aber Binkert schlägt ihn mit einem glänzend plazierten Schuß- Die Schwarz-Blauen kommen nun hervorragend in Fahrt und Schmid muß hintereinander scharfe Schüsse von Krebs und Finkbeiner (dem schwächsten Mann im Phönix-Sturm) abwehren. Aber auch der VfB ist nicht müßig.
Einen Bombenfreistoß von Barufki hält Havlicek im Fallen prächtig, aber in der 32. Minute führt eine verzögerte Abwehr Linders und ein Mißverständnis mit dem herauslaufend stürzenden Havlicek zum Ausgleich, als Schlienz ins leere Tor schießt, wo Kühn nur durch Handabwehr retten kann.- Der fällige Elfmeter wird von Kraft sicher verwandelt. In der zweiten Hälfte geht das Spiel in unvermindertem Tempo weiter. In der 7. Minute erhält Schlienz bei klarer Abseitsstellung seines Nebenmannes Barufka da*’ Leder, er läßt sich von drei Gegnern nicht abdrängen, setzt einen Flachschuß aufs Tor, der dem sich zu spät werfenden Havlicek unter dem Körper, durch ins Netz geht, 2 : 1. Phönix kommt nun längere Zeit ins Schwimmen, VfB ' drückt stark und ist klar! überlegen, aber die Phönixabwehr läßt weitere Erfolge hidit zu. In der 22. Minute greift die VfB-Abwehr bei einem Phönixangriff nur zögernd ein, Bayer legt fein an Sommerlatt vor, der mit Prachtschuß auf 2:2 stellt. Und nun kämpft Phönix mit einem Furioso weiter. Ejn ausgezeichneter Angriff in der, 29. Minute führt über Binkert-Bayer zu Krebs, der unter stürmischem Jubel mit prächtigem Schrägschuß die neuerliche Führung erzielt. Drei Minuten später heißt es 3 : S. Bei einem stürmischen Angriff des VfB verwirkte die Phönixabwehr einen Handelfmeter, der von Schlienz scharf verwandelt wurde. Fünf Minuten vor Spielende geht Binkert wundervoll durch, legt an Kreb * vor, der mit kernigem Schuß den Siegestreffer erzielt.
W. Emst.
Gegen 7000 Zuschauer warteten auf dem Degerloch eine ganze Stunde auf den Gegner der Kickers, den KFV. Schon war ein Teil der Zuschauer wieder auf dem Abmarsch begriffen (das Spiel war auf 2 Uhr angesetzt, inzwischen war es 3 Uhr gewordenl), da kamen die Karlsruher Spieler abgehetzt angelaufen (!) und machten sich, ohne Mittag gegessen zu haben, zum Spiel fertig. Dabei erfuhren wir von den Begleitern der Mannschaft das Mißgeschick, das den Karlsruhern zugestoßen war. Sie waren Sonntagmorgen programmäßig um 9 Uhr in Karlsruhe mit dem Omnibus (Holzvergaser mit „Mucken") abgefahren und kamen bis Mühlacker . Panne. Es wurde alles gemacht, was zu machen war. Die Spieler schoben das schwere Gefährt 2 Kilometer weit. Es war nichts zu machen, es lief nicht mehr an. Da kam ein amerikanischer LKW
mam
Die Verteidigungen
Barufka , der famose und gefährliche Stuttgarter Halblinke, ist in die Zange genommen. Bayer als „assistierender. Verteidiger." bereinigt die Situation.
Foto: Kanzleiter.
an der Arbeit
Auch die Stuttgarter Verteidigung kam ins Gedränge. Hier greift Kotz durch Kopf- etbwehr rettend ein. Von links: Binkert, Böckle, Finkbeiner, Kotz, Krebs (verdeckt.)
des Weges, der sich liebenswürdigerweise vorspannte, mit dem Omnibu* wegfuhr, bis diesem der Atem wieder kam. Der reichte aber nur bis Zuffen hausen , dann wurde der „Bus" wieder asthmatisch und blieb stehen. Mittler* weile war es halb 3 Uhr geworden. Man stürzte sich auf die Straßenbahn und kam um 3 Uhr auf dem Kickersplatz an, nervös, abgehetzt' — und ohne Essen (das hatten inzwischen die Beiertheimer Handballer, die auf dem Kickersplatz spielen sollten, eingenommen, denen es gut gemundet hat). So gingen die Karlsruher ins
Spiel mit der Aufstellung: B a 11 j Mail, Haag; Hermann, Bie- denbach, Jordan: Häfele, Karch, Weber, Ahl, Litsch. Wie die Karlsruher sagten, ohne Brecht, Damminger, Stephan und
Schön. Der Kickersplatz war nach den Regengüssen in einer denkbar schlechten Verfassung. Die Kickers mit H ö - chenberger; Oswald, Cozza» Sing, Otterbach, Vetter t
Rath, Schaletzki, Conen,
Sälzler, Frey kannten sich zu Hause besser aus und zeigten sich dem nervös-deprimierten Gegner in der ersten Hälfte klar überlegen. Und als gar in der 8. Minute dem KFV- Mittelläufer Biedenbach bei einer unglücklichen Abwehr ein Eigentor unterlief, war die Mannschaft völlig deprimiert. Im weiteren Ablauf stritten sich die KFV-Spieler mit dem Schiedsrichter wegen eines Freistoßes in der Spielfeldmitte, der Kickersmittelläufer spielte rasch seinem Sturm zu, Sälzler nimmt auf und sendet zum 2:0 ein, während die KFV-Spieler immer noch debattierten. Das sollte einer Mannschaft nicht passieren. Wenn eine Entscheidung gefällt ist, dann hat man sich ifyr zu fügen, auch wenn sie falsch ist. Zumindest darf man darüber die Deckung nicht vergessen! Kickers zeigten sich auch weiterhin besser und arbeiteten, soweit dies die schlechten Platzverhältnisse zuließen, gefällig zusammen, wobei der rechte Fiügel Rath—Schaletzki und der Link*-