Man kann wohl nicht höher von der Bedeutung deutſchen Weſens denken, als es dieſer Markgraf hier tat, in einer Zeit, da ſonſt die deutſchen Höfe ſich nur in Nachäfferei franzöſiſcher Art gefielen. Von einem anderen Beiſpiel, wie hoch im Schloſſe zu Karlsruhe das Regen nationaler Poeſie und Wiſſenſchaft im Range ſtand, gibt das Verhalten der Markgräfin Kunde. Denn als einſt ein junger franzöſiſcher Prinz, der im Schloſſe zu Gaſte war, bei der Tafel lebhaft behauptete, die Deutſchen hätten keinen einzigen großen Geiſt, den ſie den ſranzöſiſchen Genies nur einigermaßen an die Seite ſtellen könnten, forderte die Markgräfin den Prinzen auf, ſechs dieſer franzöſiſchen Genies auf eine Karte zu ſchreiben, ſie würde ſechs deutſche Namen daneben ſetzen. Der Franzoſe ſchrieb: den Philoſophen Descartes, die Schriftſteller Fontenelle, Moliere, Montesqieu, Greſſet und den Naturforſcher Buffon. Die Markgräfin ſchrieb ſofort daneben: den Philoſophen Leibnitz, die Dichter Haller, Leſſing, Gleim, den Natur⸗ forſcher Gmelin und den Begründer der Staatswiſſenſchaft Grotius. Dann ſchrieb ſie weiter noch ſechs deutſche Namen: Kopernikus, Fried⸗ rich II., Luther, Haſſe, den Opernkomponiſten, Winckelmann, den Wie⸗ dererwecker der Antike, und Klopſtock die Tage weiterer Sechs: Kants, Herders, Wielands, Goethes, Schillers und Humboldts waren damals noch nicht gekommen aber ſchon verzichtete der Prinz und huldigte den deutſchen Geiſtern. * * Daß der Markgraf und ſeine Gemahlin darum aber nicht einſeitig waren und franzöſiſchen Geiſt wohl zu ſchätzen wußten, zeigt, daß ſie im Sommer 1758 Voltaire ſchier wie einen Fürſten bei ſich empfingen und mit ihm in beſtändiger Korreſpondenz blieben. Ja, 1775 beſuchte der Markgraf mit dem Erbprinzen den Patriarchen auf ſeinem Gut Ferney, von wo Voltaire die Markgräfin auch für ſeinen Rechtskampf zu Gunſten des unſchuldig zum Tode verurteilten Calas in ſeinen Briefen gewann. Die Fürſtlichkeiten blieben in Ferney mehrere Stun⸗ den bei dem lebensvollen Greis zu Gaſt, der ſeiner Freude über die Reize der kleinen Reſidenzſtadt Karlsruhe in ſeinen Briefen des öf⸗ teren den liebenswürdigſten Ausdruck gegeben hatte. Einige Jahre vor der Reiſe nach Ferney war es, als Karl Fried⸗ rich und ſeine Gemahlin als Erſten von der Zahl der deutſchen Dichter, die ſie von da ab bei ſich willkommen hießen, Herder an ihrem Muſen⸗ hof begrüßten. Johann Gottfried Herder war 26 Jahre alt, als er als Begleiter des Prinzen von Holſtein-⸗Eutin Ende Auguſt 1770 in Karlsruhe anlangte. SeineFragmente über die deutſche Literatur und ſeineKritiſchen Wälder, in denen er mit feurigem Ungeſtüm gegen alle Flachheit ankämpfte, hatten ihm ſchon einen Namen ge⸗ macht, nicht minder aber auch ſeine Kanzelberedſamkeit als die eines Theologen, der vor allem auf das Gefühlsleben hinwirkte und in der Lehre eines geiſtig vertieften Chriſtentums eine Befreiung vom Buch⸗ ſtaben des Dogmas vertrat Als Herder mit ſeinem Prinzen bei einer Hofveranſtaltung in Karlsruhe erſchien, ſuchte ihn der Markgraf unter den Gäſten be⸗ ſonders auf,um ſich mit ihm über die großen Angelegenheiten von