Published by the Youth Activities Office of North-Baden
Jahrgang 1
Mittwoch, den 8. Mai 1946
Nummer 23
Helft der Jugend /
Die Jugendamnestie - eine Notwendigkeit der Stunde
schierten mit der zu schweren Bürde auf den unreifen Schultern, mit dem Gewicht einer verrat.‘ntlich weltgeschichtlichen Sendung ihres Volkes auf den Schlachtfeldern Europas , beglückt und betäubt vom # Anspruch der Überlegenheit ihrer angeblichen Herrenrasse.
Alter der fortgesetjten, schamlosen Schmeichelei von den Jungen als den „Garanten dei Zukunft*'* erlegen?
Geben wir ruhig zu, diese Propaganda war teuflich geschickt und eine Meisterleistung. Sie kannte genau unsere in Jahrhunderten ererbten Sohlaten-
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Bei der Lekiüre des „S1 a r 1"
Foto; Wörner.
Woher sollte diesen Opfern ihrer Zeit die Erkenntnis kommen, daß gewissenlose Verbrecher bewußt die niedersten Instinkte eines Volkes geweckt hatten, um sie für ihre Zwecke zu mißbrauchen? Und die es ihnen hätten sagen können waren mundtot gemacht und durch eine satanische, jahrelange Propaganda als verkalkte, vaterlandslose Gesellen von vornherein um jedes Ansehen gebracht worden. Wer von uns Älteren wäre nicht in jenem
eigenschaften, trennte die guten von den schlechten, negierte jene und entwickelte zweckbewußt die schlechten zur brutalsten Kommandogewalt auf der einen und zum menschenunwürdigsten Kadavergehorsam auf der anderen Seite. Welche Jugend der Welt wäre unter gleichen Umständen anders geraten?
Und nun der Zusammenbruch! Der Einsturz der gläubigen Herzen! Versteht man, was das heißt? Millionen starben draußen „wie das Gesefc es
Feierstunde der Schaffenden /
befahl“. Millionen kehren heim, Krüppel zu einem grqj^en Teil, und finden nicht nur nichts mehr vor, ßind nicht nur nichts mehr, sondern . sehen sich belastet mit der Gesamtschuld eines verführten Volkes, sie, die wahrhaftig den geringsten Teil daran haben! Da stehen sie nun, unsere Jungen, auch die Mädchen, wachsen langsam in die Wirklichkeit hinein, die ihnen statt des versprochenen „größten Sieges der deutschen Geschichte“ die größte deutsche Niederlage zeigt über den Gräbern ihrer Hoffnungen, ihrer eingestürzten inneren Welt.
Unser Vorschlag: eine Jugendamnestie
Die Achtung der Militärregierung vor der Freiheit der Rede und Meinungsäußerung gibt uns berechtigte Hoffnung, daß sie der Erwägung eines Ju- gondamnestiegesetjes nicht gänzlich ablehnend fcegenüberstehen wird. Ein solches Gesetj würde wie ein frischer Wind durch Deutschland wehen, die Apathie und Verzweiflung beseitigen und der Jugend das berechtigte Mißtrauen der Demokratie gegenüber nehmen, die ja noch gar keine sein kann. Ein mächtiger Wiederaufbauwille würde zum Segen für alle werden.
Wir Erzieher, die wir die Jugend, auch die reifere, in Jahrzehnten kennen lernen konnten, wissen, daß die heutige junge Generation nicht besser und nicht schlechter veranlagt ist, als wir selber waren. Tm deutschen Volke vererben sich nicht nur militärische Qualitäten und mitülirischer Treibbanspnmen. Es besteht keine Gefahr, daß wir uns nach den höllischen Fieberträumen nicht wieder zurückfinden sollten zu unserem wahren Wesen, das der Welt auch bekannt ist. Kulturelle Leistungen eines Volkes hangen nicht ab von seiner politischen Macht. Nicht der Militärstaat Sparta mit der unmenschlichen Verfassung eines Lykurg wurde zur Keimzelle der gesamten europäischen Kultur, sondern die geistigen und künstlerischen Schöpfungen Athens .
Eine so ungeheure Niederlage, wie wir sie erlitten haben, hat einen Sinn. Wen Gott so tief stürzen läßt, dem bietet er die Möglichkeit, sich zu einem begnadeten Menschentum zu erheben. Wir haben in Jahrhunderten die Kultur der Welt auf allen Gebieten wesentlich bereichert. Daraus erwachsen uns Glaube und Hoffnung trotj Tod und Tranen. Aber vielleicht war uns eine neue Aufgabe in unserer Geschichte nie so deutlich gestellt wie heute: Die Menschlichkeitssendung eines großen Volkes, die uns selbst brüderlich versöhnt und unsere engen Grenzen wieder sprengt, nicht in Gewalttaten, sondern durch Ströme der Liebe.
Helft unserer Jugend und Ihr helft uns allen; Ihr helft Deutschland und der Welt. Sorgt dafür, das inmitten Europas wieder ein lebendiges, großes Herz schlägt,
Heinz Zweifel-Brown.
Ein Jahr Abstand trennt uns von der Katastrophe. Mühsam arbeiten wir uns aus dem Abgrund herauf, in den ein ganzes Volk gestürzt ist. Langsam weichen die Nebel der Betäubung. Der Geist schaut um sich und in sich. Ein Gottesurteil muß sich an uns vollzogen haben, nachdem wir das Menetekel nicht zu lesen imstande waren. Kein Gottesgericht aber, das sich im irdischen Geschehen ausspricht, ist ohne Verheißung für die Zukunft.
Was. aber ist zunächst zu tun?
Zuerst kehren wir wirklich einmal sauber vor unserer eigenen Türe! Unübersehbar sind in Deutschland die materiellen Trümmer; ich halte die moralischen, die wir in uns angehäuft haben, für viel schlimmer. Sie sind gefährlich, weil sie den Blick auf unsere seelischen Defekte verhindern. Kein denkender und bereiter Kopf verkannte in den zwölf Jahren Nazierziehung die grauenhaften Folgen einer bewußt propagierten Abkehr von der „lehenszerstörenden Objektivität“, hin zur ebenso bewußt geförderten Subjektivität. Wenn kein allgemeingültiger Maßstab mehr verpflichtet, wird der Einzelmensch das „Maß aller Dinge“.
An den Früchten erkennt man den Baum. Und diese Früchte hei der Mehrzahl von alt und jung waren Großmannssucht, Neid, Begehrlichkeit, Mitleidlosigkeit, Brutalität, Kadavergehorsam, Verkennung aller Rechtsbegrif fe, Denur.ziationssucht und Machtrausrh.
Die Medizin für unser Volk
Wie könnte aber die Passion unser'* gequälten Volkes b**i soviel Schuld nach einem Jahr des Übergangs schon zu Ende sein? Wer allerdings von all dem Unmenschlichen, das in zwölf Jahren durch Verbrecher geschehen ist, angeblich gar nichts wußte, dem ist auch zuzutrauen, daß er vom Menschenmöglichen, das unsere Befreier ~ und die deutschen Verwaltungen bisher geleistet haben, ebenso wenig gemerkt hat. Das „Tausendjährige Reich“ endete im absoluten Chaos. Wer kann das übersehen? Haben wir also Geduld! Zunächst aber mit uns selbst! Und diese Geduld erwächst nur auf dem gegenseitigen Verständnis, aus der Duldsamkeit und aus der Liebe zueinander.
Es ist töricht, angesichts der großen Gesamtschuld mit Fingern aufeinander zu zeigen und Steine zu werfen, wo wir doch alle im Glashaus saßen. Wir sind noch nicht besser geworden., Das liegt am Hunger. Hungernde pflegen reizbar, neidisch und böse zu sein. Man kann sie schwer bekehren, bevor man ihnen nicht das tägliche Brot beschert, und dafür sorgt, daß ihre Nerven sich wieder beruhigen, die fettlos gebettet sind.
Das liegt auch in der Unsicherheit. Das Gesetj zur politischen Säuberung mahlt langsam. Vielleicht ist es gut so, damit nicht auch weniger Schuldige zwischen den Steinen zerrieben werden. Und daß es gerecht mahlt, ist eine selbstverständliche Forderung an alle, die es handhaben. Die mit Mißtrauen erwartete Gehurt der Demokratie würde sich sonst als eine Fehlgeburt erweisen.
Brot — Fett — Kohle — Rohstoffe ~ Arbeit — Recht — da* Ist die Medizin für nnser Volk Sicher ist, daß die Verantwortlichen das wissen. Aber da* Recht muß wieder unerschütterlich aufgerirlitet werden.
Die Jugend bis zu Dreißig
Der Anfang dieser Rechtsfindung aber, so will es mir scheinen, m itte eich mit allen Jugendli^' o n mindestens einschließlich der heute Dreißigjährigen, beschäftigen. Diese waren zur Zeit der Machtergreifung 18 Jahre alt. In einem solchen Alter ist man ein Buh, wenn man es auch nicht wahrhaben will. Und nun hörten diese Buben und Mädchen 12 Jahre lang nichts als die Autoritätsuntergrabung aller Erziehungsberechtigten unter geflissentlicher Vermeidung jeder wahren sittlichen Ermahnung, hörten nur noch Trommelwirbel, Fanfarenstöße und ihren eigenen Marsch- fcritt, wußten nichts mehr von unbe- WfetUa M»<Ura ***•
Keine wehenden Fahnen umsäumten den Karlsruher Festplatj zur Feier des 1. Mai. Die in den blauen Frühlingshimmel ragenden Trümmer der Städtischen Ausstellungshalle mahnten daran, daß die Zeit noch nicht gekommen ist, laute Feste zu feiern. Dennoch wurde der erste Nachkriegsfeiertag der Schaffenden zu einem Tag des Besinnens auf die Ziele ihrer Arbeit und des Bekenntnisses zu den Grundlagen des künftigen Aufbaus. Zu Tausenden waren sie zum Festplag gekommen, wo sie nach den Klängen der neuen Feuerwehr kapelle der 1. Vorsitjende des Allgemei nen Deutschen Gewerkschaftsbundes , Flößer, herzlich begrüßte und zur Einigkeit mahnte und dann Karlsruhes Oberbürgermeister Veit ihnen in einer mitreißenden Ansprache die Bedeutung des Tages aufzeigte.
Nachdem er darauf hingewiesen hatte, daß keine Zeit des Jahres besser dazu geeignet ist, das Fest der Lebens- hejahung und des Rechtes auf ein menschenwürdiges Dasein zu feiern, als gerade der Frühling, der die Menschen visdar boffaa, di« irsaai mit vbmh
Lebensmut erfüllt und die Starken ihrer Kraft bewußt werden läßt, erinnerte der Oberbürgermeister daran, wie das vergangene System diesen Tag verfälscht und die Arbeiterschaft zu einer erzwungenen Massenpropaganda für da3 Dritte Reich mißbraucht hatte. „Heute dagegen“, §o rief er unter dem Beifall der Tausenden vom Balkon des Kon* zerthauses, „versammeln sich zum ersten Male seit 14 Jahren deutsche Schaffende aller Berufe in völliger Freiwilligkeit, um ihrem Willen zum Frieden, zur Völkerverständigung, zur Wiedergutmachung, zur, Demokratie, zur Ablösung der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, zur Respektierung der Menschenwürde, aber auch ihren unerschütterlichen Willen zur Erhaltung des deut schen Volkes und Wiederer^tehung des Deutschen Reiches vor aller Welt zu bekunden“.
In ehrenden Worten gedachte derOber- hiirgermeister der Millionen Opfer des Nationalsozialismus. um dann eine j Reihe brennender Tagcsp’öbleme zu er- j örtern, deren rasche und gerechte Lö- I tun? V*rauM»ttMnf für da* Warb«*» 1
der jungen deutschen Demokratie ist. Er bat die Alliierten, den Frieden der Welt nicht auf der Grundlage der Vergeltung aufzuhauen, betonte die Notwendigkeit der industriellen Produktion Deutschlands , bezeugte den Willen der Schaffenden für die Wiedererrichtung eines einheitlichen Deutschland und richtete an die Schaffenden der ganzen Welt die Bitte, unsere Kriegsgefangenen'bald wieder frei zu lassen. Er forderte die Versammelten auf, nicht zu verzagen oder apathisch das Tagewerk zu tun, sondern mit ganzer Seele dem Neuaufbau zu leben. Mit einem besonderen Appell an die Jugend, an der Errichtung eines besseren Deutsch lands aller Menschen, die guten Willens sind, mitzuarbeiten, beschloß Oberbürgermeister Veit seine mit herzlichem Beifall aufgenommene Festansprache.
Nachdem Stadtrat Deck die Forderungen der Gewerkschaften dargelegt und die Aufgabe des Arbeiters am Neuaufbau Umrissen hafte, klang die Karlsruher Maifeier mit einem gemein- iiiui Lied (MtliA «ah
Schriften rar Zeit!
Forscher
Ein interessantes Kapital technischen Fortschritts
Neuland wird hier erschlossen. Ein den meisten von uns unbekanntes Kapitel technischer Entwicklung geschildert, Männer stellt man uns vor, deren Bekanntschaft zu machen es sich lohnt. Zwanzig führende Wissenschaftler Ame rikas aus den verschiedensten Foochen und Jahrhunderten seiner Geschichte.
Bernard Jaffa, ein Neuyorker Dozent für Naturwissenschaften, führt uns in seinem in der Reibe des Oversia Edition8 herausgekommenen Buch „Männer der Forschung in Amerika “ in ihr Leben ein. Dabei beschränkt er sich nicht nur auf das Biographische, er ordnet ihr wissenschaftliches Werk in die kulturellen, technischen und geschichtlichen Zusammenhänge e:o und schildert ebenfalls die Ströme, die von Amerika zu den andern Ländern führen.
Wenn Jaffe in Seiner Einleitung gesteht, daß das Leben dieser zwanzig Piöhiere der Wissenschaft schon in Amerika weiten Kreisen unbekannt ist, so brauchen wir nicht erstaunt sein, daß wir, von wenigen Fachleuten abgesehen, kaum ihre Namen wissen. Am geläufigsten sind uns noch, die Vertreter der frühen amerikanischen Naturwissenschaft: Thomas Harriot und Be.n- iamin Franklin. Wer aber weiß die Bahnbrecher der Forschung des 19. und 20. Jahrhunderts — den Physiker Josef Henry , den Ozeanograph Matthew Man- ry, den Mathematiker Gibbs? Wer kennt den aus Deutschland ausgewan- derten ersten Nobelpreisträger der USA , den Physiker Albert Abraham Micbel- son? Und wen würde es nicht interessieren, Näheres über den Atomphysiker Ernest Lawrence zu erfahren?
Das Buch Jäffes führt in den Lebensbildern dieser Forscher die Entwicklung ✓der amerikanischen Forschung vor Augen und bezeugt so eindrucksvoll di© Richtigkeit des Wortes von Lord Acton : „Man dringt am tiefsten in das Verständnis der Geschichte ein — sei es in Politik, Religion, Literatur oder in den Naturwissenschaften —, wenn man über die Menschen hinaus die Ideen zu begreifen trachtet.“ S.
Die Grenzen der staatlichen Macht
Richtungweisende Warte Dietrich von Hildebrands
Wo Jahre hindurch der Staat vergottet wurde, tut es dringend not, einmal eindeutig seine wahren Grenren zu umreißen. Der Regensburger Verlag Josef Habbel erfüllt deshalb einen guten Dienst, wenn er zwei Aufsätze aus einer Schrift des einstigen Münchenern Universitätsprofessors Dietrich von Hildebrand den jungen Lesern von heute in einem Sonderdruck zugänglich macht.
• 1929 und 1932 bat der bei der
„Machtübernahme“ seines Lehrstuhls beraubte, zuerst in Wien , ab 1938 in Neuvork lehrende deutsche Staatspbilo- soph diese Gedanken über die Grenzen der staatlichen Macht geschrieben. Sie erweisen sich zu dieser Stunde so aktuell wie damals, denn nie war es notwendiger, das Recht der menschlichen Persönlichkeit in richtigen Einklang mit den Ansprüchen des Staates zu bringen als nach dem unbeschreiblichen Irrweg der Staatsvergötterung der verflossenen Zeit. Zu keiner Stunde war es auch wichtiger, den Sieg des Rechtsgedanken* im Völkerleben über den Machtgedanken zu fordern.
Möchten' die in dieser Schrift über „Die sittlichen Grundlagen der Völkergemeinschaft“ ausgesprochenen Gedanken Dietrich von Hildebrands ein lebhaftes Echo finden. Es würde den Völkern nur zum Segen gereichen. -hs.
Briefe junger Menschen
Ein Osterheft
zum Gedenken unserer Toten
Briefe junger Menschen sind es, die in diesem Heft gesammelt und auszugsweise wiedergegehen sind. In den stillen Stunden zwischen den lauten Kämpfen der letzten Jahre niedergeschrieben, als Trost, Bekenntnis, Aufforderung und oft auch als Abschiedsgruß an die Verwandten und Freunde daheim. In einer kleinen, „Das Tor der Auferstehung“ betitelten, im Gral-Verlag in Heidelberg erschienenen Schrift hat sie Albert Gärtner znm Gedenken unserer Toten zusammengestellt, damit ihr Ruf an uns nicht ungebört verhallt.
Echt, klar und wahr, wie es angesichts der täglichen Begegnung mit dem Ewigen nicht anders sein kann, sprechen darin junge Menschen iiher ihr Verhältnis zu den letzten Dingen und über ihre und andere Gegenwartssendung. „Die große Probe unseres Volkes scheint mir aber erst nach dem Ende des Krieges zu kommen. Wird es wieder den Mut zur Stille finden? Nicht zum Weichlichempfindsamen, sondern zur Kraft aus der Stille, zum Lehen aus ihr?“ mahnt einer aus ihren Reihen.
Jetjt, da die Zeit dieser Probe nahe ist, heißt es, die Kräfte des Ewigen für den deutschen Neuaufbau nutzbar zu machen. Die kleine, gedankentiefe SchVift aus den Reihen der katholischen Jugend ist ein «ufrüttelnder Weckruf »>«>■«»■ -od-