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Donnerstag, 8. März 1951

Nr. 38 / Seite 3

Audi auf Capri läßt sidis leben...

Südliche Impressionen von Greta Molander

Gestern waren wir auf Marina Piccolo. Wir haben sogar gebadet, wenngleich über­all Wächter herumstanden und darauf aus waren, Geld einzukassieren. Besonders das letztere behagte uns gar nicht. Eine Mark und vierzig nur fürs Auskleiden in einer Kabine? Kommt nicht in Frage.

Wir sind uns darüber klar geworden, daß wir irgendwo eine kleine Bucht ent­decken müssen, wo wir unsere Mittags­mahlzeit aus der Tüte verspeisen können. Zum Glück finden wir einen kleinen See­räuberpfad, der kerzengerade hinab zum Meer führt. Auf dem Hosenboden rutsdien wir hinunter. Und unten liegt eine Bucht, so groß wie eine Badewanne von dreimal acht Metern. Das Wasser ist glasklar. Ob es nur zwei oder zehn Meter sind bis zum weißen Seestern, der sich auf dem Boden vergnügt, läßt sich nicht abschätzen. Das Wasser platscht gegen die Ufer und flutet still wieder zurück. Ein idealer Platz zum sonnen. Er ist gerade groß genug, um au­ßer der eigenen Person noch die Sonnen­brille, die Creme und die Apfelsmentüte unterzubringen.

Von solchen Klippen also lockten in früheren Zeiten die Sirenen ihre Seebären. Na schön. Man seufzt einen romantischen Seufzer und verschwindet im blauen Was­ser, das den sonnenwarmen Körper woh­lig-salzig umfließt.

Wir plätschern also herum und genießen. So, nun kann man sich endlich auf den Fels legen, die winterblasse nordische Haut bräunen und die Eindrücke der letzten Tage verdauen. Man ist versöhnlich ge­stimmt, wenn man sich im Ferienparadies der Welt befindet, im Ferienparadies seit der Zeit, da Kaiser Tiberius aus Rom verschwand und sich nach Capri begab, nachdem er die Patrizier um ein gut Teil ihrer Vermögen erleichtert hatte.

Wenn ich den Kopf ein wenig zur Seite neige, kann ich einen spiralenförmigen Weg sehen und darüber eine Ruine. Da hat Tiberius oder Augustus oder — egal —. Noch weit höher steht der Himmel. Er ist nicht ganz so blau wie das Meer. Wenn ich den Kopf wieder zurückwende, ver­einigt sich weit hinten irgendwo das Meer mit dem Himmel. Und dort liegt dann Afrika .

Zu Anfang wurde ich noch ein wenig nervös über die endlos vielen Carusos, die mit oder ohne Gesang, aber mit eiserner Energie sich an unsere Fersen hefteten und versuchten, uns jeweils in die jeweiligen Wagen, Hotels oder sonstwohin zu verlok- ken. Oder uns Broschüren zu verkaufen oder einfach einen Teil unseres Geldes zu erlangen, möglichst gänzlich ohne Gegen­leistung.

Im Einklang zu diesem System der Aus­saugung stehen die Preise. Man kann sich höchstens das einfachste Logis leisten. Die Einkäufe müssen sich auf ein paar Post­karten beschränken. Und dann leistet man sich noch ein paar Fiascos mit Ruffino.

Für Benzin zahlt man sowieso eine Mark vierzig pro Liter und ein gewöhnliches Zimmerlein kostet gute fünfundzwanzig Mark. Kaufen kann man natürlich alles, was es an Luxusgegenständen gibt. Die Waren stammen aus Belgien , Frankreich und Deutschland . Aber alles kostet doppelt so viel. Man muß Geld haben, sehr viel Geld. Aber wo in Europa ist das heute nicht so?

Dessenungeachtet kriegen wir einen ge­waltigen Hunger plus ebensolchen Durst und klimmen wieder nach oben. Eine Frau mit einem Wasserkrug kreuzt unseren Weg. Dem Profil nach zu urteilen, wird sie bald eines Kindleins genesen. Wahrscheinlich des zehnten. Das ist der normale Durch­schnitt hier. Aber eine Haltung hat sie, eine Haltung, um die sie jede Gymnastik­lehrerin beneiden könnte ...

Hoch oben liegt San Michele. Das Buch wird als bekannt vorausgesetzt. Festzustei- len bleibt einzig, daß Dr. Munthe es durch­aus verstand, sich einzurichten. Beängsti­gend ist der Gedanke an die alte Postbetin, die täglich ihre siebenhundertsiebenund­siebzig Stufen hinaufklettern mußte. In die­ser luftigen Höhe hatte auch Herr Tiberius ein Schlößchen. Man zeigt noch den Fels­vorsprung, von dem aus der Sage nach dieser gemütliche Herrscher seine Frauen wegschmiß, wenn er sie satt hatte. Maje­stät ließen sich andererseits von Sklaven hinab ins Bad und wieder hinauftragen.

Mittelpunkt ist die Piazza. Ein kleiner, viereckiger Marktplatz mit Cafes zu beiden Seiten. Die dritte Seite steigt in Treppen zur Kathedrale empor und die vierte hat das Postamt und einige Läden aufzuwei­sen. Alle Straßen münden hier ein und er­gießen ihren Inhalt an sonnengebräunten Touristen auf den Platz. Selbige lassen sich auf die Cafestühle fallen und bestellen einen Espresso, die versammelte Insel jugend schmiedet derweil finstere Pläne gegen die Brieftaschen der Fremden und die Padri schreiten gravitätisch auf die Stufen der Kathedrale zu.

Was uns betrifft, so sitzen wir da und tun so, als könnten wir uns noch einen Espresso leisten. Ein Espresso ist gut, aber die Kaffeetasse ist nicht größer als ein Schnapsglas.

Plötzlich steht eine Type in blauen See­mannshosen, mit nur einem einzigen Zahn im Munde und braunen Schurkenaugen vor uns: „You like a to see da blue Grotto?“ erkundigt sich die Type und schwenkt die Mütze. Natürlich muß man die Blaue Grotte gesehen haben. Dazu braucht man ein Boot. Aber wir sind schon zu gewitzt, um gleich dem ersten besten zu folgen. Jetzt sei das Licht gerade richtig, erläutert indes die Type. Zudem sei er der beste Bootsmann von ganz Capri . „May- be“, sagen wir, aber erst müssen wir doch ein wenig mit der Konkurrenz palavern.

Unten am Hafen scheint er seiner Beute sicher. Wieviel er haben wolle? Vierhun­dert Lire pro Mann. Wir schauen uns an und lachen nur. Daß er Anastasio heißt, hat er uns inzwischen beigebracht. „I sing-a for you all-a the time“, — ich meine natürlich, für alle gemeinsam — und damit erhebt er seine Stimme und singt ein selt­sames Lied auf englisch , dessen Text er selber verbrochen hat und dessen Melodie die Lili-Marleen abgibt. Inhalt: die Freu­den, die den Fremden erwarten, wenn er sich mit Anastasio auf See begibt.

Endlich einigen wir uns mit Anastasio auf einhundert Lire. Aber wir rudern selbst, und Anastasio kann sich vor Glück nicht fassen, gerudert und dazu noch be­zahlt zu werden.

Daß die Grotte wirklich blau ist, durf­ten wir dann feststellen. Vorher aber knöpfte uns ein „Portier“, der in seinem Boot Posto gefaßt hatte, nochmals vierhun­dert Lire Eintrittsgeld ab.

„Com’a in da Bot’a, hav’a good’a time“, sang Anastasio nach der Melodie von Lili- Marleen.

Als wir zurückfuhren, tönten von irgend­woher die Klänge eines Leierkastens. Na­türlich O sole mio. Die gelben Zitronen leuchteten aus dem Grün.

Wissen Sie, was ich nicht glaube? Näm­lich, daß der Besitzer des Grand Hotel oder des Bristol viel Wert auf Gäste legt, die hinuntergehen in den nächsten Laden und sich einen halben Meter Knoblauchwurst, ein halbes Kilo Käse, acht Apfelsinen und zwei Liter Chianti kaufen, während sie großspurig eine Tasse Kaffee aufs Zimmer kommen lassen.

Als wir herkamen, erhielten wir einen Prospekt, in dem wir lasen, daß man min­destens sieben Tage brauche, um Capri zu erleben. Ansonsten spiele jedoch Zeit bei­leibe keine Rolle. Wir mußten uns auf drei Tage beschränken. Dafür weiß ich auch heute nicht einmal, wer von den alten Sagengestalten in welcher weinlaubum- kränzten Ruine gehaust hat. Selbst der Ve­ suv zeigte sich — entgegen allen Bäder­prospekten — gänzlich ohne Rauchwolke.

Ein Wall lebendigen Seins

Plauderei über Tiere von Friedrich Roth

Der Tod des Clowns

DasSchicksal eines „dritten Mannes“

Nach einem warmen Föhneinfall in der Nacht, gingen an einem grauen, nebligen Mor­gen in Paris kühle Regenschauer nieder, von bösen Windstößen begleitet. Dann zog sich der Nebelvorhang wieder über die Stadt. An einer Untergrundbahnhalte­stelle drängten sich Arbeiter, um in ihre Fabriken zu fahren. Donnernd sauste die Bahn in die Halle ein. Plötzlich, aus der Menge, ein gellender Schrei: ein ärmlich gekleideter älterer Mann war unter den Triebwagen gesprungen. Die Bremsen kreischten auf, aber es war zu spät . . .

Die Polizisten stellten den Namen und die Identität des Toten fest: er hieß Ga­briel Geretti und war nach seinen Pa­pieren 52 Jahre alt.

Wohl keiner der Augenzeugen dieses tragischen Vorfalls ahnte, daß er dem Todessprung eines berühmten Clowns bei­gewohnt hatte, über den er, vielleicht manchmal im Zirkus Medrano, Tränen hatte lachen müssen.

Gabriel Geretti war niemand anders als der „dritte Mann“ unter den Fratellini, diesen Königen der Clowns. 1940, nach dem Tod Mario Fratellinis, war er an des­sen Stelle getreten und jahrelang zusam­men mit den beiden überlebenden Brü­dern in der ganzen Welt aufgetreten. Im­mer kam er als Letzter in die Arena hin­ter den beiden echten Fratellinis, mit dem traurigen Gesicht eines gealterten Kindes und mit seinen riesigen weißen Hand­schuhen sich auf die Hüften schlagend. Er steckte in einem schwarzen Frack, und

aus dem weißgepuderten Gesicht irrte un­ter einem Ziehharmonika - Zylinder ein angsterfüllter Blick zum Publikum. Wie komisch war das!

Eines Tages gaben Franz und Albert Fratellini ihre letzte Vorstellung. Sie waren an die 70 Jahre alt und krank und müde geworden. Gabriel Geretti blieb allein mit seiner Gitarre und seinem un­bekannten Namen. Er hatte kein Geld und fand keine Arbeit Eine Tasse Cafe- Creme mußte ihm die Suppe ersetzen. Von Tag zu Tag wurde er trauriger und stiller. Dann kam eines schönen Tags ein Filmmann zu ihm und engagierte ihn für eine ganz kleine Rolle in einem Zirkus­film, gerade genug für ihn um sein Da­sein eine Woche weiter zu fristen; Geretti griff mit beiden Händen zu und unter­schrieb denVertrag, aber zwei Tage später schon tauchte ein anderer Impresario auf und brachte ihm die große Chance ins Haus: eine mehrmonatliche Toumöe nach Nordafrika , die ihn von allen seinen Nö­ten befreit hätte. Es war zu spät. Geretti konnte das Geld nicht auftreiben um sich von seiner ersten Unterschrift loszukau­fen. An diesem letzten Mißgeschick ist sein Herz gebrochen. Das Leben hatte ihn genug ausgelacht.

Und an diesem trüben, windigen Mor­gen verließ er sein kleines Hotel auf dem Montmartre , trank im Bistro an der Ecke noch eine Tasse Kaffee und dann schlug er seinen letzten Salto mortale.

Hubert v. Ranke

Ich bin noch nicht soweit wie mein Ge­span, der Landarzt, der vor einiger Zeit fast täglich den Weg zum Flockenstein machte, um ein Genist von Schlangen und Kröten im Burggraben zu sehen und sich am Märchen versunkenen Lebens wie am wissenden Schweigen der verhal­tenen Kreatur zu ergötzen. Ein seltsamer Heiliger, nicht wie Antonius den Fischen predigend, sondern da, die Predigt der Natur zu hören! Mehr als Franziskus! . . .

„Was ist Liebe?“, frug sich dieser Hei­lige. Und er gab sich die Antwort: „Die Uebereinstimmung von allem, was sich in den umfassenden Händen Glottes befin­det, Mensch und Himmel, Blume und Sterne. Dies erkennen heißt sein Herz verströmen ins AU und dessen unend­lichen Atem die eigene Seele durchdrin­gen lassen.“

Mein Gespan, der Landarzt, hat viel vom Bruder Franz. Alber seine Achtung vor dem Leben erschien mir doch bizarr, als ich jüngst Zeuge davon wurde, wie er mit einem jener springgewandten Kleintiere verfuhr, über deren Hatz der schelmische Fischart ein ganzes Buch schrieb.

„Ich habe nicht das Recht, irgend was lebt, zu Tode bringen!“, sagte mein Freund, als ich lachte. Er hatte nämlich, äußerst empfindlich gegen Ungeziefer, die Gewohn­heit, zuweilen aus der Sprechstunde weq- zuleufen, in seiner Apotheke nebenan eine Aeiherampulle aufzuibrechen, das In­sekt zu betäuben, es nach beendigter Praxis zu suchen und dann nicht etwa sein Mütchen an dem Plagegeist zu kühlen, son­dern es behutsam ans Fenster zu tragen und hinausspringen zu lassen in die Frei­heit, die er meinte.

Ich bin noch nicht ganz soweit wie er. Aber seitdem ich das große Sterben ge­sehen halbe und, ich gestehe es, unter der möglichen Vernichtung des Menschen in der Zukunft leide, hat sich mein Sinn ge­wandelt. Nun ist mir alles, was west, brü­derlich im gleichen Geschicke des Werdens, Leidens und Vergehens verbunden.

Ich muß verraten, daß ich mich gegen eine gewisse Einöde der Schau mit einem geheimnisvollen Wall lebendigen Seins umgeben habe, mit meinen Tieren. Es gibt Leute, sei meinen, das Bewußtsein ihrer Art symbolisch erhöhen zu müssen; sie wählen königliche Gefährten, halten Adler im Käfig, junge Löwen im Zwin­ger. Ich habe nur eine Häsin, zwei Hähne, ein Käterchen.

Es wäre nicht zu denken, daß Alexan­der, der Eroberer, inmitten friedsamer Tiere zur Welt gekommen sei und etwa ein Kaninchen auf seinem Zuge nach Indien mit sich geführt habe. An jener Krippe des Heils aber standen Kühe und Schafe, in sich versunken.

Seht doch das Auge meiner Häsin! Es ist ohne Arg. Nicht Böse und Uebermut, eher Güte und Angst, das Teil aller sterb­lichen Wesen, schimmern darin. Es ist ein Wunderwerk, in dreißig Tagen geworden. Es blickt mich an, mahnend. — Oder das Gefieder meiner Hähnchen! Ich habe es Werden sehen, vom Flaume bis zu den geschwungenen Federn, Kostbarkeiten des Nebeneinander der Farben. Ich habe mir die Tiere geben lassen, als sich henaus- stellte, daß sie keine Hühnchen waren und weggeschafft werden sollten. Sie ein paar Wochen zu füttern und dann in den Tag springen zu lassen, das war meine Ab­sicht. Aber sie wuchsen und gewöhnten sich an mich wie ich mich an sie. Sie kom­men mir bis ins Zimmer spaziert. Es ist lustig zu hören, wie sich einer vor dem andern des Krähens bemüht. Sie fliegen mir auf die Schultern und picken mir aus der Hand. — Tiere werden umso ver­trauter, je mehr man sich mit ihnen ab­

gibt. Sie wissen es zu danken, wenn man sie für wert hält. Das erfahre ich beson­ders an meinem Kater. Wie belastet das Wort ist, mit Vorurteilen!

Und meinte nicht Hansjakob, daß Tiere Seelen hätten? — Er war vom Lande.

Die Einsamkeit und die Ehrfurcht ... I Vergeßt nicht die Ehrfurcht vor dem Leben! — Die Katze ist ein geheimnisvol­les Tier. Man sagt, sie sammle die ge­fährlichen Erdstrahlen auf sich und schütze vor bestimmten Krankheiten, Rheumatismus etwa. Es muß etwas daran sein. Sicher ist sie eines der höchstent­wickelten Geschöpfe. Mein Gespan, der Landarzt, nennt das Katzenauge göttlich. Das ist etwas viel gesagt. Dennoch! . . .

Ich rede mit meinem Käterchen, und es versteht mich. Manchmal, wenn es mir schlecht geht, tut mir das Tier leid, daß sein unschuldiges Leben an mein Geschick gebunden ist. Aber dann wieder über­schüttet mich der liebe Gesell mit seinen zärtlichsten Liebkosungen, ganz unver­sehens tut er das. Es ist rührend.

Im vergangenen Jahr ging mir ein jähriges Kätzchen ein. Nie werde ich seine flehenden Augen vor seinem Ende verges­sen. Hilflos, traurig, voller Wehmut sah es mich an. Und schnurrte mit seiner letz­ten Kraft, das Todkranke. Wir heben es am frühen Morgen nahe am Walde ver­graben.

Damals erinnerte ich mich an des Tage­löhnerssohnes und Dichters Hebbel Tage­bucheintrag, welcher lautet: „Mit einem sehr schmerzlichen Ereignis muß ich das Jahr eröffnen. Wir hatten in den letzten Monaten neben dem unvergeßlichen Herz- Lampi-Schatzi noch ein zweites Eichkätz­chen, von seiner Sammelfarbe Semmi ge­heißen, unendlich lieblich und gutmütig, sein Schweif wie Lindenblüte. — Das lieb­liche Geschöpf schmeichelte sich in kur­zer Zeit bei mir, wie bei allen, durch seine unwiderstehliche Holdseligkeit ein. Aber seit gestern Abend liegt auch dieses holdselige Wesen kalt und steif, mit Tan­nenlaub vom Weihnachtsbaum bedeckt, zwischen meinen Fenstern. Es erkrankte unter Erbrechungen am 1. Januar. Wir saßen traurig beim Kaffee umher und wagten nicht, uns unsere Gedanken mit­zuteilen. — Meine Frau trägt’s auf den Armen herum, wir reichen ihm Kamillen­tee; gutwillig bis zum letzten Augenblick läßt es sich das Mäulchen aufbrechen und schluckte. Aber es hilft nichts; die Angst des Todes überkommt’s, es ent­springt meiner Frau auf den Tisch, nun erbricht es sich, aber Blut, fällt um, dehnt die Glieder aus und verhaucht seinen letz­ten Odem in meine Hand. — Von den Menschen getäuscht, bin ich zu den Tie­ren geflohen, wie bitter, daß mir keines bleibt!“

Bist du mir nun böse, lieber Mitmensch, wenn ich mit diesem Zitat endige? Du hast mich oft bitter enttäuscht, wie viel­leicht auch — ich dich.

Zum huntertstenmal Großmutter

Eine Bäuerin aus Arbois , einem Flecken im französischen Jura zwischen Chialons- sur-Saone und Pontarlier , wurde im Alter von 74 Jahren zum hundertstenmäl Groß­mutter. Sie hatte im Laufe ihrer Ehe ins­gesamt 16 Kindern das Leben geschenkt, die ausnahmslos am Leben blieben und jung heirateten. Ein ähnlicher Fall wird aus Dänemark gemeldet, wo der jetzt 84- jährige Niels Hansen aus der jütländischen Stadt Holding 10 Kinder, 39 Enkel und schon 19 Urenkel aufweisem kann. Die Familie Hansen aus Holding nimmt auch deswegen eine Sonderstellung ein, weil in ihr seit 45 Jahren kein Todesfall vorge- kommen ist.

Bücherschau

Dantes Göttliche Komödie

Viele Hörer des vorzüglichen Dante -Vor­trags von Prof. Friedrich, den er sowohl in Freiburg als in Konstanz vor einem größeren Kreis hielt, werden bedauert ha­ben, daß sie die größte Dichtung des ita­ lienischen Mittelalters nicht näher ken­nenlernen können, weil seit langem jede Uebersetzung vergriffen war. Nun legt der Ernst-Klett-Verlag eine ausgezeichnet ausgestattete, doppelsprachige Ausgabe vor.

Die Uebersetzung besorgte Herrn. Gme- lin. In dem kurzen Vorwort kündigt er drei weitere Bände der Dichtung und ei­nen vierten an, der einen ausführlichen Kommentar enthalten soll. Bescheiden sagt er von seiner Arbeit: „Die vorliegende Uebersetzung möchte dem deutschen Leser nach Möglichkeit eine wort- und satzge­treue Wiedergabe des italienischen Textes in einer dem gegenwärtigen deutschen Sprachgefühl angemessenen Sprache bie­ten. Nur in dem einen Punkt weicht die Uebersetzung von dem Grundsatz der Treue ab: es wurde auf den Reim ver­zichtet, denn die deutsche Sprache besitzt nicht eine solche Menge vollklingender weiblicher Reime, wie die italienische ..

Hermann Gmelin hat in dieser Ueber­setzung, soweit sie bis jetzt veröffentlicht wurde, eine würdige Wiedergabe geschaf­fen, wie sie dem heutigen deutschen Men­schen allein entspricht. Wenn Dante weit­hin den Deutschen , auch den wahrhaft Ge­bildeten, nur noch ein Name ist, dann liegt das nicht zuletzt an dem seit langem be­stehendem Mangel an einer guten Ueber­setzung, wie sie zum Beispiel für Homer und Shakespeare seit 150 Jahren vorlie­gen.

Die Zweisprachigkeit hat den großen Reiz, daß auch derjenige eine Ahnung von der Größe des Urtextes aus dieser Aus­

gabe erhalten kann, der nur schwache Kenntnisse der Sprache hat — das ältere Italienisch läßt sich für den des Lateins Kundigen in etwa erschließen; dieser dringt dann mit dem Deutschen daneben ziemlich gut in die herrlichen Verse ein.

Dr. M. B. H.

Selbstgespräche Fritz Schumacher (1869-1947), einem Bre­ mer Patriziergeschlecht entstammend, ent­faltete von 1909 bis 1988 als Baudirek­tor in Hamburg eine reiche und mannig­faltige Bautätigkeit, die seinen Namen über die deutschen Grenzen hinaus be­kannt werden ließ. Er war jedoch nicht nur einer der bedeutendsten Baumeister seiner Zeit, sondern auch ein Schriftsteller, der zu den Fragen seines Fachgebietes und darüber hinaus zu den großen kulturellen und kulturpolitischen Anliegen dieser Zeit Stellung nahm. Der vorliegende Band (im Axel-Springer-Verlag, Hamburg ) umfaßt Aufsätze und Betrachtungen aus den letz­ten Lebensjahren. Noch einmal geht der Verfasser seinen Weg zurück, und er tut es mit der Muse und unsystematischen Be­schaulichkeit eines Spaziergängers, der keine besondere Absicht hat; so bietet sich dem Leser am Ende dieses Weges ein far­biger Strauß, der wie das beglückende Gleichnis eines einmaligen, erfüllten Men­schenlebens ist. Das Zufällige und Pri­vate, das Büchern dieser Art ja stets mehr oder weniger eigen ist, weitet sich ins All­gemeine und Bedeutende. Angesprochen wird der reife Leser, der mit der geistigen und ökonomischen Entwicklung seit der Jahrhundertwende einigermaßen vertraut ist. H. H.

„Du und die Musik“

In der Reihe der populärwissenschaft­lichen Werke, in denen der Leser als das Du angesprochen und einem bestimmten Wissensgebiet gegenüfoergestellt wird, brachte der Verlag des Druckhauses Tem­pelhof, Berlin (ehemals Deutscher Verlag)

jetzt auch eine Darstellung der Musik „Du und die Musik“. Verfasser ist der be­kannte Musikschri ftsteller und -pädagcge Friedrich Herzfeld , der den praktischen Opern- und Konzertbetrieb aus eigener Mitarbeit kennt, ln großem Zug umfaßt sein verständnisvoll und verständlich ge­schriebenes Werk die Geschichte und Wis­senschaft der Musik von ihren Uranfängen bis zum Jazz und Zwölftensyatem. Als besondere Leistung enthält das Buch ein sehr brauchbares Sach- und Namensregi­ster, das als eine Art kleines Musiklexikon gelten darf. Mit seiner gefälligen Ausstat­tung in sauberem Ganzleinenband von 400 Seiten, mit 32 Bildtafeln, 231 Abbil­dungen im Text und 101 Notenbeispielen (Preis 15 DiM) gehört dies Buch zu denen, die man schenken möchte... R.

Neu aufgelegt — willkommen

„Der große Ploetz“

Längst zum Begriff geworden, erscheint der .Auszug aus der Geschichte“ von Dr. Karl Ploetz, „weiland Professor am Fran­zösischen Gymnasium in Berlin “, nun ln neuer, 24. Auflage. Ursprünglich als eine Art Schnellnachschlagewerk gedacht, bie­tet „der große Ploetz“ in seiner völlig neuen Bearbeitung (durch den A.G. Ploetz- Verlag, Bielefeld ) den Charakter eines um­fassenden, gründlichen Kompendiums. Eine ganze Redaktion von Spezialhistorikern übernahm die Ausarbeitung der einzelnen großen Geschichtsabschnitte. Ein Kapitel „Erdgeschichte “ ergänzt den mehr als 1100 Seiten starken Band einleitend ebenso sinnvoll wie die letzten 300 Seiten mit der Geschichte des 2. Weltkrieges und der be­reits überschaubaren Nachkriegszeit seit 1945 ihn abschließen. Das wichtige Werk, das vor einem Jahrzehnt zum letzten Male erschien und van vielen mit Spannung wieder erwartet wird, hat ein Namen- und Sachregister von allein 58 Seiten. Sind auf den ersten Seiten die Jahrmillionen gliedernde Größen, so sind es auf den

letzten die Monate und Tage des Jahres 1950. Als allerletzte historische Ereignisse sind unter Oktober und November ver­merkt: das Eingreifen chinesischer Ver­bände in Korea ; der Tod des 92jährigen Schwedenkänigs und Thronbesteigung Gustavs VI. Adolf; und die Verkündung des Dogmas von Mariä Himmelfahrt .

Matthias Claudius Unter dem Titel „Es gibt was Beßres in der Welt“ legt Hans Jürgen Schultz im C. Bertelsmann-Verlag eine neue Aus­wahl vor aus den Werken (Sprüchen, Lie­dern, Erzählungen, Betrachtungen, Ab­handlungen und Briefen) des Matthias Claudius , des Wandsbecker Boten . Bei­gegeben sind dem Band die „Erinnerungen an den Wandsbecker Böten und sein Haus“ von Agnes Perthes, einer Enkelin des Dichters. Der Band in Fraktur auf gutem Papier schön und splendid gedruckt und (bei einem Preis von 5,85 DM) in Ganz­leinen gebunden, gehört in die Reihe der Volksausgaben des rührigen Verlages.

„Goethes poetische Werke“

In der Goethe-Ausgabe des Cotta-Ver­lages (Stuttgart ), die sich auf die „poeti­schen Werke“ beschränkt, erschien jetzt der 6. Band. Er enthält mit 1231 Seiten Text auf Dünndruckpapier in handlichem For­mat sämtliche Dichtungen in Prosa von den „Leiden des jungen Werther “ (in bei­den Fassungen und mit den „Briefen aus der Schweiz “) bis zu „Wilhelm Meisters theatralische Sendung “, einschließlich der Bruchstücke. „Wilhelm Meister “ in der endgültigen Gestalt wird den Band VII der Ausgabe füllen. Die Redaktion der Texte (Liselotte Loferer) beruht „auf den ver­bindlichen Goethe-Editionen, der Ausgabe letzter Hand, der Weimarer Ausgabe und der Cattaschen Jubiläumsausgabe.“ Sie läßt aber auch die von anderen Verlagen, wie vor allem der Insel, erarbeiteten Les­arten nicht unbeachtet.

In der Sauberkeit und Schönheit des Druckes, mit seinem klaren, übersichtlichen Antigua-Satzbild, in der Gediegenheit der flexiblen Bindung (Ganzleinen mit Gold­druck auf Weiirurot) gehört dieser sehr handliche Band zu den heutigen Spitzen­erzeugnissen deutscher Verlage. Die Aus­gabe ist auf 9 Bände berechnet, von denen bisher Band 2 und 6 vorliegen.

„Die siebenfache Flucht der Radegundis“

Ida Friederike Gör res schuf mit die­ser Erzählung, die von der CaroLusdrucke- rei im Verlag Josef Knecht, Frankfurt , neu gedruckt wurde, eine Heiligengeschichte besonderer Art. Sie läßt drei Personen das Bild der Radegundis, der Merowinger­königin, gemeinsam entwerfen: einen Ge­lehrten, einen Dichter und ein Mädchen. So tritt neben das historische Wissen die visionäre Kraft, neben die Vision der Glaube des naiven Menschen. Das alles ist groß und klar geschrieben, ohne Furcht und mit einer Einfachheit, die dem Leser alle Einwendungen ruhevoll aus der Hand nimmt. — Der gleiche Verlag brachte eine Gedichtsammlung dieser kraftvollen, ge­scheiten und frommen Dichterin, deren Verse in ihrem stillen Glänzen Ausdruck eines harmonischen, in sich und im Glau­ben zur Ruh gekommenen Menschentums sind. Wir entnehmen diesem Band „Der verborgene Schatz“ das Gedicht:

BUCKEN

Daß ich Worte fände, euch zu loben, eurer großen, glatten Leiber Pracht, silbergrauer, blauer, violetter — küh] und schlank, von neugebomer Blätter Seidenwimpem flimmernd überlacht, fcraitterzart und feucht und goldverwoben!

Daß mein Herz mit euch zu beten stünde: hochgeschwungen, weitgewölbt und klar, lichtgestiUt und tief in sich versunken; von Vergebung und von Hoffnung trunken, aller Angst und aller Wünsche bar, längst vergessen Winter, Tod und Sind*

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