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Nummer 23, Seite 2

DER START

Mittwoch, 8. Mai 1944 '

Stimme del

TECHNISCHEN HOCHSCHULE

Rheinschiffahrt bei Mannheim

Foto Willy Glaser-Mannheim

Jugendbewegung vor <933

Ein Ausspracheabend der Gesellschaft der Jugend

Die T.H. vor dem Sommer- Semerster

1600 eingeschriebene Studierende.

Das erste Semester, das an unserer Karlsruher Technischen Hochschule nach ihrer Wiedereröffnung gelesen wurde, geht seinem Ende entgegen. Es verlang­te von Professoren, Hochsthulverwal- tung und Studenten eine fast über­mäßige Anspannung aller Kräfte. Aber niemand ließ sich eine Ermüdung an­merken. Täglich strömen noch 1600 Studierende darunter 250 Vorsemester- Studenten, zu den halbzerstörten Ge­bäuden des Hochschulviertels.

Es hat sich mancher Außenstehende den Kopf zerbrochen und gefragt, "wo und wie denn die Hochschule diesen gewaltigen Andrang unterbringt und be­wältigt. Ein Blich in die bellen und gut ausgestatteten Hörsäle würde ihn be­lehren und ihm zeigen, daß die Un­terbringung nichts zu wünschen übrig läßt. Schwieriger war die Frage des Unterrichts in den einzelnen Fachgebie­ten. Noch ist mancher Lehrstuhl unbe- setjt oder nur vertretungsweise beseht. Viele Institute und Laboratorien konn­ten ihren Betrieb noch nicht in vollem Umfang wieder aufnehmen. Mit man­cher bescheidenen Notlösung mußte vorlieb genommen werden.

Aber man sieht überall, daß etwas geschieht, daß es schrittweise vorangeht und auch wieder einmal anders aus-

sabon wird. Studentische Arbeitsgrup­pen schaffen Schutt aus den noch brauchbaren Gebäuden, Dächer wer­den neu gedeckt und weitere Hör- und Übungssäle fertiggestellt. Professoren und Assistenten richten mit den zurück­geführten Maschinen, Apparaturen und Instrumenten ihre Forschungsanstalten wieder ein. Hochschulferien gibt es praktisch nicht, wenn auch die Vor­lesungen am 15. Mai auf kurze Zeit äusseren. Das schon hald folgende Sommerseraester, welches erneut einen starken Zuwachs an Studierenden erwar­ten läßt, erfordert manche zusäftlichen Vorbereitungen. Aber man bat nun s<hon Erfahrung in der Beseitigung zeitbedingter. Schwierigkeiten. Auch der Wiederaufbau laßt keine Atempause zu. Viele Studierende erledigen ihren Auf­bau-Hilfsdienst in der vorlesungsfreien Zeit, andere benutzen die kurze Zeit­spanne, um den Vorlesungsstoff gründ­lich durchzuarbeiten und zu festigen.

Neuzulassungen für Vorsemester und 1. Semester nur in beschränktem Umfang

Die Vorsemester-Studenten studieren vor den Anschlagtafeln ihre Prüfungs­termine. Nur diejenigen werden in das 1. Studiensemester aufgenommen, die eine erfolgreiche Teilnahme an den Vor­kursen nachweisen können. Um den Vorlesungsbetrieb für das schon allein durch die Vorsemesterabsolventen stark besuchte nächste 1. Semester in geord­

neter Weise durchführen zu können und um eine untragbare Überfüllung; der Hörsäle zu vermeiden, können für das 1. Semester nur etwa 100 Studie­rende zusätzlich neu aufgenommen werden.

Die Technische Hochschule ist in der Lage im Bedarfsfälle auch im kommen­den Sommersemester ein Vorsemester durchzuführen. Für dieses Vorsemester können aber nur etwa 200 Studienbe­werber neu aufgenommen werden. Die bisherigen Richtlinien für die Zulassung segen voraus, daß die Studienbewerber zumindest einen Reifevermerk mit aus­gesprochener Vfcrsetjung in die 8. Klas3© nachweisen. Leider werden aber die räumlichen Verhältnisse dazu zwingen, auch unter den Bewerbern, die durch Abitur oder Reifevermerk den Aufnah­mebedingungen genügen, eine scharfe Auslese zu treffen. Dabei werden die bessere Vorbildung, die Begabung und die politische Belastung eine entschei­dende Rolle spielen. Kriegsversehrtheit und langjährige Kriegsteilnahme wer­den ebenfalls berücksichtigt. Für ältere Semester, also Studierende des 2. (zw«w ten) oder höherer Semester bestehen bei der Neuaufnahme keine zahlen­mäßigen Beschränkungen.

Alle Fakultäten lesen im kommenden Sommersemester für die Neueintreten- den und die Absolventen des abge­schlossenen Vorsemesters ein 1. Seme­ster. Im Wintersemester 1946/47 da­gegen werden die Fakultäten Maschinen­ bau und Elektrotechnik kein 1. Se­mester abhalten, sodaß die Studien­bewerber dieser Fakultäten, welche das im Sommersemester beginnende Vorsemester besuchen, im Winterseme­ster 1946/47 das 1. Semester nicht belegen können. Es wird daher diesen Studierenden empfohlen, während des Wintersemesters die vorgeschriebene praktische Arbeitszeit von 6 Monaten abzuleisten, bis sic dann im Sommer­semester 1947 ihr Studium mit dem 1. Semester wieder aufnehmen können.

Der Beginn der Einschreibungen für das Sommersemester 1946 ist auf den 15. Mai, der Beginn der Vorlesungen auf den 3. Juni festgesefct. Das Som- raersemester wird voraussichtlich mit dem 10. September schließen.

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Die Gesellschaft der Jugend hatte zu einem Ausspracheabend über die Ja* gendbewegung vor 1933 einge- laden. In seinem einleitenden Bericht ging Dr. Ulrich Btraayi von den politischen, wirtschaftlichen und gesell­schaftlichen Zuständen aus, wie sie in Deutschland um die Jahrhundertwende bestanden. Er zeigte, daß der Heran­wachsenden Jugend kein Eigenleben ge­stattet, daß sie bald als Kind und bald als Erwachsener behandelt wurde und man im Elternhaus wie in der Schule nur selten einen richtigen Blick für ihre wahren Bedürfnisse hatte. So kam es, daß in Stegliß die erste Wander­vogelgruppe gegründet wurde, die a’s Vorbild für alle anderen diente, und die man als Ürsprung alles dessen an- sehen maß, was man später unter dem Namen der Jugendbewegung zusammein- faßte. Der Vortragende wies darauf hin, daß es drei große Erlebnisse waren, die diese neue Jugend erfüllten: das Erlebnis der Natur, des Körpergefübls und der Gemeinschaft. Er zeigte sodann im einzelnen, wie diese Erlebnisse sich kundtaten, wie sich, iiu Wandern, in der Tracht, in Gesang (Zupfgeigenhansl) ühd namentlich im Tanz diese Dinge in die Wirklichkeit umseßten. Er schilderte das große Jugendfest 1913 auf dem Hohen Meißner ; bei dem sich die neue Jugend zum erstenmal als ein geschlos­senes Ganze zeigte.

Durch den ersten Weltkrieg wurde viel von dem zerstört, was auf dem Meißner so hoffnungsvoll begonnen hatte. Aber nach der Umgestaltung

Deutschlands kam noch einmal eine große Zeit für die Jugendbewegung. Ne­ben den alten Wandervogel traten die Vereinigungen der Pfadfinder und die großen konfessionellen Jugendbünde. Gegen Ende dieses Zeitabschnittes trat dann die „hündische Jugend“ immer mehr hervor. Sie suchte die Ideale des alten Wandervogels mit den Bestrebun­gen der Pfadfinder zu yereinigen, und, was besonders wichtig war, sie hatte auch ein politisches Ziel, nämlich, ihren Jungen auf den großen Ausländsfahrten Wesen und Art der andern Völker zu erschließen und jene mit deutschem Jugendtum vertraut zu machen.

Zum Schlüsse seiner Ausführungen ging der Vortragende noch kurz auf die Aussichten ein, die die Jugendbewegung heute habe. Er meinte, die alte Jugend­bewegung habe wohl ihr Ende erreicht, aber der gute Wille sei auch bei der heutigen Jugend vorhanden.

In der sich anschließenden erfreu­licherweise recht lebhaften Aussprache wurde deutlich zum Ausdruck gebracht, daß man sich hüten müsse, die Pfad- fiuderei als „Konjunktur“ zu betrach­ten. Auch die Frage des Verhältnisses von Individualität und Gemeinschaft, so­wie die Stellung der Jugend zur Politik und zu den Parteien wurde behandelt. Von grundlegender Bedeutung waren die Ausführungen eines jungen Mannes, der darauf hinwies, daß die Jugend ihre eigenen Wege zu gehen wünsche "nd aus eigener Kraft den Wecr aus den so vielerlei Schwierigkeiten finden wolle, die sich ihr entgegenstellten.

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Karlsruhes Oberbürgermeister Veit spricht zu den Schaffenden

Foto Wörner.

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Zeitgeschichte im Staatstheater

„Professor Mamlock" — ein Schauspiel von Friedrich Wolf

Wie seine beiden jüngste» Erzählun­gen, „Der Russenpelz“ und „Heimkehr der Söhne“ gestaltet der Arzt und Dichter Friedrich Wolf auch in seinem Schauspiel „Professor Mamlock“ einen Abschnitt Berliner Zeitgeschehens und deutscher Zeitgeschichte. Spielt sich die Handlung um den „Russenpelz“ in den Kriegsjahren 1941—42 ab, erfolgt die „Heimkehr der Söhne“ 1943, so voll­zieht sich das Schicksal des jüdischen Berliner Arztes Dr. Mamlock in den unruhigen Monaten zwischen Mai 1932 und April 1933, in denen die politischen Ereignisse in Deutschland den Grund­stock legten für all das, was uns zu unserer heutigen Katastrophe führte. Wie in all seinen nach der Rückkehr aus der russischen Emigration erschie­nenen zeitnahen Dramen und Erzählun­gen zeichnet Wolf auch in diesem Schau­spiel, das er im Untertitel „Tragödie der westlichen Demokratie“ nennt, Haltung und Schicksal des deutschen Bürgertums «eit den Tagen des Um­sturzes 1933 und demonstriert auch hier mit der ihm eigenen plastischen Ge­staltungskraft, wie die Unentschlossen­heit, Charakterwendigkeit, Rückgrat- losigkeit und oft auch Feigheit vieler Kreise der sogenannten „Intelligenz“ mitgeholfen haben, den braunen Auf- > stieg zu verwirklichen. Was sich in der Klinik und in der Wohnung Dr. Mam- lodcs abspielt, vollzog sich damals in ungezählten anderen deutschen Hei­men — auch wenn man allerdings in den wenigsten Fällen den Ausweg be­schritt, den der Arzt Friedrich Wolf ■einen Kollegen im Schauspiel geben läßt — den Selbstmord.

Wir wollen hier weder, wie der Theaterzettel es ans naheliegenden Gründen tut, eine wortreiche Entschul­digung dafür schreiben, daß man dem von den Sorgen des APtags überbelade­nen Publikum ein der Problematik der Gegenwart entnommenes poüti^'es Tendenzstück entgegenseßt. noch die Im Publikum vielerörterte Frage auf­

greifen, ob die Zeit bereits reif ist, dem Geschehen von damals schon die gültige dramatische Form zu verleihen. Viel beste Dramatik aller Jahrhunderte hat irgend einem politischen, religiösen oder ethischen Programm gedient und Dinge, deren verheerende Folgen so vielfältig in unsere Gegenwart greifen, können, ja müssen sich auch auf den Spielplänen der Bühnen spiegeln. Sind nicht die Handelnden um Professor Mamlock Typen, wie sie damals und nicht nur 1933, sondern bei jeder poli­tischen Umwälzung in jeder Stadt zu finden waren? Der sich drehende, windende und ach so schnell wendende Dr. Carlsen, der seinen eigenen Glau­bensgenossen verratende Dr. Hirsch, der mit dem Wind der Ereignisse seine Meinung wechseln dr Chefredakteur Dr. Seidel, der fanatische Vertreter des „Neuen“, SA-Führer und Klinik-Kom­missar Dr. Hellpach auf der einen

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Seite und die Mitglieder der Arzt- ] familie Mamlock, der verfolgte Jung- * kommunist Ernst und die ihr Ideal treu bewahrende Praktikantin Dr. Ruoff auf der anderen? Professor Mamlock allerdings hat der Dichter für einen Berliner Arzt zu weit- und le­bensfremde Akzente gegeben. Denn welcher jüdische Mediziner wäre sich 933 nicht bewußt gewesen, was die achtergreifung der Hitler, Goebbels und Streicher für die „Nichtarier“ in Deutschland bedeutete? Alles in allem aber, trotj mancher Verzeichnungen und zu greller Schlagschatten, stellt „Pro­fessor Mamlock“ eine beachtenswerte dramatische Zeitreportage dar.

Das Bad. Staatstheater brachte das Wolf’sche Drama in einer Festvorstel­lung des Karlsruher Kulturbundes am 1. Mai zur süddeutschen Erstauffüh­rung. Peter Franks von Erich Geiger assistierte Regie bemühte sich, nach den schlechten Erfahrungen mit dem „Strich“, der zwei oder drei Abende durchs Zimmer ging und unzufriedene Zuschauer, leeres Haus und noch leerere Kassen brachte, die parteipolitische Ten*

„Professor Mamlock“ — Szene aus dem Schauspiel von Friedrich Wolf

denz des Dramas nicht zu stark hervor­zuheben und dafür die allgemein menschlich-erzieherischen Absichten zu betonen. Wolfgang Golisch spielte in seinem Professor Mamlock das Schick­sal all der sich in Wort und Tat zum Deutschtum bekennenden jüdischen In­tellektuellen jener Jahre. Rita Graun gab die aller Politik abgewandte Arzt­gattin und um das Wohl ihrer Kinder bangende Mutter ergreifend wieder, Marianne Wiedmann gestaltete die erst die „feinen Kerle“ anhimmelnde, dann in ihrem schwärmerischen Backfischglau­ben so bitter enttäuschte Tochter Ruth. Erich Geigers leidenschaftlicher Rolf Mamlock spiegelte in Wort und Aus­druck überzeugend den glühend für seine Ideale kämpfenden kommunisti­ schen Studenten wider. Um die Arzt­familie die Schar der ihren Chef durch eine meineidige Unterschrift verratenden „Kollegen“ — Paul Becker und Chri­stian Lennebach als charakterschwache Ärzte, Gisela Lohr als ebenfalls dem Göften des Tages opfernde Schwester Hedwig und Karl Mehner als — etwas zu stark gestikulierender — so ge­schäftstüchtig wie ängstlicher Chefredak­teur der „Neuen Zeitung“. Sepp Born- mer gab den dummbrutalen, ehrgei­zigen SA-Kommissar wider. Trefflich auch die scharf geschnittenen Profile Friedrich Priiters als verwundeter Ar­beiter und Erich Schuddes als Jungkom­munist. Die beiden Bühnenbilder Trude Karrer» verliehen der Handlung den stilechten Rahmen.

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Besonders begeisterte Zuschauer selten bei der Erstaufführung schon in der Sekunde des Todes Professor Mam­lock s mit ihren Beifallsbtfzeugungen ein. Andere — unter ihnen mein ehrenwer­ter Nebenmann — glaubten, die Vor­gänge auf der Bühne laufend durch aufmunternde Zurufe an die Schau­spieler begleiten und beschleunigen zu müssen. Es scheint an der Zeit, daß auch auf diesem Gebiet mit den durch KdF. ins Theater importierten „Sitten“ ein für aNe mal Schluß gemacht wird. Es würde dem Dichter, den Schauspie­lern und den Zuhörern ein gleich großer • Dienst erwiesen werden« —df—<

Jugend im Vortragssaal

Im Jugenderziehungswerk:

Farblichtbilder aus der Heimat

So unendlich viel der wahnsinnige Krieg zerstört hat, es ist uns doch .auch so manches geblieben, was das Leben iebenswert macht: neben den höchsten Kulturgütern auch so viele Schönheiten unserer Heimat.

In prachtvollen Farblichtbildern zeigte Studienrat Linz vom Bad. Schwarz­ waldverein herrliche Bilder der näheren und weiteren Umgebung, Landschaften und Baudenkmäler und steigerte damit die Sehnsucht nach frohem Wandern in Gottes freier Natur, in Berg und Wald, in Flur und Feld, weg von den Trüm­mern unserer Städte.

Die Farbphotographie, deren Ent­wicklung durch den Krieg eine jähe Unterbrechung erfahren hat, wird wohl in absehbarer Zeit weiterer Vollendung entgegensehen. Die zur Einleitung ge­botene „Waidmusik“ für zwei Geigen und Bratsche von Dr.'H. E. Rahner, ein dreisilbiges Werk, das im Kriegs­gefangenenlager entstanden und dort auch vor den Kameraden uraufgeführt wurde, schien für den Abend eigens geschaffen zu sein. Die Sehnsucht nach Lösung von der drückenden Not, wie sie insbesondere im 2. Saß zum Aus­druck kommt, ist auch unsere Sehnsucht. Der Komponist selbst im Zusammen­spiel mit Hilde Jander und Mathilde Ribier brachte die Komposition zur Aufführung. Sie wird hoffentlich bald einem weitferen Kreis zugänglich sein.

Mit diesem legten Vortragsabend ist die erste Reihe der Vorträge abgeschlos­sen. Er soll hinüberleiten zum persön­lichen Erleben der Heimat durch Wan­derung und Ausflüge während der schö­nen Sommermonate. Führungen durch geologisch und botanisch interessante Gebiete werden in Zusammenarbeit mit den bestehenden Organisationen wie Schw arzw ald verein und Naturfreunde auch über den Sommer die Verbindung mit der Jugend aufrechterhalten. Diese Führungen werden jeweils im „Start“ beapntgegeben werden. O. B,