Und in ihrer Deutſchtümelei floſſen ihre Verſe über von aufgebrachter Freiheitsliebe und von ſtromweiſe vergoſſenem Tyrannenblut. Die ganze Lebensführung der Grafen Stolberg war dementſprechend ein kraftgenialiſches Schwärmen für reinſte Natur, u. ſoeben erſt hatten ſie in Darmſtadt Aufſehen erregt, als ſie dort in einem Teiche, nur mit den Strahlen der Sonne bekleidet, ein öffentliches Bad genom⸗ men hatten, zu einer Zeit, da man für Freiluftbäder noch weniger Verſtändnis als heute hatte. Goethe aber hatte ſich ihnen zu einer Reiſe in die Schweiz angeſchloſſen, um ſo in dem Herzenswirrwarr ſeiner Liebe zu Lily Schönemann wieder klar ſehen zu lernen. Hier in Karlsruhe nun betrugen ſich die beiden tyrannenhaſſen⸗ den Grafen Stolberg ſehr manierlich. Wie ſie denn auch in ſpäteren Jahren ihren Tyrannenhaß immer mehr abſtreiften und immer deus⸗ licher eine ſo ariſtokratiſche Haltung annahmen, daß ſie von den alten poetiſchen Freunden als Abtrünnige betrachtet wurden. Indes hat namentlich der jüngere Graf Fritz Stolberg gewiſſe dichteriſche Ver⸗ dienſte, namentlich als Homer- unnd Oſſian⸗Ueberſetzer, aufzuweiſen; von ſeinen Liedern iſt das eine:Sohn, da haſt du meinen Speer auch heute noch volkstümlich geblieben. Was die Karlsruher Tage Goethes für unſere Literatur ſo über⸗ aus bemerkenswert macht, iſt, daß er hier mit dem jungen Herzog Karl Auguft von Sachſen-Weimar und deſſen Braut zuſammentraf und die herzlichſten Beziehungen zu ihm gewann, ſodaß der junge Fürſt ihn aufforderte, ihn in Weimar aufzuſuchen. Damit wurde in Karlsruhe der Grund gelegt zu der Weimarer Goethezeit, die mit ihren Strahlen unſere ganze deutſche Literatur und Kultur durch⸗ leuchten ſollte. Ueber den Markgrafen Karl Friedrich und deſſen Gemahlin weiß Goethe inWahrheit und Dichtung nur voll Anerkennung zu ſprechen. Auch bei ſeinen ſpäteren Beſuchen, die ihn 1779 und 1815 nach Karlsruhe führen, hören wir ihn herzlich vom Karlsruher Hofe und den fürſtlichen wiſſenſchaftlichen Sammlungen reden. Das übrige Karlsruhe iſt ihm allerdings weniger angenehm und ſeine Worte, die von der Langeweile der Stadt reden, ſind dem nach be⸗ meſſen. Beim letzten Beſuch allerdings iſt er des Lobes voll über das unterhaltſame Leben dort und gedenkt dankbar der Grafen von Hoch⸗ berg, des Architekten Weinbrenner und des Dichters Hebel. Goethe hatte diesmal verjüngte Augen. Als er 1775 zum erſten Male nach Karlsruhe kam, war er, wie wir hörten, gleichſam auf der Flucht vor ſeiner eigenen Liebe zur unvergeſſenen Lili Schönemann. Als Goethe 1779 zum zweiten Male nach Karlsruhe kam, war ſeine einſt ſchwärmeriſch geliebte Lily längſt in Straßburg verheiratet; ihn ſelbſt aber hielt die Freundſchaft zu Frau v. Stein in ihrem Bann. Als er das dritte Mal kam, war ſein Sinn durchſonnt von der Liebe ſeines Alters, von der er ſoeben bewegt Abſchied genommen, von Marianne von Willemer, ſeiner Suleika, mit der er ſo wunderlieb⸗ liche Lieder ausgetauſcht. So iſt es immer wieder der Gedanke an eine geliebte Frau, der bei jedem Beſuche Goethes in Karlsruhe das Herz des Jünglings, des Mannes und des Greiſes erfüllt: an Frauen,