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Mittwoch 30 Oktober 1940

Südwestdcotscbe Voffcszeitong

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„Gefrosle Verzweiflung"

Gedanken zum Reformationsfest 1946

Der eigentliche Sinn des reformatorischen Geschehens in Deutschland ist im Lauf der Ge­schichte oft mißverstanden und mißdeutet wor­den, am schlimmsten vielleicht ln den vergan­genen Jahren, in denen man Martin Luther als deutschen Nationalhelden feierte, als eine der symbolischen Gestai'en in denen sich der ger­manische Geist gegen eine jahrhundertelange Überfremdung erhoben habe, und ihm zugleich im Namen des Mythos seine nicht wegzuleug­nende Gebundenheit an die Heilige Schrift Alten und Neuen Testaments zum Vorwurf machte Gewiß war Luther ein deutscher Mann und hat sein deutsches Volk lieb gehabt mit der echten für alle Fehler hellsichtigen, warmen und warnenden Liebe seiner prophetischen Persön­lichkeit. — aber der Schwerpunkt seines Wir­kens lag keineswegs auf der Ebene des Natio­nalen und Politischen . Martin Luther wollte nichts anderes sein als ein Kämpfer für den Wahrheitsanspruch des reinen Evangeliums, und wer ihn darin nicht ernst nimmt, wer das Herzstück seiner Verkündigung verschweigt, dem bleibt seine ganze Welt hoffnungslos ver­schlossen. Es ist von nicht geringer Bedeutung, daß in den letzten Jahrzehnten in der deutschen evangelischen Theologie eine neue tiefdringende Lutherforschung die schon im Zeitalter der Aufklärung beginnende Verzeichnung des Lutherbildes berichtigt und die Gestalt des Reformators und sein innerstes Wollen wieder klar und echt vor uns hingestellt hat. Wir stehen Luther heute näher als viele Generationen vor uns, und es ist gewiß nicht zufällig, wenn gleichzeitig Professor Joseph Lorz in Münster in seinem zweibändigen Werk „Die Reformation in Deutschland“ einer neuen gerechteren Wür­digung des religiösen Anliegens der Reformation auch in der katholischen Kirche Bahn zu bre­chen unternommen hat.

Und wenn wir nun fragen, was Martin Luther unserem Volk in der ungeheuren Krisis unserer Tage zu sagen hat, können wir nur dar­auf hinweisen, wie er selber in tiefem Er­schrecken vor der Wirklichkeit des verborgenen, des zornigen Gottes in der Zusage der freien Gnade Gottes in Jesus Christus den unerschüt­terlichen Halt gefunden hat, der auch unser Leben in einer zerbrechenden, dem Gericht ver­fallenen Welt allein zu tragen vermag. Der deutsche Reformator steht unter dem Kreuze Christi , d. h. aber an dem Ort, wo in wunder­samer Weise vereinigt ist. was sich sonst völlig zu widersprechen scheint. Gottes gerechtes Ge­richt über eine Welt voller Empörung und Got­tes vergebende, rechtfertigende Barmherzigkeit

Der Meister Lukas Cranach hat das tiefste An­liegen der Reformation wohl verstanden, wenn er auf der Predella seines berühmten Altar­bildes m der Stadtkirche zu Wittenberg Luther selber als Prediger auf der Kanzel dargestellt hat, wie er mit ausgestrecktem Finger aut den mächtigen Cruzifixus hindeutet, der sich zwi­schen' ihm und der andächtig zuhörenden Ge­meinde erhebt. Wie kaum ein christlicher Theo­loge nach dem Apostel Paulus hat Martin Luther das Geheimnis des Leidens und Sterbens Christi in den Mittelpunkt seines Denkens ge­stellt. In dem gekreuzigten Christus ist ihm aller Trost und alle Hoffnung beschlossen, und nicht umsonst hat er schon im Jahre 1516 in einem Brief an den Augustinermönch Georg Spenlein in Memmingen das Wort von der fiducialis desperatio, der getrosten Verzweif­lung, geprägt, in der im Absehen von rller eigenen Gerechtigkeit und Leistung Christus und sein Heil glaubend ergriffen werden will.

Es hat wohl noch kein Geschlecht gegeben, das so viel Ursache hatte, an sich und allem Menschenwerk zu verzweifeln, als das unsere. Unsere ganze Welt ist zum Tode krank, und diese Krankheit kann sich nur dort zum Leben wenden, wo es uns geschenkt wird, in getroster Verzweiflung die Hand Gottes zu ergreifen, die Sich uns in Jesus Christus entgegenstreckt. Er allein kann uns den Halt geben, den wir brau­chen, um nicht den Mächten der Zerstörung zu \ jrfallen. Er allem kann uns mitten in aller Be­drängnis den Weg zur Freiheit auftun, nicht zu der falschen Freiheit des von Gott gelösten selbstherrlichen Menschen, deren verderbliche Früchte wir heute ernten müssen, sondern zu der königlichen und gotteskindlichen Freiheit von Menschenfurcht, Sündennot und Todes­grauen, die aus der Gebundenheit an Gottes Offenbarungswort entspringt Das Wort Gottes allein macht den Christen zum freien Herrn aller Dinge im Glauben und zugleich zum dienstbaren Knecht aller Dinge in der Liebe zum Nächsten und in der priesterlichen Für­bitte für sein Volk und für die ganze friedlose, im tiefsten verwirrte Welt. In dem viel ge­nannten und wenig gelesenen Büchlein von der Freiheit eines Christenmenschen schlägt das Herz der Reformation, und wo man sich in der ganzen Christenheit im Blick auf den gekreuzig­ten Herrn zu Opfer und Fürbitte zusammen­findet, da leuchtet über den Trennungen, die wir Menschen nicht aufzuheben vermögen, die Verheißung eines endlichen Sichbegegnens.

Dr. W. Heinsius.

Wiedersehen mif Berlin

Was dem ehemaligen Botschafter Francois Poncet auffiel

Andrä Francois-Poncet, ehemals Botschafter Frankreichs in Berlin , ist in der Pariser Zeitung „Figaro “ schon oft an hervorragender Stelle zu Worte gekommen. Er gehört zu den Schrift­stellern. die auf Grund ihrer Erfahrung etwas zu sagen haben. Er hat das Journalistische Auge, eindringlich zu beobachten, und das feine Ohr. aufmerksam zuzuhören. Er kann das Heute mit dem Gestern vergleichen, und des­halb war es für ihn verlockend, sein Wieder­sehen mit Berlin in fünf „Figaro “-AufSätzen zu beschreiben und mit seinen Eindrücken eine Art Zwischenbilanz über Deutschlands Gesamt­lage zu verbinden. Francois-Poncet hatte Ber­ lin fast acht Jahre lang nicht mehr gesehen, und ein Besuch von einigen Tagen hat ihm schon genügt, um einige Feststellungen zu tref­fen. die auch für den deutschen Leser von Interesse sind. Als Botschafter war Frangois- Poncet gewohnt, die einstige Hauptstadt des Reiches unter der Herrschaft Hitlers zu sehen. Heute ist Hitler nicht mehr, aber sein Schatten scheint diesen Besucher, der früher von Amts wegen so oft mit ihm zu tun hatte, noch zu be­gleiten. Das Bild Berlins und das Problem Deutschland sind für ihn noch umdüstert von jener Gestalt aus dem Schattenreich.

Sodom und Gomorrha

Der Schilderer beginnt seine Artikelserie mit dem, was jedermann zuerst sieht, mit den Ruinen: „Ich wußte natürlich, daß die Stadt zerstört worden war. Ich batte Photographien gesehen. Aber die Wirklichkeit übertrifft alle Vorstellungen, die man sich davon machen kann. Sie spottet jeder Beschreibung. Kein Viertel, keine Straße, fast kein Haus ist unbe­schädigt.“ Diese aufgerissene Stadt erscheint ihm wie ein Trümmerfeld nach einer furcht­baren Naturkatastrophe Den Tiergarten, die Nachbarschaft seiner ehemaligen Wirkungs­stätte, findet er öde und ohne Spur von Vege­tation. Die ehemalige französische Botschaft am Pariser Platz bietet nur noch einen schäbigen Anblick. Die majestätische Ehrentreppe sieht einer Leiter verzweifelt ähnlich, und der Be­obachter fragt sich selbst, ob es zutreflfe, daß es in der ersten Etage einmal einen Ballsaal von fünfzehn Meter Länge und sechs Meter Breite gab. In Sanssouci hat Frangois-Poncet mit Genehmigung des russischen Kommandan­ten einen Rundgang durch die von den Bom­ben unberührte Residenz Friedrichs des Gro­ßen unternommen. Er hat das Zimmer Voltaires und das Todeszimmer des Königs noch vorge­funden. aber im Musiksalon vergebens nach der berühmten Flöte des Monarchen geforscht, und auch die wertvollen Gemälde, die einst diesen Ort schmückten, hat das Auge des Ästheten vermißt. Vor - den Trümmern der Potsdamer Gamisonkirche. ehedem Heiligtum der Mon­archie und der preußischen Armee, erinnert er sich, daß hier zwischen Hindenburg und Hit'er der Bund des Dritten Reiches mit dem Zweiten geschlossen wurde

Die zerstörten Bauwerke Berlins sind nicht mehr bestimmbar nach ihrem Alter. „Wenn man nicht wüßte, daß ihre Ruinen erst zwei oder drei Jahre alt sind, könnte man glauben,

daß mehrere Jahrhunderte auf ihnen lasten, wie auf den alten Burgruinen am Rhein oder auf den Resten des brühmten Heidelberger Schlosses.“ Wer, wie Frangois-Poncet, das ge­wiß nicht schöne, aber doch geräumige, komfor­table, vergnügungsfreudige Vorkriegs-Berlin gekannt hat steht erschüttert vor der gnaden­losen Sühne, die diese Stadt getroffen hat: „Der Gott des Alten Testaments hat seine Hand schwer auf diese Hauptstadt gelegt. Er hat Eisen und Schwefel auf sie herabregnen lassen. Er hat ihr das Schicksal von Sodom und Gomorrha auferlegt.“ Und dennoch: die zwei Mülionen Menschen, die diese Stadt noch auf eine ge­heimnisvolle Weise bewohnen, haben in einem ameisenhaften Arbeitseifer aufgeräumt, Back­steine geordnet, Straßen freigemacht, und Frangois-Poncet, erstaunt und betroffen von dieser Regsamkeit, hält es für denkbar, daß die Berliner in fünfzig Jahren ihre Stadt wieder aufgebaut haben.

In den Trümmern des Hitler- Bunkers

Ober den Ruinen dieser Stadt schwebt für den ausländischen Besucher noch das BUd Adolf Hitlers , und er wünscht ihm, im Inferno Dan­ tes ewig das EUend vor Augen zu haben, das er seinem Vaterland auferlegt hat. Im Regie­rungsviertel, in der Wilhelmstraße, fühlt Fran­gois-Poncet Hitler ganz nahe. Da ist der Bal­kon, wo er sein fahles Gesicht dem Beifall der Menge dargeboten hat, da ist der zertrümmerte „Kaiserhof“, wo Hitler in der sogenannten Kampfzeit seinen Nachmittagskaffee zu trinken pflegte. Da ist vor allen Dingen die Reichs­kanzlei, an der 15 000 Arbeiter geschafft haben, und da ist der Bunker, der zum Grabe wurde: „In einer Ecke des Gartens der neuen Reichs­kanzlei hat sich dieses düstere Schicksal voll­endet. Mit seinen drei Stockwerken tief in die Erde eingegraben, durch mehrere Tunnels mit der Außenwelt verbunden, ist der Bunker des Führers offensichtlich der Möbel entblößt, mit denen er einst ausgestattet war. Er enthält nur noch einige zerrüttete Tische, einen zerschlis­senen Lehnstuhl und umgestülpte Schränke. Man erkennt aber in diesen engen und düsteren Räumen noch das Zimmer Hitlers , sein Bade­zimmer, seinen Arbeitsraum, die Küche, die Maschinen, die in dieser unterirdischen Unter­kunft die Temperatur regulierten. Eine Telefon­anlage liegt umgepurzelt in einer dunkeln Ecke. Man stellt sich vor, wie der Führer in den letz­ten Apriltagen des Jahres 1945 vor dem Appa­rat saß. rufend, beschwörend, seine Armeechefs an den verschiedenen Kampffronten beschimp­fend, seine Befehle und Drohungen brüllend, schäumend vor Wut. und dann das dumpfe Grollen der Schlacht vernehmend und die Ex­plosion der Granaten, wie sie ihm näher und näher kamen, benommen von dem Gefühl sei­ner Ohnmacht und beklommen von der Angst einer unvermeidlichen Katastrophe, nicht mehr wissend, was getan werden könne, verzwei­felt ... Nach der offiziellen englischen Annahme sollen Hitler und Eva Braun im Bunker die Personen ihrer Umgebung zu einem Abschieds­essen vereinigt haben. Dann hätten sie sich in

ihre Räume zurückgezogen und sich den Tod gegeben ihre Körper von Benzin übergossen, seien am Eingang des Bunkers verbrannt worden.

Vierspännig

Auf den gelblichen Gesichtem der Berliner Bevölkerung hat der ehemalige Botschafter die Not. die schlechte Ernährung die Müdigkeit der Menschen abgeiesen. Er wundert sich, daß sie mit der großen Schuld nicht so sehr Hitler selbst, als seine Untergebenen und die Um­stände belasteten, ohne zu erkennen, daß der Zusammenbruch das Ergebnis der schlechtesten Politik war. die seit 150 Jahren in Deutschland getrieben wurde. Andererseits verhehlt Fran­gois-Poncet nicht daß die Berliner verbittert und enttäuscht seien und deshalb die Ver­gangenheit rosiger ansähen, als sie tatsächlich gewesen sei. Man klage einmütig über die Er­nährung und wünsche regelmäßige Arbeit, die ihren Mann ernähre. Der ehemalige Botschafter vertritt die Ansicht, daß die stärkste Neigung noch für die Franzosen bestehe. „Wir erscheinen ihnen am nächsten. Sie suchen unsem Kontakt und unsem Rat. Sie wollen unsere Ideen ken­nen lernen. Sie verlangen unsere Bücher, unsere Zeitungen, unsem Besuch.“

Die Einteilung Berlins in vier Zonen erscheint Frangois-Poncet sehr bedeutsam. Denn so sei ein ständiger Kontakt der vier Mächte gegeben,

die zu einem großen Teil ihre Informationen aus Berlin beziehen können. Der ehemalige Botschafter bemerkt, daß die Vertreter der Mächte in Berlin zahlreiche und glänzende Ge­selligkeiten unterhalten, die nichts zu wünschen übrig lassen und an der auch die Russen mit Vergnügen teilnehmen Freilich sieht Frangois- Poncet hinter dieser festlichen und kordiaien Atmosphäre durchaus die Problematik des Viergespanns, das den deutschen Wagen zieht, und er vertritt die Meinung, daß die Zonen ihre Erzeugnisse frei austauschen müßten, wenn Deutschland seinen Lebensunterhalt finden wolle Die Spannungen zwischen den westlichen und östlichen Ideologien erkenne man in Berlin auf engstem Raum sehr genau. Man stoße gleichsam darauf. Frankreichs Rolle in diesem Kräftespiel sei das der Vermittlung Im übri­gen sei keineswegs ausgemacht, daß ein Krieg unvermeidlich sei. wenn kein Ausgleich zwi­schen West- und Ostdeutschland zustande komme. Vielmehr würde sich dann wahrschein­lich der gegenwärtige Zustand zu einer bleiben­den Form kristallisieren und Deutschland bleibe dann möglicherweise in zwei Teile ge­teilt: einen östlichen, unter Kontrolle der So­ wjetunion , und einen westlichen und südlichen, angelehnt an die Westmächte. Damit hat Fran­gois-Poncet ein Problem aufgegriffen, das noch in diesem Jahre im Kreise der Großmächte an- gepackt werden soll.

Wie lebt der PoW. in England?

Von B.J.H.Reichenbach, London

Zweimal mußte ich umsteigen, bevor meine Kleinbahn im grünen Buntingford in Eissex stehen blieb wo ich als einer der 200 Vortra­genden, die ständig in ganz England unterwegs sind, deutschen Kriegsgefangenen etwas über die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung erzählen sollte. Unweit vom Bahnhof lag das Lager. Ein Gefreiter und ein Feldwebel waren die einzigen englischen Soldaten, die mir unter den rund 300 Kriegsgefangenen zu Gesicht ka­men. Deutsche Posten öffneten das Lagertor; ich stand in der Schreibstube des Lager­sprechers. Blitzblanke Ordnung überall, auf dem Schreibtisch das Bild einer ernsten Frau mit zwei Kindern. Der Mann, dem das BUd gehört, stammt aus Ostpreußen . Erst in der vorigen Woche erfuhr er, daß seine FamUie noch lebt und in der britischen Zone ein neues Heim ge­funden hat.

Das Lager besteht aus festgebauten großen Hütten, dazwischen hegen fein sauber ausge­richtete Blumen- und Gemüsebeete Etwa 200 Mann sind in der großen Eßhalle versammelt. Nach der schweren Arbeit haben sie jetzt ihr Mittagsmahl verzehrt. Eine Gruppe arbeitet gegenüber in der Werkstatt des englischen Ingenieurkorps, eine andere beim Straßenbau oder bei der Aufräumung von Bombentrüm- mern. Alle Männer, wohl ein Drittel davon kaum 25 Jahre alt, einige schon mit grauen Schläfen, haben gesunde Farben, feste Gesich­ter und Hände. Wie deprimierend auch das see­lische Leid auf den Kriegsgefangenen hier und auf den Angehörigen in der Heimat lastet, diese Männer werden stark und gesund wieder nach Hause kommen. Die Erklärung der englischen Regierung, daß die Entlassung jetzt beschleu­nigt und die Arbeitsverhältnisse der Prisoners of War verbessert werden, war die beste Nach­richt, die die Kriegsgefangenen seit langer Zeit gehört haben.

Die englische Regierung nimmt es mit den Vorträgen in den Lagern sehr ernst. Ihr Ziel ist, in den Herzen der jungen Männer den Grundstein für das neue Deutschland zu legen. Eines haben alle diese Vorträge gemeinsam: sie sind Arbeitsgemeinschaften zur eigenen Mei­nungsbildung und zur Selbsterziehung. Man will diese Menschen über die Fehler unterrich­ten, die bei ihnen zu Hause geschahen, und aus den Verhältnissen des Landes, in dem sie zur Zeit leben müssen, Vergleichs- und Verbesse­rungsmöglichkeiten zeigen. Alle sechs Wochen werden außerdem 300 Männer zu einem Kursus in die „Kriegsgefangenen-Universität Wilton- Park “ (Buckinghamshire ) gerufen, die voriges Jahr unter Leitung eines Oxforder Dozenten

gegründet wurde. Sie bietet den Kriegsgefange­nen viele Anregungen, sich weiterzubilden und das Geleinte nach Rückkehr ins eigene Lager weiterzugeben. Die Mediziner und Medizin­studenten der PoW-Lager haben sogar die Mög­lichkeit, eine regelrechte medizinische Aka­demie zu besuchen.

Die größte Bewegungsfreiheit haben die Geistlichen unter den Kriegsgefangenen. Sie reisen von Lager zu Lager und halten regel­mäßige Gottesdienste ab. Unterstützt werden sie von den englischen kirchlichen Einrichtungen jeglicher Konfession, von den Quäkern, den Vereinen christlicher junger Männer, dem Ro­ten Kreuze und anderen Organisationen. Sport, Musik und Theater spielen in einem deutschen PoW-Lager in England eine ebenso wichtige Rblle wie die Tages- und Schulungsarbeit.

Das „Control Office for Germany and Austria“, das für alle diese Kultur-, Bildungs- und Unterhaltungseinrichtungen verantwortlich ist und die Kosten dafür trägt, sorgt auch für die Verbreitung möglichst vieler Zeitungen aus der Heimat Aus der schon seit Jahren beste­henden „Wochenpost“ für die Kriegsgefangenen erfahren sie die wichtigsten Ereignisse der Woche aus Deutschland und England. Englische Zeitungen und Zeitschriften, aus denen die Sprachkundigen einen „Zeitungsspiegel“ für ihre Kameraden zurecht machen, der Rund­funk, insbesondere die speziellen Sendungen „Deutsche Kriegsgefangene in England und die größeren deutschen Sender gehören mit in den Feierabend eines deutschen PoW in England“.

So vollzieht sich fernab vom Getriebe der großen Welt und den schweren Ereignissen der Heimat das Leben deutscher Kriegsgefangener in England. Die äußeren Verhältnisse, Lohn- und Arbeitsbedingungen sind nicht immer glän­zend und meist überwiegt die schwere Tages­arbeit die sorglosen Feierabendstunden. Rund 150 000 deutsche Kriegsgefangene, von denen etwa 25 000 in einzelnen Trupps bei Farmern untergebracht sind, führen das anstrengende Leben von Landarbeitern. Sie sehen natürlich viel mehr vom Leben der kleinen englischen Durchschnittsfamilien als ihre Kameraden im Lager. Oft besuchen sie die Dorfkirchen und haben Kontakt mit den Kindern, die auf der Landstraße spielen. Nicht alle Angehörigen des Bewachungspersonals haben immer volles Ver­ständnis für die Lage eines Kriegsgefangenen. Aber die deutschen Kriegsgefangenen sagen es selbst: „Fast überall, wo • englisches Militär und Zivil mit den deutschen Gefangenen zusammen kommen, gibt man sich Mühe, den PoW’s zu helfen, ihnen ihr schweres Leben ertragbar zu machen.“

Aus der christlichen Welt

Professor Dr. Karl Adam , der bekannte Tü- nen Bericht über das kirchliche Leben, wobei er

binger Dogmatiker, beging am 22. Oktober sei­nen 70. Geburtstag. Geboren in Pursruck in der Oberpfalz , wurde er nach Abschluß seiner Gym­nasialstudien in Asperg und der theologischen Vorbereitungsjahre in Regensburg am 24. Juni 1900 in Regensburg zum Priester geweiht. Am 10. Dezember 1904 promovierte er in München und habilitierte sich daselbst zum Sommer­semester 1908. Im Januar 1915 erhielt er Titel und Rang eines a. o. Professors. Am 7. Novem­ber 1917 wurde er als o. oe Professor für katho­lische Moraltheologie nach Straßburg berufen. Im Oktober 1919 folgte er einem Ruf als o.oe. Professor der Dogmatik nach Tübingen . Seine Hauptwerke: „Wesen des Katholizismus“, „Je­ sus Christus “, „Christus unser Bruder“ sind in sämtlichen Weltsprachen übersetzt.

Pater Paul Schulte aus der Genossen­schaft der Hünfelder Oblaten , der 1927 die mu­tige und zugleich neuzeitliche Gründung der M I V A — d. i der Missions-Verkehrs- Arbeits­gemeinschaft — vollzog, erwartet im Oblaten­kloster zu Castroville Texas USA froh und be- wei zugleich den Tag, an dem er Familie, Freunde und heimische Ordensbrüder wieder sehen darf Paul Schuttes letzte gefahrvolle Lei­stung war die Erschließung des „Nordpol-Bis­tums“ — Apostolisches Vikariat Hudsonbay — für den motorisierten Reiseverkehr.

Landessynode der Badischen Evang. Kirche

Im vergangenen Monat war die Vorläufige Landessynode zu ihrer zweiten Tagung in Bretten versammelt, um über wichtige Anliegen der Badischen Kirche zu beraten und zu be­schließen. Zunächst gab Bischof Bender ei-

vor allem auf die großen Aufgaben hinwies, die die Kirche angesichts der gegebenen Verhält­nisse und der seelischen und leiblichen Nöte der Zeit zu erfüllen hat. Die Synode richtete an alle evangelischen Lehrer die Bitte, den Religions­unterricht im Auftrag der Kirche und in Bin­dung an die Heilige Schrift zu erteilen. In einer Entschließung zur Schulfrage heißt es: „Wir be­grüßen es, daß die bewährte Schulform unserer badischen Heimat die Simultanschule, in der der Religionsunterricht ordentliches Lehrfach ist, durch die neue Verfassung von Württem­ berg-Baden uns erhalten bleiben soll. . . Wir fordern die christliche Simultanschule und die christliche Lthrerbüöung. . . Es geht uns nicht um Durchsetzung eines Machtanspruches, son­dern um das zeitliche und ewige Heil unseres Volkes. Wir rufen alle christlichen Eltern und . alle christlichen Männer und Frauen in Regie­rung, Parlament und öffentlichem Leben auf, mitzuhelfen daß dieses Anliegen im Gehorsam gegen Gottes Wort verwirklicht werde.“

Eine weitere Entschließung befaßte sich mit der Lage der Kriegsgefangenen. Hauptteü der Beratungen war die Beschlußfassung über eine neue kirchliche Wahlordnung, die die Zusam­mensetzung der kirchlichen Körperschaften (Kirchengemeinderat. Bezirkssynode und Lan­dessynode) von der Gemeinde aus ordnet und bei denen das Laienelement in überwiegender Mehrheit aber auch in starker kirchlicher Ver­antwortung vertreten sein wird. Bischof D. Wurm und der Leiter der Kanzlei der FED Pfarrer Asmussen D D. berichteten von der Lage der Kirche in Deutschland und der Oeku- mene. Ergänzt wurde der Bericht durch Kreis­dekan Maas-He.delberg, der über seinen Auf­enthalt in England berichtete.